"Traumfänger" / Marlo Morgan

von
Thomas Heinrich

Bücher online - ein Widerspruch in sich

Was ist das Wichtigste, wenn man in den Urlaub fährt? Natürlich: Ein gutes Buch für die weniger schönen Tage. Und wie findet man ein gutes Buch?

Der Blick in eine Online-Buchhandlung ist schon mal nicht schlecht. Schon auf der Einstiegsseite gibt es Empfehlungen für diverse Bücher, genau wie die Auslage in einem echten Buchladen. Aber natürlich ist das Angebotene trotzdem nicht das Richtige, zumal wenn man keine Ahnung hat, was man eigentlich lesen will.

Also ist das Lesen des Klappentexts schon mal wichtig. Online steht man da schon auf dem Schlauch, denn natürlich gibt es eine Kurzinfo zum Buch, aber mal kurz im Buch blättern ist nicht. Und mit den zugegeben sehr mächtigen Suchfunktionen findet man entweder viel, gar nichts, oder man weiß, was man sucht, damit man es finden kann - und das ist ein Paradoxon...

So führte mich der Weg also ganz altmodisch in die leibhaftige Buchhandlung, wo man das Papier riechen und die Verkäuferin um fachmännischen Rat fragen kann. Der war jedoch gar nicht nötig, nach einer halben Stunde, die mir viel kürzer vorkam, hatte ich ein Buch gefunden, das mich interessierte: Marlo Morgan's "Traumfänger".

Hierzu gibt es eine Kurzbeschreibung bei www.amazon.de, die aus dem Buch übernommen wurde:


Drei Monate verbrachte die amerikanische Ärztin Marlo Morgan in der australischen Wildnis und begleitete einen kleinen Nomadenstamm auf seiner abenteuerlichen Wanderung.

"Die Geschichte einer mutigen Frau, die mit den Aborigines wanderte und die wundervollen Geheimnisse und die Weisheiten eines sehr alten Stammes erfuhr. Es geht dabei um Dinge, die wir alle in unserer modernen Gesellschaft lernen müssen: wieder eine Beziehung zur Natur herzustellen, zu vertrauen und an unser inneres Wissen und unsere eigenen Ziele zu glauben."

(Elisabeth Kübler-Ross.)


Zum Inhalt

Die Autorin weist in ihrem Vorwort darauf hin, daß der Roman eine Erzählung ist, die auf erlebten Fakten basiert, aber auch - zum Schutz der Aborigines und deren Kultur - viele veränderte Details enthält. Es bleibt dem Leser überlassen, das Buch als Tatsachenbericht oder Abenteuerroman zu werten, wichtig seien weniger die harten Fakten, als deren Aussage und Bedeutung für jeden Einzelnen von uns.

Das Buch handelt von einer sozial engagierten amerikanischen Ärztin, die die Möglichkeit erhält, einige Zeit in Australien zu lehren und praktizieren. Sehr bald setzt sie sich für die Mischlinge der Weißen und Eingeborenen ein, die in den Großstädten ein trostloses Leben in Slums führen. Dabei liefert sie nicht nur medizinische Unterstützung, sondern gründet mit ihnen eine Firma, um auch für ein Selbstwertgefühl zu sorgen. Dies spricht sich schnell herum und sie bekommt eine Einladung - jedoch nicht zu einem förmlichen Empfang, wie sie anfangs glaubt, sondern zu einem Walkabout mit einem Stamm ursprünglicher Aborigines. Dieses Walkabout führt sie einige Monate lang quer durch die australische Wüste...

Alles halb so schlimm, mag man meinen, aber so etwas wird nach den Regeln der Eingeborenen durchgeführt. Zuerst bekommt sie ein einfaches Kleid der Aborigines, alle anderen Sachen, auch Ausweis, Geld und Schmuck werden verbrannt. Zu einem Walkabout wird nichts mitgenommen, außer sich selbst, kein Wasser, kein Proviant, alles wird sich auf dem Weg finden.

