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Achim Stegemann, Autor der bekannten Astronomiesoftware Digital Almanac, hat seine persönliche Meinung zum neuen Betriebssystemupdate AmigaOS 3.9 in einem sehr umfangreichen Artikel niedergeschrieben:
»Vorwort
In diesem Artikel soll nicht zum tausendsten Mal ein Review über das neue AmigaOS 3.9 geschrieben werden..nein. Dieser Artikel beleuchtet die neueste Errungenschaft aus dem Hause Haage&Partner (H&P) und Amiga Inc. mal unter einem völig anderen Licht.
In den offiziellen Medien, wie Print-Magazinen, wurde OS 3.9 bereits im Oktober letzten Jahres gelobt und gefeiert, seine Features bereits damals und erst recht nach seinem Verkaufsstart auf der WoA in Köln Anfang Dezember in höchsten Lobgesängen der Amiga-Gemeinde vorgetragen. Wo waren die kritischen Stimmen? Wo waren die Artikel und Meinungen, die das OS 3.9 einmal kritisch hinterfragten? Es gab schlicht keine. Lediglich in einigen Mailing-Listen gab es einige wenige Meinungen, die kritisch mit dem OS 3.9 umgingen, was natürlich zu heftigen Diskussionen in diesen Mailing-Listen geführt hat.
Ich selbst habe mich dieser Diskussion angeschlossen und möchte einmal das OS 3.9 nun unter einem anderen Blickwinkel präsentieren. Weg von den ewigen "Ja-und-Amen"-Sagern und den "Friede-Freude-Eierkuchen"-Artikeln der letzten Monate.
Der erste Eindruck
Äußerlichkeiten sind unwichtig, nur der Inhalt zählt. Also habe ich gleich die CD aus der Folie ausgepackt und die Silberscheibe in das Laufwerk gelegt. Im ersten Moment positiv Überrascht hat mich die Datenmenge von knapp 470 MB, gegenüber den bescheidenen knapp 100 MB des OS3.5-Vorgängers. Aber Quantität ist bekanntlich nicht automatisch gleich Qualität. Immerhin, neben den schon aus OS 3.5 bekannten Icons schlägt mir sogar ein Audio-Track entgegen. Ein Blick auf das Cover verrät, dass auch die Amiga- Songgruppe Annex sich hier verewigt hat.
Installation
Ja sowas!! Das Update auf OS 3.9 auf meinem Amiga (OS 3.5 war vorher schon installiert) verlief absolut ohne Probleme! Das grenzt ja schon fast an ein Wunder, wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten vielen von uns die Installation des OS 3.5 bereitete.
Auch das Anfertigen der Notfall-Diskette verlief diesmal ohne Probleme, im Gegensatz zur OS3.5-Notfalldiskette wurde sie diesmal ihrem Namen gerecht. Offenbar hat H&P zumindest in diesem Bereich aus den Fehlern des letzten Jahres etwas gelernt.
Abschließend zu diesem Thema sei erwähnt, dass auch die Installation aller anderen Komponenten ohne Probleme verlief.
Im Westen nichts Neues
Als im Oktober das neue OS 3.9 angekündigt wurde, war schnell klar, dass mit diesem neuen Update keine Revolution für den Classic-Amiga stattfinden wird, ja noch nicht mal ein kleineres Beben. Unter dem Bewusstsein dieser Tatsache waren wir alle gespannt, was uns H&P denn diesmal kredenzen würde. Bei OS 3.5 waren die Fronten klar gesteckt: WarpOS als neue Standard-PPC- Schnittstelle, Aufhebung der 4GB-Schallmauer bei Festplatten, neues NewIcon-kompatibles Iconsystem und eine neue Gadgetklassen-GUI namens Reaction für System-Programme. Bei OS 3.9 kristallisierte sich schnell heraus, dass diese genannten Features mit Sicherheit nicht überboten werden konnten. Bescheidenheit ist eben doch eine Tugend, oder doch nicht?
Das von allen mit den meisten Erwartungen gespickte Programm der OS3.9- Scheibe ist ohne Frage die TCP/IP-Software Genesis, welche uns Amiganer (endlich!) einen einfachen und vor allem uneingeschränkten Zugang zum Internet ermöglichen soll.
