Adrenalin Teil 2 by Silvio ...

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                            Adrenalin (Thriller)
                                    Teil 2
                                      by
                                  » Silvio «


 "Verdammt, Frank, du siehst ja aus!"
 Sie hatte zwar kein Mitleid mit ihm, aber die Jungs hatten ihn ganz schön
 zugerichtet. Sein ganzer Kopf war verschwollen, überall hatte er Blut, und
 seine Nase sah aus, als wäre sie gebrochen. Frank machte »mmmmmhhh« und
 verdrehte die Augen. Kaum hatte sie den Tapestreifen vom Mund gerissen,
 bereute sie es auch schon. Sie hätte es machen sollen, wie Tamie, dachte
 sie, gleich abhauen mit den zweien.
 "Du blöde Fotze", schrie er sie an, "mach mich sofort los!"
 Als er sich stöhnend aufgerappelt hatte, schob er sich an ihr vorbei aus der
 Kabine und stürzte zum Spiegel. Er heulte auf vor Wut und brüllte seine
 Fratze im Spiegel an.

             "EUCH SCHNEID ICH IN STREIFEN, IHR SEID SCHON TOT!"

 Carmen wollte gerade hinter ihm vorbei, da fuhr er herum, packte sie an den
 Haaren und riß sie auf die Knie.
 Er holte mit der Hand aus, Carmen stöhnte.
 "Die haben deinen Wagen, Frank!"


 Sie dachte, das würde ihn ablenken. Frank ließ seine Hand sinken und zögerte
 einen Moment.
 "Und woher haben die den Schlüssel, du Saustück?" brüllte er und trat ihr
 gegen den Oberschenkel. Einen Augenblick dachte sie, sie würde ohnmächtig
 werden, sie biß die Zähne zusammen. Der Schmerz fuhr ihr wie kochende Lava
 durchs Bein.
 "Warum hast du sie nicht aufgehalten", brüllte er weiter. "Habt ihr mit de-
 nen gefickt oder was?"

 Sie versuchte nicht auf diesen Quatsch zu antworten. Erstens wäre sie die
 erste von Franks Weibern gewesen, der er irgenwelche Schlüssel überlassen
 hätte. Zweitens, wie sollte sie Leute aufhalten, die einen Kerl wie ihn
 einfach umgehauen hatten?

 Frank hob die Hand wieder, da kam ein stämmiger Typ mit einem Schnauzer
 rein. Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte die Frau am Boden an. Er
 wollte gerade den Mund aufmachen, als er wutverzerrtes, verschwollenes
 Gesicht sah. Frank nahm die Hand runter und schrie:

 "Verpiß dich, du Arschgesicht!"


 Aber der andere war schon längst wieder draußen.
 Frank starrte einen Moment lang abwesend die Tür an, dann sah er an Carmen
 herunter.

 Ihre Bluse war aufgeplatzt, man sah ihre Brüste. Ihr Rock aus Leder war
 hochgerutscht und gab zwischen nackten Beinen den Blick auf ihr schwarzes
 Höschen frei.
 Das Luder wollte ihn scharf machen, schoß es Frank durch den Kopf. Er hatte
 es ihr ordentlich gegeben, warum machen die Weiber auch nie, was man ihnen
 sagt! Ha, aber die mochte es, wenn man sie hart rannahm, da brauchte man
 sich nur anzuschauen, wie die jetzt ihre Dinger präsentierte!

 "Okay, Baby", sagte er, "das kannste haben. Bin zwar in Eile, aber soviel
 Zeit ist immer."
 Er zog sie auf die Füße, stellte sie mit dem Gesicht auf die Fliesen und
 knöpfte seine Hose auf. Er zog ihre Hüften zu sich und hob ihren Rock hoch.
 Carmen stöhnte, es tat ihr alles weh, sie mußte sich an den Pissoirbecken
 festhalten, es fiel ihr schwer zu stehen.

 "Kriegst es gleich. Das gefällt dir, was!" sagte Frank.


 Er schob ihr Höschen nach unten, preßte ihre Backen auseinander und drang
 hart in sie ein. Sie stöhnte wieder. Das brachte Frank in Fahrt, er stieß so
 hart zu, wie er konnte. Ihr Gesicht schlug gegen die Wand. Sie versuchte
 sich vorzustellen, daß es wie früher und Frank nur irgendein Freier war.
 "Schlampe!" keuchte Frank. Sie konnte seinen Schweiß riechen.

