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Eat The Whistle - das darf doch nicht wahr sein!

 
Es gibt definitiv gute und schlechte Spiele auf dieser Welt - ein Gegensatz, der nicht nur omnipräsent, sondern auch unabdingbar ist. Wie sonst könnte man sich an außergewöhnlich guten Games derart erfreuen? Und umgekehrt gilt natürlich auch... äh... oh Gott, was rede ich denn da wieder daher? Das liegt wohl daran, daß mir nach dem Test dieser gnaaadenlosen Fußballorgie einfach die Worte fehlen. Gehen wir also zurück zu dem Zeitpunkt, an welchem ich die Hülle einer gewissen neuen CD eingehender zu betrachten begann...

 
... und mir zunächst einmal das Lachen nicht verkneifen konnte. Das Design ist zwar nur semigenial, aber die beiden Kicker auf dem Cover wirken in der Tat höchst amüsant. (schauen alle Fußballer so dämlich drein?). Links oben das Amiga-Logo - das Spiel scheint also auf meinem Rechner lauffähig zu sein. Rechts ganz groß der Titel Eat The Whistle, hoffentlich meinen die nicht meine Pfeife, die tu ich nämlich lieber rauchen, zumal Holz und Kautschuk nicht besonders munden - außer vielleicht mit einem edlen Tropfen Rotwein! Wohl aber war ich, trotz Gips (der Leser erinnert sich ...?), in der Lage, das Ding zu wenden. Meine Bezeichnung des The Strangers-Covers, "impressionistisch", kommt mir wieder in den Sinn. Hier ist diese Kunstform zur Perfektion gereift, allerdings nur, wenn man aktionistisch denkt. Nein, nein, kein Blut und keine Perversionen, oder halt, doch: so ein furchterregend grindiges Bild einer Fußballszene kann man einfach nur als pervers bezeichnen. Da muß man einfach wegschauen! Gar nicht aktionistisch und auch nicht impressionistisch, aber trotzdem schwer leserlich sind die zahlreichen Angaben über das, was einen im Inneren der CD-Hülle erwartet. Spaßeshalber will ich die wahnwitzigsten Sprüche zitieren: "sehr intuitive Steuerung", "Rollenspielmodus" (hä?), "Arcademodus ähnlich Speedball II" (wau). Es soll über 1000 Animationsframes, spektakuläre Spezialschüsse (geschrieben mit scharfem ß), 30 verschiedene Platzverhältnisse, tolle Steuerungsmöglichkeiten und viel Systemfreundlichkeit geben, AHI und Grafikkarten werden unterstützt. "Klingt ja interessant, das werd ich gleich mal nachprüfen", dachte sich der unschuldige Tester und fütterte sein CD-Laufwerk mit der silbernen Scheibe von Epic / Islona Games.

[Titelscreen]
 
 

Ein Intro kommt selten allein...

 
In Zeiten wie diesen sind wir Zocker ja schon soooo verwöhnt, daß uns alle Programmierer mit tollen Intros und geil gerenderten Logos beschenken. Das ist mittlerweile sozusagen Standard. Standards sind quasi Mittelwerte, und solche kann man mitunter übertreffen. Tja, oder auch gnadenlos unterbieten. Bei "Friß die Pfeife" hat man offenbar zweitere Version bevorzugt. Da sind zuerst ein paar Grafiken aus den mittleren Achtzigern hineingerutscht, wie mir scheint, aber was soll's, sind ja bloß Logos, und wer braucht schon gutaussehende Logos? Aber nach solchen kommt logischerweise das Intro. Und dieses macht mich sprachlos. ... Nach fünf Dosen Red Bull und einem Liter starkem Kaffee bin ich endlich in der Lage, auszuformulieren, was ich sah: äh... ein... ein Bus kommt von links ins Bild, im Hintergrund ein, äh, Stadion. Ja, das ist es. Dazu kommen Geräusche aus dem Monitor, Motorgeräusche, wie ich messerscharf kombiniere. Da, es geschieht wieder etwas: nach kurzer Wartezeit fährt der Bus ab, dieser zweidimensionale blaue Bus, den meine fünfjährige Schwester gezeichnet haben könnte, wenn ich bloß eine fünfjährige Schwester hätte. Und nun, Achtung, jetzt kommt's, haltet Euch fest: was dem Zuseher zuvor verborgen, wird nun offenbar. Da steht eine... Fußballmannschaft! Die sind gerade ausgestiegen, und keiner hats gemerkt. Wahnsinn, das ist ja spannend, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Und dann auch noch eine Pointe, die übrigens bei jedem Start anders ist. Einmal kommt von oben ein riesiger Fußball und zermalmt alle, der drückt einen richtigen Krater in den Asphalt - wau, der muß schwer sein! Erinnert mich an so ein Ottifanten-Comic. Ein anderes Mal drehen sich die Stadion-Flutlichter und schießen eine Art Laserstrahl, so daß die gesamte Mannschaft verglüht und von der Bildfläche verschwindet. Beim dritten Mal hebt das Stadion ab und entpuppt sich als UFO. Das Stadion bekommt ein anderes Mal Beine und rennt oder kegelt die Mannschaft nieder. Kostproben gefällig? (Achtung: Männer, Frauen, Hunde und kleine Kinder sollten die Bilder nur unter ärztlicher Aufsicht genießen.)