Doch schon beim ersten Start(versuch!) von Genesis zeigte sich bereits der erste längere Schatten im Lichte des Neuen. Der Voreinsteller zu Genesis war nicht zu starten. Ein kurzer Blick in SnoopDos verriet, dass H&P schlichtweg vergessen hat, eine entsprechende externe MUI-Klasse mit auf die Scheibe zu brennen. Wie peinlich!! Immerhin, nach zehn Minuten war die fehlende Datei aus dem Internet geladen und Genesis lief ohne Probleme. Wie schön, doch was machen diejenigen unter uns, die nicht online sind, und mit Genesis ihren Einstieg in die Welt des Internets bestreiten möchten? Pustekuchen. Es ist wohl nicht anzunehmen, dass H&P auf Anfrage Disketten an die betreffenden Benutzer mit der fehlenden Datei schickt. Wohl eher einen telefonischen Hinweis darauf, dass das File im Internet zur Verfügung steht. Kommt Ihnen das bekannt vor? Erinnern wir uns an den "Hauptmann von Köpenick". Übertragen heißt das hier: Ohne Internet kein lauffähiges Genesis, aber ohne Genesis auch kein Internet. Tja, ihr Lieben von H&P, das war wohl nichts! Also doch erst mal Miami von OS 3.5 (ist ja zum Glück auch auf der OS 3.9-CD!) installieren, usw. usw. usw... den Rest kennen wir ja.
Als ich das OS 3.9 so weiter studierte, bekam ich so ein seltsames Erschaudern. Nein, nicht der Kinotrailer von "Jurassic Park 3" im Video- Ordner der CD brachte mich zum Gruseln, sondern so ein "Deja vu"-Gefühl saß mir im Nacken. Alles schon mal dagewesen? Und in der Tat, je mehr ich mir das OS 3.9 ansah, um so mehr überkam mich das Gefühl, eine falsch etikettierte Mettwurst mit Rindfleisch gekauft zu haben. Habe ich etwa aus Versehen eine Aminet-CD gekauft? AMPlifier, MooVid, DefIcons, RAWBInfo usw., das alles hatte ich doch schon. Wo sind sie denn, die neuen Features? Sind Genesis, AmiDock und die Iomega- Tools etwa alles? Auf jeden Fall nichts Neues. Wenn man von den System- Neuerungen und Genesis mal absieht, entpuppte sich die CD mehr und mehr als buntes Sammelsurium von Aminet-Programmen! Die Enttäuschung meinerseits war groß. Nichts gegen die Qualität der genannten Programme, nein! Aber warum mussten es ausgerechnet diese Programme sein? Ist AMPlifier so viel besser als AmigaAMP? Ist MooVid soviel besser als AMP oder CyberQT/CyberAVI und - wie (!) nur eine 68k-Version? Wo ist der MPEG-Player? Eine neue Uhr! Wie schön..aber brauche ich überhaupt eine Uhr auf der Workbench? Rechts neben mir auf der Fensterbank steht ein Radiowecker..wozu brauche ich dann eine Uhr? Und warum MooVid nicht auch als PPC-Version? Gab es in diesem Fall mal wieder Verhandlungsschwierigkeiten zwischen H&P und dem Programmautor (siehe Holger Kruse und Miami auf OS 3.5!)? Fast hätte ich es vergessen. Wo ist denn die PPC-Unterstützung? Ist das neue Picture-Datatype denn die einzige Systemkomponente, die den PPC unterstützt? Da hätte ich mir auch gleich eine AmigaPlus-CD für 20 Mark kaufen können, da findet man solche Programme auch. Nur das Internet ist billiger mit ein paar Downloads aus dem Aminet. Ergo, ich habe 89 Mark für eine Aminet-CD mit Genesis als Vollversion ausgegeben. Milde ausgedrückt, ich fühlte mich etwas hinter das Licht geführt oder auf gut deutsch "verarscht". Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber Gefühle kann man nun mal nicht beschönigen.
"Schwester, Skalpell bitte!"
Bevor mich radikale Amiganer der Unterschlagung anklagen, möchte ich hier nun eine Liste präsentieren, die jede Komponente des OS 3.9 einmal unter die Lupe nimmt und ihr Für und Wider abwägt. Ein endgültiges Fazit aber möchte ich dem Leser selbst überlassen.
