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Ab sofort bemühen wir uns verstärkt, engagierte Amiga-Nutzer als Gastautoren für das AMIGA-aktuell-Schlusswort zu gewinnen. In diesem Monat übernimmt Martin Baute, der Englischübersetzer von amiga-news.de, diese Aufgabe - und hoffentlich nicht das letzte Mal, da er - wie ich finde - großartige Arbeit geleistet hat:
»"Würdest Du einen Kommentar für die Amiga Aktuell schreiben wollen?" - so fragte mich Carsten Schröder. Gerne doch, aber worüber? Über die Amiga2K, natürlich: Die größte Amiga-Show in Nordamerika, und der Ort, an dem die für die Zukunft Amigas so entscheidenden Ankündigungen gemacht wurden...
Aber, was wurde denn nun angekündigt?
Bei früheren Messen wurden jene, die gespannt an ihren Rechnern daheim saßen, durch die eingerichteten Internet-Cafés, durch IRC-Channel und Samstag-Abend-E-Mails über die Vorgänge informiert. Diesmal tröpfelten die Informationen zähflüssig und spärlich über die Informationskanäle.
Einen Teil zu dieser Misere beigetragen hat vielleicht der "Denkfehler" bei der UGN (User Group Network) - an deren Stand sich zwar Rechner mit Internet-Zugang befanden, diese aber durch Webcam und Live-Audio voll ausgelastet waren. Leider war man nicht bereit, hier für die eine oder andere E-Mail eine Sendepause einzulegen.
So gibt es bis zu dem Moment, an dem ich diesen Kommentar schreibe (Dienstag Abend, 4. April), nur zwei Informationsquellen: Roger Wyatt bei Czech Amiga News, und Corinna Cohn bei MooBunny. Amiga selbst hüllt sich auf der Webseite in Schweigen, alle anderen Nachrichtenseiten (inklusive Amiga Aktuell und amiga-news.de) haben von Czech Amiga News abgeschrieben.
Selbst wenn man Amigas Executive Update ("...wenn es nicht auf unserer Webseite steht, ist es nicht wahr!") mal außer Acht läßt, sind zwei Quellen nicht besonders viel. Zu schnell kann eine einzelne Quelle durch Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Wunschdenken beeinflußt sein, zumal der Inhalt der Ankündigungen den Amigianer weit weg von gewohnten Gewässern führt. An einen Aprilscherz mag ich gar nicht denken - selbst wenn Bill McEwen zu sehr an seiner Gesundheit interessiert sein dürfte, um so etwas vor über zweihundert Amiga-Anhängern durchzuziehen (immerhin sagt man uns ja einen gewissen Hang zum Fanatismus nach), wer weiß, durch wessen Scherzbolds Hände die Informationen geflossen sind?
Hier muß heftige Kritik an Amiga geübt werden - wer das Wahrheitsmonopol über die eigene Firmenstrategie beansprucht, sollte zumindest am Tag nach einer Messe diese Firmenstrategie auch der Allgemeinheit kundtun.
Vor diesem Hintergrund sollte der geneigte Leser die folgenden Informationen als "Beta" betrachten. Alle Angaben ohne Gewähr, Benutzung auf eigene Gefahr. :-)
| Die Entwicklersysteme |
Was dem aufmerksamen Betrachter schon vorher klar gewesen sein dürfte, wurde in St. Louis ganz offiziell verkündet: Die Entwickler-Systeme basieren auf einem x86er-Prozessor (AMD K6, 500 MHz, mit GeForce 256 Grafikkarte und 64 MB RAM). Auf der Grundlage einer Linux-Installation soll das Elate-System der Tao Group laufen, und die Entwicklung erster Softwareprodukte ermöglichen.
Geradezu selbstverständlich empfand so mancher Nutzer von Diskussionsforen dies als einen Verrat am Geiste des Amiga. Für den technisch orientierten Entwickler ist diese Entscheidung jedoch vollkommen nachvollziehbar; ich würde sogar so weit gehen, sie als den einzig sinnvollen Weg zu bezeichnen, und ich sage auch, warum.