[Ball-Intro]
 
[Kugel-Intro]
 
 
Ein kräftiges Schluckerl Montana-Tropfen zur Magenberuhigung, und es geht mir wieder besser. Aber nur bis zum Erscheinen des Hauptbildschirmes und dem Ertönen der Musik. Die Musik läßt sich wenigstens abstellen, aber am Main Screen führt kein Weg vorbei. Der wichtigste Punkt der Auswahl ist hier wohl mit Abstand "Zur ck zum DOS" (Lückentext als sprachlicher Intelligenztest für den Spieler?). Wenn man diesen wählt, erscheint ein dermaßen grauslicher Requester, daß Streifen wie "Nightmare" dagegen in ästhetischer Schönheit erstrahlen. Die Frage "Sind Sie sicher?" richtig zu beantworten ist daher trivial. Die Option "Nein" existiert vermutlich nur für arme Tester, die auch noch was vom eigentlichen Spiel sehen wollen oder müssen. Dummerweise gehöre ich zu letzterer Gruppe, welche erst in solchen Momenten erkennt, was für einen frustrierenden job sie eigentlich ausübt. An dieser Stelle könnte ich alle unschuldigen Leser mit einem Screenshot beglücken, aber ich weiß noch nicht, ob ich Euch das wirklich antun soll.

[Main Menu, Team, Credits]
 
Ein weiterer Punkt: "Credits". Wer wenigstens hier brauchbare Dinge vermutet, wird wieder einmal herrlich enttäuscht. Von der "Grafik" reden wir lieber nicht, und der Text besteht aus gelber Schrift mit schwarzem Schatten auf weißem (!) Hintergrund. Da waren ja richtige Farbexperten am Werk! Weiter zu den "Teams". Die lassen sich sogar "editiren", aber nur mit dem Editor aus dem Aminet, der anscheinend leider nicht mehr auf der CD Platz hatte. (muahahaha) Interessanter sind die "Voreinstellungen". Für geniale Steuerungsmöglichkeiten kann man 2-Button-Sticks oder Joypads einstellen, und auch sonst sind hier brauchbare Optionen verfügbar, z.B. auf welchem Screen man gerne spielen möchte. Und beispielsweise kann man das Zuschauergegröhle durch Reporterkommentare ersetzen - wer so wählt, wählt gewiß das kleinere Übel. Fragen wie "wo am Screen soll das Radar sich befinden?" finden hier ebenfalls eine Antwort. Der Menüpunkt "Ergebnisse" ist anfangs absolut sinnlos, und "Highlights" haben wir auch noch keine.

Ich saufe mir einen Haufen Mut an und wage es dann, auf "Spiel" zu drücken. Öha, da gibts ja einige Dinge zur Auswahl. Zunächst dieser "Arcade"-Modus, dann "Simulation", "Karriere" (ist in dieser Version aber nicht inkludiert!) und "Training". Letzteres ist halbwegs sinnvoll, um Elfmeter und Freistöße zu üben. Letztere sind wenigstens einigermaßen gut gelöst: eine Linie zeigt die Richtung an, die andere den Winkel, und man kann beides quasi frei wählen. Die Elfmeter-Geschichte ist wieder eine andere solche; immerhin gelingt es, das Geheimnis halbwegs zu durchschauen und einen kleinen Bissen vom großen Kuchen der Kontrolle über das Leder zu retten. Nun drängt es den wissensdurstigen und wahnsinnigen Tester aber danach, das Spiel endlich zu beginnen. Leichtsinnig und unerfahren, wie er nun einmal ist, wagt er diesen Schritt.

