Vertrauen ist nicht nur gut, sondern die Grundlage!

von
Gregor Franz

Vor weit über einem halben Jahr wurde von Amiga zur allgemeinen, dabei nicht unangenehmen Überraschung, die Firma QNX als strategischer Partner zur Realisierung des neuen OS für die NG-Amigas bekanntgegeben.

QNX ist als Anbieter eines leistungsfähigen und modernen Echtzeit- Betriebssystems in Nischen fernab üblicher Heimanwendermärkte vorgestoßen und kann auf eine beinahe zwanzigjährige Firmenerfahrung zurückblicken. Die Allianz mit Amiga sollte neue lukrative Geschäftsfelder erschließen und Amiga schnelle, aber gute Ergebnisse bringen.

Lange Zeit hörte man nun nichts vom Fortgang der Geschehnisse. Nur das Hickhack um AmigaOS 3.5 für die real existierenden Amigas war in den Schlagzeilen und von Amiga wurde lediglich über die Einstellung von wunderbar fachkundigem Führungspersonal berichtet, das die jeweiligen Abteilungen leiten soll. Von der Anstellung fähiger Entwickler, den eigentlichen Machern, erfuhr man dagegen nichts.

Wenn strategische Allianzen bekanntgegeben werden, dann geht man, selbst als durch zahlreiche Halbwahrheiten, Ankündigungen und darauf folgende Rückzieher mißtrauisch gewordener und nicht mehr so naiver Amiga-User, davon aus, daß in diesem Fall auch Verträge abgeschlossen werden, die den jeweiligen Parteien Sicherheit bieten und so den Beginn der Entwicklung ermöglichen.

Doch auch von dieser Vorstellung muß man sich wohl verabschieden.

Vor wenigen Tagen gab QNX auf seiner Homepage bekannt, daß seit der Ankündigung auf der Computer98 40 Entwickler hart daran arbeiten, die Versprechungen wahr zu machen. Auf Basis des vorhandenen Kernels QNX und des Photon microGUI's soll es bereits vorzeigbare Ergebnisse geben und im Herbst eine erste Betaversion für engagierte Amiga-Entwickler erscheinen - zum Nulltarif (Voraussetzung ist ein X86-Rechner, aber dies war auch von Amiga schon vor der besagten Kooperationsvereinbarung immer klargemacht worden). Zur Unterstützung soll bereits jetzt ein 'QNX Developers Network for Amigans' ins Leben gerufen werden und man will sich von nun an auch in einer speziellen Newsgroup, sowie Website engagieren.

Einen (!) Tag später war auf der Amiga-Website eine lakonische, wie immer vollkommen undetaillierte Pressemitteilung zu lesen, in der kaum mehr mitgeteilt wird, als der Fakt (obwohl dieses Wort bei Amiga seine eindeutige Aussagekraft langsam einzubüssen droht), daß Linux von nun an der Kern des zukünftigen NG-OS sein würde. Von der Firma QNX, den alten Ankündigungen, usw. ist keine Rede.

Sicher scheint es nun so, daß es im Hintergrund möglicherweise Grabenkämpfe gab, und daß QNX auch aus diesem Grunde eine Offensive versucht. Tatsächlich erscheint mir deren Aussage aber glaubhaft, daß 40 Leute an dem neuen Betriebssystem, sprich der Benutzeroberfläche, für ihren bestehenden und anerkanntermaßen leistungsfähigen OS-Kern arbeiten - diese Firma hat im übrigen auch schon Produkte und somit eingehaltene Versprechen vorzuweisen.

Ob das OS dann bei Amiga veröffentlicht wird, ist eine andere Sache, bzw. nunmehr kaum noch glaubhaft. So wäre die Chance da gewesen, daß mit dem Amiga-Supportprogramm auch die Wünsche von Amiga-Usern und -Entwicklern eingeflossen wären, damit etwas vom Amiga-Feeling auf ein modernes alternatives OS hinübergerettet worden wäre.

So aber bleibt Amiga auf seinem 'Hüh und Hott'-Kurs, jeden eventuell verbliebenen Vertrauenskredit, was die mittelfristige Entwicklung anbelangt, verspielend. Wo ist das Team, daß für Amiga das neue OS-Frontend entwickelt? Warum wurde wieder über ein halbes Jahr mit Erbsenzählen, bzw. angeblich 'den Markt beobachtend' vertan, während es doch heißt, im Computersegment würde die Technik rapide schneller veralten, als in allen sonstigen Bereichen? In unserem kleinen Amiga-Universum scheinen die Uhren aber langsamer zu ticken.

Sicher: OS 3.5 wird, neben einem endlich vorzeigbaren Produkt für Amiga (abgesehen von den Werbeartikeln), auch noch den Effekt der Unterstützung loyaler, verbliebener Amiga-User haben. Doch ist dies kein Produkt, daß auf längere Sicht etwas bewegen wird, bewegen soll und kann. Ebensowenig wird es Abwanderungswillige vom Umstieg auf eines der Massensysteme abhalten können.

Die Chance liegt also woanders: bei einem Zukunftsprodukt, daß man den Amiga-Usern SCHNELL als Alternative schmackhaft machen muß (denn mit dem sogenannten 'klassischen' Amiga wird das Ganze so oder so leider kaum etwas zu tun haben). Das Warten der User war und ist kein Selbstzweck.

So wird bei Amiga also wieder einmal bei Null angefangen. Das der, nicht ohne Grund hochgelobte Linux-Kernel, seit Jahren keine wirkliche Alternative zu den 'großen' Betriebssystemen für den Heimanwender wurde, hat ja seinen Grund darin, daß dafür noch einiges mehr dazugehört, als im Moment vorhanden ist. Ob ausgerechnet Amiga dies jetzt aus dem Ärmel schütteln kann, bleibt zumindest abzuwarten.

Worte wie Planungssicherheit, Berechenbarkeit und geregelte Zukunftsstrategie will ich lieber gar nicht erst anführen.

Was zu sagen bleibt, ist: Offen sein für Alternativen und auch QNX eine Chance geben, wenn sie beweisen, daß sie nicht nur hohle Phrasen dreschen, selbst wenn dies nicht die offizielle Amiga-Linie sein sollte. Messen wir die Unternehmen lieber an rationell faßbaren Fakten und schauen wir, was sie im Herbst vorzuweisen haben!


Prev Inhaltsverzeichnis Next
© '99 Der AmZeiger