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»Ich habe die (bisher) zwei Artikel über das OS3.9 in AMIGA aktuell gelesen und war sehr erstaunt über die ganz offensichtlich vorhandene Kurzsichtigkeit 'erfahrener' Amiga-Anwender. In einem Artikel ist ständig die Rede von OS3.5 + Shareware-Sammlung, und überhaupt, andere Programme wären viel besser gewesen und hätten stattdessen in OS3.9 übernommen werden sollen usw.
Merkwürdig, irgendwie widerspricht sich der Autor selbst. Die 'Shareware- Sammlung' wird als Versuch gedeutet 'die Kunden hinters Licht zu führen' und im gleichen Atemzug werden andere (Share- oder Freeware-) Programme zur Aufnahme in das neue AmigaOS gefordert.
Ich konnte auch die (technischen) Kritikpunkte nicht so richtig nachvollziehen. Das OS3.9 ist doch wohl als Betriebssystem 'für alle' gedacht, nicht nur für Spezialisten, die die für sie notwendigen Funktionen entweder durch andere (Share- oder Freeware-) Programme erhalten oder diese Funktionen gar selbst für sich programmieren können. Unter diesem Gesichtspunkt ist z.B. die Kritik an 'PlayCD' in keiner Weise gerechtfertigt. Dabei wurde z.B. geflissentlich übersehen, daß 'PlayCD' durchaus neue (aber verborgen arbeitende) Funktionen besitzt. Hat sich denn keiner gewundert, daß man PlayCD einfach so starten kann, und eine im CD- ROM-Laufwerk befindliche CD sofort abgespielt werden kann? 'PlayCD' versucht nämlich von sich aus, ein CD-ROM-Laufwerk im System zu finden und benutzt im Erfolgsfalle dieses automatisch. Ach ja, so etwas ist bei anderen CD-Player-Programmen ja Standard, habe ich vergessen ;).
Ernsthaft: Ich bin der Meinung, daß viele Kommentare losgelassen werden, ohne sich gründlich mit der behandelten Materie (und vor allem dem Amiga-Markt) zu beschäftigen. Ich finde das schade, da gerade der Amiga-Markt extrem empfindlich auf negative Kommentare und Kritiken jedweder Art reagiert. Dieses Verhalten der 'Amiga-Gemeinde' insgesamt (so langsam geht mir das mit der 'Gemeinde' auf den Nerv!) hat den Markt leider dahin gebracht, wo er sich zur Zeit befindet: Ganz nahe am Boden!
Aber um wieder zum Thema zu kommen: OS 3.9 wird ganz eindeutig verkannt! Es war eine mehr als reife Leistung, innerhalb der sehr kurzen Entwicklungszeit so viel auf die Beine zu stellen! Es wird zum Beispiel immer wieder übersehen, daß die 'eingekauften' Shareware-Programme durchaus nicht dem entsprechen, was man im Aminet findet! Man darf davon ausgehen, daß gerade diese Programme eine teilweise sehr gründliche Überarbeitung erfahren haben, da sie mit Sicherheit in den Beta-Test des OS3.9 einbezogen wurden. Das hat Jürgen Haage auf der WOA 2000 auch mehrfach betont!
Sicher, die Fehler bei der Erstellung der CD sind sehr peinlich, aber auch verzeihlich. Man bedenke: Andere Betriebssysteme haben eine wesentlich größere Entwickler-Crew hinter sich, die sich dazu auch noch voll auf ihr Projekt konzentrieren kann! H&P hat, als Firma, die sich beinahe ausschließlich mit dem Amiga beschäftigt, mit Sicherheit ähnliche Sorgen, wie jede andere Firma, die sich stark auf Amiga konzentriert. Es fehlen ganz einfach die Resourcen, sich 100 oder mehr Leute zu besorgen, die sich ausschliesslich mit der Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des AmigaOS beschäftigen. Trotzdem bin ich mir sicher, daß die Fehler der CD kostengünstig oder vielleicht kostenlos behoben werden.
Unter diesem Blickwinkel wird eine andere, unvermutete Eigenschaft des OS3.9 sichtbar: Es ist ein Produkt, daß von Enthusiasten für Entusiasten erstellt wurde, mit der Aussicht auf sehr mageren finanziellen Erfolg. Frage an die Leser dort draußen: Würden sie so etwas machen? Arbeit in etwas zu investieren, daß ihnen wenig bis gar kein Geld einbringt? Ich wette, 95% der Leser würden müde lächelnd abwinken und sich mit etwas lukrativerem beschäftigen.