Zum Entwickeln von Software braucht es Software. Das fängt bei Texteditor und Compiler an, geht bei Debugger und "make" weiter, und hört mit Tools zur Projekt- und Ablaufplanung, Dokumentation etc. noch lange nicht auf. Bietet ein Betriebssystem alle Tools selbst an, nennt sich das "self- contained" - so weit ist Elate aber noch nicht. Daher muß ein "Basissystem" geboten werden, und hier fällt die Wahl schon aus Kostengründen auf Linux.
Das ist kein Beinbruch: Die Entwicklung des AmigaOS in den achtziger Jahren stützte sich auch auf andere Plattformen, und mit dem Ergebnis waren wir lange Jahre hochzufrieden. Programmierern ist es in der Regel ziemlich egal, auf welcher Plattform sie entwickeln, solange die benötigten Tools vorhanden sind.
Die Verwendung der POP-Boards von IBM (auf PPC-Basis) würde von vielen eher als "politisch korrekt" empfunden. Jedoch sind diese Boards sehr viel schwerer (wenn überhaupt) zu bekommen, wahrscheinlich deutlich teurer, und inwieweit für diese Boards bereits vergleichbar komfortable Linux- Installationen (inlusive Treiber) existieren, entzieht sich meiner Kenntnis.
Mit fortschreitender Entwicklung wird es mehr und mehr Treiber geben. Die restriktiven Anforderungen an ein Entwicklersystem (eine bestimmte Linux- Installation auf einem bestimmten Prozessor auf einem bestimmten Motherboard mit einer bestimmten Grafikkarte) werden gelockert; mit der großen Verbreitung von Linux-Systemen gerade unter Hobby-Entwicklern eröffnet sich hier ein großer Einzugskreis für potentielle Elate-Amiga- Programmierer.
Und selbst, wenn aus den großartigen Plänen von Amiga nichts werden sollte, kann man die Hardware des Entwicklersystems immer noch für Linux, BeOS, Windows oder was auch immer benutzen - was bei einer "selbstgestrickten" Entwicklerbox nicht möglich wäre. Kleinstmögliches Risiko für den interessierten Entwickler - für mich das ausschlaggebende Argument.
| Die Endsysteme |
Eine erstaunliche Anzahl von Amiga-Usern wirft immer noch die Entwicklerboxen und die zu erwartenden Endprodukte in einen Topf. Das ist schon alleine aus dem Grunde falsch, da Amiga zwar sehr wohl Entwicklersysteme vertreiben wird, aber keine eigenen Endprodukte - abgesehen vom Betriebssystem selbst.
Hardwareherstellern werden verschiedene Möglichkeiten offenstehen: Man kann Standardsysteme (heißt: x86er PCs) zusammenbauen, POP-PPC-Systeme oder völlig eigene Hardware-Kreationen, und diese mit dem neuen Betriebssystem ausstatten.
Das schließt solche Dinge wie PDAs, Organiser, Autonavigationssysteme oder den vielzitierten intelligenten Toaster ausdrücklich mit ein. Denn neben dem klassischen Desktop, dem Werkzeug des "digitalen Abenteurers" (O-Ton Fleecy Moss), ist der "Digital Domestic Habitat" erklärter Zielmarkt. DDH steht somit für all die Bereiche des Lebens, wo ein Computergerät das Leben vereinfachen könnte, der Anwender von Computern aber nichts wissen will.
("Computer, Licht. Radio ein, Sender WDR 2." - Star Trek läßt grüßen.)
Wem es beim Studium der verfügbaren Informationen über die Elate- Architektur noch nicht aufgefallen ist, dem dämmert es jetzt: Die Endsysteme KÖNNEN gar nicht auf x86er-Prozessoren ausgerichtet sein. Immerhin zielt man auf Märkte, in denen selbst ein Transmeta-Crusoe viel zu unpraktisch wäre: Embedded Systems werden von CPUs der MIPS- oder StrongARM-Familie angetrieben.