 Sie hielt sich fest, er stieß immer wieder kräftig zu. Einen Moment dachte
 sie, sie hätte die Tür kurz auf- und gleich wieder zugehen gehört, aber
 Frank ließ sich nicht stören. Er hielt nur kurz inne, um ihren Rock wieder
 hochzuschieben, der ihm in die Quere gekommen war.
 Dann wurde er langsamer, machte noch ein paar Stöße und schnaufte.
 Er zog sich zurück, kniff ihr in den Hintern und meinte: "Na, jetzt geht's
 dir besser..."


 Er knöpfte seine Hose wieder zu und ließ sie stehen. Sie rutschte an der
 Wand entlang auf die Knie.
 Als sie wieder Luft bekam, stand sie auf und brachte sich, so gut es ging,
 wieder in Ordnung.
 Sie sah ihr Spiegelbild an und überlegte, wie sie ausgesehen hatte, als
 sie damals von zu Hause ausgerissen war, um die Welt zu erobern.
 Daraus war nicht viel geworden, dachte sie, aber sie würde noch mal alles
 auf eine Karte setzen.
 Dann erinnerte sie sich, wo sie war, und ging zur Tür hinaus.


                    ***


 Als Sal aufwachte, fühlte er sich dumpf und erschlagen. Einen Moment
 lang dachte er an ein Leben, in dem man sich jeden Morgen die Zähne
 putzt.

 Der Nacken tat ihm weh, und er war verschwitzt. Das erste, was er
 sah, waren verrostete Zapfsäulen.
 Er hatte keine Ahnung, wie weit sie in der Nacht noch gekommen waren.
 Zuletzt war Moses gefahren, das wußte er noch.
 Sal schaute sich um.


 Man sah einen heuntergekommen Schuppen und etwas weiter weg ein flaches
 Gebäude mit Neonlettern über der Tür: S ACK, das »N« war anscheinend ab-
 handen gekommen. Einige leere Bierdosen und Papierfetzen lagen verstreut
 herum.

 Er sah auf die Uhr, es war bereits nach zehn. Die Luft war heiß und stau-
 big, Sand knirschte unter seinen Füßen, als er ausstieg, aber der Ort
 hatte was, da lag was in der Luft, wie Liebe und Gewalt zur selben Zeit.

 Die beiden andern konnte er nirgends entdecken. Als er auf das flache Ge-
 bäude zuging, sah er zwei Paar Beine hinter einer Ecke des Schuppens her-
 vorschauen.

 Es war Moses und ein anderer, dem ein Schwall Dreadlocks ins Gesicht hing.
 Sie saßen an die Seitenwand des Schuppens gelehnt im Schatten und rauchten
 gerade eine riesige Tüte. Kein schlechter Platz dafür, und das ging sicher
 schon seit einer Weile so. Sie kicherten vor sich hin, und man hörte sie
 leise reden.

 Sal war mehr danach, diesen faden Geschmack in seinem Mund hinunterzu-
 spülen, und er ging weiter. Außerdem hatten ihm diese Dinge nie besonders
 viel bedeutet.


 Er war in die Snackbar eingetreten. Es war so schummrig, wie es manchmal sein
 soll, nur ein paar Streifen Licht hatten freien Zutritt, nicht mehr und nicht
 weniger, genau die richtige Mischung. Im ersten Moment erkannte man nicht
 viel, zumindest nichts von den realen Dingen. Der kleine Raum war vollge-
 stopft mit irgenwelchem Zeug, dazwischen standen ein paar Tische gequetscht.
 Sal wäre beinahe gegen ein Klavier gelaufen, das dicht an der Tür stand.
 Irgendwo war da noch Platz für eine alte Jukebox. Sie trug das ihre dazu bei,
 ein paar bunte Neontupfer im Halbdunkel.

 Tamie saß wie hingegossen auf einem Barhocker und sah mit einem Blick, den
 man gerne immer hätte, auf eine Frau, die ein paar Sandwiches schmierte und
 dabei leise vor sich hinsang. Eine kleine Ballade von Lust und Leidenschaft,
 Rache und Tod.

 Er drückte Tamie kurz an sich und spürte ihren Atem an seinem Hals. So konnte
 man einen Tag beginnen.
 "Wie hast du gschlafen, Sal, wir wollten dich nicht wecken."
 "Na ja, es ging", sagte er.

 Die Frau hörte auf zu singen und lächelte die beiden an. Sal mußte an seine
 Mutter denken, wie sie in der Küche seinem Vater und ihm verkündet hatte,
 wenn sie nicht sofort ein paar Teller auf den Tisch stellten, würde sie alles
 in den Ausguß kippen.


 "Kaffee?" fragte sie, und sie hätte ein abgestandenes Bier anbieten können,
 es hätte geschmeckt wie pures Gold.

