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Von der Messe in St. Louis habe ich keine Wunder erwartet. Doch ging ich fest davon aus, dass AMIGAs bisherige Strategie, die ich für goldrichtig hielt und immer noch halte, konsequent weitergeführt wird. Doch es kam anders.
Zur Zukunft des AmigaDE kann ich jetzt, Tage später, überhaupt nichts sagen, denn ich habe den Eindruck gewonnen, die drei wichtigsten Personen bei AMIGA, Bill McEwen, Fleecy Moss und Gary Peake, sprechen, wenn sie das AmigaDE meinen, über drei verschiedene Projekte. Bill McEwens Worten nach zu urteilen wurde die AmigaDE-Planung gravierend geändert, hier ist fast nur die Rede von PDAs und anderen Kleingeräten sowie »Content«. Aus dem Mund von Fleecy Moss hört sich das schon weniger dramatisch an, und Gary Peake sagt: "Es gibt überhaupt keine Änderungen". Na toll. Ich kann schlichtweg nicht beurteilen, ob die genannten Personen letztendlich nur unterschiedliche Aspekte von ein- und derselben Sache ansprechen, oder ob doch eine Änderung der AmigaDE-Planung dahinter steckt - und ich bin ganz sicher nicht der Einzige, dem es so geht.
Allerdings bin ich insgesamt der Ansicht, dass die Kursänderung, die es - zumindest das steht fest - mit der Ankündigung einer PowerPC-nativen Version des AmigaOS gegeben hat, ein schwerwiegender Fehler AMIGAs ist. Ressourcen werden für ein (weiteres) völlig neues Betriebssystem - nichts anderes ist eine PowerPC-native AmigaOS-Version - verbraucht, dem ich praktisch keine Marktchancen einräume. Wer, bitte schön, soll sich dieses OS zulegen? Zumindest habe ich bislang noch kein einziges Feature entdecken können, das so außergewöhnlich ist, dass es Nutzer anderer Betriebssysteme dazu bewegen könnte, zum PowerPC-AmigaOS zu wechseln. Schließlich darf nicht übersehen werden, dass die allermeisten Anwender einen x86-Rechner benutzen und kaum bereit sein dürften, sich einen wesentlich teureren PowerPC-Rechner, auf dem sie im Notfall - sollte das PowerPC-AmigaOS scheitern - nicht einmal mehr den Windows-Standard installieren können, zu kaufen. Genauso sehe ich absolut keinen Grund, weshalb eine Softwarefirma ihre Programme für das PowerPC-AmigaOS umsetzen sollte.
Kurzum: Für die Chancen des jetzt geplanten PowerPC-nativen AmigaOS sehe ich schwarz. Zwar soll das AmigaOS ab Version 5 Speicherschutz erhalten und mit dem AmigaDE "verschmolzen" werden, hier stellt sich für mich nur die Frage nach dem "Wie?". Wir erinnern uns: Auch für das 68k-AmigaOS war vor einigen Jahren eine Memory-Protection-Software angekündigt worden, deren Realisierung sich schließlich als unmöglich erwies. Und die Verschmelzung zweier Betriebssysteme dürfte ebenfalls gravierende Probleme mit sich bringen.
Persönliches Fazit: AMIGA verfolgte vor St. Louis eine simple, aber geniale Idee: Man wollte mit dem AmigaDE ein Betriebssystem schaffen, das Plattformunabhängigkeit auf Binärebene bietet, also auf nahezu sämtlichen Prozessoren (und sogar gehostet unter fremden Betriebssystemen) lauffähig, aber dennoch schnell ist. Die jüngste Ankündigung eines PowerPC-AmigaOS, das irgendwann und irgendwie mit dem AmigaDE verschmolzen werden soll, klingt für mich alles andere als durchdacht und wirft einen Haufen Fragen bezüglich der Realisierung auf. Die Vergangenheit - und hier gerade das Beispiel BeOS, das mit Sicherheit kein schlechtes Produkt ist, und seit längerem sogar kostenlos abgegeben wird - hat gezeigt, dass sich ein Betriebssystem nur dann am Markt halten kann, wenn es wirklich einzigartige Features besitzt. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was das Besondere an dem nun geplanten PowerPC-AmigaOS ist.
Ob ich weiterhin an einen »Neuen Amiga« glauben kann, hängt somit maßgeblich davon ab, ob das AmigaDE so verwirklicht werden wird, wie es ursprünglich geplant war. Wenn das nicht der Fall ist, und das AmigaDE lediglich als ein Content-Lieferant für PDAs und Handies, nicht aber als ein skalierbares, plattformunabhängiges Betriebssystem realisiert wird, werde ich mein Amiga-Engagement über kurz oder lang überdenken müssen. Denn ohne eine Zukunftsperspektive fehlt mir nun mal jegliche Motivation.
Viele Grüße,
euer
Carsten Schröder