Die Struktur unserer Web-Site

Den ersten Workshop nannte ich noch Homepage, obwohl dieser Name im eigentlichen Sinne des Namens die Titelseite der gesamten Web-Site ist. Aus diesem Grunde heißt die Fortsetzung des Workshops auch Web-Site. Nun wollen wir etwas detaillierter in die Struktur eingehen. Aber zuerst noch einmal eine kurze Rekapitulation des letzten Workshops.

Die Seitengestaltung eines Buches bestimmt nur in geringem Maße, wie der Leser ein Druckmedium benutzen kann. So kann z.B. ein Inhaltsverzeichnis zwar die Reihenfolge des Lesens lenken, aber nicht erzwingen. Jede Buchseite kann sofort erreicht werden. Anders ist es bei einem Hypertext: der Nutzer muss vorgegebenen Verweisen folgen, um untergeordnete Seiten zu erreichen. Beim Web-Design ist die grafische Gestaltung direkt mit der Benutzerführung verbunden. Ein charakteristisches Grafik-Design und Erscheinungsbild dient jedoch nicht nur dazu, Web-Sites "aufzupeppen"; Grafiken, Bilder, Symbole und Links sind vielmehr integrale Elemente, die dem Anwender die Navigation und Nutzung unserer Web-Site erleichtern.

Web-Dokumente unterscheiden sich an einem Punkt grundlegend von Druckerzeugnissen: Durch Hyperlinks kann jede Seite im Web einzeln angesteuert werden. Daher müssen Web-Sites so aufgebaut werden, dass zur Not jede Seite "für sich" stehen kann. Praktisch bedeutet dies, dass die Kopf- und Fußzeilen von Web-Dokumenten ausführlicher sind als bei Printmedien. Übrigens gehen Magazine und Zeitungen ähnlich vor, da die Zeitungsmacher wissen, dass eine Seite mit einem interessanten Artikel oftmals herausgerissen wird. Daher befinden sich bei Zeitungen und Zeitschriften Name, Datum und Ausgabennummer oben oder unten auf jeder Seite.

Abgesehen von dieser Besonderheit gelten grundsätzlich die Leitlinien der konventionellen Informationsvermittlung:
wer, was, wann und wo.

Wer
Wer spricht? Diese Frage ist so grundlegend, dass viele Web-Autoren vergessen, dass für den Leser diese Information besonders wichtig ist, um Texte einzuordnen. Es gibt eine Flut von Seiten im Web, die (z.T. absichtliche) Falschinformationen enthalten und die trotzdem die Diskussion beeinflussen. Wüsste man, wer für die Seite verantwortlich ist, könnte man den Informationswert besser einschätzen.

Was
Jedes Dokument braucht einen klaren Titel. Im Web ist das besonders wichtig. Der Titel des Dokuments ist häufig das erste und manchmal für einige Sekunden - je nach Größe der sich aufbauenden Grafiken - das einzige, was der Besucher an Information sieht, bis die Seite vollständig geladen ist. Darüber hinaus wird dieser Titel die Bezeichnung für die Dokumentseite in der Bookmark-Datei des Anwenders werden, sollte ihm diese interessant erscheinen. Ein irreführender oder mißverständlicher Titel kann dazu führen, dass der Leser die Seite nicht auf Anhieb in seiner URL-Liste wiederfindet.

Wann
Der Wert eines Dokuments hängt sehr von seinem informativen Gehalt ab. Bei vielen Themen spielt die Aktualität eine besondere Rolle. Prinzipiell sollte bei Dokumentationen jeglicher Art das Datum leicht ersichtlich sein.

Wo
Wer auf einen Hyperlink klickt, könnte mit einem Web-Server in Australien, den USA, Deutschland oder an jedem anderen Ort der Welt verbunden werden. Oft ist es schwer zu sagen, woher eine Web-Site stammt. Aber so ist eben das World Wide Web. Die Frage, woher im Web ein Dokument stammt, kann allerdings manchmal durch die Angabe beantwortet werden, von wem es stammt. Daher sollten wir unseren Besuchern immer unseren Namen und unseren Wohnort nennen. Mindestens auf allen wichtigen Seiten sollte ein Link zur Startseite (Homepage) vorhanden sein. Das ist zwar ein ganz einfaches Mittel, den Ursprung eines Dokuments anzugeben, wird aber eine besuchte Seite gespeichert oder ausgedruckt, geht diese Information häufig verloren.

Der Besucher sollte immer eindeutig den Weg zu wichtigen Punkten innerhalb unserer Web-Site finden. Diese grundlegenden Links, die auf jeder Seite der Site sichtbar sein sollten, sind häufig grafische "Buttons", die sowohl eine Funktion als Hauptnavigationsmittel innehaben als auch eine wichtige Rolle für die grafische Identität unserer Web-Site spielen. Diese grafische Identität hilft dem Besucher, sich zu orientieren. So weiß er - egal auf welcher Seite er sich befindet - dass er sich noch innerhalb unserer "Domain" bewegt. Ein Beispiel hierfür ist die Button-Leiste, die bei Netscape auf jeder Seite unten zu finden ist.

Netscape Navigation Button

Diese Button-Leiste ist nützlich (viele Wahlmöglichkeiten auf kleinem Raum), voraussehbar (man findet sie immer unten auf der Seite) und hilft, ein konsistentes Erscheinungsbild zu erzeugen.

