Adrenalin Teil 1 by Silvio ...
Adrenalin (Thriller)
Teil 1
by
» Silvio «
Den ganzen Tag Schweinehälften durch einen Schlachthof schleppen. Herrgott
noch mal, dachte Sal, soweit waren sie jetzt also. Und jetzt spül den Dreck
des Tages mit ein paar Bier hinunter. Wenn man das Glas in die Hand nahm,
roch man das tote Fleisch der Tiere, der Geruch war nicht wegzukriegen, da
konnte man die Hände abhacken, und der Arm würde noch danach stinken.
Irgendein Schwachkopf hatte ihnen mal erzählt, das wär der beste Laden der
Stadt. Er und Moses hatten ihn sich angesehen, was erzählte er da, der bes-
te Laden für was? Trotzdem kamen sie jeden Tag nach der Arbeit her und
blieben bis zum Schluß.
Es war noch früh, es trieben sich nur die üblichen Gestalten herum, die
schon ab Mittag hier waren, später würde sich die Bar füllen, aber was än-
derte das schon, die Schweine galoppierten dann immer noch hinter einem
her. Erst wenn der dann wieder Stühle umdrehte und ihn und Moses mit dem
Besen auf die Straße kehrte, da gings wieder ein bißchen, wenigstens hatten
dann die Ochsen aufgehört, in seinem Kopf herumzubrüllen.
"Scheiße, Moses, ich hab' es satt! Das war mein letzter Tag heut', ich geh'
da nicht mehr hin, riech doch mal an deinen Händen, das hältst du doch nicht
aus", beschwerte sich Sal.
"Hmm", machte Moses und nahm einen Schluck Bier, es war schon lau.
"Interessiert dich nicht, oder? Du magst wohl tote Schweine?"
"Ich mag sie nicht, Sal, aber ich fürchte, sie mögen mich, heut' hat mich
so ein totes Vieh ganz verliebt angeguckt, ich schwörs."
"Moses, geh' mir nicht auf die Eier mit so was!"
"Trink dein Bier", sagte Moses, "und laß mich in Ruh', wenn du wieder mal
deine Tage hast."
Sal sah den Barkeeper hinterm Tresen an. Er schien eingeschlafen zu sein,
er hatte nicht mal die Kassette umgedreht.
"Komm, wir hauen ab von hier", sagte Sal.
"Wohin denn?" seufzte Moses, "wir sind gerade mal ein paar Wochen hier.
"Wohin, wohin? Darum geht's doch gar nicht!" schnauzte Sal ihn an.
"Ist das wieder dieser Wir-hauen-ab-Quatsch?"
"Du bist schon genauso tot wie die Schweine, die du durch die Gegend
schleifst, Moses!"
"Mann, Sal, hier oder woanders, ist doch immer dasselbe, aber wenn du unbe-
dingt meinst ..."
Sal sah sich um. Es war kein Spaß, aber wenn mans genau nahm, war's auch nur
ein Job. Die Idee war riskant, aber viel verlieren konnten sie da bei auch
nicht, ein Spiel, ihre Karten waren gar nicht mal schlecht, jetzt oder nie,
man hatte nicht ewig Kraft, die Dinge nochmal in die Hand zu nehmen. Ihr Mann
war bereits da, er hatte die zwei Frauen dabei und schien etwas zu feiern.
Worauf sollte er noch warten, überlegte Sal. Daß ein Schwein anfing, ihm
Gold vor die Füße zu kotzen? Er wandte sich wieder Moses zu, der vor sich
hin starrte.
"Siehst du den Kerl da hinten, links eine, rechts eine?" fragte Sal. Moses
schaute hinüber und sah direkt hin.
"Zuhälter mit zwei Hühnern", meinte er.
"Schon möglich", murmelte Sal und zählte ein paar Münzen ab. Er drückte die
Zigarette aus und konzentrierte sich auf den Barkeeper, der mit halbge-
schlossenen Augen an der Wand hinterm Tresen lehnte. Vielleicht wollte der
manches auch nicht so genau sehen.
"Der wird bald pissen gehen", sagte Sal so vor sich hin.
"Wer, der Flaschenknecht?" wollte Moses wissen.
"Der Typ mit den Mädchen natürlich, der schüttet ganz schön in sich hinein!"
Der Barkeeper schien aufzuwachen. Er gab sich einen Ruck und schlurfte her-
über.
Sal zahlte, er gab ihm ein großzügiges Trinkgeld, der andere strich es ein,
warf ihm einen Blick zu, leer, tot, nicht das geringste war darin, stellte
sich wieder an seinen Platz bei den Flaschen und brachte seine Augenlider
zurück auf halbmast.