[Tactics]
 
 

Die Angst des Testers vor dem Anpfiff

 
Jede beliebige Auflösung wäre möglich, aber nur in PAL-Lowres (320x256) oder NTSC-Lowres (320x200) kann man von stockendem Scrolling sprechen. Alles, was darüber liegt, ist auf meinem 68030/50er ein Witz in Zeitlupe, dessen Pointe vor allem darin liegt, daß absolut kein Grund besteht, warum das Game nicht auch auf einem 68000er flüssig rennen könnte. Es gibt keine 3-D-Effekte, und so wahnsinnig genial können die Berechnungen gar nicht sein, daß sie soviel CPU-Power verbraten. Vielleicht wollten uns die Programmierer nur verarschen? Nette Animationsphasen gibt es ja in der Tat, aber die Sprites sind doch recht klein, und im Hintergrund spielen sich keine nennenswerten Animationen ab. Der Kommentator quasselt völlig unmotiviert herum und trifft den Kern der Sache stets haargenau. Beispiele gefällig?

Ich (Österreich, was sonst?) schnappe mir das Leder, aber Jamaica jagt es mir ab und stürmt los. Sprecher: Österreich... treibt das Spiel nach vorn! Jamaica rennt weiter und kommt in Strafraumgegend. Sprecher: Das Spiel läuft im Mittelfeld hin und her. Jamaica schießt, aber ich halte den Ball und schieße ihn nach vorne. Sprecher: Jamaica... kann jetzt schießen! Ich wage einen Schuß, und siehe da, das Leder zappelt im gegnerischen Netz. Sprecher: Das Spiel ist seeehr ausgeglichen. - Und TOOOR! - Das schaun wir uns jetzt gleich mal in der Wiederholung an. Die zweite Halbzeit ist fast vorbei. Sprecher: Nur noch wenige Sekunden bis zum Ende der ersten Halbzeit. Kurz darauf: Sprecher: Und das Spiel ist aus! Und das Spiel ist aus! (doppelt hält besser?)

[Spiel... und Goal]
 
Soviel zum amüsanteren Part des Spiels. Und weiter gehts mit vernichtender Kritik. Die "intuitive Steuerung" hat ihren Namen anscheinend davon, daß die Spielfiguren ganz intuitiv und spontan das machen, was der Spieler nicht vorhat. Wolfgang Firestringer(lustige Namen, gell?) schießt, der Goalie faustet den Ball noch weg, und dieser landet vor den Füßen von Andi Orgas. Der wird aber an diesem Tag sicher keine namensähnlichen Freuden mehr genießen können, und zwar aus Frust: ich drücke aufs Knöpfchen, und der Bursche dreht sich seelenruhig vom Tor weg, um zu Toni Poster zu passen. Interessant. Dieser reagiert auch nicht wie geplant auf meinen Knopfdruck, versucht stattdessen einen Paß zu Firestringer und verliert den Ball an einen Verteidiger. Aha. Das liegt wohl daran, daß bei der normalen 1-Button-Joystickbelegung Paß und Schuß dasselbe Kommando (Feuer) besitzen. Würde ich mir die Joypad-Belegung aneignen, dann wäre ich zwar vor solchen Aktionen gefeit, aber bis dahin längst zum Masochisten mutiert oder vielleicht ins LNKH eingeliefert worden. Denn es macht ungeheuer Spaß, sich zusätzlich mit Spielern herumplagen zu müssen, deren Intelligenz nicht zu schlagen ist. Jaja, denn wo nichts ist, kann man auch nichts schlagen. Die Kontrolle über den aktuellen Spieler zappelt oft lustig hin & her, und die "inaktiven" Burschen laufen relativ sinnlos über den Rasen oder veranstalten gar eine Stehparty. Der Versuch, sich das Leder zu erkämpfen oder einen Stürmer aufzuhalten, ist meist ein Glücksspiel, sowie ein ziemlicher Krampf und endet auch mit einem solchen. Und zusätzlich zum Ruckeln ist das Spiel auch noch ganz schön reaktionsträge: was man am Schirm sieht, ist quasi nicht mehr ganz aktuell, und wenn man aufs Knöpfchen drückt, dauert es eine halbe Sekunde, bis Andi Herzig drauf anspricht. Bis er dann schießt oder paßt, ist der Ball längst irgendwo in Gegners Händen bzw. Füßen. Ist ja nett.

