Adrenalin Teil 2 by Silvio ...
Adrenalin (Thriller)
Teil 2
by
» Silvio «
"Verdammt, Frank, du siehst ja aus!"
Sie hatte zwar kein Mitleid mit ihm, aber die Jungs hatten ihn ganz schön
zugerichtet. Sein ganzer Kopf war verschwollen, überall hatte er Blut, und
seine Nase sah aus, als wäre sie gebrochen. Frank machte »mmmmmhhh« und
verdrehte die Augen. Kaum hatte sie den Tapestreifen vom Mund gerissen,
bereute sie es auch schon. Sie hätte es machen sollen, wie Tamie, dachte
sie, gleich abhauen mit den zweien.
"Du blöde Fotze", schrie er sie an, "mach mich sofort los!"
Als er sich stöhnend aufgerappelt hatte, schob er sich an ihr vorbei aus der
Kabine und stürzte zum Spiegel. Er heulte auf vor Wut und brüllte seine
Fratze im Spiegel an.
"EUCH SCHNEID ICH IN STREIFEN, IHR SEID SCHON TOT!"
Carmen wollte gerade hinter ihm vorbei, da fuhr er herum, packte sie an den
Haaren und riß sie auf die Knie.
Er holte mit der Hand aus, Carmen stöhnte.
"Die haben deinen Wagen, Frank!"
Sie dachte, das würde ihn ablenken. Frank ließ seine Hand sinken und zögerte
einen Moment.
"Und woher haben die den Schlüssel, du Saustück?" brüllte er und trat ihr
gegen den Oberschenkel. Einen Augenblick dachte sie, sie würde ohnmächtig
werden, sie biß die Zähne zusammen. Der Schmerz fuhr ihr wie kochende Lava
durchs Bein.
"Warum hast du sie nicht aufgehalten", brüllte er weiter. "Habt ihr mit de-
nen gefickt oder was?"
Sie versuchte nicht auf diesen Quatsch zu antworten. Erstens wäre sie die
erste von Franks Weibern gewesen, der er irgenwelche Schlüssel überlassen
hätte. Zweitens, wie sollte sie Leute aufhalten, die einen Kerl wie ihn
einfach umgehauen hatten?
Frank hob die Hand wieder, da kam ein stämmiger Typ mit einem Schnauzer
rein. Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte die Frau am Boden an. Er
wollte gerade den Mund aufmachen, als er wutverzerrtes, verschwollenes
Gesicht sah. Frank nahm die Hand runter und schrie:
"Verpiß dich, du Arschgesicht!"
Aber der andere war schon längst wieder draußen.
Frank starrte einen Moment lang abwesend die Tür an, dann sah er an Carmen
herunter.
Ihre Bluse war aufgeplatzt, man sah ihre Brüste. Ihr Rock aus Leder war
hochgerutscht und gab zwischen nackten Beinen den Blick auf ihr schwarzes
Höschen frei.
Das Luder wollte ihn scharf machen, schoß es Frank durch den Kopf. Er hatte
es ihr ordentlich gegeben, warum machen die Weiber auch nie, was man ihnen
sagt! Ha, aber die mochte es, wenn man sie hart rannahm, da brauchte man
sich nur anzuschauen, wie die jetzt ihre Dinger präsentierte!
"Okay, Baby", sagte er, "das kannste haben. Bin zwar in Eile, aber soviel
Zeit ist immer."
Er zog sie auf die Füße, stellte sie mit dem Gesicht auf die Fliesen und
knöpfte seine Hose auf. Er zog ihre Hüften zu sich und hob ihren Rock hoch.
Carmen stöhnte, es tat ihr alles weh, sie mußte sich an den Pissoirbecken
festhalten, es fiel ihr schwer zu stehen.
"Kriegst es gleich. Das gefällt dir, was!" sagte Frank.
Er schob ihr Höschen nach unten, preßte ihre Backen auseinander und drang
hart in sie ein. Sie stöhnte wieder. Das brachte Frank in Fahrt, er stieß so
hart zu, wie er konnte. Ihr Gesicht schlug gegen die Wand. Sie versuchte
sich vorzustellen, daß es wie früher und Frank nur irgendein Freier war.
"Schlampe!" keuchte Frank. Sie konnte seinen Schweiß riechen.
Sie hielt sich fest, er stieß immer wieder kräftig zu. Einen Moment dachte
sie, sie hätte die Tür kurz auf- und gleich wieder zugehen gehört, aber
Frank ließ sich nicht stören. Er hielt nur kurz inne, um ihren Rock wieder
hochzuschieben, der ihm in die Quere gekommen war.