Sal trank sein Glas aus, stand auf und ging Richtung Toiletten. Moses blik-
kte zu dem Tisch hinüber. Die beiden Frauen sahen gelangweilt aus, aber der
Mann schien seinen Spaß zu haben, er redete ununterbrochen, lachte immer
wieder laut auf und trank wie ein Loch, gerade hatte er eine neue Flasche
geordert, der Besitzer selbst brachte sie ihm. Der Mann war richtig gut, wie
kam Sal auf den? Ziemlich schwer gebaut, und er sah gemein aus, da mußte man
ganz schön schnell sein, bei so einem, am Ende lohnte es sich nicht mal. Sal
hatte überhaupt nichts mehr gesagt, verdammt, was war denn jetzt, machten
sie es oder machten sie es nicht? Einer hatte sich erinnert, daß es da ir-
gendwo ein Tapedeck gab, und legte wieder eine Kassette ein. Er hätte es
besser gelassen, dachte Moses, als er das Lied hörte.
Sal war schon eine ganze Weile weg und nicht mehr aufgetaucht, da erhob
der zwischen den Frauen sich umständlich vom Tisch. Er packte die jüngere
am Genick und sagte etwas zu ihr. Moses konnte es nicht hören, aber das
Mädchen machte ein Gesicht, als kaute es Seife. Dann schlurfte der Mann
mit schweren Schritten in die Richtung, in der Sal verschwunden war. Als
er um eine Ecke bog, konnte man sein Gesicht kurz von vorne sehen. Du
liebe Zeit, ganz der falsche Mann für die Tour, hoffentlich hat Sal sich
was dabei gedacht, überlegte Moses. Der dachte sich zwar bei allem, was
er tat, irgendwas. Das war gut, brauchte man nicht selbst so viel denken,
aber bei dem, huh, wenn er sich mal nicht das Falsche dachte.
Sal war durch einen Gang, der um drei Ecken rum zu den Toiletten führte,
gegangen und hatte sich im Gehen eine Zigarette angemacht, kein Zug
schmeckte, aber das war nicht neu. Er fühlte sich flau und ein bißchen
weich in den Knien, versuchte nicht weiter darauf zu achten. In der Toi-
lette angekommen, machte er das Fenster auf. Es führte auf einen Hinter-
hof. Der hereindringende Geruch verriet ihm, daß direkt unter dem Fen-
ster Mülleimer stehen mußten. Rochen auch nicht schlechter, als was er
schon kannte, da würden sie dann rausgehen, durch den Hof, und schwupp
wären sie auf der Straße. Es gab drei Pissoirbecken in einer Reihe und
seitlich dazu zwei Kabinen. Sal ging sicher, daß er allein war, und setz-
te sich in einer davon auf den Toilettendeckel. Was er brauchte, hatte er
sich auf dem Schlachthof besorgt. Er zog eine Rolle Tape aus der Tasche
und riß lange Streifen ab, die er mit einem Ende an die Wand klebte. Er
prüfte die Verriegelung der Kabinentür und probierte, ob sie von außen mit
einer Messerklinge zu verschließen war. Er war zu nervös, da gings um
Millimeter, und so wichtig war das auch wieder nicht, daß der Mann dann
reinkommen mußte, und er hockte immer noch vor der Tür da. Er beschloß,
später von innen abzuschließen und über die Kabine zu klettern.
Er setzte sich wieder auf den Toilettendeckel und wartete. Auf einer Fliese
direkt neben seinem Kopf stand: »Wenn ich du wär, wär ich lieber ich.«
Die Minuten zogen sich hin wie Kaugummi. Das Warten war das schlimmste. Am
liebsten wäre er abgehauen, aber es war zu spät. Was du anfängst, ziehst du
durch und Ende. Er warf die Zigarette ins Klo, beschloß, das Rauchen aufzu-
geben, und machte sich eine neue an. Nach ein paar Zügen stand er auf, drehte
sich einmal im Kreis und setzte sich wieder hin. Er trampelte ein bißchen mit
den Füßen und ließ es wieder. Eine Ameise krabbelte zwischen seinen Schuhen
über die Kacheln, sie lief im Zickzack hin und her und konnte sich nicht
entscheiden, wohin. Sal setzte ihr einen Fuß vor die Nase, sie entdeckte ihn
und rannte an der Sohle entlang, alle paar Zentimeter bieb sie stehen und
suchte einen Durchgang, schließlich war sie an der Schuhspitze angelangt,
tippelte zurück, wieder vor, dann wieder in eine andere Richtung, kehrte um
und schlug wieder Zickzackkurs ein. Sal nahm einen Zug und bombardierte sie
mit Asche, sie schlug einen Hacken, und das graue Leichtgeschoß verfehlte
sein Ziel. Sal hob den Fuß über die Ameise und senkte ihn langsam zu Boden.
