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ProTracker - Die Geschichte einer Legende

 
Wir schreiben das Jahr 1999, im Aminet überschwemmen uns nach wie vor die MODs und neuerdings auch MP3s - diese zwar in geringerer Zahl, jedoch mit beachtlichen Dateigrößen. Doch warum konnte sich überhaupt das MOD-Format, welches von Codern aus der tiefsten Szene (das ist jetzt nicht abwertend gemeint!) erfunden wurde, überhaupt durchsetzen? Es ist eine lange Geschichte, die beinahe so alt ist, wie der Commodore Amiga selbst. Und genau vor 9 Jahren, im Mai 1990, wurde auf dem Amiga schließlich der ProTracker geboren.

 

SoundTracker

 
Im Jahre 1986 fand Karsten Obarski, seines Zeichens Musiker bei "reLine" (Oil Imperium, Traders), daß Chip-Tunes und Sample-Loops eigentlich nicht des Computermusikers Weisheit letzter Schluß sein sollten und begann, auf dem Prinzip von Samples ein Programm zu entwickeln, welches ein einfaches Komponieren von Musikstücken möglich machen sollte, indem man Samples als Instrumente verwendete und 4 Kanäle (Tracks, daher das Wort Tracker) zur Verfügung standen - damit konnte man schon was anstellen. Das Programm SoundTracker V1.0 verkaufte sich nicht so zahlreich wie es kurz nach dessen Erscheinen verbreitet war - es gab ja genug Cracker, und wozu bezahlen, wenn man es umsonst bekommen kann?

Schon bald waren zig Versionen dieses Programms im Umlauf und Karsten gab es schließlich auf, das Programm weiter zu entwickeln. Verständlich, denn wer schaut schon gerne zu, wie das eigens geschaffene Programm zwar nicht gekauft, dafür jedoch fleißig raubkopiert und disassembliert wird?

Obwohl der SoundTracker aus heutiger Sicht gesehen alles andere als komfortabel oder bedienbar war, erlangte er schnell einen hohen Beliebtheitsgrad und das Programm wurde stark verbreitet. Es konnte bereits 15 Instrumente als Samples laden und das Format entsprach im wesentlichen dem zeitgemäßer MODs.

SoundTracker V1.1-V2.3 waren dann Werke von verschiedenen Gruppen, insbesondere wären da zu nennen: Dr.Mabuse / D.O.C., T.I.P. / The New Masters (verantwortlich für den TNM-Coder und vermutlich auch für den Floppy Disk Destroyer) und MnemoTroN / Spreadpoint. Während es von dem SoundTracker noch eine mysteriöse "Version II Professional" von Marco Nelissen gab, welcher jedoch keine besondere Bedeutung geschenkt werden sollte, versuchte es Andreas Tadic (Team17) mit dem Games Music Creator, wobei auch er ein wenig beim SoundTracker abkupferte.

 

NoiseTracker

 
Mahoney & Kaktus / Northstar landeten dann einen Riesenerfolg mit ihrem NoiseTracker, welcher auf der Version 2.3 des SoundTrackers basierte. Erstmals konnte man mit 31 Instrumenten arbeiten und es gab einen eigenen Screen für die Konfiguration. Die Popularität des NoiseTracker war enorm und nicht einmal MnemoTroN / Spreadpoint konnte ihm mit neuen Versionen des SoundTrackers (V2.4 und V2.5) den Rang ablaufen.

 

ProTracker - Part I

 
Während sich der NoiseTracker einer immer größeren Beliebtheit erfreute, begannen die zum damaligen Zeitpunkt noch relativ unbekannten Amiga Freelancers damit, den Code von SoundTracker V2.4 zu zerlegen und verbessern - das, was dabei heraus kam, war der ProTracker, mit zahlreichen neuen Bugs und (!) Features, von denen Mahoney und Kaktus wohl nur zu träumen gewagt hatten, was deren Aufgabe zur Folge hatte. Nun wurde ProTracker zum Quasi-Standard und da sieht man wieder einmal, daß sich nur Produkte mit vielen Bugs und Features durchsetzen können! ;)

[ProTracker V1.3]
 
Nichtsdestotrotz wurde es auch den Amiga Freelancers irgendwann einmal zuviel, und sie veröffentlichten den Sourcecode im Internet, das war Ende 1991, später kamen noch zwei neue Versionen von ihnen heraus, aber danach verabschiedeten sie sich mehr oder weniger für immer (aus der ProTracker Perspektive heraus gesehen).

