Hallo Borbarad !

In Ausgabe Nr. 62 habe ich mit einigem Vergnügen und Schmunzeln Deinen Rollenspiel-Workshop gelesen. Leider habe ich auf meinen vorhandenen Disks (ab Nr. 57) die ersten Teile des Workshops nicht gefunden. Muss wohl schon eine Weile her sein... Da ich auch seit einigen Jahren intensiv Rollenspiel betreibe, sowohl als Spieler als auch als Spielleiter (Meister), muss ich unbedingt meine Kommentare zu Deinem Beitrag loswerden.

Viele der Dinge, die Du erwähnst (Spieler, die sich schlicht und einfach dämlich anstellen, Spieler die versuchen ein wenig zu pfuschen oder beleidigt reagieren, wenn sie in einer Szene den kürzeren ziehen) kommen mir bekannt vor, wenn sie mir auch selten in der extremen Ausprägung vorgekommen sind, in der Du sie darstellst. Sicher, meine Spieler haben sich auch manchmal wirklich dumm angestellt, doch bei manchen (seltenen) Gelegenheiten haben sie Ideen, die den Spielleiter verblüffen (in positivem Sinn).

Das Phänomen "Der Meister geht als Sieger vom Tisch" war mir bis vor kurzem unbekannt. Ich war bisher Spieler und Spielleiter bei verschiedenen Systemen (Midgard, Shadowrun und Earthdawn). Unsere Gruppe hat sich von den ersten Gehversuchen mit Midgard kontinuierlich weiterentwickelt, was auch darauf zurück zu führen ist, dass wir alle von Anfang an dabei waren. Unser erster Spielleiter in Midgard hat uns folgende Regeln unmissverständlich klar gemacht:

1. Der Spielleiter ist das Gesetz

2. Niemand widerspricht während des Spieles dem Spielleiter, Diskussionen werden grundsätzlich nach dem Spiel geführt.

3. Es gilt das offizielle Regelwerk. Alle Regeländerungen sind mit der Gruppe zu diskutieren und müssen einvernehmlich akzeptiert werden. Die Auslegung strittiger Regeln während des Spiels obliegt dem Spielleiter.

Auch wenn das jetzt ziemlich hart klingt und einige der Regeln im Laufe der Zeit (leicht) aufgeweicht wurden, so haben sie doch nach-wie-vor Bestand und ich bin mir sicher, dass sie nicht nur die Grundlage unseres Spielspasses sind, sondern auch viel zum Vertrauensverhältnis Spieler-Spielleiter beigetragen haben.

Seit einem Jahr bin ich ausserdem Spieler und Spielleiter in einer anderen Gruppe. Dort spiele ich Vampire (nur Spieler), Fading Suns (nur Spielleiter) sowie Shadowrun und Earthdawn (nur Spielleiter). Dort bin ich zum ersten Mal dem Phänomen begegnet, dass Spieler ihrem Spielleiter nicht vertrauen. Kommentare wie "Das war ja klar..." oder "Der Spielleiter hat gewonnen." sind mir seitdem nicht unbekannt. Ich habe ein wenig nachgeforscht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es (in diesem Fall) an folgenden Ursachen liegt, wenn das Spieler-Spielleiter-Verhältnis belastet ist:

- Persönliche Konflikte (Wenn jemand den Spielleiter als Person nicht leiden kann oder der Spielleiter einen bestimmten Spieler "auf dem Kieker" hat, dann muss man sich nicht wundern, wenn der Spielspass leidet.)

- Der Spielleiter überlastet seine Spieler (Einen Drachen auf eine Anfängergruppe loszulassen oder eine Elite-Kampfmagierschwadron gegen einen Haufen grüne Shadowrunner zu schicken beweist nur, dass der Spielleiter kein Gefühl für die Wahl der Mittel hat)

- Inkonsistente Regelauslegung durch den Spielleiter (Wenn ein Angriff heute nach diesen Regeln und morgen nach anderen Regeln abgewickelt wird, oder wenn zwei Leute für die selbe Aktion unter den selben Umständen unterschiedliche Modifikatoren bekommen dann ist irgendetwas faul. Vielleicht sollte der Spielleiter sich das Regelwerk etwas genauer durchlesen).