Nichtsdestotrotz möchte mir jetzt die aktuellen Kritiken vornehmen. Die negativen Seiten (aus Sicht bestimmter Anwender) sind ja nun reichlich vertreten. Die Betrachtung der positiven Seiten möchte ich zu meiner Aufgabe machen und das OS3.9 aus der Sicht des 'Otto-Normal-Users' beleuchten:
Installation: Wer einen Amiga ohne IDE-Spielzeug-Kontroller besitzt, war schon immer auf der sicheren Seite. IDE-Fix (auch in der Express-Variante) wird nun automatisch erkannt und bei der Erstellung der Notfall-Diskette in Rechnung gezogen (Ja, man hat aus Fehlern gelernt! It's not a feature, it's a bug! Würde MS so etwas jemals zugeben?). Bei anderen Kontrollern gibt es immer noch Probleme. Das ist schade, hat aber technische Gründe, die nicht so leicht zu umschiffen sind. Man betrachte sich dazu den Amiga-Magazin- Artikel 'Und es läuft doch!' von Martin Steigerwald, zu finden auf der HP des Amiga-Magazins.
Davon abgesehen: Einlegen, installieren, läuft! Ich habe als Versuch meinen furchtbar aufgemotzten 4000er (nahezu Vollausstattung) ohne Erstellung der ND auf 3.9 umgestellt, man höre und staune: Er bootete sofort, schneller als vorher und er läuft um Längen stabiler als noch unter 3.1! Wäre der inkompatible WarpGIF-Datatype nicht gewesen, hätte sogar wirklich ALLES auf Anhieb funktioniert (AnimatedIcon tat deswegen seinen Dienst nicht. Nach Installation des Standard-GIF-Datatypes war alles bestens). Das allerschönste: Die Fehler der CD machten sich in keinster Weise bemerkbar.
Die Multimedia-Programme: Warum Amplifier und nicht AmigaAMP in das OS3.9 aufgenommen wurde, dürfte klar sein, wenn man Thomas Wenzels Kommentare zum OS3.9 liest. Er wollte es nicht, findet, OS3.9 sei überflüssig, alles andere wäre besser gewesen und damit basta! Warum er zu dieser Ansicht kommt, ist mir unklar, da ich ihn dazu noch nicht persönlich befragt habe, er wird aber seine Gründe haben. Fakt ist aber, der Amiga hat seinen offiziellen (und durchaus nicht schlechteren!) MP3-Player. Er läuft auf meinem Rechner etwas stabiler als AmigaAMP und macht auch sonst eine gute Figur. Wer auf AmigaAMP besteht, kann dieses jedoch ohne Einschränkungen nutzen, das OS3.9 schreibt nicht vor, welches Programm man zum Abspielen von MP3 zu benutzen hat.
Das man MooVId als AVI/QT-Player genommen hat, ist durchaus nicht negativ. Er spielt sehr zuverlässig und vor allen Dingen SCHNELL, auch auf kleineren Systemen. Das die PPC-Version keinen Einzug ins OS gehalten hat, dürfte tatsächlich am Author liegen, ist aber nachvollziehbar. Der gute Mann muß von irgendetwas die Lizenzgebühren für den Intel Indeo-Codec bezahlen, der nun mal auch in der Freeware-Fassung von MooVId NICHT enthalten ist. Hätten mehr Benutzer registriert, sähe das vielleicht anders aus. Schade, aber verständlich!
Der MPEG-Player: Ernsthaft: Hat jemand Spaß daran, sich MPEG-Filme auf 68k-Rechnern anzusehen? Ich glaube, die wenigsten haben daran Vergnügen. Man sollte bedenken, daß die Anzahl derer, die eine PPC-Karte ihr Eigen nennen dürfen, ziemlich klein ist. Daher kommt es wohl auch, das kein MPEG-Player Einzug gehalten hat. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß es einiges an Überredungskunst bedarf, den Author eines derartigen Programms dazu zu bringen, sein Produkt ins AmigaOS zu integrieren. Ich denke da vor allem an M. Roslund, der den meiner Meinung nach einzig brauchbaren MPEG-Player auf die Beine gestellt hat. Er wollte vielleicht nicht (vielleicht hat auch keiner danach gefragt), was zwar schade ist, aber im Moment halt nicht zu ändern. Sollte sich jemand bereit erklären, einen Player zu schreiben, der alle genannten Kritikpunkte aufhebt, so sollte er sich vielleicht mal mit H&P in Verbindung setzen. Reich wird er dabei aber wohl eher nicht...