Im letzten Moment überlegte er es sich. Zwei an einem Tag was draufgeben war
einfach zuviel. Die Ameise setzte unbeirrt ihren Weg fort und verschwand in
einer Rizze. Sal war wieder allein. Er studierte die Maserung der schlierigen
blaugrauen Fliesen und blies Rauch dagegen. Er versuchte ein paar Ringe, sie
mißlangen alle bis auf einen, er steckte seinen Finger durch, und der Ring
trieb nach oben und verschwand. Dann hörte er die Toilettentür aufgeben, ein
Rülpsen, ein paar schwere Schritte.
Sal stand vorsichtig auf, beugte sich vor und öffnete die angelehnten Tür
der Kabinen einen Spalt. Er sah einen Mann breitbeinig am mittleren Becken
stehen - ihren Mann!
Der fummelte an seiner Hose herum und ächzte ein bißchen, er hob die Hinter-
backen, dann schien er gefunden, wonach er gesucht hatte. Gutes Timing, der
Mann war allein. Als die Toilettentür wieder aufging und Moses herein kam,
machte es »Klick« in Sals Kopf, alles wurde schwarz-weiß, und die Dinge fin-
gen zu laufen an wie in einem Stummfilm, etwas zu schnell und ohne Ton.
Moses war leicht auf den Füßen und machte es schnell: ein paar lautlose
Schritte, dann packte er den Mann von hinten am Kragen und rammte ihm einen
Ellenbogencheck ans Ohr. Der Mann taumelte zur Seite, Urin lief ihm über die
Hose, Moses machte die Bewegung mit ein paar Sidesteps mit, griff sich den
Kopf des Mannes und stieß ihn mit dem Gesicht gegen die Wand. Der Mann
rutschte an den Fliesen entlang nach unten, Moses gab ihm einen Moment, bis
er tief genug war, dann riß er ihn an den Haaren nach hinten und zog das Knie
hoch, er traf ihn voll am Hinterkopf und ließ los. Der Mann stürtzte zu Boden.
Einen Moment lag er benommen da und stöhnte. Er hielt sich den Kopf, kam ein
Stück auf, dann schlug er brüllend um sich, ruderte mit den Armen umher und
versuchte ganz hochzukommen. Sal sprang aus der Kabine, mach te einen Schritt
nach vorn, wich einem Bein, dann einem Arm aus, schließlich stand er richtig
und trat den Mann mit dem Absatz an die Schläfe. Es gab ein lautes »Tock«. Der
Kopf des Mannes flog zur Seite, und der ganze Riesenkerl rollte unter die
Pissoirbecken in die Ablaufrinne und blieb regungslos liegen. Sal packte ihn
vorn. Moses hinten, und sie schleiften ihn in die Kabine. Er war groß und
schwer, sie mußten an die Schweinehälften denken. Sie keuchten, und es brach
ihnen der Schweiß aus. Als sie ihn endlich auf den Toilettendeckel gehievt
hatten war etwas zu Boden geklirrt.
Sal bückte sich, hob einen Bund Autoschlüssel auf, dann riß er die Tape-
streifen von der Wand und klebte den Mann am Spülkasten und an einem
Wasserrohr fest. Die vorbereiteten Streifen reich ten nicht, er holte die
Taperolle noch mal vor und zog Meter für Meter um den Mann. Plötzlich
hörten sie die Toilettentür gehen, ein paar Schritte, ein Reißverschluß,
sie hielten die Luft an, es plätscherte, ein feiner Strahl auf Porzellan.
Sie machten keinen Mucks, es plätscherte eine ganze Weile, Sal wagte nicht
zu atmen, dann ein »Aaah«, wieder der Reißverschluß, die Schritte, die
Tür, und sie waren wieder alleine mit ihrem Mann. Moses ging weiter durch
seine Taschen, fand ein silberes Feuerzeug in Form eines Indianerkopfes
und förderte haufenweise lose Geldscheine hervor. Sal schnappte nach Luft,
er hatte kein bißchen geatmet, er pappte dem Mann noch den Mund zu, dann
schob er Moses raus. Er verschloß die Tür von innen, nahm ein Knie des
Mannes und die Türklinke als Steighilfe und schwang sich über den Rahmen
der Kabine.
"So, jetzt aber raus hier!" schnaufte Sal, als er auf der anderen Seite
wieder runterkam, Moses mußte ihn halten, er wär` beinahe hingeflogen
auf dem schmierigen Boden. Er zog die Autoschlüssel des Mannes aus der
Tasche und hielt sie Moses unter die Nase.