Es wird einige Zeit dauern, bis der erste Hersteller es wagen wird, eine Desktop-Hardware ausschließlich mit dem Elate-Amiga-OS auszuliefern. Bis dahin wird das neue System als "Aufsatz" auf Host-Betriebssystemen laufen, quasi als eigene Anwendung z.B. unter Linux. So wird anderen Usern die Möglichkeit gegeben, die neuen Fähigkeiten auszuprobieren, ohne sich zuerst in Unkosten stürzen zu müssen - ein Faktor, den Linux selbst bei seinem kometenhaften Aufstieg zu nutzen verstanden hat. Selbst heute dürfte auf der Mehrzahl aller Linux-Heim-Systeme noch parallel Windows installiert sein.
Selbst wenn die ersten Komplettsysteme ausschließlich mit Elate-Amiga-OS ausgeliefert werden (und wir sprechen hier von Jahren!), werden diese Systeme mit hoher Wahrscheinlichkeit auf x86er-Standardhardware basieren. Die Gründe wurden teilweise schon bei den Entwicklersystemen genannt:
Dazu kommt: So ziemlich jeder "Alt-Amigianer" (jeder, der darüber nachgedacht hat) ruft nach der Verwendung von Standardkomponenten, um niedrigen Stückpreis und Verfügbarkeit sicherzustellen. Standardkomponenten erfordern Standardschnittstellen, und diese sind auf Standardboards bereits vorhanden. Die Kosten für eine Eigenentwicklung würden sich einfach nicht rechnen.
Wer Chancen für eine eigene Hardwarekreation sieht, dem steht es frei, diese zu entwickeln. Die Natur der Elate-Technologie macht eine hardwareunabhängige Unterstützung verschiedener Plattformen möglich. Nur, weil Amiga selbst keine solchen Systeme herstellen wird, heißt das nicht, daß es solche Systeme nicht geben wird.
Man sollte jedoch beachten, daß ich hier offizielle und inoffizielle Statements und eine Menge Spekulation zusammenfasse, und daß ich ein Fernziel beschreibe. Bis dahin ist es ein holpriger Weg, und vielleicht wird dieses Ziel nie, oder erst in vielen Jahren, erreicht. Immerhin wurde ein erster Schritt gemacht, und das ist mehr, als in vielen Jahren zuvor geschehen ist.
| Die Partnerschaften |
Übereinstimmend nennen die beiden Quellen (siehe Einleitung) die Namen Corel, Red Hat, Sun, und Sony als "strategische Partner" von Amiga. Da drängen sich mir zwei Fragen auf:
Wer hat mit wem eine Partnerschaft? Schon in der Vergangenheit schien es hier Verwechselungen zwischen der Tao Group und Amiga zu geben. Sony ist ein Investor der Tao Group; das heißt noch lange nicht, daß Sony auch die Pläne von Amiga unterstützt. Dazu ein deutlicher Unterschied der Formulierung: Bill McEwen ließ verlauten, Red Hat und Corel würden mit Amiga zusammenarbeiten. Die Projektion an der Wand hinter ihm zitierte leitende Persönlichkeiten dieser Unternehmen aber, man freue sich, daß Amiga mit _ihnen_ zusammenarbeiten würde. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob Amiga mit (und für!) Red Hat und Corel arbeitet, oder diese mit (und für!) Amiga arbeiten!
Und, wie weit gehen diese Partnerschaften? Wenn Amiga für die Entwicklerboxen eine Red Hat Linux-Installation verwendet (und Red Hat dafür bezahlt), macht das Red Hat schon zu einem "strategischen Partner". Aber wie sehr ist Red Hat an einem Erfolg von Amiga interessiert? Investiert man Geld und/oder Entwicklerarbeit, um Amiga zu unterstützen?
Man sieht also, man muß auch weiterhin zwischen den Zeilen lesen. Das eine oder andere, was ich zwischen den Zeilen "meiner" beiden Quellen lese, will mir gar nicht gefallen. Herbe Kritik am Stil der Amiga-Führungsspitze auf der einen Seite, und die simple "Degradierung" zum Linux-Add-On auf der anderen... Amiga wäre gut beraten, hier baldigst klare Worte zu sprechen.