AmiDock: Ja, es ist nur eine Startleiste und hat nicht die Möglichkeiten von TD, aber es ist SEHR konsequent in seinem Funktionsumfang. Es startet Programme, öffnet Verzeichnisse und leitet Dateien an die im Dock enthaltenen Programme weiter. Mehr SOLLTE es nach meiner Meinung gar nicht können, da es anscheinend für die Leute gedacht ist, die sich nicht mit sechzehntausend Funktionen rumschlagen wollen, die mit der eigentlichen Intention des Programms wiederum kaum etwas zu tun haben. Ich kann damit jedenfalls prima leben und nutze es täglich. Endlich keine Konfigurations- Orgie mehr...
VincED: Hier stört mich eigentlich nur, das wiederholt darauf verwiesen wird, das die Programmierer des OS3.9 auf das Aminet hätten zurückgreifen *müssen*. Eins scheint, bei aller berechtigter Kritik an diesem Vorgehen, nicht ganz klar zu sein: Diese Komponenten, die, in etwas anderer Fassung, auch mal im Aminet zu finden waren, sind seit OS3.9 BESTANDTEIL des Betriebssystems. Das bedeutet, daß sie ab jetzt in den (hoffentlich) folgenden Versionen des AmigaOS enthalten sein werden. Geht AmigaOS in Richtung PPC, so gilt das dann auch für diese Bestandteile des AmigaOS (natürlich wieder abhängig von den Konditionen, die mit den Programmierern vereinbart wurden, ein kleiner Malus, möglicherweise. Das gilt aber nur dann, wenn einer der Beteiligten sein Einverständnis zur Integration seines Werkes ins AmigaOS wieder zurückziehen kann). Das wünschen sich wahrscheinlich viele PPC-Besitzer (und auch die anderen). Ich denke, das ist eher positiv zu bewerten.
UnARC: Die Kritik ist hier berechtigt. Aber wer weiss, vielleicht kommt das noch? Möglicherweise hat einfach die Zeit nicht gereicht, um PPC-Support nachzurüsten? Abgesehen davon, wenn es nur so einfach wäre: Einfach den Quelltext nehmen und für WarpOS noch einmal kompilieren... das ist sachlich unzutreffende Kritik, schade. Aber das scheint ein generelles Problem des Journalismus im Bereich Amiga zu sein: Unzureichende Recherche. Darüber sollten sich alle einmal Gedanken machen, finde ich...
Contributions: Äh, was heißt 'Contributions' denn eigentlich? Nun, laut Langenscheidt bedeutet es im allgemeinen soviel wie 'Beitrag (zu etwas)'. Fein, was bedeutet das für OS3.9? Da wollte jemand etwas zum OS beitragen, nützlich oder weniger nützlich, wertvoll oder weniger wertvoll, das liegt im Auge des Betrachters. Wenn ich mir die Beigaben so anschaue, sehe ich wieder etwas, das für die Leute gedacht ist, die NICHT schon alles haben. In sofern also ein netter Zug, z.B. so manchem Benutzer den Download eines 25MB großen Trailers im AVI-Format zu ersparen.
Sicher, das hat die CD auf 470 MB 'aufgeblasen' ('tschuldigung, ich muss lachen ;) ). Spielt das irgendeine Rolle bei 650 MB Platz (nach Standard)? Da die Contributions 370 MB groß sind, darf man die restlichen 100MB wohl zum OS zählen? Kann sich noch jemand erinnern, wieviel Platz OS3.1 benötigte? Ja? Prima. Dann fällt es wohl jedem ins Auge, daß es prinzipiell Unsinn wäre, eine mit gerade Mal 100MB gefüllte CD ohne Beigaben herauszubringen, vor allem wenn man bedenkt, das eventuelle weitere, neue Funktionen des AmigaOS wohl höchstens 3-4MB mehr gebracht hätten. Darum beneidet man das AmigaOS doch insgeheim: Es ist SEHR genügsam, was den Platzbedarf betrifft.
Also ein paar nette Zugaben auf die CD, eben für die Leute, die noch nicht alles haben, und alles ist prima. Wer es gebrauchen kann, gebraucht es, wer das alles schon hat, läßt es. Wo liegt das Problem? Will etwa ernsthaft jemand ein Betriebssystem, das in der Vollinstallation über 600 MB Platz auf der Festplatte beansprucht? Kann er haben, man nehme Windows 2000 und der Frau (oder dem Mann) ist geholfen. Viel Spaß damit.