"Wir nehmen den Wagen", sagte er, "ich hab` die Schlüssel!" Moses nahm
sie ihm ab, sah sich das Emblem an und wog Bund in der Hand, ein breites
Grinsen kam in sein Gesicht. Sal stieg inzwischen auf ein Pissoirbecken,
um aus dem Fenster zu klettern, aber Moses packte ihn an der Schulter und
hielt ihn zurück.
"Easy, Freund, Wagenbesitzer gehen vorne raus." Er grinste Sal an. Bevor
der etwas sagen konnte, hatte Moses sich schon umgedreht und schlurfte
zur Tür hinaus.
So was von bekloppt!, dachte Sal, was ist der, Mister Unsichtbar? Er
sprang wieder vom Becken runter und ging ihm nach. Als er Moses einge
holt hatte, kamen sie gerade an dem Tisch vorbei, an dem der Mann ge-
sessen hatte. Die beiden Frauen saßen noch da, einen Champagnerkübel vor
sich, sie schauten auf, Moses blieb unvermittelt stehen, und Sal wäre
beinahe auf ihn draufgerumpelt.
"Wir haben mit eurem Boß die Gehaltsfrage diskutiert", sagte Moses zu
den Frauen, von denen die eine nicht mehr ganz jung aussah.
"Er war unserer Meinung, ihr habt euch `ne Zulage verdient!" Er zog ein
Knäuel Scheine aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Die Frauen
glotzten ihn an. Warum in alles in der Welt, fragte sich Sal, hatten sie
nicht gleich Visitenkarten neben die Klospülung gelegt? In dem Kübel
stand die Flasche, Moses nahm sich ein Glas, schenkte es voll und goß es
in einem Zug in den Hals.
"Wo ist Frank?" fragte die Jüngere der beiden. Sal stellte fest, daß sie
einen unglaublichen Mund hatte, starrte sie an und entschied, sie war
der Typ, der einen erst auf den zweiten Blick umhaute, dann aber rich-
tig.
"Er meditiert, ihr sollt nicht auf ihn warten."
Moses grinste. Die Junge schien langsam zu kapieren. Sie sah die Ältere
an und fragte: "Was sind das denn für Clowns, Carmen?"
Die Ältere zuckte mit den Achseln, ihr Gesicht wirkte müde und ange-
spannt zur selben Zeit, sie sah keinen der beiden an und sagte nichts.
"Ihr müßt total bekloppt sein!" sagte die Jüngere.
Es klang ein bißchen amüsiert; wenn sie tatsächlich verstanden hatte,
was passiert war, zumindest ungefähr schien sie es vielleicht nicht für
eine gute Idee, aber vielleicht auch nicht für einen Fehler zu halten.
Sal beobachtete die beiden Frauen und dachte daran, daß er das Fenster
hatte nehmen wollen. Die Ältere starrte ausdrucksvoll vor sich hin, aber
die andere begann, von einem Ohr zum anderen zu grinsen, sie trug ein
Sommerkleid und hatte wirklich einen unglaublichen Mund.
Was macht so ein Mädchen bei so einem Kerl? fragte sich Sal, verdammt
schade so was. Sie war ihm gar nicht aufgefallen, vorher, er hatte nur
den Mann gesehen, wenn überhaupt, aber das Mädchen hätte einen längeren
Blick gelohnt, das war jetzt weiß Gott nicht der Zeitpunkt, aber er hät-
te sich gerne zu ihr gesetzt und ein bißchen geredet und was getrunken.
Sie war dünn, aber strahlte was aus, genau die richtige Dosis, in der
Schulzeit hatte er oft nicht geschlafen wegen so einem Mund und den Au-
gen und dem ganzen Rest. Oder dann seitenweise immer den gleichen Namen
gekritzelt. Die Zeiten waren vorbei, wie vieles andere auch, man hätte
sie eher treffen sollen. Dann fiel ihm ein, daß es nun doch langsam Zeit
wurde. Er packte Moses, der immer noch seinen Spaß zu haben schien, und
zog ihn nach draußen.
"Hey, Sal!" Moses hatte den Wagen entdeckt, der auf der anderen Straßensei-
te stand.
"Was meinst du, könnte er sein?" Sal blickte hinüber.
Ein riesiger offener Wagen stand dort, Reifen breit wie ein Faß Bier,
quietschrosa lackiert, mit hellblauen Streifen an den Seiten.
