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Noch rechtzeitig vor Weihnachten ist Version 4.0 von Cloanto's bekanntem Emulator-Paket erschienen. Amiga Forever ist eine Sammlung von Amiga- Emulatoren für verschiedene Plattformen, wobei besonders großer Wert auf leichte Installation und problemlose Bedienbarkeit auf Windows gelegt wird. Dieser Test beschränkt sich deshalb auch hauptsächlich auf die Amiga- Emulation mit WinUAE. Es sind jedoch auch Versionen für DOS, UNIX, PPC- Amigas und auch für PowerMacs auf der CD enthalten. Des Weiteren ist auch Fellow - ein weiterer Amiga-Emulator für DOS - in der Version 3.6.R1 enthalten, dessen Sourcecode ebenfalls beigefügt wurde.
Das Besondere an Amiga Forever sind jedoch nicht die Emulatoren selbst, sondern die vorinstallierten OS-Versionen und die vielen Zusatzprogramme, die das Emulator-Leben und den Datentransfer zwischen Amiga und PC nicht nur leichter, sondern zum Vergnügen machen sollen. Eine weitere Besonderheit sind alle Original-Amiga-ROMs von 3.1 bis zurück zur ersten Version 1.0.
Die Mindestvoraussetzungen für die PC-Emulation sollen eine Pentium-CPU, 16 MB RAM und Windows 95 oder Windows NT sein. Auch wenn's stimmt, wird man damit sicher kein Vergnügen haben, ich denke, ein Pentium III darf schon im PC schwitzen. Je schneller dieser dann getaktet ist, und je mehr Speicher zur Verfügung steht, desto besser.
Nachdem die mit ca. 643 MB gefüllte CD eingelegt wird, startet automatisch die bereits von früheren Versionen bekannte "Menübox", wo die wichtigsten Punkte für Windows direkt aufrufbar sind. Das Menü und auch die gute HTML- Dokumentation zu Amiga Forever sind jedoch nur in Englisch verfügbar.
Die Installation der Software verläuft eigentlich schnell und völlig problemlos. Wer statt der Vollversion die Updateversion erworben hat, sollte jedoch beachten, dass auch tatsächlich nach einer älteren Version gesucht wird. (Genau dieser Umstand wollte mir dann auch Probleme bereiten. An dieser Stelle muss die überaus vorbildliche und schnelle Unterstützung von Stefan Ossowski und Cloanto's Suppport erwähnt werden, die mir bei der Lösung beispielhaft und überaus schnell weitergeholfen haben. Das Problem lag übrigens nicht an Amiga Forever 4.0.)
Startet man nun die Emulation, wird als erstes die Grafikkarte getestet, um die bestmögliche Einstellung zu ermitteln. Dieser Vorgang ist auch sinnvoll, muss jedoch nur beim allerersten Start durchgeführt werden. (Wer also bereits WinUAE installiert hatte, bekommt diese Meldung gar nicht erst zu Gesicht.)
Nach dem Laden der Workbench wird man gleich positiv überrascht. Alle Icons und auch das Dock am unteren Rand erstrahlen im Glow-Icon-Stil. Nein, OS 3.5 ist leider nicht vorinstalliert, sondern das NewIcons-System hat's möglich gemacht.
Das umfangreiche Dock stimmt ebenfalls schon freudig und nach einem schnellen Durchstöbern wird deutlich, dass Cloanto sich viel Mühe gegeben hat, dem neuen Besitzer den Start so einfach und bequem wie möglich zu machen. Viele bekannte Tools wie ClassAct, NewIcons, ToolManager, CycleToMenu oder KingCon sind bereits vorinstalliert, und dazu gesellen sich Programme wie PPaint 7.1, TurboText 2.0, Dopus 5.5 und viele andere, die hier gar nicht aufgezählt werden können. Was ich jedoch trotzdem vermisst habe, waren vor allem MagicMenu und MUI. Da aber sowieso jeder seine eigenen Vorlieben hat, wird man um eine persönliche Anpassung des Systems ohnehin nicht herumkommen (wollen). Vor allem wird man erst mal die Workbench, Tastatur, Zeitzonen etc. auf Deutsch umstellen, da auch hier die Voreinstellung Englisch ist.
Für die alteingesessenen Amiga-User, die die meisten der oben genannten Programme bereits auf dem Amiga installiert und ihre Workbench mühevoll angepasst haben, ist es deshalb wahrscheinlich sinnvoller, gleich die gesamte(n) Partition(en) vom Amiga zum PC zu übertragen und sich so die Fummelei zu ersparen. Dies funktionierte sogar mit OS 3.5 völlig problemlos.