Dann wurde er langsamer, machte noch ein paar Stöße und schnaufte.
Er zog sich zurück, kniff ihr in den Hintern und meinte: "Na, jetzt geht's
dir besser..."
Er knöpfte seine Hose wieder zu und ließ sie stehen. Sie rutschte an der
Wand entlang auf die Knie.
Als sie wieder Luft bekam, stand sie auf und brachte sich, so gut es ging,
wieder in Ordnung.
Sie sah ihr Spiegelbild an und überlegte, wie sie ausgesehen hatte, als
sie damals von zu Hause ausgerissen war, um die Welt zu erobern.
Daraus war nicht viel geworden, dachte sie, aber sie würde noch mal alles
auf eine Karte setzen.
Dann erinnerte sie sich, wo sie war, und ging zur Tür hinaus.
***
Als Sal aufwachte, fühlte er sich dumpf und erschlagen. Einen Moment
lang dachte er an ein Leben, in dem man sich jeden Morgen die Zähne
putzt.
Der Nacken tat ihm weh, und er war verschwitzt. Das erste, was er
sah, waren verrostete Zapfsäulen.
Er hatte keine Ahnung, wie weit sie in der Nacht noch gekommen waren.
Zuletzt war Moses gefahren, das wußte er noch.
Sal schaute sich um.
Man sah einen heuntergekommen Schuppen und etwas weiter weg ein flaches
Gebäude mit Neonlettern über der Tür: S ACK, das »N« war anscheinend ab-
handen gekommen. Einige leere Bierdosen und Papierfetzen lagen verstreut
herum.
Er sah auf die Uhr, es war bereits nach zehn. Die Luft war heiß und stau-
big, Sand knirschte unter seinen Füßen, als er ausstieg, aber der Ort
hatte was, da lag was in der Luft, wie Liebe und Gewalt zur selben Zeit.
Die beiden andern konnte er nirgends entdecken. Als er auf das flache Ge-
bäude zuging, sah er zwei Paar Beine hinter einer Ecke des Schuppens her-
vorschauen.
Es war Moses und ein anderer, dem ein Schwall Dreadlocks ins Gesicht hing.
Sie saßen an die Seitenwand des Schuppens gelehnt im Schatten und rauchten
gerade eine riesige Tüte. Kein schlechter Platz dafür, und das ging sicher
schon seit einer Weile so. Sie kicherten vor sich hin, und man hörte sie
leise reden.
Sal war mehr danach, diesen faden Geschmack in seinem Mund hinunterzu-
spülen, und er ging weiter. Außerdem hatten ihm diese Dinge nie besonders
viel bedeutet.
Er war in die Snackbar eingetreten. Es war so schummrig, wie es manchmal sein
soll, nur ein paar Streifen Licht hatten freien Zutritt, nicht mehr und nicht
weniger, genau die richtige Mischung. Im ersten Moment erkannte man nicht
viel, zumindest nichts von den realen Dingen. Der kleine Raum war vollge-
stopft mit irgenwelchem Zeug, dazwischen standen ein paar Tische gequetscht.
Sal wäre beinahe gegen ein Klavier gelaufen, das dicht an der Tür stand.
Irgendwo war da noch Platz für eine alte Jukebox. Sie trug das ihre dazu bei,
ein paar bunte Neontupfer im Halbdunkel.
Tamie saß wie hingegossen auf einem Barhocker und sah mit einem Blick, den
man gerne immer hätte, auf eine Frau, die ein paar Sandwiches schmierte und
dabei leise vor sich hinsang. Eine kleine Ballade von Lust und Leidenschaft,
Rache und Tod.
Er drückte Tamie kurz an sich und spürte ihren Atem an seinem Hals. So konnte
man einen Tag beginnen.
"Wie hast du gschlafen, Sal, wir wollten dich nicht wecken."
"Na ja, es ging", sagte er.
Die Frau hörte auf zu singen und lächelte die beiden an. Sal mußte an seine
Mutter denken, wie sie in der Küche seinem Vater und ihm verkündet hatte,
wenn sie nicht sofort ein paar Teller auf den Tisch stellten, würde sie alles
in den Ausguß kippen.
"Kaffee?" fragte sie, und sie hätte ein abgestandenes Bier anbieten können,
es hätte geschmeckt wie pures Gold.
"Einen ganzen Eimer davon", sagte Sal.