[Spiel aus]
 
Das Spiel ist endlich vorbei, sogar ohne Absturz und gravierende Errors (kommen vor), und man kommt recht rasch zum MainScreen zurück, ohne daß man wie vor dem Ankick erst 20 Sekunden warten muß, bis alles geladen und berechnet ist (was auch immer das ist). Und besonders lustig ist, daß nach ein paar absolvierten Freundschaftsspielen die Ergebnisse für alle verschieden Ligen oder France '98 gespeichert bleiben. Ich starte die WM also schon mit ein paar Siegen oder Verlusten. Der Bug steht nicht ganz alleine da: seine Kollegen tauchen z.B. in Form von kleineren Grafikfehlern auf. Andererseits fällt bei der Grafik so ein Fehler gar nicht mehr auf...

Eigentlich schade, denn die Programmierer haben auch an manche feinen Kleinigkeiten gedacht. Der Schiri steht tatsächlich im Weg herum, gefoult kann er zwar nicht werden, aber angeschossen. Was solche Abpraller von Spielern, Goalies und Pfosten betrifft, ist das Spiel recht "realistisch", da alle möglichen Winkel vorkommen können, sogar Preßbälle ergeben sich hin und wieder. Aber das kann über die eigenwillige Steuerung, die fade Grafik, das peinliche Geruckel, den grindigen Sound, die unsinnigen Programmfehler und den ganzen Frust nicht hinwegtäuschen. Schade drum: der Inhalt hielt also, was die Packung versprach - im negativen Sinne.

Und weil der Arcade-Modus dem guten alten Klassiker Speedball II niemals das Wasser reichen kann, werde ich mir den ausführlichen Absatz darüber nun schenken. Es ist einfach dasselbe wie im normalen Spiel, nur daß Fouls erlaubt sind und Power-Ups und verschiedene Boni herumliegen (z.B. einer, der alle Gegner an ihrer Stelle einfriert). Mehr gibts auch dazu kaum zu sagen, außer daß der Vergleich auf der Rückseite der CD-Hülle schlichtweg vermessen ist.

 
Letzter Absatz. Mindestvoraussetzungen sind ein 68020er ab Kickstart 2.0, ein CD-Rom-Laufwerk, das ahi.device (im Aminet zu finden) und die reqtools.library. Empfohlen werden Kickstart 3.x, 68030/50 oder besser, 4MB Ram und eine Soundkarte. Grafikkarten werden auch in allen Auflösungen unterstützt, denn schon beim Programmstart erscheint ein Bildschirmmodus-Requester. Ich warne aber: bereits in PAL-Lowres ruckelt es lässig dahin. Ohne einen flinkeren Rechner oder eine flinke Grafikkarte braucht man den Rest gar nicht erst zu probieren. Und wer weiß, ob das Game bei solchen Konfigurationen überhaupt stabil rennt? Ich traue mich nicht, darauf zu wetten, da es schon meinen braven 1200er zuweilen in den Abgrund zu reißen versucht.

Zum Abschluß die Bewertungssbox mit historischen Tiefstständen, welche meine einzige Genugtuung des heutigen Tages darstellen. Und ich freue mich schon auf eine Wet-Session, die wird motivierender, hehe ;-))

 
Grafik [23]/[100]
Animation [18]/[100]
SFX [36]/[100]
Music [20]/[100]
Gameplay [9]/[100]
Dauerspaß [7]/[100]
OS-Friendly [50]/[100]
Gesamt [22]/[100]
 

Wolfgang Lukas     [ german ]    


- Burggraben (GIF; 4K)
- Do rennta! (GIF; 3K)
- Goal (GIF; 44K)
- Spiel 1 (GIF; 41K)
- Spiel 2 (GIF; 45K)
- Tabelle (GIF; 33K)
 
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