 "Einen ganzen Eimer davon", sagte Sal.
 Er sah Tamie an, sie hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mädchen von gestern
 aus der Kneipe. Die Schminke hatte sie abgewischt, und sie sah aus, als wäre
 sie unsichtbar aus dem Nichts durch die Wüste gekommen und hätte sich erst
 auf dem Hocker materialisiert. Es war nur das Licht, aber so sehen Engel aus.
 Sie öffnete ihren unglaublichen Mund und sagte:

 "Sal?"
 Er hatte nicht gewußt, daß sein Name so schön klingen konnte.
 "Ja, Tamie?" Er trank einen Schluck, kochendheiß und stark.
 "Du und Moses", sie zögerte, "wo fahrt ihr jetzt hin?"
 Er sah sie an, sah sie schon die ganze Zeit an, ihre schlanken Handgelenke
 und ihre dünnen Armen.

 "Ins Licht", sagte er.
 Er spürte, sie würde den gleichen Fehler machen wie er, das auch noch zu
 glauben, aber er hatte nicht die Kraft, sie aufzuhalten.
 Sie sah ihn nachdenklich an, nicht schlecht, sie überlegte wenigstens, das
 war mehr, als er getan hatte, sie war nur halb so bekloppt wie er selbst.
 Irgendwo kam ein Ventilator schleppend zum Stillstand. Das Koffein hatte
 seine Magenschleimhaut erreicht und begann Löcher hineinzufressen, dann
 machte er sich auf den Weg durch seinen Körper. Es schwappte in sein Ge-
 hirn. »Ffft« eine Kühl­ schranktür öffnete sich, »fffk«, und wurde wieder
 geschlossen.


 "Okay", sagte sie leise und nahm sich eine Zigarette.
 Er hatte sie vorher nicht rauchen sehen.
 Die Tür ging auf, und Moses und der Rasta polterten herein, wären fast
 aufeinandergefallen. Wie kann man so kichern? Moses ruderte mit den Armen
 durch die Luft und machte eine weitausholende Bewegung.

 "Rico, das ist Sal, die Fee auf dem Hocker hast du schon gesehen, das ist
 Tamie."
 "Hi, Rico", sagte Sal, einfach so, ein Blick, und man mochte diesen Bur-
 schen, wie auch immer der hieß.
 "Willkommen, Kinder der Sonne", sagte der Rasta und schlurfte hinter den
 Tresen, um sich ein Bier zu holen.

 Moses ließ sich auf dem Klavierhocker fallen und wuschelte sich durch
 seine Kraushaare. Wie oft hatte Sal das schon gesehen, wuschelte sich
 durch seine Kraushaare, setzte sich an einen Kasten aus Holz, lang würde
 es nicht dauern, verwöhnte downtown Partyfreaks, die meinten, sie hätten
 den Rhythmus mit der Muttermilch eingesogen, hatten schon an der Decke
 getanzt, wenn Moses seinen Tag hatte.


 Moses fischte sich ein Päckchen Zigaretten aus der Hose und kramte
 Franks silbernes Indianerkopf-Feuerzeug hervor. Als er eine brennen hat-
 te, klappte er den Klavierdeckel auf und legte das Päckchen mit dem
 Feuerzeug griffbereit auf die Notenablage.


 Sal machte sich ebenfalls eine an. Tamie sah zu Moses hinüber und stu-
 dierte sein Profil.
 "Wo kommt Moses her?", fragte sie Sal.
 "Sein Vater war ein Massaikrieger, seine Mutter eine russische Prinzes-
 sin", sagte er.

 Tamie versuchte, sin Sals Augen zu lesen, aber da stand nichts. Das
 Dumme an ihm war, dachte sie, man wußte nie, wann er etwas ernst meinte
 und wann nicht.

 "Und du kommst vom Mond", sagte sie.
 "Nein", sagte er todernst, "ich komm nirgendwoher."
 Der Ventilator setzte sich wieder in Gang. Es gab erst ein kratzendes
 Geräusch, dann summte er gleichmäßig.
 Sie fragte sich, welche Dinge es waren, die Sal unter die Haut gingen,
 bis jetzt hatte sie keine Idee.
 Er war angespannt gewesen, als sie aus der Stadt rausjagten, Moses hin-
 gegen schien alles für einen Heidenspaß zu halten. Sal hatte nicht ver-
 sucht, cool zu sein, aber er hatte den Wagen gefahren, als wollten sie
 nur mal schnell in ein Kino und wüßten, sie waren spät dran. Irgendwann
 war ihnen ein Auto entgegengekommen, das einen Laster überholte. Sal
 war ein bißchen vom Gas gegangen, hatte auf den Seitenstreifen gelenkt
 und sie waren zu dritt aneinander vorbeigeschossen. Dann hatte er
 wieder beschleunigt und seine Zigarette abgeascht. Ihr war das Herz in
 die Hose gefallen, aber das einzige, was Sal danach gesagt hatte, war:


 » Moses, suchst du mal einen anderen Sender? Der Kerl muß nur furzen,
 und schon verkaufen die einem das als Hit. «
 » Und wenn er noch dazu rülpst, kriegt er 'ne Goldene dafür «, hatte
 Moses gesagt und am Radio herumgefummelt.

 Irgendwie waren die beiden verrückt, und es schien ihnen scheißegal zu
 sein, überlegte Tamie, daß sie ausgerechnet einen wie Frank verarscht
 hatten.
 Und sie hatte ihnen dann weiß Gott erzählt, was auf sie zukommen, oder
 vielleicht mehr, wer da hinter ihnen her sein würde.

 » Frank würde euch bis ans Ende der Welt verfolgen, wenn ihr nur an sein
 Auto gepinkelt hättet «, hatte sie gesagt, » aber ihr habt es gleich
 mitgenommen. «
 » Also, erst mal hat er sich selbst angepinkelt «, hatte Sal geantwortet
 und Moses nur blöd dazu gelacht.


 Aber harte Cowboys waren sie auch wieder nicht. Zumindest versuchten sie
 nichts in der Art. Als irgendwann in der Nacht im Radio >Sometimes it
 snows in April< von Prince lief, hatte Sal gesagt, wenn ich nicht fahren
 müßte, würde ich jetzt heulen.

 » Ich heul' für dich mit «, hatte Moses dazu gemeint.
 Sie sah zu ihm hinüber, er saß noch immer vor dem Klavier. Dann steckte
 er sich die Zigarette in den Mundwinkel und legte die Finger auf die
 Tasten. Er schlug ein paar leise Akkorde an.


              ***


 Scheißpizza, dachte Block, aber es war sonst nichts Tiefgefrorenes mehr
 da. Er überlegte, Salami oder Pilze, schmeckte eines wie das andere.
 Oder sollte er Tony runterschicken, ein paar Hamburger und Fritten...?

 Das Telefon klingelt¬
 "Hör zu, ist Tony bei dir?"
 Es war Frank.
 "Klar."
 Wo sollte er auch sonst sein?, dachte Block.


 "Du und Tony, ihr zieht los, zwei Freaks haben das Cabrio, ich will es
 wieder."
 "Geknackt?" fragte Block.
 "Hatten die Schlüssel."
 Wie hatten die die Schlüssel gekriegt?, fragte sich Block.

 "Ihr ruft die Idioten von der Tankstelle an, die wir kennen", sagte Frank,
 "oder besser, ihr fahrt gleich vorbei. Und fragt die Mädchen von der Straße.
 Ihr kriegt raus, wo die hin sind. Und wenn die Arschlöcher so blöd waren, in
 der Stadt zu bleiben, dann fährst du hier vorbei, und ich kümmere mich dann
 selbst drum."

 "Okay, Frank, und wenn wir den Wagen gefunden haben, was machen wir mit de-
 nen?", wollte Block wissen.
 "Was ihr dann macht?"
 Da gab es schon ein paar Varianten, dachte Block.
 "Dann mach, was wir immer machen, wenn uns einer verarschen will!"
 "Alles klar, Frank."
 "Noch zwei Dinge, Block ..."
 "Ja, Frank?"
 "Ich hör' nie wieder von denen. Und bau keinen Scheiß!"
 "Klar, Frank, ich werd' aufpassen."
 "Die Karre ist für so einen Ölscheißer, der wollte sie morgen holen. Also
 mach zu!"


 Das Frank jetzt Autos an Kameltreiber verkloppt, war neu, wunderte sich
 Block.
 "Noch eins, kann sein, daß diese Tamie dabei ist, wenn ja", Frank zögerte
 einen kurzen Moment, "dann nehmt ihr sie in euer Programm auf."
 Block sah zu Tony hinüber, der in einem Pornoheft blätterte, es waren
 zwölf oder dreizehn Jahre alte Mädchen, Jungen und Tiere zu sehen.
 "Das ist dann was für Tony, was, Frank?"
 "Behalts für dich, Block, und jetzt bewegt eure Ärsche!"