Er sah Tamie an, sie hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mädchen von gestern
aus der Kneipe. Die Schminke hatte sie abgewischt, und sie sah aus, als wäre
sie unsichtbar aus dem Nichts durch die Wüste gekommen und hätte sich erst
auf dem Hocker materialisiert. Es war nur das Licht, aber so sehen Engel aus.
Sie öffnete ihren unglaublichen Mund und sagte:
"Sal?"
Er hatte nicht gewußt, daß sein Name so schön klingen konnte.
"Ja, Tamie?" Er trank einen Schluck, kochendheiß und stark.
"Du und Moses", sie zögerte, "wo fahrt ihr jetzt hin?"
Er sah sie an, sah sie schon die ganze Zeit an, ihre schlanken Handgelenke
und ihre dünnen Armen.
"Ins Licht", sagte er.
Er spürte, sie würde den gleichen Fehler machen wie er, das auch noch zu
glauben, aber er hatte nicht die Kraft, sie aufzuhalten.
Sie sah ihn nachdenklich an, nicht schlecht, sie überlegte wenigstens, das
war mehr, als er getan hatte, sie war nur halb so bekloppt wie er selbst.
Irgendwo kam ein Ventilator schleppend zum Stillstand. Das Koffein hatte
seine Magenschleimhaut erreicht und begann Löcher hineinzufressen, dann
machte er sich auf den Weg durch seinen Körper. Es schwappte in sein Ge-
hirn. »Ffft« eine Kühl schranktür öffnete sich, »fffk«, und wurde wieder
geschlossen.
"Okay", sagte sie leise und nahm sich eine Zigarette.
Er hatte sie vorher nicht rauchen sehen.
Die Tür ging auf, und Moses und der Rasta polterten herein, wären fast
aufeinandergefallen. Wie kann man so kichern? Moses ruderte mit den Armen
durch die Luft und machte eine weitausholende Bewegung.
"Rico, das ist Sal, die Fee auf dem Hocker hast du schon gesehen, das ist
Tamie."
"Hi, Rico", sagte Sal, einfach so, ein Blick, und man mochte diesen Bur-
schen, wie auch immer der hieß.
"Willkommen, Kinder der Sonne", sagte der Rasta und schlurfte hinter den
Tresen, um sich ein Bier zu holen.
Moses ließ sich auf dem Klavierhocker fallen und wuschelte sich durch
seine Kraushaare. Wie oft hatte Sal das schon gesehen, wuschelte sich
durch seine Kraushaare, setzte sich an einen Kasten aus Holz, lang würde
es nicht dauern, verwöhnte downtown Partyfreaks, die meinten, sie hätten
den Rhythmus mit der Muttermilch eingesogen, hatten schon an der Decke
getanzt, wenn Moses seinen Tag hatte.
Moses fischte sich ein Päckchen Zigaretten aus der Hose und kramte
Franks silbernes Indianerkopf-Feuerzeug hervor. Als er eine brennen hat-
te, klappte er den Klavierdeckel auf und legte das Päckchen mit dem
Feuerzeug griffbereit auf die Notenablage.
Sal machte sich ebenfalls eine an. Tamie sah zu Moses hinüber und stu-
dierte sein Profil.
"Wo kommt Moses her?", fragte sie Sal.
"Sein Vater war ein Massaikrieger, seine Mutter eine russische Prinzes-
sin", sagte er.
Tamie versuchte, sin Sals Augen zu lesen, aber da stand nichts. Das
Dumme an ihm war, dachte sie, man wußte nie, wann er etwas ernst meinte
und wann nicht.
"Und du kommst vom Mond", sagte sie.
"Nein", sagte er todernst, "ich komm nirgendwoher."
Der Ventilator setzte sich wieder in Gang. Es gab erst ein kratzendes
Geräusch, dann summte er gleichmäßig.
Sie fragte sich, welche Dinge es waren, die Sal unter die Haut gingen,
bis jetzt hatte sie keine Idee.
