Nach zwei Jahren legt endlich der ungekrönte König der deutschen Musikszene, Stefan Stoppok, wieder ein Album vor, das Maßstäbe setzen könnte - wenn er nur etwas berühmter wäre. Schon der Titel verspricht viel: Er bezieht sich auf Stoppoks bisher größten Erfolg und sein stimmigstes Album "Happy End im La-La-Land". Natürlich war ich neugierig und ging mit hohen Erwartungen an das neue Album.
Erleichtert war ich, als ich im Booklet, daß sich auf 8 Seiten Größe auffalten läßt, folgendes lesen konnte: "Diese CD ist quasi fast total loopenrein!" Sein letztes Album "Mit Sicherheit" hatte fast keine Tracks mit leibhaftigem Schlagzeuger und hörte sich auch entsprechend an. Naja, jeder macht mal Fehler, obwohl auch dieses Album nicht wirklich schlecht war.
Weiterhin finden sich im Booklet natürlich wieder alle Songtexte und viele Bilder von Stoppok und der Band.
Wieder mal beweist Stoppok, daß ihm kein Musikstil fremd ist. Bereits der erste Song "Schöne Grüße" ist ein lupenreiner Reaggae, wie ihn ein Bob Marley oder Peter Tosh nicht besser hinbekommen hätte. Gereimte, witzige und kritische Texte sind bei Stoppok sowieso obligatorisch. "Schöne Grüße" ist eine der Balladen, denen man es nicht anmerkt - sie handelt von einer verflossenen Liebe. Klingt aber dermaßen relaxt, daß einen das Fernweh in die Karibik packt.
Kontrastprogramm: Der zweite Song "Mülldeponie", über alte Liebe und alte Wunden, ist wiederum ein richtiger Folksong, akustische Gitarre, sparsame Percussion. Texte gefällig?
"Ich war heute bei der Mülldeponie, hatte alles schön getrennt,
allmählich weiß ich, wie man Blech und Alu auseinanderhält -
wer glaubt eigentlich noch, das rettet die Welt?"
"Ich sah dich in der Wohnungstür stehn, die Koffer in der Hand,
du warst fertig zum gehn, sah genau deinen Blick, wie er nach Hilfe schrie.
Doch ich saß da gelähmt und wußte nicht wie..."
Refrain: "...wieviel Müll kann man schlucken?"
Den nächsten Song "Goldgräber" könnte man als Schnulze bezeichnen. Aber hier ist Stoppok am Werk, und wenn man sich darauf einläßt, Gefühle zu empfinden, geht er tief unter die Haut. Der Text dreht sich um eine gealterte Mutter, zweimal geschieden, kürzlich Oma geworden, die sich nach dem Sinn des Ganzen fragt - und ihn findet.
"Na schön" ist die lustige Seite an Stoppok - origineller Text, mit dem er nebenbei mit seiner alten Plattenfirma abrechnet, aber vor allem sein etwas anarchisches Wesen beschreibt, und ein rockiger Sound, wieder mit deutlichem Folk-Einschlag.
"Geradeaus" ist musikalisch genau dies: Schnörkelloser Rock, mit gutem Backgroundchor. "Drei Liter Benzin, schadstoffarm, trotzdem in die falsche Richtung gefahrn, immer eine Nasenlänge weiter vorn, ein blindes Huhn findet auch ein Korn - Geradeaus gradeaus, der Weg geht gradeaus..."
Der "Hampelmann" erinnert musikalisch irgendwie an eine Parodie von Right Said Fred, aber weniger künstlich, textlich geht es um rückgratlose Menschen, eben Hampelmänner.
"Nach New York geflogen" ist ein Stück über einen Macho, verhalten aggressive E-Gitarre, die fies ins Mark fährt. So stellt man sich die Musik der New Yorker Künstlerszene vor.
Nochmal ein Kontrast: "Jede Stunde" ist eine Country-Ballade mit Ohrwurmqualitäten. Könnte deswegen vielleicht sogar ein Hit werden, auch wenn es eigentlich kein typisches Stoppok-Werk ist.
"Was Du willst" ist wieder nur akustische Gitarre, mit ein paar Samples (also doch!) und Percussion. Es handelt von der Abrechnung mit einem Angeber: "Oh schau, da deine Frau, so ein schönes Gesicht, und auch noch die Figur, fast alles pur, kaum Silikon. Ein Wunder, daß sie spricht."
"Wenn ich so ausseh" ist wieder ein Rocksong, geradeheraus, fetziger Chor und beschreibt etwas Stoppoks Launen (sofern man vom Text auf den Künstler schließen kann).
Mit "Fan von" war Stoppok sogar schon in der Sendung "Geld oder Liebe" zu sehen. Schade, daß ich solche TV-Machwerke aus Prinzip ignoriere, da habe ich diesmal was verpasst. Erinnert ein wenig an die Bläck Föös, und rechnet mit den TV-Shows ab. Ausgerechnet...
"Jammern" ist schon fast faschingsmäßig, und immer, wenn Stoppoks Musik harmlos klingt, ist der Text eine ziemlich scharfe Klinge: "Seit drei Stunden hör ich dir zu, keiner kann jammern so edel wie du. Es blutet vom Himmel und tropft in dein Bier. Jesus war ein Playboy verglichen mit dir."
"Ich bin weg" klingt sehr nach dem "Tag am Meer" von den Fantastischen Vier. Sehr atmosphärisch und stimmungsvoll mit der halbakustischen Gitarre, handelt der Song vom Verlassen. Nicht verlassen sein oder werden, sondern vom Weggehen; wenn man von der Enttäuschung betäubt ist.
Zwei "MegaBonusTracks" gibt es auch noch, beide in der Kategorie originelle, faschingstaugliche, leichte Kost. "Tanja" erzählt von einer Freundin Tanja, die nur Champagner trinkt. "Resi" spiegelt wohl Stoppoks Erfahrung mit dem Münchner Oktoberfest wider, denn er wohnt jetzt in München, nicht mehr im Ruhrgebiet.
Diese "MegaBonusTracks", die sich auch auf anderen Stoppok-CDs finden, sind alle aus einer Laune heraus entstanden und eigentlich Fingerübungen oder Zugaben fürs Live-Publikum.
Hat es sich gelohnt?
Als Stoppok-Fan muß man die CD haben! Sie ist zwar nicht ganz so perfekt und in sich stimmig, wie die "Happy End im La-La-Land", aber das war eigentlich auch nicht zu erwarten. Auf jeden Fall ist es wieder der Stoppok, den sich der Fan wünscht: Handgemachte, vielseitige Musik; originelle, kritische, gefühl- und stimmungsvolle Texte. Die Länge der CD ist ca. 51 Minuten, bei 15 Tracks. Es ist übrigens auch das erste Stoppok-Album, das nicht als LP in Vinyl erscheinen wird. Es kostet die üblichen 30 DM im Fachhandel.
Auch diesmal ist die versteckte Botschaft wieder klar: "Seht her, ihr Hitparadenstürmer, das kann ich auch. Nur viel besser." Es ist wirklich unglaublich, wieviel musikalisches Talent und Bandbreite Stoppok hat, und wie wenig bekannt er ist. Vielleicht verhilft die neue Internetseite zum Durchbruch: http://www.stoppok.de. Aber ein neuer Browser sollte es schon sein, für das Gästebuch braucht man Javascript.
© by Sony Music 1999; ca. 30,- DM
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