         ***


 Er hatte lange nicht gespielt, seine Finger fühlten sich etwas rostig an,
 aber sie fanden noch die richtigen Tasten. Es war gut, wieder ein bißchen
 bekifft zu sein und vor einem Klavier zu sitzen. Das ewige Bier, man wurde
 so dumpf davon.
 Er dachte an die Zeit mit Sal und klimperte ein wenig herum. Es war ein
 friedlicher Ort hier, vielleicht zu heiß, aber es störte einen bestimmt
 keiner so schnell.


 Er probierte ein paar jazzige Linien, die er noch im Kopf hatte, die
 Frau hinterm Tresen summte ein bißchen mit. Ein paar Lichtfinger tasteten
 sich durch den Raum und malten ein paar Figuren an die Wand.
 Moses lächelte der Frau zu, sie nickte aufmunternd zurück. Sal quatschte
 irgendwas mit Tamie, und der Rasta hockte ein bißchen bedröhnt vor seinem
 Bier und wiegte ein wenig den Kopf im Takt.

 Eine Kaffeemaschine machte in irgendeiner Ecke zischende Geräusche und
 blubberte vor sich hin.
 Er wurde wärmer, nahm ein paar Blues Notes und spielte einen Tick lau-
 ter, er schloß die Augen und begann, sich treiben zu lassen. Schließlich
 kam die Frau rüber und lehnte sich mit einem Arm auf die Ecke des Kla-
 viers. Mit der Hand klappte sie sich im Rhythmus leicht auf den Ober-
 schenkel.

 Er sah sie an, sie beobachtete Staubkörner, die in den Lichtstreifen
 tanzten.
 Er nickte ihr zu, nahm die rechte Hand von den Tasten und spielte nur
 den Baßlauf weiter. Sie verstand und gab ihm ein paar bluesige Phrasen.
 Er setzte die Hand wieder auf und spielte die Antwort.
 Dann, als versuchte sie ihre Stimme, begann sie zu improvisieren, erst
 sehr leise, sie intonierte noch ganz vorsichtig.


 Er stieg darauf ein, griff die passenden Akkorde dazu auf und ergänzte
 die Melodie. Sie wurde freier und setzte samtige Akzente.
 Moses gab ein bißchen zu und erhöhte das Tempo. Er wurde lauter, und
 sie spielten Ruf und Antwort.
 Es kam Leben in die Bude, Rico zauberte auf einmal noch Bongos hervor
 und fing an mitzumischen. Er ließ die Felle vor sich hin wummern und
 gab alle paar Takte ein paar Twängs hinzu.
 Die Frau fing an, sich treiben zu lassen, und Moses spürte die ersten
 Schweißtropfen auf der Stirn.
 Sie hatte eine kraftvolle Stimme, sehr kehlig, sehr viel Bauch. Ihre
 Augen waren ins Weite gerichtet, sie reihte einfach ein paar Zeilen
 aneinander, was ihre gerade so einzufallen schien.


                   So ya wanna blow us all to pieces,
                            you really know
                           where the beat is?
                            Better get some
                             sleep tonight,
                        gotta get into a fight,
                            better get some
                             sleep tonight,
                    who's really gonna run and hide?


 Sal und Tamie hatten aufgehört zu reden und sahen zu, wie die drei abzu-
 heben begannen.
 Der Raum schien sich langsam aufzulösen. Sal schloß die Augen, sah das
 Blätterdach eines Regenwaldes über sich und Wurzeln über den Boden krie-
 chen.

                      Better get some sleep tonight,
                     who's really gonna run and hide?
                      My life's hanging on a thread,
                      I'm a fly inside a spider's Web


 Moses' Hände quirlten über die Tasten, die Frau hatte die Augen halb
 geschlossen, und ihre Stimme legte sich über den Raum wie Dunst.
 Die Akkorde hoben ab vom Klavier wie Jets, und Synkopen perlten durch
 die Bar.
 An den Wänden wuchsen Lianen empor, im Unterholz begann es zu brodeln,
 die Frau ließ Triolen rollen, und Worte knallten wie Peitschenhiebe durch
 die Luft.

                         Better get some sleep tonight,
                         gotta get into a fight,
                         better get some sleep tonight,
                        who's really gonna run and hide?


 Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt, und die Adern an ihrem Hals tra-
 ten hervor. Sie war ein Choral und ein Prediger, und sie war der Schamane
 des Dorfes.
 Moses lief der Schweiß übers Gesicht, und sein Hemd klebte ihm am Rücken.
 Sal und Tamie schwitzten mit. Sal hatte zwei Dosen aufgerissen und Tamie
 eine in die Hand gedrückt. Schlangen zischelten zwischen seinen Füßen, und
 seine Nerven begannen zu vibrieren. Man hörte den Dschungel, und es sirrte
 und gurgelte, knarrte und fauchte. Affen jagten von Baum zu Baum, und
 Schreie grellten durch die Nacht.