Die Art Maschinenblau, die es heute gar nicht mehr gibt: Platz, Verschwen-
dung in allen Ecken. Auf der Motorhaube konnte man eine Party feiern, im
Kofferraum die Bar für fünfzig Leute, die mehr als nur eben Durst haben, und
hinterher zehn davon heimfahren, ohne das es eng wurde. Moses pfiff durch
die Zähne, sagte "let`s boogie!" und ging los. Sal sprang ihm nach, nahm
die Schlüssel aus der Hand, ein gewisses Maß an Kontrolle war jetzt notwen-
dig. Am Ende wollte Moses noch ins Autokino oder sonstwohin. Die Show mit
den Mädchen war gut, aber eine Überraschung pro Abend reichte vollkommen.
Sal sperrte die Tür auf, sie schwenkte zur Seite wie in Butter gelagert, die
Schlüssel paßten. Er klemmte sich hinters Steuer. Eine Couch war ein harter
Ort gegen diese Dinger aus Leder, die gerade »schchch« gemacht hatten, als
sein Hintern da reingeplumpst war.
Als er den Schlüssel drehte, dachte er an das Gebrüllen der Ochsen im
Schlachthof, nicht ganz so laut, dafür schöner. Sal brachte die Ma-
schine auf Touren. Die Endrohre gaben ihm ein dumpfes Grollen zurück.
Er liebte so was. Er begann gerade, sich ein wenig zu entspannen und
aus der Parklücke zu rollen, als die mit dem unglaublichen Mund aus
der Kneipe stürtzte und auf den Wagen zulief. Sie segelte aus der Tür,
trotz ihrer hohen Schuhe wie ein Schwan, sie bewegte sich ziemlich
schnell, nur über den Bordstein runter kam sie ein wenig ins Rudern.
"Hey, nehmt mich mit!" schrie sie, "ich bin euer Glücksbringer!"
Das werden wir sehen, dachte Sal, als Moses den Arm raustreckte, das
Mädchen einfach packte und es an Bord zog.
"Gib Gas", sagte Moses und warf eienen langen Blick auf ihre Brüste,
die direkt vor seinem Gesicht hingen.
Die Ältere, Carmen, sah abwechselnd den Champagnerkübel und das Knäuel
Geld vor sich an und überlegte, wieviel Schweiß und Dreck in diesen
Scheinen steckte. Eine ganze Menge, das wußte sie. Denn es war ein mal
auch ihr Schweiß gewesen, und die Farbe des Drecks hatte sich in zwi-
schen nicht groß verändert. Es war zwar nur noch Frank, den sie ertra-
gen mußte, wann immer er wollte, aber das war immer noch mehr, als sie
auszuhalten bereit war. Sie nahm sich die Flasche, und als es über das
Glas schäumte, verzog sie den Mund und steckte abwesend das Geld ein.
Sie sah zur Tür und dachte daran, wie jung das Mädchen war, das eben
noch mit ihr am Tisch gesessen hatte. Sie beschloß, noch ein oder zwei
Zigaretten zu rauchen, bevor sie nach Frank sehen würde. Sie kniff die
Augen ein bißchen zusammen. Daß der meditierte, war neu. Sie trank ei-
nen Schluck und lächelte ein wenig, da durfte man ihn nicht gleich stö-
ren ...
Sal fühlte beinahe nichts, oder es war ihm egal, was er fühlte. Er
machte einfach weiter, lenkte den Wagen auf die vierspurige Haupt-
straße, die durch das Geschäftsviertel führte, und trieb im Verkehr
mit. Soweit er wußte, war das der kürzeste Weg aus der Stadt. Das Mä-
dchen aus der Bar war inzwischen nach hinten geklettert und ließ die
Haare im Wind flattern. Sal fuhr nur wenig über der vorgeschriebenen
Geschwindigkeit, sie schwammen inmitten anderer Autos durch grelle
Lichstreifen, bunte Neonblitze, an hell erleuchteten Läden und Restau-
rants vorbei. Auf den Gehsteigen wogten Gesichetr, Arme und Beine vor-
über. Es war die Zeit, zu der man mit seiner Verabredung ins Kino oder
mit der geschiedenen Frau zum Essen ging.
An einer Ampel zupfte ein kleiner Junge seinen Vater am Ärmel und
streckte seinen Arm in ihre Richtung, leuchtende Augen, eine bunte Kap-
pe mit Schirm, kein Jahr in der Schule, kannte aber alle Autos. Moses
grinste dem Kleinen zu.
Sal behielt die Ampel im Auge, sie standen inmitten von Reihen anderer
Fahrzeuge. Es war grün, und Sal fuhr wieder an. Er blickte in den Rück-
spiegel, mittendrin saß das Mädchen, hielt den Kopf in die Nacht, war
einfach da, blickte mal nach links, mal nsch rechts, nichts weiter.
