Die Amiga-Historie

von
Gregor Franz

Vorbemerkung

Sicher hat jeder Amiga-User oder -Veteran schon einiges über die Amiga- Geschichte gehört. Die folgende Ausarbeitung, aufgeteilt in drei Teile, hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Allerdings habe ich den Versuch unternommen, nach dem Durchforsten zahlreicher Texte und Quellen möglichst viele begründete Details einzubringen, die teilweise auch den größeren Rahmen verdeutlichen sollen. Das gelegentliche Abschweifen ist also beabsichtigt. :)

Auch Widersprüche sind mir bei der Arbeit an diesem Text in manchen Quellen gelegentlich aufgefallen und ich habe mich immer bemüht, nur abgesicherte Informationen einfliessen zu lassen. Trotzdem kann ich keine Garantie für die Richtigkeit aller Angaben geben.

Dies ist mit Sicherheit eine der komplexesten Veröffentlichungen zu diesem Thema.

Die drei Teile in der Übersicht:

  1. Von den Anfängen bis zum Kauf durch Commodore
  2. Vom ersten Amiga bis zu den ersten AGA-Hinweisen
  3. Vom Amiga 600 bis zur Gateway-Übernahme

1. Von den Anfängen bis zum Kauf durch Commodore

Die Ursprünge

Anfang der achtziger Jahre gab es einen großen Boom von Spielkonsolen in den USA. 1982 fanden sich daher mehrere Konstrukteure zusammen, um eine bahnbrechende, neue Entwicklung durchzuführen. Ganz am Anfang waren dies Jay Miner, der als einer der führenden Atari-Hardware-Entwickler u.a. deren 8-Bit-Computer (Atari 400/800) entwickelt hatte, und Larry Kaplan, der vor seinem Weggang bei Atari dort als einer besten Softwareentwickler galt.

Nach der Veränderung des Managements von Atari, ausgelöst durch die Übernahme durch Warner Communications, einem vor allem im Musikgeschäft erfolgreichen Konzern, waren die Top-Programmierer mit ihrer Behandlung und den veränderten Arbeitsbedingungen unzufrieden. Larry Kaplan kündigte, zusammen mit drei anderen und sie gründeten 1980 'Activison', eine Spielefirma, die sehr erfolgreich werden sollte. Nun war Larry Kaplan aber auch bei Activision nicht mehr ganz glücklich und trat bezüglich der Neugründung einer Firma (eigentlich hatte er eine Videospielfirma im Sinn) an Jay Miner heran.

Bei Jay Miner fiel dieser Vorschlag auf fruchtbaren Boden. Er hatte, seit seinem Weggang bei Atari, bei zahlreichen kleinen, meist neugegründeten Firmen gearbeitet und war nun bei dem Schrittmacherhersteller Xymos beschäftigt, an dem er auch Aktienanteile besaß. Mit diesen wollte er sich finanziell an der Firmengründung beteiligen.

Als erster Finanzier konnte über ein angemietetes Büro in Santa Clara ein Millionär aus Texas gewonnen werden, dem die Idee der Videospielfirma gefiel. Jay Miner äußerte dann gegenüber Larry Kaplan den Vorschlag, statt nur einzelne Videospiele, gleich eine ganze Videokonsole, mit dem Motorolla-Prozessor 68000 als Herz, zu entwickeln, die sich auch zu einem Computer ausbauen ließe. Diese Idee war auch der Grund für seinen Weggang von Atari gewesen, da sein Vorschlag dort, angesichts der hohen Prozessor- und Speicherkosten (der 68000 würde mehr RAM voraussetzen, als die derzeitigen Atari-Heimcomputer), auf keinerlei Gegenliebe stieß. Als seine Vorgesetzten ihm dies auch unmißverständlich bedeuteten, ging er.

Eine neue Firma entsteht

Larry Kaplan war mit dem Vorschlag einverstanden und wollte sich um die Software dafür kümmern. Den Geldgebern sagte er aber vorläufig noch nichts. Eine Firma namens 'Hi Toro' wurde in Los Gatos gegründet, deren Präsident David Morse wurde (Larry Kaplan war zwischendurch aus dem Projekt wieder ausgestiegen). Der Name des zukünftigen Wunderdings lautete 'Lorraine', nach der Frau des Firmen-Präsidenten.