                     You arrive and it took all right,
                     gonna kick you out my door, wanna see?
                     Ya gonna do it in the broad daylight,
                     nobody knows, want'em or wanna me?
                     Better get some sleep tonight,
                     who's really gonna run and hide?

 Der Stamm tanzten ums Feuer, und die Trommler ließen die Felle sprechen.
 Ein Tiger war auf der Jagd und witterte ein Lamm.
 Sal sah Tamie, und es waren der Schmerz und das Leben, die Wüste und der
 Tod im Gesang der Frau. Und ein Jäger schlich mit einem Messer durch den
 Urwald und suchte den Tiger.


                       We're talkin' 'bout nothin',
                       took out ya knife nowhere to hide,
                       got you in my telescopic sight,
                       better get some sleep tonight,
                       who's really gonna run and hide?

 Und Tamie lächelte ihn an, und ihr unglaublicher Mund, der war halb offen.
 Sal fühlte seine Eingeweide und trank die Dose leer.
 Er sah ihr in die Augen, und er sah das Lamm und den Tiger in ihnen.
 Sie lächelte, und sagte: » Vielleicht fahren wir wirklich ins Licht... «
 Und dann sah er noch sich selbst in ihren Augen.
 Und Rico schlug die Bongos, und Moses trieb seine Finger in die Tasten,
 und die Frau sang und schrie.

                     Be bold baby he's wastin' his time,
                    hold back, don't mess with ya life,
                    you're on the edge, guess what's his line
                   and feel at ya heart the others man's knife


 Die Trommeln kamen näher, das Feuer zischte und loderte, der Schamane
 zuckte, und die Katze schlich näher.
 Man sah den Jäger mit seinem Messer.

                        Better get some sleep tonight,
                        gotta get into a fight,
                        better get some sleep tonight,
                        who's really gonna run and hide?
                        And one comes out with an axe,
                        and there's a skull that cracks

 Und der Tiger fraß das Lamm.


              ***


 "Tony, hör zu", sagte Block, "Frank hat grad angerufen. Paar Freaks
 haben einen Wagen von ihm. Wir holen den und machen das klar für Frank."
 "Was für einen Wagen?" fragte Tony, ohne von seinem Pornoheft aufzuse-
 hen, er betrachtete gerade ein kleines Mädchen, das nackt auf einer
 geblümten Couch lag, zwischen ihren gespreizten Beinen war ein Schäfer-
 hund.


 "Diese drecksrosa Karre, mit der er seit ein paar Tagen rumgurkt", sagte
 Block.
 "Mmhm, der."
 "Wir machen das so, ich ruf jetzt ein paar Leute an, ob die aus der Stadt
 raus sind. Du checkst den Grauen, guck Öl nach und Wasser und so, viel-
 leicht müssen wir weiter weg."
 "Jetzt!"
 "Nein, übermorgen, Arschloch!"


         ***


 Sie waren bedient, keiner konnte mehr. Moses wischte sich über die Stirn
 und lachte. Tamie drückte ihn, und dann hatten alle Durst. Rico holte noch
 Bier, und schließlich saßen sie alle am Tresen, und die Frau warf Eier in
 die Pfannem, und die anderen rissen die Dosen auf.
 "Wo kommt ihr Jungs her?" Es war die Frau, die gefragt hatte, sie drehte
 gerade die Eier um, beidseitig gebraten müssen die sein, das muß man kön-
 nen, ist gar nicht so einfach.


 "Ach, aus der Stadt kommt ihr!" seufzte sie, die kannte sie auch und
 fand, daß man sich in der Wüste noch besser amüsieren konnte, hatte da
 mal gewohnt, vor einer ganzen Weile, war sie aber noch jünger, meinte
 sie mit einem Lächeln.

 Da sagte Moses natürlich, so alt wär sie ja wohl noch nicht, und Rico
 schüttelte seine Haare und grinste. Welches Feuer sie hatte, das hatten
 ja alle mibekommen, und der Rasta kannte sie wohl noch ein bißchen bes-
 ser. Sie wurde ein bißchen rot und sagte zu Moses, was wisst ihr schon
 vom Alter? Aber sie freute sich, das konnte jeder sehen.