Sie hätte die Cousine sein können, die man gerade mal zum Essen aus-
führt.
Seit Moses hinter dem Mann aufgetaucht war, liefen die Bilder einfach
ab, inzwischen waren sie wieder farbig, aber ob schwarz-weiß oder bunt,
das war Sal schnurzegal, sie fuhren erster Klasse ohne Ticket. Er war we-
der ruhig, noch nervös, sie fuhren eben durch die Stadt, man mußte ein
bißchen aufpassen, sonst nichts.
Er behielt den Verkehr im Auge und warf immer wieder prüfende Blicke nach
hinten, ob ihnen jemand folgte. Verdammt, da war etwas gewesen, ein paar
Wagen hinter ihnen, das kannte man, aber man mochte es nicht unbedingt,
und jetzt schon gar nicht. Sal entdeckte den Dachaufbau eines Polizei-
wagens, die Bilder fingen an, wieder schneller zu laufen, die Lichter um
sie herum bekamen etwas Gemeines, Kaltes. Herrgott noch mal, gib Gas und
hau ab! schoß es Sal durch den Kopf. Um die nächste Ecke rum und los, das
gibts doch nicht, daß das hier schon endet, meine Güte, sie hatten erst
angefangen, Scheiße! Sal warf immer kurze Blicke in den Spiegel, einen
Augenblick dachte er, der Streifenwagen wäre abgebogen, er konnte ihn
nicht mehr entdecken. Huh, du liebe Zeit - dann tauchte er wieder auf, er
war sogar näher gekommen und fuhr jetzt auf der Spur neben ihnen, vier
Wagenlängen zurück.
Sal atmetete durch, bau keinen Mist, haben die ihr Blaulicht an, oder
hörst du eine verdammte Sirene? Nein, gar nichts haben sie, fahren ganz
normal durch die Stadt, wie alle anderen auch, kein Grund, sich verrückt
zu machen, ganz cool!
Moses achtete auf gar nichts, ließ den Arm über Bord hängen und sah den
Mädchen nach, die in ihren kurzen Fummeln ihre langen Beine zeigten, das
waren die Abende, an denen man gerne durch die Gegend schlenderte und
seine Augen wandern ließ. Sal konzentrierte sich auf die Straße, versuch
den Streifenwagen zu vergessen, dachte er, knapp dreißig Meter vor ihm
schaltete eine Ampel gerade auf Gelb, nicht übertreiben jetzt, der Wa-
gen links von ihm gab Gas und huschte noch über die Kreuzung. Sal hatte
sanft abgebremst und stand vor dem weißen Strich. Da bleib ich, ganz cool.
Die Fußgänger setzten sich in Bewegung, ein ganzer Pulk, heut schien der
Abend zu sein, vergnügungssüchtig wie sonstwas liefen die rum, grellbunte
Klamotten, erwartungsvolle Spannung in den Augen - heut' hauen wir alles
auf den Kopf. Ein Pärchen, das sich gerade in den Haaren lag, war auch
dabei. Er, ein baumlanger Kerl in bunten Shorts, blieb mitten auf der
Kreuzung stehen und warf flehend die Arme in die Luft, der Blick, warum
tut sie mir das an, stamd ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Sie ging
natürlich einfach weiter in ihrem weißen Baumwollrock und den Cowboy-
stiefeln und schüttelte den Kopf, daß ihre roten nur so flogen.
Sal sah dem Mann nach, der hatte den Kopf wieder zwischen die Schulter
genommen, die im Himmel machten wieder Pause und sahen nur zu, wie üblich.
Der Mann stürmte ihr nach.
"Ein schöner Wagen", sagte eine Stimme neben Sal.
Er drehte den Kopf und sah in ein Schnurrbartgesicht, wie aus Leder ge-
gerbt, mit einer Polizeimütze darüber, zm Fürchten.
"Sieht man nicht oft, wieviel PS?" sagte der Mund, der zu dem Gesicht ge-
hörte.
"Wie bitte?" sagte Sal und sah in zwei fragende Gesichter. Der am Steuer
des Steifenwagens hatte sich inzwischen über seinen Kollegen gebeugt, lag
halb auf ihm drauf, mußte dieses verrückte rosa Auto ebenfalls begutach-
ten. Sie hatten beide ihre Kappen auf dem Kopf, und in ihren Gesichtern
stand uneingeschränkte Aufmerksamkeit für die technischen Daten des rie-
sigen Cabrios.
"Wieviel Leistung?" fragte der erste wieder.