Die Amiga-Partitionen können mit WinUAE auf unterschiedliche Weise eingebunden werden. Einmal als sogenanntes Hardfile, wo die gesamte Amiga- Partition in einer einzelnen Datei gespeichert ist, deren Größe zuvor festgelegt wird. Oder es wird einfach ein Windows-Verzeichnis definiert, welches UAE als eigene Partition einbinden soll. Letztere Methode scheint eleganter zu sein, da hier auf alle Amiga-Daten sowohl vom Emulator als auch von Windows aus zugegriffen werden kann. Außerdem ist dann die Partitionsgröße nicht wie beim Hardfile festgelegt, sondern nur von der tatsächlichen Festplattengröße abhängig.
Aber wie bekommt man nun die Amiga-Daten zum PC? Hier öffnet sich der Vorhang für Cloanto's Amiga Explorer, der den Datentransfer ermöglichen soll. Dies ist ein von UAE völlig unabhängiges Programm und kann auch ohne UAE benutzt werden. Die Übertragung kann entweder per Nullmodem oder per TCP/IP-Verbindung erfolgen. Die Installation des Amiga Explorers sowohl am PC als auch am Amiga kann dabei alleine vom PC aus erfolgen! Dies wurde trickreich gelöst. (Ansonsten ist die Installation am Amiga jedoch mit dem "Rüberziehen" des betreffenden Ordners schon erledigt und zeigt wieder mal seine Vorzüge!)
Da bei mir bereits eine Nullmodem-Verbindung zwischen Amiga und PC vorhanden war, dachte ich, dass es hier keine Probleme geben sollte. Tja, dank der vorbildlichen Anleitung stellte sich jedoch bald heraus, dass das Kabel doch falsch verdrahtet war, obwohl ich früher nie Probleme damit hatte. Also Lötzeug auspacken und ein paar Drähte anhand der Beschreibung kurz umgelötet. Nachdem alle vom Löten verbrannten Finger verarztet waren, konnte ein neuer Versuch gestartet werden. Und es hat sich wirklich gelohnt! Die Verbindung steht sofort und ist später selbst bei 115,2 KBps äußerst stabil. (Höhere Übertragungsraten sind auch möglich, aber die schafft mein alter Amiga leider nicht mehr.) Zu beachten ist, dass der FIFO-Puffer bei den Einstellungen am PC unbedingt eingeschaltet ist, da es sonst bei größeren Dateien laufend zu Übertragungsfehlern und schließlich zum Abbruch kommt.
Der Amiga Explorer muss eigentlich nicht lange erklärt werden, da sofort alles klar ist. Der Amiga wird in Windows vollständig eingebunden, d.h. nicht nur alle Partitionen, sondern auch alle Laufwerke, CD-ROMs und auch die RAM-Disk. Auch an die Datei-Kommentare, die bei Amiga-Dateien (im Gegensatz zu Windows) möglich sind, hat man gedacht - sie werden im Explorer angezeigt!
Selbst das ROM des Amiga wird angezeigt und kann so ohne Probleme zum PC kopiert werden. Desweiteren ist zu jedem Device ein .hdf- bzw. für die Laufwerke ein .adf-Symbol vorhanden, um das gesamte Device als Disk-Image, wie es von UAE und Fellow verwendet wird, zu kopieren. Dies erspart die lästige Konvertierung mit den entsprechenden Amiga-Programmen - eine sehr praktische Sache. Schade aber, dass der Explorer nur vom PC aus bedient werden kann. Auf der Amiga-Seite gibt es dafür keine entsprechende Oberfläche.
Alle Amiga-Dateien können natürlich an jede beliebige Stelle im PC übertragen werden, und Probleme mit 8.3-langen DOS-Dateinamen oder Ähnlichem existieren auch nicht. Die Übertragung funktioniert selbstverständlich in beide Richtungen, und nicht nur von Amiga zu PC. Bei der Übertragung sind weder Amiga noch Windows blockiert, und es kann nebenbei eigentlich normal weitergearbeitet werden. (Ich lasse während ich das hier schreibe, meine 40MB-Bootpartition gerade zum PC schaufeln, und es gibt keinerlei Ärger dabei.) Auch eine kurzzeitige Amiga-seitige Trennung und/oder Änderung der Übertragungsraten sind möglich, ohne dass der Explorer auf dem PC meckert oder neu gestartet werden muss.
Das Einzige, was man beim Amiga Explorer wirklich schmerzlich vermisst, ist, dass keine leeren Verzeichnisse angelegt werden können.
Nachdem nun alle Amiga-Dateien (hoffentlich problemlos) dem PC auf Gedeih und Verderb zur Verwaltung bereitgestellt wurden, können die Emulatoren genauer auf ihre Tauglichkeit getestet werden.