 "Naja", meinte sie, "also die Stadt, die war wirklich zum Kotzen, wenn
 ich mal weggehen wollte, hatte ich die Wahl zwischen einem Konzert mit
 Jungs, die Speed Metal für Musik hielten, und einen Vortrag für schwan-
 gere Frauen, viel mehr war's nicht, wenn man mal die Drecklöcher, in
 denen nur Bier getrunken wurde, mal wegläßt."


 Die Eier waren jetzt fertig. Und sie hauten rein wie sonstwas, und da gab's
 dicke Scheiben Brot dazu, das backten die zwei selbst, so etwas kriegte man
 in keinem Laden.

 "Wo hast'n den Ketchup wieder hin, Rico?" fragte die Frau.
 "Aber da steht er doch", sagte er und zeigte in die Mitte des Tisches.
 "Ich sag ja, ich werd' alt", meinte sie und seufzte.
 "Sal", sagte Moses, "gib mir doch mal die Kippen rüber!"
 Sal guckte ihn an.

 "Mein Freund, daß du schon wieder fertig bist, frißt wie ein Schwein, nicht
 so schön, aber so schnell!"
 "Du mußt reden", gab ihm Moses zurück, "guck dir dein Hemd an, oder ist das
 jetzt moderne Kunst?"
 Und sie mußten alle lachen. Eine bescheuerte Familie, die vier, aber schön
 so was, dachte jeder.


 "Seid ihr satt, Kinder?" wollte die Frau wissen, "kommt, ich mach noch
 welche!"
 "Nie im Leben", sagte Sal, und die anderen nickten, "krieg' nichts mehr
 runter, wieviel waren da in der Pfanne?"

 Und Rico schüttelte wieder seine Haare und mußte die Geschichte erzählen
 von den Hühnern, die immer einen Herzanfall kriegen, wenn sie hörten, daß
 die Frau die Pfanne auf's Feuer stellte, und Sal verschluckte sich am Bier,
 huh, das war knapp!

 "Wärst beinah' erstickt", sagte Tamie, die ihm auf den Rücken gehauen hat-
 te.
 "Ja", grunzte er, "wollte gerade trinken, da stell' ich mir die Hühner
 vor..."
 Und schließlich grinsten sie sich alle an, und dann Tamie, die wissen wol-
 lte, wie jemand, der so singt, hier landet?
 "Entschuldigung", murmelte sie, "das hab' ich aber doof ausgedrückt", und
 wurde ganz rot.


 "Laß nur Kindchen", sagte da die Frau, "weiß ich doch selber, wo ich hier
 bin. Also das war so, mein Mann, das ist eine Weile her, hatte was läuten
 hören, die bauen hier eine richtige Autobahn, und dann fahren die Leute
 nicht mehr die Küste runter, sondern hier mitten durch, Riesenverkehr wär'
 das dann, und jetzt würde man das alles hier noch ganz billig kriegen, und
 dann, Bingo, der große Reibach! Billig gekriegt haben wir es wirklich, die
 haben die Autobahn aber nie gebaut, nur wir waren schon hier, und dann hat
 mein Mann immer öfter einen über den Durst gehoben und läuft irgendwann in
 den einzigen Laster rein, der hier nachts durchwollte, ja, so war das."

 Und Tamie tat es noch mehr leid, daß sie gefragt hatte.
 "Quatsch, das ist ewig her, und außerdem, ich mag die Wüste, die Ruhe, die
 Stille", sagte die Frau und lächelte sie alle an, und dann lächelte sie
 auch noch Rico an, so ein bißchen verschmitzt war das, und Sal mußte ein-
 fach fragen, und der erzählte dann auch, ihr Rico.


 "Bin halt hier hängengeblieben, hatte eine Panne, die Kiste steht hinterm
 Schuppen, das Gras wächst schon drüber, noch nicht mal repariert seitdem,
 und bin einfach nicht mehr weggekommen", und dann lächelte er die Frau an,
 und dann waren die Dosen schon wieder leer, und diesmal holte Moses Nach-
 schub, und jeder rauchte noch eine oder zwei, und sie lachten noch zu-
 sammen.

 Puh, waren sie satt, Rico ging mit Moses raus, um ihm den überwachsenden
 Wagen zu zeigen, man hörte sie über ein paar Eimer fallen und dann los-
 platzen.
 Sal stellte sich an die Jukebox und machte ein bißchen Musik, die Frauen
 spülten ab und tratschten über Gott weiß was.


 Wie lange kannten sie sich, mußten dreihundert Jahre sein, sie würden
 zurückkommen, wenn sie noch so weit weg waren, nahm man eben die Con-
 corde, es gibt ein paar Momente, die halten für ewig, der Ort hatte
 was, weil die beiden da waren, sie würden auf die Zapfsäulen zurollen
 und wissen, sie waren bei Freunden.