Er war angespannt gewesen, als sie aus der Stadt rausjagten, Moses hin-
gegen schien alles für einen Heidenspaß zu halten. Sal hatte nicht ver-
sucht, cool zu sein, aber er hatte den Wagen gefahren, als wollten sie
nur mal schnell in ein Kino und wüßten, sie waren spät dran. Irgendwann
war ihnen ein Auto entgegengekommen, das einen Laster überholte. Sal
war ein bißchen vom Gas gegangen, hatte auf den Seitenstreifen gelenkt
und sie waren zu dritt aneinander vorbeigeschossen. Dann hatte er
wieder beschleunigt und seine Zigarette abgeascht. Ihr war das Herz in
die Hose gefallen, aber das einzige, was Sal danach gesagt hatte, war:
» Moses, suchst du mal einen anderen Sender? Der Kerl muß nur furzen,
und schon verkaufen die einem das als Hit. «
» Und wenn er noch dazu rülpst, kriegt er 'ne Goldene dafür «, hatte
Moses gesagt und am Radio herumgefummelt.
Irgendwie waren die beiden verrückt, und es schien ihnen scheißegal zu
sein, überlegte Tamie, daß sie ausgerechnet einen wie Frank verarscht
hatten.
Und sie hatte ihnen dann weiß Gott erzählt, was auf sie zukommen, oder
vielleicht mehr, wer da hinter ihnen her sein würde.
» Frank würde euch bis ans Ende der Welt verfolgen, wenn ihr nur an sein
Auto gepinkelt hättet «, hatte sie gesagt, » aber ihr habt es gleich
mitgenommen. «
» Also, erst mal hat er sich selbst angepinkelt «, hatte Sal geantwortet
und Moses nur blöd dazu gelacht.
Aber harte Cowboys waren sie auch wieder nicht. Zumindest versuchten sie
nichts in der Art. Als irgendwann in der Nacht im Radio >Sometimes it
snows in April< von Prince lief, hatte Sal gesagt, wenn ich nicht fahren
müßte, würde ich jetzt heulen.
» Ich heul' für dich mit «, hatte Moses dazu gemeint.
Sie sah zu ihm hinüber, er saß noch immer vor dem Klavier. Dann steckte
er sich die Zigarette in den Mundwinkel und legte die Finger auf die
Tasten. Er schlug ein paar leise Akkorde an.
***
Scheißpizza, dachte Block, aber es war sonst nichts Tiefgefrorenes mehr
da. Er überlegte, Salami oder Pilze, schmeckte eines wie das andere.
Oder sollte er Tony runterschicken, ein paar Hamburger und Fritten...?
Das Telefon klingelt¬
"Hör zu, ist Tony bei dir?"
Es war Frank.
"Klar."
Wo sollte er auch sonst sein?, dachte Block.
"Du und Tony, ihr zieht los, zwei Freaks haben das Cabrio, ich will es
wieder."
"Geknackt?" fragte Block.
"Hatten die Schlüssel."
Wie hatten die die Schlüssel gekriegt?, fragte sich Block.
"Ihr ruft die Idioten von der Tankstelle an, die wir kennen", sagte Frank,
"oder besser, ihr fahrt gleich vorbei. Und fragt die Mädchen von der Straße.
Ihr kriegt raus, wo die hin sind. Und wenn die Arschlöcher so blöd waren, in
der Stadt zu bleiben, dann fährst du hier vorbei, und ich kümmere mich dann
selbst drum."
"Okay, Frank, und wenn wir den Wagen gefunden haben, was machen wir mit de-
nen?", wollte Block wissen.
"Was ihr dann macht?"
Da gab es schon ein paar Varianten, dachte Block.
"Dann mach, was wir immer machen, wenn uns einer verarschen will!"
"Alles klar, Frank."
"Noch zwei Dinge, Block ..."
"Ja, Frank?"
"Ich hör' nie wieder von denen. Und bau keinen Scheiß!"
"Klar, Frank, ich werd' aufpassen."
"Die Karre ist für so einen Ölscheißer, der wollte sie morgen holen. Also
mach zu!"
Das Frank jetzt Autos an Kameltreiber verkloppt, war neu, wunderte sich
Block.
"Noch eins, kann sein, daß diese Tamie dabei ist, wenn ja", Frank zögerte
einen kurzen Moment, "dann nehmt ihr sie in euer Programm auf."
Block sah zu Tony hinüber, der in einem Pornoheft blätterte, es waren
zwölf oder dreizehn Jahre alte Mädchen, Jungen und Tiere zu sehen.
"Das ist dann was für Tony, was, Frank?"
"Behalts für dich, Block, und jetzt bewegt eure Ärsche!"
***
Er hatte lange nicht gespielt, seine Finger fühlten sich etwas rostig an,
aber sie fanden noch die richtigen Tasten. Es war gut, wieder ein bißchen
bekifft zu sein und vor einem Klavier zu sitzen. Das ewige Bier, man wurde
so dumpf davon.