"Ja, also wissen Sie", stammelte Sal, "der Wagen gehört meinem Onkel und
äh, also ich ..."
Enttäuschung machte sich in den Gesichtern der Polizisten breit, was
war den das für einer? Hockte in so einer Kiste und hatte keine Ah-
nung! Sal fing sich wieder.
"Mein Onkel hat mal was von dreihundert PS gesagt", stieß er hervor.
"So einen Onkel könnten wir auch brauchen, was, Harry?" Der am Steuer
grinste.
"Und ob", sagte der andere und wandte sich wieder Sal zu, "sagen Sie
Ihrem Onkel, er soll bei Gelegenheit mal das zweite Licht für die Num-
mernschildbeleuchtung nachsehen lassen. Sie können jetzt fahren, die
Ampel ist grün."
"Ja, vielen Dank", sagte Sal und fuhr los.
Der Streifenwagen blieb ein Stück zurück, Sal versuchte, sich darauf
zu konzentrieren, von hinten wie ein Neffe auszusehen, dessen Onkel ihm
zutrauen würde, einen solchen Wagen unbeschädigt zurückbringen zu kön-
nen. Er begann gerade, sich mit dieser Rolle zu identifizieren und
voll Dankbarkeit an seinen Onkel zu glauben, als die Sirene des Strei-
fenwagens hinter ihm losheulte.
Sal trat das Gaspedal durch, jetzt wars genug, tu' es! Der Polizeiwagen
schoß aber schon an ihnen vorbei, der aus Leder, Harry, hatte ein Funkge-
rät in der Hand, aber er sah nicht mal rüber, und der Streifenwagen bog
fünfzig Meter weiter mit kreischenden Reifen in eine Seitenstraße ab.
Weg war er. Huh, die hatten wohl einen Einsatzbefehl gekriegt, Sal atmete
auf, aber er ging nur wenig vom Gas, an gelben Ampeln blieb er nicht mehr
stehen, und ob der Wagen wie eine Herde brünftiger Bullen röhrte oder
nicht, kümmerte ihn nicht weiter. Er flitzte links und rechts an lang-
sameren Fahrzeugen vorbei, wählte eine Nebenstrecke und machte, daß er
aus der Stadt rauskam.
Als sie durch die Vororte waren und über die Stadtgrenze jagten, nahm Sal
Kurs Richtung Wüste. Der Verkehr war jetzt ruhig, sie konnten die paar
Wagen auf ihrer Seite ungehindert überholen. Es gab keine Straßensperren,
keine Sirenen, die hinter ihnen aufheulten, und keine schwarzen Limou-
sinen, die versuchten, sie von der Straße zu drängen.
Man hörte auch keine Hubschrauber, die hinter ihnen herflogen. Nichts und
niemand versucht sie aufzuhalten. Dennoch raste Sal weiter, mittlerweile
waren sie fast allein auf der Straße, er fuhr maximale Geschwindigkeit
und bremste nur, wenn ihnen mal ein Wagen entgegenkam, der gerade einen
einsamen Lastzug überholte. Der Fahrtwaind blies sie fast aus den Sitzen,
aber solange keiner davonflog, wollte Sal für nichts in der Welt anhalten,
um das Verdeck zu schließen.
Er warf immer wieder einen Blick auf die Temperatur von Öl und Wasser,
die Zeiger waren nah am roten Bereich. Bei Bodenwellen schaukelte der
Wagen hart auf, fiel zurück in die Federn und lag wieder ruhig. Erst
nach einer ganzen Weile, sie hatten bereits etliche Kilometer zwischen
sich und die Stadt gebracht, brachte Sal den Wagen auf ein mittleres
Tempo herunter. Der Wind wurde erträglich, man konnte wieder wahrneh-
men, daß sie auf einer Straße fuhren und nicht durchs All jagten. Sals
Gefühl sagte ihm, daß es gut war und sie jetzt einen vernünftigen Vor-
sprung haben mußten.
Sie waren bereits in der Wüste. Die Straße führte schnurgerade nach Sü-
den, die Luft war lau und atmete Sand, Asphalt und die letzte Hitze des
Tages aus. Von Zeit zu Zeit segelte ihnen noch ein verlorenes Lichter
paar durch die Nacht entgegen, zuckte vorbei und verschwand rotglühend
im Rückspiegel.