Viele der Entwickler, die nun angeworben wurden, dachten bei Hi Toro im ersten Moment an eine ähnlich klingende Rasenmäherfirma, so daß die Firma schnell umgetauft wurde. Der neue Name sollte mit 'freundlich' assoziiert werden können und so kam man auf 'Amiga' (spanisch: 'Freundin'). Als positiven Nebeneffekt bekam man so sogar als Amiga Corporation einen Eintrag vor Apple im Telefonbuch. Jay Miner hielt es anfangs für keine gute Idee, die Firma mit einem spanischen Wort zu bezeichnen, gab aber später zu, daß er sich geirrt hätte.

Meinungsverschiedenheiten

Die Investoren wollten aber im Gegensatz zu Jay Miner und einigen anderen Entwicklern, wie Dale Luck und Carl Sassenrath, keinen Computer und keine Computeroption, sondern eine reine Spielkonsole und hatten als Geldgeber natürlich (eigentlich) das Sagen. Auch ein paar der Entwickler, wie R.J. Micals, vertraten zuerst die Auffassung der Investoren, um im Design Geld zu sparen.

R.J. Micals sollte übrigens Jahre später, 1989, zusammen mit David Needle, der, wie er auch, von 1982-1986 am originalen Amiga beteiligt war, für Atari die portable, kleine Hand-Spielkonsole 'Lynx' fertigstellen, da Atari nicht mit dem Abschluß des Projektes zurecht kam. Atari hatte diese Entwicklung von dem vormals bekannten Spielhersteller Epyx erworben, der sich in dieses Terrain wagen wollte, aber nicht über genügend Finanzkraft verfügte. Doch dies ist eine ganz andere Geschichte.

Zurück zum Amiga: 'Lorraine' wurde dann trotzdem heimlich so ausgelegt, daß sie auch zu einem Computer ausbaufähig war, denn warum sollten die neuen, projektierten Sound- und Grafikmöglichkeiten diesem nicht zugute kommen?

Eigens zur Tarnung wurden Leute angestellt, die Peripheriegeräte entwickelten, verkauften, sowie unter dem Namen Amiga auch u.a. Joysticks vertrieben. Im Silicon Valley gab es viele neugierige Augen, die Aktivitäten neuer Firmen beobachteten und versuchten, unterstützt durch Ferngläser, Geheimnisse auszuspionieren. Joysticks schienen allerdings nicht sehr verdächtig und das Interesse legte sich.

Neuorientierung und Geldnöte

Die Entwicklung zog sich immer mehr in die Länge und kostete viel Geld, außerdem brach 1983, wenige Monate nach Gründung der Firma, der Konsolenmarkt in den Staaten unvermutet, durch Sättigung und die starke neue Computerkonkurrenz, plötzlich ein und der potentielle Markt, für den man das Gerät eigentlich entwickelte, war nun nicht mehr vorhanden. Einige Finanziers zogen sich zurück und hinterließen eine schwierige Situation. Doch die Voraussicht der Entwickler rettete das Projekt, an das sie glaubten, da durch die vorgesehenen Computeroption 'Lorraine' als vollwertiger Computer weiterentwickelt werden konnte.

1984 pfiff die Firma schon aus dem letzten Loch, aber sie hatte auch erste, noch sehr unförmige Prototypen vorzuweisen, die im Sommer auf der einschlägigen amerikanischen Fachmesse CES in abgeschotteten Räumlichkeiten, Eindruck auf das Business machten (und machen sollten). U.a. wurde dies mit der bekannten Boing-Demo erreicht, die erst während der Messe geschrieben wurde. Für das Knallgeräusch der Kugel hatte der Programmierer Bob Parasseau mit einem Schaumstoff-Baseballschläger an das Garagentor von Jay Miner gehauen und es dann mit einem Apple II gesampelt, sowie auf den Amiga übertragen. Man hoffte natürlich potentielle neue Geldgeber auf der Messe zu finden.

Dies war nicht ganz erfolglos. Auch die Firma Atari hat, noch unter Federführung des Mutterunternehmens Warner, mit 500.000 Dollar einen Teil der Kosten finanziert, der mit Lizenzgebühren für die Nutzung der zu entwickelnden Spezialchips verrechnet werden sollte und selbst Commodore gab später ein Lohnkostendarlehen. Trotzdem wurde die Finanzsituation immer schwieriger und die Konstrukteure, die die Möglichkeit hatten, mußten Hypotheken auf ihre Häuser aufnehmen, um die Firma am Leben zu erhalten.