Er dachte an die Zeit mit Sal und klimperte ein wenig herum. Es war ein
friedlicher Ort hier, vielleicht zu heiß, aber es störte einen bestimmt
keiner so schnell.
Er probierte ein paar jazzige Linien, die er noch im Kopf hatte, die
Frau hinterm Tresen summte ein bißchen mit. Ein paar Lichtfinger tasteten
sich durch den Raum und malten ein paar Figuren an die Wand.
Moses lächelte der Frau zu, sie nickte aufmunternd zurück. Sal quatschte
irgendwas mit Tamie, und der Rasta hockte ein bißchen bedröhnt vor seinem
Bier und wiegte ein wenig den Kopf im Takt.
Eine Kaffeemaschine machte in irgendeiner Ecke zischende Geräusche und
blubberte vor sich hin.
Er wurde wärmer, nahm ein paar Blues Notes und spielte einen Tick lau-
ter, er schloß die Augen und begann, sich treiben zu lassen. Schließlich
kam die Frau rüber und lehnte sich mit einem Arm auf die Ecke des Kla-
viers. Mit der Hand klappte sie sich im Rhythmus leicht auf den Ober-
schenkel.
Er sah sie an, sie beobachtete Staubkörner, die in den Lichtstreifen
tanzten.
Er nickte ihr zu, nahm die rechte Hand von den Tasten und spielte nur
den Baßlauf weiter. Sie verstand und gab ihm ein paar bluesige Phrasen.
Er setzte die Hand wieder auf und spielte die Antwort.
Dann, als versuchte sie ihre Stimme, begann sie zu improvisieren, erst
sehr leise, sie intonierte noch ganz vorsichtig.
Er stieg darauf ein, griff die passenden Akkorde dazu auf und ergänzte
die Melodie. Sie wurde freier und setzte samtige Akzente.
Moses gab ein bißchen zu und erhöhte das Tempo. Er wurde lauter, und
sie spielten Ruf und Antwort.
Es kam Leben in die Bude, Rico zauberte auf einmal noch Bongos hervor
und fing an mitzumischen. Er ließ die Felle vor sich hin wummern und
gab alle paar Takte ein paar Twängs hinzu.
Die Frau fing an, sich treiben zu lassen, und Moses spürte die ersten
Schweißtropfen auf der Stirn.
Sie hatte eine kraftvolle Stimme, sehr kehlig, sehr viel Bauch. Ihre
Augen waren ins Weite gerichtet, sie reihte einfach ein paar Zeilen
aneinander, was ihre gerade so einzufallen schien.
[3mSo ya wanna blow us all to pieces,
you really know
where the beat is?
Better get some
sleep tonight,
gotta get into a fight,
better get some
sleep tonight,
who's really gonna run and hide?[0m
Sal und Tamie hatten aufgehört zu reden und sahen zu, wie die drei abzu-
heben begannen.
Der Raum schien sich langsam aufzulösen. Sal schloß die Augen, sah das
Blätterdach eines Regenwaldes über sich und Wurzeln über den Boden krie-
chen.
[3mBetter get some sleep tonight,[0m
[3mwho's really gonna run and hide?[0m
[3mMy life's hanging on a thread,[0m
[3mI'm a fly inside a spider's Web[0m
Moses' Hände quirlten über die Tasten, die Frau hatte die Augen halb
geschlossen, und ihre Stimme legte sich über den Raum wie Dunst.
Die Akkorde hoben ab vom Klavier wie Jets, und Synkopen perlten durch
die Bar.
An den Wänden wuchsen Lianen empor, im Unterholz begann es zu brodeln,
die Frau ließ Triolen rollen, und Worte knallten wie Peitschenhiebe durch
die Luft.
[3mBetter get some sleep tonight,[0m
[3mgotta get into a fight,[0m
[3mbetter get some sleep tonight,[0m
[3mwho's really gonna run and hide?[0m
Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt, und die Adern an ihrem Hals tra-
ten hervor. Sie war ein Choral und ein Prediger, und sie war der Schamane
des Dorfes.
Moses lief der Schweiß übers Gesicht, und sein Hemd klebte ihm am Rücken.
Sal und Tamie schwitzten mit. Sal hatte zwei Dosen aufgerissen und Tamie
eine in die Hand gedrückt. Schlangen zischelten zwischen seinen Füßen, und
seine Nerven begannen zu vibrieren. Man hörte den Dschungel, und es sirrte
und gurgelte, knarrte und fauchte. Affen jagten von Baum zu Baum, und
Schreie grellten durch die Nacht.