Einige kurze Tests mit Fellow waren leider enttäuschend. Das Programm ist wohl was für experimentierfreudige Leute, denn sobald an den Einstellungen etwas geändert wurde, verweigerte Fellow bei der Hälfte aller Versuche den Start. Die schlechte Bildschirmdarstellung wertet das Programm auch eher ab als auf. Da hilft auch die Möglichkeit, (im Gegensatz zu WinUAE) Screens herunterziehen zu können nichts.
Deshalb bleibt man doch lieber bei WinUAE, das wirklich brauchbar und auch um Längen besser als Fellow ist. In WinUAE kann man dank der Picasso- Bildschirmtreiber eine Auflösung von bis zu 1600x1200 Pixel in 32 Bit einstellen! Aber gerade bei den Bildschirmeinstellungen wird man mehrere Einstellungen ausprobieren wollen, um die optimale Kombination zwischen Geschwindigkeit, Farbtiefe, Speicherverbrauch, etc. herauszufinden. Dass dies nicht unbedingt ganz einfach ist, hat mir SysSpeed gezeigt. Je nach Auflösung und Farbtiefe sind extreme Geschwindigkeitsunterschiede um Faktor 4 und mehr feststellbar, wobei die Regel keineswegs die ist, dass bei niedrigerer Auflösung oder Farbtiefe die Geschwindigkeit steigt. Eher umgekehrt, da die meisten PC-Grafikkarten für Hi-/True-Color ausgelegt sind. Im Notfall sollte man aber die von WinUAE ermittelte Einstellung verwenden.
Die Geschwindigkeit hängt jedoch auch stark davon ab, was dargestellt werden soll. So zeichnet der PC-Emulator z.B. Kreise und Ellipsen nur halb so schnell, schräge Linien jedoch über viermal schneller als ein richtiger Amiga (im Verhältnis). Bei Text hingegen war der Emulator bei allen getesteten Einstellungen schlechter (wieder im Verhältnis zur Geschwindigkeit eines richtigen Amigas). Hier gibt es also reichlich zu experimentieren, was aber bei WinUAE sehr einfach über die Einstellungen durchgeführt werden kann. Ich möchte hier besonders SysSpeed (aus dem Aminet) erwähnen, das hierbei auf jeden Fall interessante und evtl. hilfreiche Informationen liefert.
Mit SysSpeed wurde u.a. auch die Geschwindigkeit des Emulators im Vergleich zu einem richtigen Amiga ermittelt. Auch hier waren die Teilergebnisse manchmal stark gegensätzlich, d.h. manche besser, manche schlechter im Verhältnis zur Geschwindigkeit eines richtigen Amigas.
Der verwendete PC (Pentium 3, 500 MHz, 128 MB) emulierte einen 68020-Amiga (mit FPU) bei 28 MHz mit allen Extras wie Sound, AGA, max. Geschwindigkeit, hohe Bildschirmauflösung etc. (also alle höchstmöglichen Einstellungen bei WinUAE) und hatte im Schnitt(!) auch etwa dieselbe Geschwindigkeit wie ein entsprechender richtiger 68020-Amiga. Ein 68030 mit 50 MHz ist hingegen im Schnitt etwa 1,5mal bis doppelt so schnell wie die Emulation. Aber Vorsicht, diese Werte gelten wirklich nur als Richtlinie, da einzelne Bereiche sehr unterschiedlich sind.
Ein schneller Vergleichstest mit der Mindestkonfiguration (Pentium-CPU, Win95, mit 80 MB Speicher) verlief wie erwartet. Die Emulation ist viel zu langsam und ist maximal so schnell wie ein A500. (Wenn in PPaint z.B. der "Randomize high"-Filter angewendet wird, kann man die Änderungen zeilenweise beobachten...) Ok, es wurden keinerlei Versuche unternommen, die Einstellungen zu optimieren, aber wesentlich schneller wird man es wahrscheinlich trotzdem nicht hinkriegen. Erstaunlich war aber, dass die Menüs extrem schnell reagieren (= aufklappen).
Also, ein Pentium III sollte es schon sein. Abschließend ist zu sagen: Alle Amiga-User ab 68030 aufwärts werden mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Geschwindigkeitseinbuße bemerken und hinnehmen müssen. Ob und wie man damit zurechtkommt, muss man selbst ausprobieren. Für mich persönlich ist es z.B. kein allzu großes Problem, obwohl ich doch lieber einen richtigen Amiga benutze. Aber das ist natürlich eine rein subjektive Meinung und kann/wird bei jedem etwas anders ausfallen.
Wer nun weiterhin UAE benutzen möchte, wird feststellen, dass viele Amiga- Programme eigentlich sehr stabil funktionieren und es kaum Probleme gibt. (Sofern der Amiga nicht als reiner Spielecomputer verwendet wird. Die wenigen, etwas älteren Spiele die getestet wurden, funktionierten meistens nicht.) Ich hatte eigentlich nur mit meiner "lha"-Version etwas Probleme, sie funktionierte in WinUAE nicht mehr. Aber nun verrichtet Cloanto's mitgelieferte Version einwandfrei den Dienst.