Und zwar zur Amiga-Anhängerschaft als Ganzes. Nicht nur zu den 200+ Anwesenden einer Messe, und nicht nur zu den zahlenden Kunden der Amiga Zone. Die IRC-Chats mit Fleecy Moss werden nämlich ab sofort unter Ausschluß der Allgemeinheit stattfinden.
| Klassik |
Auf einen Punkt, der in verschiedenen Diskussionsforen immer wieder aufkommt, möchte ich zum Schluß noch eingehen: Die Abkehr von 68k und AmigaOS 3.x.
Schon vor der Messe war klar, und wurde unmißverständlich klar gemacht: Seitens Amiga Inc. wird es keine Weiterentwicklung des AmigaOS 3.5 als unabhängiges Betriebssystem mehr geben.
So großartig das AmigaOS einmal war, so sehr hinkt es dem Stand der Technik hinterher. Eine "Runderneuerung" des reinen Desktop-OS würde genau das ergeben, was so viele kritisieren: Ein weiteres OS für Standard-Hardware. BeOS, zweiter Versuch, wenn man so will.
Doch Amiga Inc. läßt das alte OS nicht einfach fallen. Fleecy Moss ließ in einem IRC-Chat (heißt: inoffiziell!) verlauten, es würde für das neue OS eine Emulation des alten OS geben, geschrieben mit Zugriff auf alle Original-Quellcodes. Haage & Partner wurde dafür gewonnen, einen Übergangspfad vom alten auf das neue OS zu entwickeln.
Ebenso soll eine neue Version von WarpOS entwickelt werden, mit der das neue OS auch auf PPC-Amigas laufen wird.
Bill und Fleecy hätten eine Menge Geld sparen können, indem sie Gateway die Rechte an Amiga überlassen hätten. Aber sie haben sie gekauft, und sie bieten einen Übergang zu neuer Technologie. Das ist eine Menge mehr, als Gateway jemals getan hätte. Und ich denke nicht, daß wir mehr verlangen können.
"Wenn sie es nicht weiterentwickeln, sollen sie wenigstens die Quellcodes freigeben..."
Tatsächlich läßt Amiga prüfen, inwieweit das möglich ist. Doch ein Blick auf die Installationsdisketten des OS 3.1 reicht, um festzustellen: Nicht alle Rechte am AmigaOS gehören Amiga. Wishful Thinking, Adobe und noch ein paar andere wären wahrscheinlich nicht amüsiert, wenn deren geistiges Eigentum einfach so zur Open Source erklärt würde.
Und, so leid es mir für COSA (Case for Open Source AmigaOS) tut: Was würde mit einem Open Source AmigaOS geschehen? Leute könnten sich nicht über die Richtung einigen, jeder würde seine eigenen Änderungen programmieren, das OS würde sich in viele unterschiedliche Versionen zerlegen. Und die Handvoll Entwickler, die tatsächlich beim alten OS bleiben würden, hätten nicht die Spur einer Chance, das OS irgendwohin zu bringen.
Die Lizensierung der OS-Quellcodes an Organisationen (z.B. AROS, COSA, ...) ist da sehr viel wahrscheinlicher. Es ist und bleibt aber eine Tatsache: Wollte man das alte AmigaOS auf den Stand der Technik bringen, könnte man es genausogut auch gleich neu schreiben. Das ist nicht (nur) meine Meinung, sondern die Meinung von Carl Sassenrath, und der sollte es wissen - immerhin hat er große Teile des OS-Kerns selbst entwickelt.
Und genau das tut Amiga Inc. im Moment, mehr als es jede andere mir bekannte Firma für sich beanspruchen könnte: Ein Betriebssystem, daß so schlank, effizient, fortschrittlich und vielseitig ist, wie es das AmigaOS 1985 war.
Und von genausowenig Menschen wirklich verstanden wird. Davon nehme ich mich nicht aus.
| Mit vielen Grüßen, | |
| Martin Baute | |
| mb@amiga-news.de« | |
Bleibt mir nur, auch mich zu verabschieden und euch schon einmal ein frohes Osterfest zu wünschen.
Bis nächsten Monat,
euer
Carsten Schröder