Leider zeigt dieser Kritikpunkt nur, das viele fortgeschrittene Benutzer meist nur an sich selbst denken. Bei manchen Programmierern merkt man das leider auch an deren Programmen. Schade, ein wenig mehr Rücksicht auf die nicht so versierten Benutzer stünde manchem Programm (und auch Kritiker) gut zu Gesicht. Ich kann daher nicht verstehen, das 'nette Beigaben' und voll funktionstüchtige Programme, die dereinst (und auch heute noch) im Aminet erhältlich waren, nicht fester Bestandteil eines Betriebssystem- Updates sein sollen.
Verständnis für diese Kritik fehlt mir erst recht, wenn ich bedenke, daß man manche der neuerdings zum OS gehörenden Programme nun einmal NICHT für lau aus dem Aminet beziehen kann. Ich kann nur wiederholen: Für die, die schon alles haben, mag das überflüssig sein (sind Verbesserungen, die die Aminet-Version der Programme nicht haben, auch überflüssig?), aber was ist mit denen, die das alles nicht haben? Das nicht mit einzubeziehen ist wirklich sehr kurz gedacht...
Die Puristen: Manchmal habe ich das Gefühl, das einige der 'Puristen' das Wort 'Pur' in Bezug auf Ihren Amiga etwas ZU ernst nehmen. Sicher ist es ein berechtigter Kritikpunkt, daß z.B. die neuen def_icons mehr Platz einnehmen und bei sehr mager ausgestatteten Systemen zu Speichermangel führen. Nun, hier zeigt sich ein Dilemma: Was soll mit einer neuen Betriebssystem-Version unterstützt werden? Moderne, aufgerüstete Systeme, die ein vernünftiges Arbeiten auch mit neueren Entwicklungen wie MP3 etc. zulassen, oder die, seit 1992 nun einmal hoffnungslos veralteteten, Nur-AGA-Systeme mit einem 68020/14,28 MHz-Prozessor? Ja, Grafikkarten sind für den Amiga unverschämt teuer, aber Speicher nicht (kostet für den PC das gleiche).
Manche Patches, die ein Verlegen der Piktogramme ins Fast-Ram erlauben, kollidieren mit uralten Programmen. Sicher ist das ein Problem, aber das ist mit einer neuen Betriebssystem-Version nicht zu lösen, sondern nur mit einem neuen Programm (die Rede ist von DeluxePaint, wahrlich ein Oldtimer, und leider auch in keinster Weise systemkonform geschrieben).
Für diese Anwender habe ich nur einen Rat: Werdet wenigstens ein klein wenig moderner. Kauft ein neueres Programm (oder nutzt eins aus dem Freeware-Bereich), kauft ein wenig Speicher und die Probleme sind Schnee von gestern. Vielleicht wäre ja doch einmal Zeit für eine Grafikkarte? Dann kauft eine! Als schöner Nebeneffekt helft Ihr damit den Amiga-Firmen, am Leben zu bleiben. Damit wäre allen gedient.
Ich hoffe, diese Kritik an der Kritik hat dabei geholfen, die ganze Sache mal aus der Sicht der Anwender zu sehen, die wirklich froh darüber sind, endlich einmal alles, was man sonst nur mit dem PC machen konnte, ohne großen Aufwand mit Ihrem Amiga machen zu können.
Ich bleibe jedenfalls beim AmigaOS 3.9 und werde auch dem OS3.9 folgende Versionen genau betrachten und kaufen. Allein schon, um den arg angeschlagenen Amiga-Markt etwas zu stützen...
Wolfgang Hosemann <whose@gmx.de>
P.S.: Hat eigentlich jemand die diversen Artikel gelesen, in denen von einem BoingBag für OS 3.9 gesprochen wurde? Die Kritiker wohl nicht, sonst wären viele Punkte zwar zur Zeit noch berechtigt (mit dem BB vielleicht nicht mehr) aber einer wäre ganz gewiß nie erwähnt worden: Das manch einer den Eindruck gewinnen könnte, OS3.9 wäre nur ein geschickter Marketing- Trick, um wieder Geld in die Kassen zu bekommen. Bisher haben die BoingBags nichts gekostet (außer Download-Zeit, in Zeiten von 56K-Modems bei einer durchschnittlichen Größe der Dateien von etwas über 1MB nicht erwähnenswert), und ich denke, das wird auch so bleiben.
Ob die Zeit der Entwickler, die an den Verbesserungen arbeiten, wohl auch nichts kostet?«