[3mYou arrive and it took all right,[0m
[3mgonna kick you out my door, wanna see?[0m
[3mYa gonna do it in the broad daylight,[0m
[3mnobody knows, want'em or wanna me?[0m
[3mBetter get some sleep tonight,[0m
[3mwho's really gonna run and hide?[0m
Der Stamm tanzten ums Feuer, und die Trommler ließen die Felle sprechen.
Ein Tiger war auf der Jagd und witterte ein Lamm.
Sal sah Tamie, und es waren der Schmerz und das Leben, die Wüste und der
Tod im Gesang der Frau. Und ein Jäger schlich mit einem Messer durch den
Urwald und suchte den Tiger.
[3mWe're talkin' 'bout nothin',[0m
[3mtook out ya knife nowhere to hide,[0m
[3mgot you in my telescopic sight,[0m
[3mbetter get some sleep tonight,[0m
[3mwho's really gonna run and hide?[0m
Und Tamie lächelte ihn an, und ihr unglaublicher Mund, der war halb offen.
Sal fühlte seine Eingeweide und trank die Dose leer.
Er sah ihr in die Augen, und er sah das Lamm und den Tiger in ihnen.
Sie lächelte, und sagte: » Vielleicht fahren wir wirklich ins Licht... «
Und dann sah er noch sich selbst in ihren Augen.
Und Rico schlug die Bongos, und Moses trieb seine Finger in die Tasten,
und die Frau sang und schrie.
[3mBe bold baby he's wastin' his time,[0m
[3mhold back, don't mess with ya life,[0m
[3myou're on the edge, guess what's his line[0m
[3mand feel at ya heart the others man's knife[0m
Die Trommeln kamen näher, das Feuer zischte und loderte, der Schamane
zuckte, und die Katze schlich näher.
Man sah den Jäger mit seinem Messer.
[3mBetter get some sleep tonight,[0m
[3mgotta get into a fight,[0m
[3mbetter get some sleep tonight,[0m
[3mwho's really gonna run and hide?[0m
[3mAnd one comes out with an axe,[0m
[3mand there's a skull that cracks[0m
Und der Tiger fraß das Lamm.
***
"Tony, hör zu", sagte Block, "Frank hat grad angerufen. Paar Freaks
haben einen Wagen von ihm. Wir holen den und machen das klar für Frank."
"Was für einen Wagen?" fragte Tony, ohne von seinem Pornoheft aufzuse-
hen, er betrachtete gerade ein kleines Mädchen, das nackt auf einer
geblümten Couch lag, zwischen ihren gespreizten Beinen war ein Schäfer-
hund.
"Diese drecksrosa Karre, mit der er seit ein paar Tagen rumgurkt", sagte
Block.
"Mmhm, der."
"Wir machen das so, ich ruf jetzt ein paar Leute an, ob die aus der Stadt
raus sind. Du checkst den Grauen, guck Öl nach und Wasser und so, viel-
leicht müssen wir weiter weg."
"Jetzt!"
"Nein, übermorgen, Arschloch!"
***
Sie waren bedient, keiner konnte mehr. Moses wischte sich über die Stirn
und lachte. Tamie drückte ihn, und dann hatten alle Durst. Rico holte noch
Bier, und schließlich saßen sie alle am Tresen, und die Frau warf Eier in
die Pfannem, und die anderen rissen die Dosen auf.
"Wo kommt ihr Jungs her?" Es war die Frau, die gefragt hatte, sie drehte
gerade die Eier um, beidseitig gebraten müssen die sein, das muß man kön-
nen, ist gar nicht so einfach.
"Ach, aus [3;1mder[0m Stadt kommt ihr!" seufzte sie, die kannte sie auch und
fand, daß man sich in der Wüste noch besser amüsieren konnte, hatte da
mal gewohnt, vor einer ganzen Weile, war sie aber noch jünger, meinte
sie mit einem Lächeln.
Da sagte Moses natürlich, so alt wär sie ja wohl noch nicht, und Rico
schüttelte seine Haare und grinste. Welches Feuer sie hatte, das hatten
ja alle mibekommen, und der Rasta kannte sie wohl noch ein bißchen bes-
ser. Sie wurde ein bißchen rot und sagte zu Moses, was wisst ihr schon
vom Alter? Aber sie freute sich, das konnte jeder sehen.