Von einer Marktreife war die Entwicklung noch ein Stück entfernt, das Risiko den meisten Firmen somit zu groß. Zwei der damals weltweit größten Mitspieler in diesem Markt, begannen sich aber konkret für Amiga zu interessieren: 'Atari' und 'Commodore'.

Das Ringen um die Firma Amiga und deren neue Computerentwicklung und schließlich die Entscheidung, sollte einen wichtigen Punkt in der Geschichte beider Unternehmen markieren. Und auch eine persönliche Rechnung spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Commodore - Aufstieg eines Pioniers

Die Firma Commodore, deren Ursprünge bis in die fünfziger Jahre reichen, als Jack Tramiel eine kleine Werkstatt zur Reparatur von Schreibmaschinen in New York eröffnete, war als Industrieunternehmen 1962 gegründet worden. Wenig später geriet sie durch Jack Tramiels damaligen Investor, einem dubiosen Risikokapitalanleger namens Paul Morgan, in Schwierigkeiten. Der war in zahlreiche unlautere Geschäfte verwickelt und diese betrafen auch einige der Firmen, an denen er beteiligt war, so daß schließlich die kanadische Staatsanwaltschaft ermittelte. Die kanadische, weil die Firma 1956 für eine gewisse Zeit wegen finanzieller Vorteile nach Toronto umgezogen war. Umzüge aus diesen Gründen gehörten lange Zeit zum Credo von Commodore.

Jack Tramiel gelang es seine Firma aus den Querelen herauszuhalten, brauchte aber immer noch zusätzliches Kapital. Daraufhin unterstützte der Geschäftsmann Irving Gould, ebenfalls kanadischer Risikokapitalanleger, das Unternehmen und stieg im Gegenzug als Vorstandsvorsitzender in die Unternehmensspitze auf, da er nun die Mehrheit der Firmenanteile hielt. Bei unternehmerischen Entscheidungen ließ er Jack Tramiel für lange Zeit freie Hand, erst viel später sollte er die Firmenpolitik, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, wesentlich mitbestimmen, bis zum bitteren Ende.

Anfangs nur Reparatur und später Vertrieb von Schreibmaschinen, stellte Commodore bald selbst in großem Maßstab eigene her, um dann, im aufkeimenden elektronischen Zeitalter, als erster amerikanische Hersteller in die Produktion von Taschenrechnern einzusteigen. Einen der ersten für die Öffentlichkeit erhältlichen 'echten' Computer stellte dann der 'Commodore PET' (alias PET 2001) dar, der von Chuck Peddle entwickelt worden war. Er entwickelte vorher beim Halbleiterhersteller 'MOS Technology' in Pennsylvania u.a. den legendären 6502-Prozessor, die erste CPU, die frei an alle Interessenten verkauft wurde, als die Firma im Oktober 1975 von Commodore aufgekauft wurde.

Commodores Einstieg in das Computergeschäft

Der Grund für den Kauf von Zulieferfirmen und nicht zuletzt von MOS Technology durch Commodore lag in der Produktion der Taschenrechner. Texas Instruments war damals Zulieferer von einigen der benötigten Chips. Der Erfolg, den u.a. Commodore mit diesen Geräten erzielte, ließ aber Texas Instruments nun eine eigene Produktion und Vermarktung von Taschenrechnern lukrativ erscheinen. Sie entfesselten einen gewaltigen Preiskrieg, so daß die Taschenrechner innerhalb weniger Monate statt 100 Dollar weniger als 10 Dollar kosteten. Commodore machte aus diesem Grund 5 Millionen Dollar Verlust und wollte zukünftig unabhängiger von Halbleiterzulieferern werden. Jack Tramiel selbst sollte später, getreu seinem Motto "Business is War!" (Geschäft ist Krieg!) einen Preiskampf anzetteln, dem sich viele Mitbewerber geschlagen geben mußten, wie z.B. Spielzeugfabrikant Mattel, Uhrenhersteller Timex, der mit Sinclair kooperierte, und nicht zuletzt Texas Instruments, die sich aus dem Heimcomputersektor, auf dem sie auch ihr Glück versucht hatten, wieder zurückzogen.