Positiv: Generell ist ein Update, welches das aktuelle Betriebssystem verbessert, immer eine positive Erscheinung. H&P hat mit dem Update das AmigaOS (CLI-Kommandos, Prefs, CD-Filesystem, Workbench, WarpOS für PPC-User usw.) auf den neuesten Stand gebracht und damit die momentan vorhandene Hardware in neuen Einklang gebracht. Die Workbench läuft jetzt wesentlich stabiler, WarpOS ist etwas schneller geworden (schnellere Kontext-Switches), die Prefs-Programme sind in ihrem Umfang teilweise erweitert worden, usw. Besonders positiv hervorzuheben ist das neue Picture-Datatype mit PPC-Unterstützung! Negativ: Etwas bitter ist mir die Tatsache aufgefallen, dass die externen Math-Libraries geändert wurden, ohne auch nur einen Hinweis seitens H&P an die User zu geben. Als Software-Entwickler musste ich leider feststellen, dass die neuen Math-Libs die Rundungs-Flags der FPU (wenn vorhanden!) ändern, so dass die normale Rundungs-Methode (float->int-Umwandlung) jetzt eine andere ist, was zu deutlichen Fehlberechnungen mancher Software führte. Zum Glück war dieser Fehler durch Anpassung der Software zwar gleich behoben, aber diese Tatsache hinterließ mir doch einen etwas bitteren Geschmack auf der Zunge. Ein weiterer Fehler auf der CD ist die Tatsache, dass auf die Festplatte SetPatch in der Version 44.13 kopiert wird, die aktuellere Version 44.16 aber unterschlagen wird. Nach einigem Suchen findet man diese wichtige Datei im Ordner für die Notfall-Diskette.
Fazit: OS 3.9 läuft stabiler als sein Vorgänger, viele noch vorhandene Bugs des OS 3.5 wurden entfernt. Leider hat es H&P noch nicht geschafft, die Workbench multitaskingfähig zu machen. Wir können nur hoffen, dass sich dies mit dem BoingBag zu OS 3.9 so schnell wie möglich ändert!
Positiv: Endlich wurden Multimedia-Programme in das OS integriert. Negativ: Was Amiga Inc. und all seine angeschlossenen Programmierer offenbar nie zu Wege gebracht haben, mussten Hobby-Programmierer aus der Szene erledigen, nämlich fähige Multimedia-Player zu schreiben. Warum die Wahl von H&P ausgerechnet auf MooVid, welches unter dem Pseudonym ACTION in das OS 3.9 aufgenommen wurde, und AMPlifier fiel, ist mir selbst ein Rätsel. AmigaAMP ist in seiner aktuell vorliegenden Version 2.8 AMPlifier ebenbürtig, wenn nicht sogar etwas überlegen. MooVid ist zwar ein schnelles Abspielprogramm für AVI- und QuickTime-Filme mit GUI-Steuerung, aber von der vielgerühmten PPC-Unterstützung kann hier wohl keine Rede sein. MooVid ist in der 68k-Version mittlerweile Freeware, aber in der PPC-Version leider immer noch Shareware. Dass MooVid nur in der 68k-Version Einzug in das OS 3.9 gehalten hat, ist bedauerlich. Ein sehr wahrscheinlicher Grund ist die oben angedeutete Uneinigkeit über die Lizenzgebühr der PPC-Version zwischen H&P und dem MooVid-Autor. Die Wahrheit (über dieses Faktum) liegt eben doch irgendwo da draußen. Eine entscheidende Multimedia-Komponente hat uns H&P einfach unterschlagen. Was ist mit einem MPEG-Player? Gerade hier hätte H&P zeigen können, was es heißt, ein universelles Multimedia-Programm zu schreiben. Oder sind etwa alle Programmierer von H&P gerade mit etwas anderem beschäftigt? Ein einziges Programm für IFF-ANIM, QuickTime, AVI und MPEG wäre der Traum auf dem Amiga, was Multimedia im Video-Bereich angeht. Aber träumen wir ruhig weiter, denn das können wir ja alle gut.