WinUAE kann angenehmerweise den Windows-Drucker bei der Emulation ansprechen. (Natürlich muss man beim Amiga trotzdem die korrekten Drucker- Einstellungen vornehmen.) Tests mit einem Laserdrucker am parallelen Port verliefen völlig problemlos, sowohl über "PAR:" als auch "PRT:". Ein Test mit einem USB-Drucker funktionierte jedoch nicht. Auch mit dem von Windows benutzten USB-Pfad in den UAE-Einstellungen konnte nichts gedruckt werden. Möglicherweise gibt es aber noch einen anderen Weg, den Drucker über die USB-Schnittstelle anzusprechen - ich bin damit leider nicht so vertraut. Vielleicht hat es ja einer der Leser zustandegebracht und möchte sich dazu äußern?
Wie sieht es mit dem frisch erschienenen OS 3.9 aus? Hier gibt's eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich hatte zwar leider nicht genug Zeit, es ausführlich zu testen, aber die gute Nachricht: OS 3.9 scheint mit UAE zu funktionieren! Die schlechte: Bei einer direkten Installation in UAE gab es Probleme, ich kann im Moment nicht genau sagen, an was es liegt. Jedenfalls verabschiedete sich UAE bei beiden PCs während der Installation. Ganz schlecht scheint die UAE-Default-Einstellung auf die Installation zu wirken. Da hängt UAE, nachdem der OS3.9-Lizenzvertrag akzeptiert wird. Mit höheren Auflösungen und mehr Speicher kommt man wesentlich weiter, aber irgendwann während des Kopierens wird UAE wieder unsanft beendet. Leider hatte ich keine Zeit mehr, dies ausführlicher zu testen, sorry! Ich habe deshalb die Boot-Partition mit dem OS 3.9 vom Amiga zum PC rüberkopieren müssen, aber dies funktionierte dann auch.
Input oder Tipps von denjenigen, die es geschafft haben, wären hier sehr hilfreich! Ansonsten möchte ich auch noch auf die Support-Seiten von Cloanto verweisen (http://www.cloanto.com/amiga/forever/), wo es einen ausführlichen FAQ-Bereich für Amiga Forever gibt.
Zum Schluss noch ein kurzes Durchstöbern der CD. Hier wäre das Interview mit dem Amiga-Vater Jay Miner (in Text- sowie Audio-Format) zu erwähnen, sowie ein ca. 50minütiges MPEG-Video, in dem u.A. einige Werbespots für den Amiga zu sehen sind. In den HTML-Files sind ferner Kopien des Amiga-Patents zu bestaunen.
Außerdem ist das legendäre, fast zweistündige "Deathbed Vigil" von Dave Haynie als MPEG-Datei auf der CD. Darin enthalten ist z.B. ein Rundgang durch Commodore's Gebäude kurz vor der Pleite. Hier bekommt man auch all die Gesichter der Entwickler zu sehen sowie viele lockere Interviews und auch die Abschiedsparty wird ausführlich gezeigt und kommentiert. Wer einen Blick auf den nie produzierten AAA-Amiga (sollte Commodore's nächste Amiga- Generation nach AGA werden), werfen will, bekommt ihn hier ebenfalls kurz zu Gesicht. Es sind auch viele witzige Szenen wie z.B. eine gemeinsame nächtliche Tastatur-Vernichtung oder die ebenfalls nächtliche "Spray- Aktion" zu sehen.
Soweit ein grober Überblick über Amiga Forever 4.0. Natürlich gibt es bei dieser Datenfülle noch weit mehr zu berichten und auszuprobieren, aber dies sollte jeder Interessierte für sich selbst machen. Abschließend ist zu sagen, dass Cloanto's Amiga Forever 4.0 für alle Umsteiger und diejenigen, die oft Daten zwischen Amiga und PC einfach austauschen wollen, auf jeden Fall sinnvoll ist. Die Verbindung mit dem Amiga Explorer zwischen PC und Amiga ist sehr angenehm, und die vielen vorinstallierten Programme erleichtern jedem den Einstieg. Außerdem dürften einige User mit Hilfe der Emulation praktisch umsonst zu einer Workbench mit höherer Auflösung und Farbtiefe kommen. Zumindest mein Amiga-Monitor schafft keine 1600x1200- Workbench in 32 Bit und 70 Hz, in UAE jedoch locker.
Besitzer von leistungsstarken Amigas müssen anhand der vorhandenen PC- Hardware selbst entscheiden, ob die Geschwindigkeit für sie ausreichend ist.
Denis Nikolic <d-nis@ping.at>