Chuck Peddle hatte bei MOS Technology einen Nachfolger für ein 6502- Entwicklungssystem (KIM-I) entwickelt, einen echten Computer, aber bisher noch keinen Interessenten dafür gefunden. Nach der Übernahme entdeckte Jack Tramiel das Projekt bei einem Rundgang und war sofort bereit den Rechner groß herauszubringen. Der 'PET' (steht für 'Personal Electronic Transactor') wurde zwar schon im Dezember 1976 angekündigt, aber durch die Verzögerung der Auslieferung wurde er nach dem Apple II doch nur zweiter am Markt und für Commodore dennoch ein großer Erfolg. Damit gehörte Commodore, neben RadioShack, Apple und IBM zu den allerersten Pionieren, die den Markt betraten.

Bereits seit dieser Anfangszeit stellte Commodore auch für den Firmenbereich Geräte her, doch lief es hier nach anfänglich guten Erfolgen, durch eine Kombination unterschiedlichster Faktoren und Zufälle, im Verlauf der frühen achtziger Jahre für IBM immer besser. Doch im Heimcomputerbereich, wo sich Anfang der achtziger Jahre zahlreiche Mitbewerber mit den unterschiedlichsten, zueinander inkompatiblen Geräten tummelten, wurden sie bald zum Marktführer. VC 20 und später der legendäre C 64 rollten den Markt auf.

Commodores Führung im Streit

Während die Firma einen Höhenflug angetreten hatte und Ende 1983/Anfang 1984 als weltweiter Marktführer im Heim- und Personalcomputergeschäft dastand, mit höheren Absatzzahlen als IBM, gab es zwischen Gould und Tramiel an der Führungspitze jedoch Streit. Tramiel verlor ihn und verließ die Firma am 13. Januar 1984, zusammen mit einigen hochrangigen Vertrauten - natürlich nicht als armer Mann. Der Wert seines Aktienanteils wurde auf 100 Millionen Dollar geschätzt, nachdem das Unternehmen einen enormen Höhenflug hinter sich hatte.

1967 hatte Commodores Umsatz noch bei 50 Millionen Dollar gelegen, 1984 überstieg er die Milliardengrenze. Der Gewinn betrug 1977 3,4 Millionen Dollar und kletterte 1984 auf 100 Millionen. Niemand hatte dies vorausgesehen und demzufolge hatte es auch nie eine Empfehlung zum Kauf der Aktie gegeben. Die wenigen Investoren, die 1977 trotzdem an der Börse eine Commodore-Aktie erworben hatten, machten innerhalb von 7 Jahren einen 60fachen Gewinn!

Drei Jahre früher hatte Jack Tramiel schon einmal den Führungsposten geräumt, war aber, nachdem man mit seinem Nachfolger nicht sehr zufrieden war, nach einem halben Jahr wieder auf seinen Platz zurückgekehrt. Diesmal jedoch sollte der Abschied endgültig sein.

Atari soll zum Racheschwert werden

Aus dem Business wollte er sich allerdings noch nicht verabschieden und gründete mit 'TTL', der 'Tramiel Technology Limited', eine Firma, die, unter der Führung von Chiraz Chivji, dem Hauptdesigner des C 64, der Tramiel von Commodore gefolgt war, einen neuen 16-Bit-Computer entwickeln sollte. Kurz darauf übernahm er vom Warner-Konzern die Consumer-Sparte der kurz vor dem Bankrott stehenden Firma Atari, die in ihrer Blütezeit, vor dem großen Spielkonsolen- und Automaten-Markteinbruch zu den Großen in dieser Branche gehört hatte. Er brauchte keinen einzigen Dollar auszugeben, sondern unterschrieb lediglich Schuldverschreibungen über 240 Millionen Dollar, die nach einem bestimmten Modus zurückzuzahlen waren, wenn Atari wieder die Gewinnzone erreichen sollte. So hatte er also die Möglichkeit, den sehr bekannten Markennamen voll zu nutzen, während die Spielautomatensparte des Unternehmens als 'Atari Games' beim Warner- Konzern verblieb.

Nun nahm die Firma, nachdem er als erste Maßnahme von 5.000 Beschäftigten 3.500 entlassen hatte, einen erneuten Aufschwung und sie wurde auf die winzige Firma Amiga aufmerksam, die auf Messen eifrig um Interesse warb. Die Entwicklung schien vielversprechend und ließ alles andere am Markt dagegen alt aussehen.