Fazit: Wer einen Internet-Anschluss hat, kann sich im Aminet seine Lieblingsprogramme herunterladen und ist damit im Endeffekt besser bedient als mit dem, was uns die Programmpalette der OS 3.9-CD anbietet. Selbst wer keinen Internetanschluss hat, ist mit dem Angebot an Abspielprogrammen auf diversen AmigaPlus- oder Aminet-CDs besser dran. Ob nun ein Amiga-User lieber AmigaAMP statt AMPlifier mag, oder lieber CyberQT/AVI statt MooVid, ist persönlicher Geschmack.
Positiv: Einfach zu bedienendes Programm für den bequemen Schnellstart von häufig benutzten Programmen.
Negativ: Als ich erfuhr, dass AmiDock das Programm eines Informatik-Studenten ist, der bei H&P ein Praktikum absolvierte, habe ich in meiner Kritik noch einmal beide Hühneraugen zugedrückt. Warum? Das Programm ist zwar schön und ansprechend gestaltet, aber in seinem Funktionsumfang her nicht konsequent. Hier hat das Schnellstart-Programm ToolManager eindeutig die Nase vorn, auch wenn dessen Konfiguration nicht ganz so einfach wie AmiDock ist. Leider kann AmiDock nur die Programm-Icons anzeigen. Die Anzeige alternativer Bilder wie z.B. die DockIcon-Bilder ist leider nicht möglich.
Fazit: Ein schönes, aber in mancher Hinsicht auch überflüssiges Programm. "Yet Another Quickstart" wäre als Name vielleicht passender und vor allem realistischer gewesen.
Positiv: Der erste CD-Player für den Amiga mit Skin-Oberfläche. Negativ: Der wievielte CD-Player für den Amiga ist das nun? Der x-te jedenfalls. Außer einer konfigurierbaren Oberfläche (Skins) ist nichts Neues passiert. Immer noch werden Audio-Tracks nicht über AHI oder Paula abgespielt, dabei wäre es für einen Programmierer, der sich mit SCSI-Kommandos auskennt, kein großes Problem, einen Audio-Track mittels asynchronem I/O häppchenweise in den Amiga einzulesen und dort abzuspielen. Aber darauf warte ich leider schon seit einer halben Ewigkeit vergebens. Die einzige Alternative aus diesem Dilemma stellt immer noch AsimCDFS dar, welches als einziges Filesystem, das Auslesen von Audio-Tracks als Datei erlaubt. Fazit: Überflüssig wie ein Kropf in der vorliegenden Version.
Positiv: Endlich eine leistungsfähige Shell, welche dem Tastatur-Freak viel Arbeit abnimmt.
Negativ: Soll ich mich nun freuen oder ärgern? Immerhin ist dies das erste Mal, dass dem User von Amiga her eine Alternative zur CON-Shell angeboten wird. Die originale Shell ist bekanntlich nur etwas für Masochisten. Aber auch hier waren die Programmierer des OS 3.9 offenbar nicht in der Lage, etwas Eigenes zu programmieren, sondern mussten auch hier auf das Aminet-Angebot zurückgreifen. Aber ist denn VinceED als Shell-Ersatz etwas völlig Neues? Nein, schon seit den Tagen der Fish-Disketten gibt es den CON-Ersatz KingCON, der hervorragende Dienste leistet. Was mich wundert ist, dass dieser Umstand erst jetzt entdeckt wurde. Prinzipiell sind KingCON und VinceED von ihrem Leistungsangebot gleichwertig. KingCON ist schnörkellos und sehr effizient, während VinceED konfigurierbar ist. Die negative Kritik bezieht sich also nicht auf VinceED, sondern auf die Ideenlosigkeit der OS3.9-Programmierer, die in aller Hektik auf das Aminet zurückgreifen mussten.
Fazit: Wieder mal ein Aminet-Programm, welches uns als "neues Feature des OS 3.9" verkauft wird.
Positiv: Einfache GUI zum Entpacken vieler Dateien per Mausklick von der Workbench aus. Erspart den Kampf mit der Shell und diversen Kommandozeilen-Optionen. Durch das XAD-System leicht zu erweitern und zu verwalten.
Negativ: Leider keine PPC-Unterstützung der XAD-Module! Ist es denn so schwer, den Quelltext zu nehmen und diesen für WarpOS gleich mit zu kompilieren? Fazit: Schönes Tool, das aber auch hier nicht konsequent umgesetzt wurde.