Mushroom Studios / Noxious entwickelten V1.3 weiter und besserten eine ganze Menge von Bugs aus, erweiterten den ProTracker auch um einige sinnvolle Features, hörten jedoch relativ bald wieder damit auf, als Anfang 1993 die Cryptoburners die Version V3.0 hervorbrachten.

 

Die Konkurrenz

 
Inzwischen versuchten MnemoTroN / Spreadpoint mit einer neuen Variante des SoundTracker (V2.6) zu überzeugen. Das spezielle Feature dieser Version war, daß die Patterns (also die Abschnitte der Module) nicht aus 4 Tracks bestanden, sondern daß jeder Track (Kanal, Channel) ein eigenes Pattern hatte. IMHO eine exzellente Idee, die auch in Fachkreisen oft diskutiert wurde und nicht viele Anhänger fand. Naja, ich bin ja nicht Experte in diesem Gebiet, also hab ich da auch nichts mitzureden, aber trotzdem finde ich diese Variante um einiges flexibler.

Exolon / Fairlight überraschte kurze Zeit später die Welt der Amiga Soundwizards mit dem eigens kreierten, auf dem NoiseTracker V2.0 basierenden StarTrekker, welcher es erlaubte, achtstimmig (!) zu komponieren. Nunja, das hatten Chris Hülsbeck und Jochen Hippel mit dem TFMX Sound System auch ganz fein hinbekommen. Dann gabs noch eine spezielle Version des NoiseTrackers (1.3D), welcher komprimiert packen konnte, sowie den IceTracker (SoundTracker 2.6 Ableger), Audio Sculpture (StarTrekker Nachfolger), und irgendwann fingen die Tracker an, immer schlechter zu werden, was zumindest auf die Bedienung zutraf: OctaMED, QuadraComposer, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

ProTracker - Part II

 
Zurück zur Geschichte des ProTracker. Mushroom Studios / Noxious gaben schließlich auf, obwohl viele Leute von der neuen Cryptoburners Version des ProTracker nichts wissen wollten. Warum? Der Hauptgrund war wohl die Umstellung von PAL LoRes (320x256) auf PAL HiRes (640x256). Alles eine Frage der Philosophie. Nun sind wir an einem Punkt angelangt, wo sich die ProTracker Linie spaltet. Die einen bevorzugen die Versionen von den Amiga Freelancers und Noxious, die anderen die Versionen von Cryptoburners und Osiris. Doch zu Osiris kommen wir später noch,

Erst einmal gaben die Cryptoburners den Sourcecode angeblich (!) aus der Hand, und zwar in die Hände von MAW, der mit den DYN Samples versuchte, 14-Bit Qualität zu erreichen. Er programmierte auch einen Editor, welcher mehr als 4 Stimmen unterstützte, synthetic Sound und 16-bit Samples! AFAIK konnte er sein Werk nicht mehr fertigstellen und nach langer, langer Wartezeit passierte es schließlich, daß Tom Beyer, der selbst abwechselnd beide Versionen des ProTrackers nutzte (die von Cryptoburners und die von Noxious), sich dazu entschloß, eine eigene Version zu programmieren.

Unter dem Label von Osiris veröffentlichte er ab 1996 einige Versionen und versuchte sich 1997 sogar an einer Version mit 8 Kanälen und vielen neuen Features, aber das dürfte er inzwischen aufgegeben haben. Somit bleibt V3.61 die vorerst letzte offizielle und nicht-beta Release des beliebtesten Trackers der Welt. Und damit endet unsere kleine Geschichte.

"...The use of noise to make music will continue and increase until we reach a music produced through the aid of electrical instruments, which will make available for musical purposes any and all sounds that can be heard." -- John Cage
 
 

Anhang

 
Wir haben die ProTracker Version V1.3B von den Amiga Freelancers und die Version V2.3A von Mushroom Studios / Noxious (AGA+config fix by The Duke/SYNTEX) mit MODs und Workshop zu V1.3B sowie weiterer Dokumentation in einem Archiv zusammengefügt. Dieses Archiv kann jeder von mir anfordern, ich schicke es dann (ca. 500K) per E-Mail zu.

Bernhard Lukas     [ german ]    
Steve Bowman     [ english ]    


- ProTracker 2.3D - Mushroom Studios / Noxious
- ProTracker 3.15 - Cryptoburners
- ProTracker 3.61 - Tom Beyer / Osiris
- Useful PT Docs (LHA; 16K)
- PT Version History (TXT; 4K)
- ProTracker Main Screen (JPEG; 30K)
- ProTracker Sampler (JPEG; 27K)
- Cryptoburner's File Requester (JPEG; 29K)
- Cryptoburner's Sampler (JPEG; 25K)
- Osiris' Version of PT (JPEG; 29K)
 
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