"Naja", meinte sie, "also die Stadt, die war wirklich zum Kotzen, wenn
ich mal weggehen wollte, hatte ich die Wahl zwischen einem Konzert mit
Jungs, die Speed Metal für Musik hielten, und einen Vortrag für schwan-
gere Frauen, viel mehr war's nicht, wenn man mal die Drecklöcher, in
denen nur Bier getrunken wurde, mal wegläßt."
Die Eier waren jetzt fertig. Und sie hauten rein wie sonstwas, und da gab's
dicke Scheiben Brot dazu, das backten die zwei selbst, so etwas kriegte man
in keinem Laden.
"Wo hast'n den Ketchup wieder hin, Rico?" fragte die Frau.
"Aber da steht er doch", sagte er und zeigte in die Mitte des Tisches.
"Ich sag ja, ich werd' alt", meinte sie und seufzte.
"Sal", sagte Moses, "gib mir doch mal die Kippen rüber!"
Sal guckte ihn an.
"Mein Freund, daß du schon wieder fertig bist, frißt wie ein Schwein, nicht
so schön, aber so schnell!"
"Du mußt reden", gab ihm Moses zurück, "guck dir dein Hemd an, oder ist das
jetzt moderne Kunst?"
Und sie mußten alle lachen. Eine bescheuerte Familie, die vier, aber schön
so was, dachte jeder.
"Seid ihr satt, Kinder?" wollte die Frau wissen, "kommt, ich mach noch
welche!"
"Nie im Leben", sagte Sal, und die anderen nickten, "krieg' nichts mehr
runter, wieviel waren da in der Pfanne?"
Und Rico schüttelte wieder seine Haare und mußte die Geschichte erzählen
von den Hühnern, die immer einen Herzanfall kriegen, wenn sie hörten, daß
die Frau die Pfanne auf's Feuer stellte, und Sal verschluckte sich am Bier,
huh, das war knapp!
"Wärst beinah' erstickt", sagte Tamie, die ihm auf den Rücken gehauen hat-
te.
"Ja", grunzte er, "wollte gerade trinken, da stell' ich mir die Hühner
vor..."
Und schließlich grinsten sie sich alle an, und dann Tamie, die wissen wol-
lte, wie jemand, der so singt, hier landet?
"Entschuldigung", murmelte sie, "das hab' ich aber doof ausgedrückt", und
wurde ganz rot.
"Laß nur Kindchen", sagte da die Frau, "weiß ich doch selber, wo ich hier
bin. Also das war so, mein Mann, das ist eine Weile her, hatte was läuten
hören, die bauen hier eine richtige Autobahn, und dann fahren die Leute
nicht mehr die Küste runter, sondern hier mitten durch, Riesenverkehr wär'
das dann, und jetzt würde man das alles hier noch ganz billig kriegen, und
dann, Bingo, der große Reibach! Billig gekriegt haben wir es wirklich, die
haben die Autobahn aber nie gebaut, nur wir waren schon hier, und dann hat
mein Mann immer öfter einen über den Durst gehoben und läuft irgendwann in
den einzigen Laster rein, der hier nachts durchwollte, ja, so war das."
Und Tamie tat es noch mehr leid, daß sie gefragt hatte.
"Quatsch, das ist ewig her, und außerdem, ich mag die Wüste, die Ruhe, die
Stille", sagte die Frau und lächelte sie alle an, und dann lächelte sie
auch noch Rico an, so ein bißchen verschmitzt war das, und Sal mußte ein-
fach fragen, und der erzählte dann auch, ihr Rico.
"Bin halt hier hängengeblieben, hatte eine Panne, die Kiste steht hinterm
Schuppen, das Gras wächst schon drüber, noch nicht mal repariert seitdem,
und bin einfach nicht mehr weggekommen", und dann lächelte er die Frau an,
und dann waren die Dosen schon wieder leer, und diesmal holte Moses Nach-
schub, und jeder rauchte noch eine oder zwei, und sie lachten noch zu-
sammen.
Puh, waren sie satt, Rico ging mit Moses raus, um ihm den überwachsenden
Wagen zu zeigen, man hörte sie über ein paar Eimer fallen und dann los-
platzen.
Sal stellte sich an die Jukebox und machte ein bißchen Musik, die Frauen
spülten ab und tratschten über Gott weiß was.
Wie lange kannten sie sich, mußten dreihundert Jahre sein, sie würden
zurückkommen, wenn sie noch so weit weg waren, nahm man eben die Con-
corde, es gibt ein paar Momente, die halten für ewig, der Ort hatte
was, weil die beiden da waren, sie würden auf die Zapfsäulen zurollen
und wissen, sie waren bei Freunden.