Im Verlauf schildert das Buch die täglichen Schwierigkeiten des Lebens in der Wüste: verbrannte Füße, Sonnenbrand, Wasser- und Nahrungssuche. Ganz langsam und kaum merklich wird beschrieben, wie die Ärztin langsam das Denken der Aborigines begreift und dadurch auch das Überleben in der Wüste immer leichter wird. Denn die Eingeborenen glauben an eine Vorbestimmung der Dinge, Wasser findet man nicht, weil man es sucht, sondern weil man darum bittet, daß es sich zeigen möge. Genauso fängt man keine Schlange zum Abendessen, weil man schlau oder geschickt genug ist, sondern weil sich die Schlange dazu bereit erklärt hat, das Abendessen zu werden.

Die Botschaft

Die totale Einbindung des Stammes der "Wahren Menschen" in die Natur ist auch die Botschaft des Romans. Ein Zusammenleben mit der Natur kann nicht durch einseitiges und verantwortungsloses Nehmen geschehen, sondern es setzt voraus, mit dem auszukommen, was die Natur freiwillig hergibt. Man dankt nicht dem Jäger, sondern der Beute, daß sie der Bestimmung gefolgt ist, heute die Nahrung für die Gruppe zu sein.

Diese Denkweise ist für uns sehr schwer zu verstehen, deshalb ist es um so bemerkenswerter, daß es im Roman in dieser Hinsicht nie eine Unstimmigkeit oder Ungereimtheit gab. Sehr überzeugend ist auch, daß die Protagonistin am Ende nicht als eine "perfekte" Aborigine in die Zivilisation zurückkehrt, sondern als jemand, der beide Welten gesehen und verstanden hat, als Mittler zwischen den Welten.

Weniger vorstellen kann ich mir allerdings, daß ein zivilisationsgewohnter Mensch seelenruhig zuschaut, wie sein Geld, seine Kleidung und persönlichen Andenken durch wildfremde Menschen verbrannt werden. Daß dies nach der Erfahrung eines Walkabouts der Fall sein kann, ist plausibel, aber bereits davor?

Die Form

Ganz gut an dem Buch hat mir gefallen, daß es viele, kurze Kapitel sind. Dadurch kann man immer eine kleine Portion lesen und verdauen, ohne den Faden zu verlieren. Auf jeden Fall ist es ein Buch zum Nachdenken, zum Hinterfragen der Grundlagen unserer Zivilisation. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es jemand nur als Abenteuerroman lesen kann; selbst wenn alles nur erfunden sein sollte, ist die Lebensweise der "Wahren Menschen" so in sich logisch geschildert, daß sie unmöglich ein Hirngespinst sein kann.

Fazit

Das Buch ist ideal für den Urlaub. In der entspannten Urlaubsatmosphäre hat man genug Muße, den Gedankengängen zu folgen, ist das Wetter schlecht, wärmen die Schilderungen der Wüste von innen. Die kurzen Kapitel helfen, die Gedanken zwischendurch zu ordnen und erlauben es, schnell mal ein Stückchen weiterzulesen, wenn man Leerlauf hat.

Die Beschreibung einer völlig anderen Sicht der Welt ist so faszinierend, daß man sich mehr als einmal die Frage stellt, ob wir unser Leben eigentlich nicht total verkehrt leben. Dabei ist von Belehrung durch die Autorin gar nichts zu spüren, sie schildert einfach nur ihre Eindrücke und Gedankengänge während des (vielleicht imaginären) Walkabouts. Und wohl gerade deshalb ist das Buch gleichzeitig unterhaltend, aber auch eine gute Anregung zur Hinterfragung des eigenen Lebens.

Zu kaufen ist das Buch in jeder Buchhandlung und natürlich in den diversen Internet-Online-Buchläden:

Marlo Morgan - "Traumfänger"
Taschenbuch, 251 Seiten (1998)
Goldmann, München, ISBN: 3442437407

Preis: 14,90 DM (7,62 EURO)


Prev Inhaltsverzeichnis Next
© '99 Der AmZeiger