 Sie waren erst ein paar Stunden hier, aber die Ruhe, die Stille, die
 konnte man wirklich lieben, ein Ort für immer vielleicht.
 Schließlich war es Sal, der als erster spürte, daß es Zeit wurde.
 Keiner hatte ein Wort darüber verloren, die Frau hatte noch Kaffee ge-
 macht, und sie saßen hinterm Haus, auf einer Veranda, die Wüste dehnte
 sich bis zum Horizont, aber irgendwann schauten sich die drei an, und
 sie hatten alle dieses Gefühl, das man hat, wenn jemand hinter ihnen
 steht, was man erst nicht mitgekriegt hatte.

 "Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne noch eine Weile bleiben", sagte die
 Frau, "man sieht das von der Straße nicht", sie machte eine Pause,
 "aber wir haben da nach hinten raus ein paar Zimmer", und sie deutete
 auf einen Anbau, mit grüner Farbe angestrichen.


 Man konnte es sich vorstellen, Betten mit karierten Decken drüber,
 weiße Laken, die frisch dufteten, Rollos an den Fenstern, durch die
 das Licht auf ein paar alte Bilder mit Holzrahmen fiel.

 "Wir würden bestimmt nichts lieber tun", sagte Sal, und in den Gesich-
 tern der anderen sah er, daß er recht hatte, "aber wir haben ein biß-
 chen Ärger mit jemand."

 "Ja", sagte die Frau.
 Als sie zuallerst mit Tamie allein am Tresen gesessen hatte, da hatte
 sie ihre Hand eine Zeit auf ihren Arm gelegt. Und sie hatte Bilder
 gesehen, die ihr nicht gefallen hatten.

 "Wir haben euch den Keller leer gesoffen", sagte Sal, rutschte auf dem
 Schaukelstuhl nach vorn und zog eine Brieftasche aus der Hose, er wuß-
 te schon vor­ her, daß es nicht nötig war.
 "Hier seid ihr daheim", sagte die Frau, "daheim zahlt man nicht."
 Dann packte ihnen Rico noch eine ganze Ladung Sixpacks ins Auto, und
 sie mußten riesige dreistöckige Sandwiches mitnehmen, die die Frau noch
 schnell für sie belegte.

 Als sie startklar waren, nahm die Frau Tamie in den Arm und flüsterte
 ihr ins Ohr, » Paß auf deine Jungs auf, Mädchen! «
 "Ich weiß nicht mal, ob ich besonders gut auf mich selbst aufpassen
 kann", sagte Tamie leise.


 "Dann fang damit an", sagte die Frau und drückte sie.
 Jetzt saßen sie alle im Wagen, und Sal streckte gerade den Zündschlüs-
 sel ins Schloß, da beugte sich Rico zu Moses in den Wagen und drückte
 ihm eine Tüte in die Hand, die noch größer war als die, die sie am
 Schuppen geraucht hatten.

 "Hör zu, Moses", sagte er, "du weißt, wir Rastafaris haben unseren Kö-
 nig Haile Selassie, und wir warten auf seinen Sohn, das kann Quatsch
 sein, aber verdammt, Moses, du bist Jesus, Mann! Paß auf deinen Arsch
 auf, Cowboy!"


 Da sah Sal Moses mit einem langen Blick lang von der Seite an, und
 schließlich winken sie den beiden zu und fuhren los, und die beiden
 hielten die Hand über die Augen und sahen ihnen nach, bis sie ver-
 schwunden waren, dann nahm Rico seine Frau um die Hüfte, und sie gingen
 zurück in ihr Haus.


        ***


 "Scheiße, die machen uns Arbeit", sagte Block beim Einsteigen. Tony
 glotzte ihn ausdruckslos an, ein Streichholz im Mund.
 "Rita hat sie Stadtauswärts fahren sehen."
 "Scheiße, Rita, hmmh?", murmelte Tony.
 "Wär' wenig los heut', sagte sie."
 "Auf die würd' ich auch nicht steigen", grunzte Tony und spuckte das
 Streichholz aus.
 "Fresse, Tony, auf was du steigst, will ich mir nicht mal vorstellen!"
 Tony sah ihn an, die verspiegelte Pilotenbrille im Gesicht.
 Es war Nacht.
 Block drehte den Schlüssel im Schloß und fuhr los.
 "Sind nach Süden, wir fragen noch an den Tankstellen auf dem Weg."
 Es klang, als ob Block mehr mit sich selbst reden würde.


 (to be continued ...)


  » Silvio «


 © '97

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