Sal befühlte seine Hände, sie waren wieder trocken, nur sein Nacken war
etwas steif. Es hat hingehauen, dachte er. Er machte sich eine Zigarette an
und stellte sich Captain Kirk vor, wie er allein auf der Brücke der Enter-
prise saß und gerade von seinem Logbuch aufschaute. Die Laserkanonen waren
ins Dunkel gerichtet, die Mannschaft in einen Thermoschlaf gefallen. Ihr
Captain sah in die Tiefe des Weltraums hinein, seufzte und entschied, noch
für sich zu behalten, welcher Auftrag gerade über den Lichtticker auf sein
Kommandotisch geflattert war. Sal legte den Kopf ein wenig zurück, man
konnte schon die Sterne sehen. Da oben flog sie, die Enterprise.
Seit sie losgefahren waren, hatte keiner etwas gesagt, sie waren nur ge-
fahren und hatten vor sich hin gestarrt. Sal lenkte kurz an den Rand, sie
vertraten sich die Beine und schlossen das Verdeck. Es war ihnen immer noch
nicht nach Reden zumute, aber sie lockerten sich ein wenig, stellten das
Radio an und fihren wieder los.
Moses verteilte brennende Zigaretten, das Mädchen wollte keine, aber Sal.
Er machte ein paar tiefe Züge, steckte sie dann in den Mundwinkel und ließ
sie dort weiterglimmen. Die schmeckte.
Moses verschränkte die Arme hinter dem Kopf, legte die Füße aufs Amatu-
renbrett und sah in die vorbeitreibende Dunkelheit hinaus.
Man er kannte nicht viel, ein paar Büsche, die weißen Streifen und die
Begrenzungspfosten. Im Licht der Scheinwerfer tauchte von Zeit zu Zeit ein
Hase auf, der es sich noch mal überlegte, seine Augen leuchteten, er
glotzte, wartete und hoppelte dann weiter.
Sal stellte den Sitz ein wenig zurück und legte den Kopf an die Rückenle-
hne. Als die dritte Tankstelle auftauchte, seitdem sie die Stadt hinter
sich gelassen hatten, sah Sal auf die Benzinuhr, brachte die dreihundert
galagtischen Pferde in einen gemäßigten Trab und rollte vor die Zapfsäulen.
Der Bann war gebrochen, die Mannschaft erwachte aus ihrem Thermoschlaf.
Alle hatten plötzlich Hunger oder Durst oder beides. Sal wollte einen Kaf-
fee, Moses hatte Lust auf ein Bier. Das Mädchen wollte erst mal schauen,
was es so gab.
Sal machte den Tank voll, und bis er in den Kaffeeshop kam, hatten die an-
deren Mengen von Keksen, Sandwiches, Bier, Kaffee, Riegeln und an deren
Zeug auf einen Tisch gehäuft und saßen bereits davor.
"... und weißt du noch, wie die Ältere geguckt hat?" sagte Moses gerade.
"Ja, und wie du dann die Scheine auf den Tisch geschmissen hast", prustete
das Mädchen, "und »er meditiert«, der und meditieren, das war das Beste!"
Sie schmiß sich beinahe weg vor Lachen. "Wie bist du darauf gekommen?"
fragte sie.
"Einfach so, fiel mir gerade ein", sagte Moses. Sal setzte sich und griff
nach einem Becher Kaffee.
"Du hast übrigens aus Barraults Glas getrunken, Moses", sagte sie.
"Ach, Barraults heißt der Kerl." Sal sah das Mädchen von der Seite an.
"Ja, Frank Barraults, ich bin übrigens Tamie." Sie lächelte.
"Willkommen an Bord", sagte Sal.
"Habt ihr wirklich mit ihm diskutiert?" fragte sie ihn .
"Nein, wir waren in Eile." Sal fiel wieder ihr unglaublicher Mund auf.
"Wir sind die Rächer vom Mars." Moses grinste und machte sich eine Ziga-
rette an.
"Das habe ich mir beinahe gedacht", sagte sie.
"Das war ganz schön komisch, wie du aus der Kneipe gesegelt kamst", sagte
Moses und trank die Bierdose leer.
"Ja, diese verdammten Schuhe, wär beinah auf die Schnauze gefallen." Sie
mußten lachen.
Und dann plapperten sie noch eine Weile vor sich hin und mußten dies und
das noch bereden, und ihre Augen blitzten, und sie mußten wieder lachen,
und Moses mußte Sal angucken, und Sal sah Moses an, und sie zwinkerten
sich zu.
Dann versorgte sie ein Typ mit einer Latzhose auf der nackten Haut noch
mit Sixpacks und Zigaretten und wunderte sich, was für Leute heutzutage
mit was für Autos und zu welcher Zeit in die Wüste fuhren und was für
einen Spaß die dabei hatten. Und als die endlich wieder weg waren und
das Geschrei ein Ende hatte, da dachte er, daß das Mädchen gar nicht so
übel gewesen war.
(to be continued ... )
» Silvio «