Ach so! Jetzt ist mir klar, wie man die CD auf 470 MB aufblasen konnte! Danke, Haage&Partner, mit den vielen Kinotrailern im Video-Ordner ersparen Sie mir eine Menge Downloadzeit aus dem Internet. Aber ist das denn wirklich notwendig? Wir glauben ja alle auch so, dass MooVid ein gutes Abspielprogramm ist. Aber mussten es gleich 370 MB sein? Ich denke, dieser Platz wäre für wichtigere Dinge, die wirklich etwas mit dem AmigaOS zu tun haben, besser ausgefüllt gewesen. Das gleiche empfinde ich für den Annex-Audio-Track und die MP3s im Audio-Ordner. Diese wären besser in den Music-Directories des Aminets oder einer Extra-CD aufgehoben, als in einem OS-Update! Ebenso "Daumen nach unten" gibt es für den Contributions-Ordner der CD. Entweder schiebt man uns hier Programme unter, mit denen die wenigsten etwas Konkretes anfangen können, oder man kann die vorliegenden Programme auf jeder sonstigen Programmheft-CD finden oder man lädt sie aus dem Aminet oder von anderen, allen Amiganern bekannten, Servern herunter.
Einzige Schmankerl: AHI V5 und WarpOS V5. Leider habe ich bei AHI V5 wieder meine Augenprobleme bekommen. Ich habe lange in der Dokumentation zu AHI V5 nach den Neuerungen im Vergleich zur letzten Version 4 gesucht, konnte aber nirgends das Gesuchte finden. Schade, oder wissen Sie es, liebe(r) Leser(in)?
Marktpolitischer Geniestreich?
Nachdem mein Blutdruck und Adrenalinspiegel sich wieder in den Normalbereich gesenkt haben, machte ich mir stundenlang Gedanken über das "Warum?".
In diversen Mailing-Listen, IRC-Channels und in meinem Amiga-Club habe ich mit anderen über das Pro und Contra des OS 3.9 diskutiert und gestritten. Dabei kamen Meinungen und Strömungen zu Tage, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Von "Super" bis zu "Betrug" war das gesamte Spektrum vertreten. Ich fasste all diese unterschiedlichen Standpunkte zusammen und machte mir so meine Gedanken, die ich der Amiga-Gemeinde nicht vorenthalten möchte.
Nachdem sich sieben Jahre lang im Bereich Amiga-Betriebssystem nichts rührte, kündigte Amiga Inc. in Zusammenarbeit mit Haage&Partner ein überarbeitetes OS für den Amiga an, welches an die neuen Technologien im Bereich Grafikkarten, Turbokarten und SCSI/ATAPI-Geräte (HD, CD etc.) angepasst werden soll. Das Echo wurde von allen als positives Zeichen gewertet und mit Begeisterung aufgenommen. Der Welt sollte gezeigt werden, dass der Classic-Amiga nicht vergessen ist und sich das "kleine gallische Dorf" (Amiga) immer noch "gegen das römische Imperium" namens Windows und Co. zu wehren weiß.
Tatsächlich brachte das neue OS 3.5 dem Amiga eine Vielzahl wichtiger und notwendiger Neuerungen!
Um so überraschter war ich, als ich im Oktober von der Ankündigung eines Updates zu OS 3.5 hörte. War dies das seit langem angekündigte BoingBag 2, welches den letzten Fehlern des OS 3.5 den Garaus machen sollte? Sehr schnell war klar, dass es sich bei dem Update um eine käufliche Erweiterung des OS 3.5 handelte, mit "neuen Möglichkeiten". Nix BoingBag 2, der Geldbeutel war wieder mal angesagt. Die Aufregung war groß, alle Welt spekulierte über Amiga und H&Ps neuestes Betriebsgeheimnis. Doch etwas war komisch. Sieben Jahre lang tat sich nichts, und plötzlich zwei neue OS- Versionen innerhalb eines Jahres? Was war geschehen? Amiga Inc. hat unter seinem neuen Kapitän Bill McEwen dem Classic-Amiga endgültig abgeschworen und die Entwicklung des neuen AmigaOne auf handelsüblicher PC-Hardware angekündigt, mit dem Zusatz, den Classic-Amiga nicht völlig zu ignorieren. War das ein plötzlicher Anfall von Großzügigkeit oder gar Erbarmen gegenüber dem Classic-Amiga? Wie also soll man diese Tatsache zweier OS- Versionen innerhalb eines Jahres nun interpretieren? Im ersten Augenblick ist man durchaus geneigt, sich wie ein Kind über den Weihnachtsmann zu freuen. Doch beim zweiten Hinsehen addieren sich einige Ungereimtheiten, wie teurer Verkaufspreis, Überbewertung und überhastete Programmierung des OS 3.9 und andere Dinge.