Atari pokert um Amiga - Commodore schnappt zu

Doch trotzdem war Atari nicht bereit, viel Geld dafür auszugeben. Jack Tramiel hatte von dem (vor seiner Firmenübernahme) von Atari gewährten 500.000-Dollar-Darlehen erfahren und der Termin der fälligen Tilgung rückte immer näher. Wenn es keine Einigung gab und Amiga das Geld nicht zurückzahlen konnte, würde ihm deren Entwicklung in den Schoß fallen. Die Situation war günstig, die Amiga-Entwickler verzweifelt. Jedes Verhandlungsangebot zum Kauf der Amiga-Aktien schlug Atari aus und war von mal zu mal nur bereit, immer weniger zu bezahlen. Für die Amiga-Leute schien die Situation einen bitteren Ausgang zu nehmen.

Doch Commodore hatte Wind von der Angelegenheit bekommen und die Absicht, diese, für die Zukunft möglicherweise entscheidende Entwicklung, nicht Atari zu überlassen. Aus Angst zu spät zu kommen, überboten sie, wenige Tage vor dem fälligen Termin, das Angebot von Atari (die ja inzwischen immer weniger boten) mit 27,1 Millionen Dollar um das Vielfache und der Verkauf war perfekt. Atari hatte geplant lediglich die neue Technologie zu erwerben, Commodore jedoch übernahm die komplette Entwicklercrew.

Atari war sauer über das geplatzte Geschäft und verklagte Amiga Corp. auf 100 Millionen Dollar Schadenersatz, um die Spezialchips doch noch zu bekommen, deren Entwicklung sie mitfinanziert hätten und eine eventuelle Verwendung in zukünftigen Amiga-Rechnern zu untersagen. Commodore antwortete mit einer Gegenklage, da Atari nur die Amiga-Auslieferung verzögern wolle und außerdem Top-Entwickler von Commodore abgeworben hätte. Der Rechtstreit dauerte Jahre und konnte erst im März 1987 außergerichtlich beigelegt werden. Eine entscheidende Verzögerung der Amiga-Entwicklung hatte er jedoch nicht bewirkt.

Hat es sich gelohnt?

Doch was hatte man sich da eigentlich ins Haus geholt?

Der Amiga, denn der Computer wurde schließlich nach der übernommenen Firma benannt, war seiner Zeit meilenweit voraus, in einem Maße, das für uns heute kaum mehr vorstellbar ist. Er bot bereits in seiner ersten Verkaufsversion eine, für damalige Verhältnisse, riesige Bildauflösung von 640x512 Punkten bei maximal 4096 Farben gleichzeitig, 4-Kanal-Stereo-Sound, eine hohe Geschwindigkeit und Multitasking - damals fast ein Fremdwort.

Der erste Amiga, der im Juli 1985 in einer Gala-Veranstaltung im New Yorker Lincoln-Center u.a. von Pop-Art-Künstler Andy Warhol und Sängerin Debbie Harry (Blondie) vorgestellt wurde und schließlich im September herauskam, war der Amiga 1000. Mit 1000 wurde er allerdings erst später bezeichnet, als weitere Amigas erschienen. Sein Betriebssystem war noch sehr instabil und mußte zu Beginn daher von Diskette geladen werden. Ursprünglich hatten die Amiga-Entwickler ein eigenes Betriebsystem namens 'CAOS' (Commodore Amiga Operating System) entwickelt, aber technische Probleme verzögerten den Abschluß und es war absehbar, daß bei Fertigstellung der Hardware, das Betriebssystem von einer Veröffentlichungsfähigkeit noch weit entfernt sein würde. Doch die Zeit drängte.

Atari punktet mit dem ST

Atari hatte bereits während der Verhandlungen um die Amiga-Entwicklung ein eigenes Projekt am Laufen, das nach dem Scheitern des Zukaufs in vergleichsweise kurzer Zeit zur Marktreife bebracht wurde - den Atari ST (ST steht übrigens für SixTeen '16', was sich auf seine 16 Bit Verarbeitungsbreite bezieht). Er war in vielen Punkten sicher nicht so revolutionär, wie der Amiga; sein früheres Erscheinen (Premiere im Januar 1985, zu kaufen ab Sommer 85) und sein Preis prädestinierten ihn aber für die Rolle des 'Apple Macintosh des kleinen Mannes', da der Preis des Atari 520 ST mit 512 KB RAM nur etwa ein Drittel eines vergleichbarer Apples betrug. In Sachen Textverarbeitung, DTP und im Soundeditierbereich (durch eine serienmäßige MIDI-Schnittstelle), gab es bald professionelle Lösungen für ihn und für eine lange Zeit wurde er zum schärfsten Konkurrenten des Amiga.


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