Sie waren erst ein paar Stunden hier, aber die Ruhe, die Stille, die
konnte man wirklich lieben, ein Ort für immer vielleicht.
Schließlich war es Sal, der als erster spürte, daß es Zeit wurde.
Keiner hatte ein Wort darüber verloren, die Frau hatte noch Kaffee ge-
macht, und sie saßen hinterm Haus, auf einer Veranda, die Wüste dehnte
sich bis zum Horizont, aber irgendwann schauten sich die drei an, und
sie hatten alle dieses Gefühl, das man hat, wenn jemand hinter ihnen
steht, was man erst nicht mitgekriegt hatte.
"Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne noch eine Weile bleiben", sagte die
Frau, "man sieht das von der Straße nicht", sie machte eine Pause,
"aber wir haben da nach hinten raus ein paar Zimmer", und sie deutete
auf einen Anbau, mit grüner Farbe angestrichen.
Man konnte es sich vorstellen, Betten mit karierten Decken drüber,
weiße Laken, die frisch dufteten, Rollos an den Fenstern, durch die
das Licht auf ein paar alte Bilder mit Holzrahmen fiel.
"Wir würden bestimmt nichts lieber tun", sagte Sal, und in den Gesich-
tern der anderen sah er, daß er recht hatte, "aber wir haben ein biß-
chen Ärger mit jemand."
"Ja", sagte die Frau.
Als sie zuallerst mit Tamie allein am Tresen gesessen hatte, da hatte
sie ihre Hand eine Zeit auf ihren Arm gelegt. Und sie hatte Bilder
gesehen, die ihr nicht gefallen hatten.
"Wir haben euch den Keller leer gesoffen", sagte Sal, rutschte auf dem
Schaukelstuhl nach vorn und zog eine Brieftasche aus der Hose, er wuß-
te schon vor her, daß es nicht nötig war.
"Hier seid ihr daheim", sagte die Frau, "daheim zahlt man nicht."
Dann packte ihnen Rico noch eine ganze Ladung Sixpacks ins Auto, und
sie mußten riesige dreistöckige Sandwiches mitnehmen, die die Frau noch
schnell für sie belegte.
Als sie startklar waren, nahm die Frau Tamie in den Arm und flüsterte
ihr ins Ohr, » Paß auf deine Jungs auf, Mädchen! «
"Ich weiß nicht mal, ob ich besonders gut auf mich selbst aufpassen
kann", sagte Tamie leise.
"Dann fang damit an", sagte die Frau und drückte sie.
Jetzt saßen sie alle im Wagen, und Sal streckte gerade den Zündschlüs-
sel ins Schloß, da beugte sich Rico zu Moses in den Wagen und drückte
ihm eine Tüte in die Hand, die noch größer war als die, die sie am
Schuppen geraucht hatten.
"Hör zu, Moses", sagte er, "du weißt, wir Rastafaris haben unseren Kö-
nig Haile Selassie, und wir warten auf seinen Sohn, das kann Quatsch
sein, aber verdammt, Moses, du bist Jesus, Mann! Paß auf deinen Arsch
auf, Cowboy!"
Da sah Sal Moses mit einem langen Blick lang von der Seite an, und
schließlich winken sie den beiden zu und fuhren los, und die beiden
hielten die Hand über die Augen und sahen ihnen nach, bis sie ver-
schwunden waren, dann nahm Rico seine Frau um die Hüfte, und sie gingen
zurück in ihr Haus.
***
"Scheiße, die machen uns Arbeit", sagte Block beim Einsteigen. Tony
glotzte ihn ausdruckslos an, ein Streichholz im Mund.
"Rita hat sie Stadtauswärts fahren sehen."
"Scheiße, Rita, hmmh?", murmelte Tony.
"Wär' wenig los heut', sagte sie."
"Auf die würd' ich auch nicht steigen", grunzte Tony und spuckte das
Streichholz aus.
"Fresse, Tony, auf was du steigst, will ich mir nicht mal vorstellen!"
Tony sah ihn an, die verspiegelte Pilotenbrille im Gesicht.
Es war Nacht.
Block drehte den Schlüssel im Schloß und fuhr los.
"Sind nach Süden, wir fragen noch an den Tankstellen auf dem Weg."
Es klang, als ob Block mehr mit sich selbst reden würde.
(to be continued ...)
» Silvio «
© '97