Jede Seite unserer Web-Site sollte mindestens einen Link zu einer anderen Seite aufweisen. Seiten ohne Links zu irgendeiner anderen Seite der Web-Site bezeichnet man als "Dead End"-Seiten und diese sind für alle frustrierend.

Besucher kommen oft auf eine Seite in unserer Web-Site, ohne den Gesamtzusammenhang zu kennen (z.B. durch einen Hinweis auf eine Seite durch eine Suchmaschine). Wenn diese Seiten nun keine Links aufweisen, schließen wir die Besucher vom Rest unserer Site aus. Die Gefahr von "Dead End"-Seiten mag folgende Abbildung verdeutlichen:

Web Seite ohne Links

Und nun sind wir wieder bei der Struktur angelangt. Im letzten Workshop sprach ich von den Hierarchieformen und deren Strukturen, zu flach, zu verschachtelt, zu verworren und von einer ausgewogenen Struktur. An letztere wollen wir uns orientieren und gehen etwas tiefer in dieses Metier hinein.

Die einfachste Methode, Informationen zu strukturieren, besteht darin, eine Reihe (Sequenz) zu erstellen. Man könnte auch von einer linearen Darstellung sprechen. Informationen, die als zeitliche Abfolge oder Erzählung natürlich fließen oder die eine logische Reihenfolge beinhalten, sind prädestiniert für die sequentielle Behandlung. Eine einfache sequentielle Anordnung eignet sich jedoch im allgemeinen nur für kleinere Sites (oder strukturierte Listen wie Sachregistern). Die Gefahr der Überladung der Startseite hatte ich schon erläutert.

sequentielles diagramm

Auch komplexere Web-Sites können als Sequenz organisiert sein. Dabei muss jedoch jede Seite in der Hauptsequenz eine oder mehrere verzweigende Seiten, zusammenfassende Informationen oder Links zu Informationen auf anderen Web-Sites beinhalten.

Informationshierarchien sind eine der besten Methoden der Organisation komplexer Informationseinheiten. Hierarchische Organisationsmuster eignen sich besonders gut für Web-Sites, weil diese immer als Abkömmlinge einer einzelnen Homepage organisiert sein sollten. Eine hierarchische Struktur hält auch uns selbst zu einer nützlichen Disziplin bei der strukturellen Analyse der Inhalte an.

hierarchisches Diagramm

Viele Handbücher, Listen usw. lassen sich am besten in Form eines Gitternetzes organisieren. Gitternetze stellen eine ausgezeichnete Methode dar, um Variable in einen Zusammenhang zu bringen. Ein Beispiel etwa wäre die sequenzielle Struktur als Darstellung einer zeitlichen Abfolge analog zur Linearität eines historischen Ablaufs, die ihrerseits quer in mehrere Standardkategorien wie "Ereignisse", "Technologie", "Kultur" usw. unterteilt ist. Auf diese Weise könnte der Besucher dem Gitternetz "nach unten" folgen, indem er über ein bestimmtes Thema nachliest, oder er könnte die Linearität "überspringen", indem er vielleicht die Teile verschiedener Themen miteinander vergleicht. Leider sind Gitternetze manchmal unübersichtlich und schwer verständlich. Das ist dann der Fall, wenn der Besucher die Verbindungen zwischen einzelnen Informationskategorien nicht erkennt. Das heißt, dass diese Form der Informationsaufbereitung sich schlecht für Anfänger eignet.

Gitternetz Diagramm

Eine spinnennetzartige Organisationsstruktur legt der Art der Informationsnutzung kaum Beschränkungen auf. Das Ziel besteht oft darin, gedankliche Assoziationswege und einen freien Fluss von Ideen nachzuahmen. Ein solches Organisationsmuster beinhaltet oftmals ein sehr dichtes Netz von Links sowohl zu anderen Informationen innerhalb der Site als auch zu Informationen auf anderen World Wide Web-Sites. Während es einerseits um Funktionalität gehen sollte, können solche netzartige Organisationsstrukturen genauso leicht zu Verwirrung und nebulösen Vorstellungen darüber führen, wie die einzelnen Informationseinheiten miteinander verbunden sind.

Spinnennetzdiagramm

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die meisten komplexen Web-Sites Charakteristika aller vier Arten von Informationsstrukturen an sich haben. Mit Ausnahme von Sites, die in rigoroser Weise eine Abfolge von Seiten erzwingen, werden Anwender jede Site wahrscheinlich in einer freien, "netzartigen" Art benutzen, etwa so, wie man ein Sach- oder Informationsbuch lesen würde. Die nichtlinearen Verwendungsmuster befreien uns aber nicht von der Notwendigkeit, unsere Gedanken zu organisieren und sie in einer klaren, einheitlichen Struktur zu präsentieren. Diese Struktur muss in Einklang mit den Gestaltungszielen für unsere Site stehen.


Autor:   Wolf Zimmer      E-Mail: wozim@t-online.de
Homepage: http://home.t-online.de/home/wozim und http://www.chiemgau.com/apc&tcp/members/wolf

Bilder und manche Textpassagen sind dem YALE-Web-Style-Guide der Autoren Patrick Lynch und Sarah Horton entnommen.