Bei allen Interpretationsmöglichkeiten bleibt eine unumstößliche Tatsache immer die gleiche. Keine Firma der Welt entwickelt ein Produkt aus purer Menschenfreundlichkeit, sondern aus rein marktpolitischen Gründen! Amiga Inc. und H&P waren demnach der Überzeugung, dass der Verkauf des OS 3.9 sich auf jeden Fall lohnen könnte, so dass am Ende ein zufriedenstellender Gewinn übrig bleibt.
Schaut man sich den Inhalt der CD an, so wird schnell klar, dass sich der Aufwand in der Entwicklung des OS 3.9 durchaus in Grenzen hielt. Kein Wunder, denn, man nehme einfach den Quelltext zu allen OS3.5- Systemprogrammen, überlege sich, wo noch Fehler sind, addiere hier und da noch eine Kleinigkeit, und fertig ist das OS 3.9. Um das Ganze im Geschmack etwas abzurunden, packe man noch jede Menge Aminet-Programme hinzu, küre diese als "Neue Features" und fülle das Ganze mit kleinen Filmchen, damit die CD nicht so leer aussieht.
Fasst man die Argumente in den Diskussionen zusammen, ergeben sich folgende mögliche Antworten zu dem zuvor gestellten "Warum?". Was davon aber die Wahrheit ist, werden wir leider nie erfahren.
| 1. | H&P braucht Geld. Offenbar verdient H&P an seinen Amiga-Produkten |
| nicht mehr genug, um davon noch gut zu leben. Also musste ein "neues" | |
| Produkt her, von dem man weiß, dass es sich tausendfach verkaufen | |
| wird. Und da ist ein Update zum Betriebssystem wie geschaffen. | |
| 2. | Amiga Inc. möchte erfahren, wie groß das Interesse der |
| Classic-Gemeinde an Software generell ist. An der Verkaufszahl kann | |
| sich Amiga Inc. orientieren, ob sich die Weiterentwicklung des OS - | |
| vielleicht zum PPC-OS hin! - überhaupt noch lohnt. Besonders das | |
| Statement von Fleecy Moss, dass erst bei genügend hoher Verkaufszahl | |
| an ein PPC-OS gedacht werden kann, macht diese Möglichkeit besonders | |
| wahrscheinlich. | |
| 3. | Unwahrscheinlich, aber von vielen gerne gehört, weil es das ist, was |
| sie hören wollen und weil es die offiziell vertretene Meinung ist: | |
| Das OS 3.9 wurde deshalb entwickelt, um zu zeigen, dass die Linie des | |
| Classic-Amiga nicht vergessen ist, und der Amiga trotz seines hohen | |
| Alters immer noch ein Spitzenprodukt (aber leider nicht mehr | |
| konkurrenzfähig) ist. | |
Gesamtergebnis
So wie uns vorgestellt, verdient das neue OS die Bezeichnung "3.9" nicht. Befinden wir uns etwa wirklich eine Dezimale vor dem PPC-OS? Wohl kaum. Eher hat die "9" einen "finalen" Geschmack, nach dem Motto "So, Feierabend, Amiga.". Das war's dann wohl gewesen. Noch einmal etwas Geld eingenommen, bevor wir unserer geliebten Freundin "Good-Bye" wünschen. Auf keinen Fall hat es die Bezeichnung 3.9 verdient, eher 3.6.
Was ist OS 3.9 nun? Diese Frage ist für mich jedenfalls beantwortet. Man kann es als "Käuflich erwerbbares BoingBag 2 zu OS 3.5" bezeichnen oder auch als "Aminet-CD Spezial mit OS3.5-Update und Genesis-Vollversion". So jedenfalls, wie sich OS 3.9 mir präsentierte, ist es den Preis von DM 89.- nicht wert. Das einzig wirklich gelungene Produkt ist Genesis, und hier kann man sich über den Preis von DM 89.- streiten, ob dieser nun gerechtfertigt ist oder nicht. Meine Meinung heißt aber eindeutig "Nein"! Viel hat sich in OS 3.9 außer Fehlerbereinigung zu OS 3.5 nicht getan. Geändert hat sich jedenfall nichts.