- Der Spielleiter kennt die Regeln nicht (So ziemlich das schlimmste, was einem passieren kann. Das verleitet Spieler dazu, dem Spielleiter ihre eigene Version der Regeln aufzutischen - und nicht jeder ist so gründlich beim Studium der Regeln, wie es ein Spielleiter sein sollte.)

- Unlogische, verworrene Abenteuer (In Welten, wo Magie und Psi-Kräfte herrschen, wo Drachen, Dämonen und bizarre Kreaturen existieren sollte es zumindest eine Kraft geben, die das alles zusammenhält und die den Spielern die Gewissheit gibt, nicht lediglich verarscht zu werden: Die Logik der erzählten Geschichte. Sie muss den Charakteren nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein, sollte jedoch im Laufe der Geschichte offenbar werden. Tut sie es nicht, kann man entweder den Mantel des Geheimnisvollen darüber breiten, oder den Spielern nach dem Spiel die Hintergründe erzählen. Wenn das Gruppenklima schon belastet ist, sollte man die zweite Variante wählen, da man sonst als Spielleiter wieder in den Verdacht kommt, man wolle die Gruppe "verarschen").

Wenn Du dir die o.a. Liste genauer ansiehst, könntest Du zu dem Schluss kommen, dass es meistens die Schuld des Spielleiters ist, wenn das Vertrauensverhältnis gestört ist. Das ist meine Meinung und sie basiert lediglich auf den Beobachtungen in meiner neuen Gruppe. In anderen Gruppen kann es ganz andere Ursachen geben. Zu häufiger Wechsel des Spielleiters und Spieler-Fluktuationen tun der Gruppe auch nicht gerade gut. Daher sollte man sich meines Erachtens nach bemühen, immer dieselben Spieler mit denselben Charakteren innerhalb einer Kampagne zu haben.

Dass jemand beim Spiel oder bei der Charaktererschaffung pfuscht, ist in meinen Gruppen noch nicht vorgekommen. Für so jemanden wäre bei uns kein Platz. Man muss sich schliesslich immer die Gefühle der Leute vor Augen halten, die Jahre einen Charakter gespielt haben, der jetzt langsam richtig gut wird und dann kommt so jemand daher, der sich bei der Charaktererschaffung schon ein paar Boni gewährt hat, für die Andere Jahre brauchen, um sie sich zu erspielen. Ich denke nicht, dass das eine gute Basis für gemeinsames Spielen ist. Was ich noch verstehen kann ist, wenn der Spielleiter zu Beginn eines Spieles oder einer Kampagne den Spielern Bonuspunkte gewährt, mit denen sie ihre Charaktere von Anfang an auf ein höheres Fertigkeiten-Niveau bringen können. Diese Boni gelten dann natürlich für Alle. Ich bin zwar kein Freund von solchen künstlichen Boosts, aber wer glaubt, dass die Spielercharaktere es nötig haben, um eine bestimmte Kampagen zu überleben, kann das als Spielleiter ruhig tun. Nur sollten solche Charaktere niemals ohne Absprache auf einem Kon oder in einer anderen Gruppe gespielt werden. Das Problem ist sowieso in den meisten Fällen nicht die Erfahrung der Charaktere, sondern die der Spieler. Was nutzen z.B. einem Barden die tollsten sozialen Fähigkeiten auf hohen Stufen, wenn der Spieler sich darauf beschränkt, sein Schwert sprechen zu lassen ?!

So, jetzt aber genug gequasselt. Wie Du sicher bemerkt hast, hat mir Dein Artikel sehr gut gefallen und mich zum Nachdenken angeregt. Ich bin zwar kein DSA-Fan, doch würde ich mich freuen, auch in Zukunft von Dir zu Hören (bzw. zu Lesen), auch wenn die meisten DSA-Charaktere wahrscheinlich nicht gerne "Neues von Borbarad" hören ;-) ....

Bis bald

Jörg Herz