Als ich mir spaßeshalber das im Januar veröffentlichte BB2 zu OS 3.5 näher ansah, kam mir vieles bekannt vor. Viele Systemdateien des OS 3.9 enthalten nämlich immer noch eine 44er-Versionsnummer, und zwar die gleichen wie das BB2. Im Nachhinein hätte ich mir das Geld zu OS 3.9 sparen können, lieber 10 Pfennig für den Download des BB2 ausgegeben und das OS 3.5 behalten. Denn all den Rest der OS3.9-CD gibt es auch im Aminet oder auf anderen Internetseiten.
Weiter enttäuscht hat mich die ungenügende Umsetzung diverser Komponenten des OS 3.9. Oft hören die Programme da auf, wo es eigentlich am interessantesten wird (wie z.B. der CD-Player), oder es fehlt die PPC-Unterstützung. Nur das Picture-Datatype hat PPC-Unterstützung bekommen. Bei anderen Programme, wo diese dringender von Nöten gewesen wäre, hat man dies nicht in die Tat umgesetzt. Der Grund hierfür ist mir rätselhaft. Benutzt H&P etwa seinen eigenen StormC-Compiler nicht, mit dem man problemlos WarpOS-Programme schreiben kann? Können die Autoren der XAD-Library keine PPC-Module kompilieren? Zu nennen sind hier: JPEG-, GIF- und ILBM-Datatypes (fehlende PPC-Dekodierung) und die wichtigsten XAD-Module für LHA, LZX, ZIP, BZIP und GZIP. Verkaufsfördernd für die PPC-Boards wirkt sich OS 3.9 auf jeden Fall nicht aus.
Eine Frage brennt mir förmlich auf der Zunge. Wann hat H&P mit der Entwicklung des OS 3.9 angefangen? Auf jeden Fall kann es nicht allzu lang her gewesen sein. Denn man merkt dem OS-Update schnell an, dass es "Hoppla-Hopp" in aller Hektik umgesetzt wurde. Hätte man sich mehr Zeit genommen und einmal mehr auf die Bedürfnisse der Amiga-User gehört, so hätte sich das OS 3.9 mit Sicherheit nicht so enttäuschend präsentiert wie in dieser Ausgabe.
Die einzigen Amiganer, die in meinen Augen wirklich etwas von der OS3.9-CD haben, sind diejenigen, die entweder keinen Internetanschluss besitzen und für die die Silberscheibe die einzige Verbindung zur Amiga-Außenwelt darstellt, oder die Amiganer, die noch nicht so lange mit dem Amiga arbeiten und deshalb noch nicht so tief den Einblick in die Amiga-Welt haben. Für alle anderen gilt: OS 3.5 + BB2 + Aminet ist OS 3.9 ebenbürtig, aber die wesentlich billigere Variante.
Ich selbst bin seit 1987 begeisterter Amiganer. Aber selten hat mich eine so wichtige Software so sehr enttäuscht wie OS 3.9. Angesichts des Preis-Leistungs-Verhältnisses fühle ich mich von Amiga Inc. und H&P ausgenutzt, wenn nicht sogar hinters Licht geführt. Zwar werde ich meiner "Freundin" gegenüber treu bleiben, denn die Hardware kann nichts für die Software, die auf ihr läuft. Doch was zukünftige Ankündigungen im Bereich Classic-OS betrifft, habe ich das Vertrauen in Amiga Inc. und H&P leider verloren.
Ich kann nur hoffen, dass das alles mit dem neuen AmigaOne zu einem versöhnlichen Neuanfang führt.
Achim Stegemann <achimste@gmx.de>«
Im Rahmen des aktuellen Gewinnspiels haben wir zwar bereits eure Kommentare zum OS 3.9 veröffentlicht, wir sind jedoch an weiteren Meinungen zur derzeitigen Betriebssystemversion bzw. Reaktionen zu einzelnen Sichtweisen interessiert. Schreibt einfach an aakt@aakt.de. Wir werden eure Mails in der kommenden Ausgabe veröffentlichen.