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»Willkommen bei den Pinguinen
Linux-Installation am Beispiel der Debian 2.1 m68k-Distribution
Teil 3 "Ein (fast) komplettes Linux-System"
Am Ende des zweiten Teils unseres Linux-Workshops hatten wir ein Basis- System mit funktionsfähigem X-Window-System installiert.
Dieses Basis-System ist ja recht nett, und es macht auch Spaß, ein neues Betriebssystem kennenzulernen, aber noch fehlen die eigentlichen Programme, um Linux auch für die täglichen Arbeit einsetzen zu können.
Zwar existiert im Internet und auf den verschiedensten CD-ROMs eine schier unüberschaubare Vielfalt an Linux-Programmen, aber mit unserem Minimal- System bleibt uns ein Großteil dieser Programme unerreichbar, da zum einen viele Programme auf bestimmte Bibliotheken aufbauen, die in unserem System noch nicht vorhanden sind und zum anderen nur als Source-Code vorliegen und vor dem eigentlichen Gebrauch erst kompiliert werden müssen.
Nun kann man natürlich sagen: Ich will kein Programmierer werden, weshalb soll ich also meine Programme vor dem Einsatz erst einmal mit den ent- sprechenden Programmierwerkzeugen in eine lauffähige Version verwandeln? Wenn man aber bedenkt, daß Linux unter verschiedensten Betriebssystemen auf unterschiedlichsten Prozessoren installiert ist, macht die Verbreitung der Programme als Source-Code sehr wohl Sinn, denn so kann man diese Software (in fast allen Fällen) auf sämtlichen Hardware-Plattformen nach der Kompilierung einsetzen.
Und um ein Linux-Source zu kompilieren, sind im allgemeinen keine detaillierten Programmierkenntnisse erforderlich. An einigen Beispielen werde ich Euch dies weiter unten demonstrieren.
Zurück zu unserem Debian-System. Um die genannte Programmvielfalt (ob nun als Binär- oder Source-Code) nutzen zu können, muß unser System noch deutlich ausgebaut werden. Zwar ist auch dies von Hand Stück für Stück möglich, aber da es ein sehr beschwerlicher und fehlerträchtiger Weg wäre, wollen wir diesmal auf das jeder Debian-Distribution beiliegende Installation-Programm "dselect" zurückgreifen. Auch wenn die Bedienung zum Teil eigenartig erscheint, ist "dselect" doch eine recht mächtige Installationshilfe.
Im folgenden soll unser Linux-System so ausgebaut werden, daß auch im Source-Code vorliegende Programmpakete kompiliert und installiert und werden können.
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, Linux nochmals neu zu installieren, da gegen Ende der Installations-Prozedur die Auswahl eines Profils für den zukünftigen Einsatz angeboten wird. Und dieses Pofil sorgt dann im Zusammenspiel mit "dselect" für eine dem gewünschten Einsatzzweck komplette Berücksichtigung aller notwendigen Bibliotheken, Editoren, Kompiler, ... Auch wenn Euch jetzt die Haare zu Berge stehen sollten, da Ihr Euer mühsam installiertes System nun wieder ins Daten-Nirvana schicken sollt,- es wird sich lohnen! Zum einen vertieft Ihr Eure Linux-Installations-Kenntnisse :- )) und zum anderen war unser bisher doch recht rudimentäres Linux ja auch nur zum ersten Hineinschnuppern gedacht. Habt Ihr in der Zwischenzeit persönliche Daten (Texte, Programmeinstellungen usw.) erstellt, so solltet Ihr diese vor der Neuinstallation sichern. Auf geht es: Wie in den ersten beiden Teilen beschrieben, werden die "swap" und "root"- Partition(en) formatiert und das Basis-System aufgespielt. Nach dem notwendigen Reboot des Systems und der Eingabe des Passworts sowie der Einrichtung eines Gast-Users kommt die Frage "Do you want to use a PPP connection to install the system?", die Ihr mit "N" beantwortet, um dann sofort im nächsten Schritt mit einem Angebot zur Auswahl verschiedener Pakete (one of several selections of packages) konfrontiert zu werden. Auf die Anfrage "Do you want to perform this step?" solltet Ihr mit "Y" antworten.
Im nun folgenden Bildschirm fordert man Euch mit "Please select a Profile" auf, ein Euren Bedürfnissen entsprechenden Einsatz-Profil auszuwählen. Zur Auswahl stehen
| Einsatz-Profil | notwendiger Speicherplatz auf der Festplatte |
| Custom | (ohne, da abhängig von der Auswahl durch den Nutzer) |
| Admin | 330 MB |
| Basic | 26 MB |
| Devel_comp | 405 MB |
| Devel_std | 343 MB |
| Dialup | 431 MB |
| Server_Comp | 57 MB |
| Server_std | 48 MB |
| Work_sci | 471 MB |
| Work_std | 401 MB |
Es hat sich nach Test verschiedener Varianten herausgestellt, daß für den skizzierten Einsatzzweck (Nutzung von Binärprogrammen UND Sourcen- Kompilierung) die Variante Devel_std (frei übersetzt Programmier-System in Standardausführung) am besten geeignet ist. Ihr benötigt für diese Installation jedoch ca. 350 MB an freiem Festplattenplatz.
Selbstverständlich werden neben den Programmierwerkzeugen und Bibliotheken auch ein komplettes X-Window-System einschließlich diverser Programmen wie z.B. TeX, Ghostscript, The Gimp, Texteditoren, Filemanager und vieles mehr installiert. Ein weiteres Beispiel ist der im nachfolgenden Screenshot zu sehende komfortable PostScript-Viewer "gv".
Habt Ihr "Devel_std" ausgewählt, speichert das Installationsprogramm dieses Einsatz-Profil und ruft "dselect" auf. Die Programmoberfläche kennt Ihr ja schon aus dem zweiten Workshop-Teil. Bevor Ihr nun mit "dselect" an die weitere Installation geht, könnte es notwendig sein, das CD-ROM-Laufwerk einzubinden, um die gewünschten Pakete von dort einspielen zu können. Für diesen Zweck öffnet Ihr eine zweite Konsole mit "ALT + F2" und loggt Euch als "root" ein. Mit "vi /etc/fstab" kann nun durch z.B. "/dev/scd0 /cdrom iso9660 defaults 0 1" das CD-ROM-Laufwerk eingetragen werden. Nachdem Ihr die modifizierte "fstab" abgespeichert habt, solltet Ihr mit "mount /cdrom" selbiges anmelden.
Dann kehrt Ihr mit "ALT + F1" auf die erste Konsole und damit in den "dselect"-Bildschirm zurück und wählt den Programmpunkt "Access" und dort den Unterpunkt "multi_cd". Daraufhin sollte das CD-ROM-Laufwerk angesprochen und die Debian-Hierarchie eingescannt werden. Nachdem "dselect" damit fertig ist, springt es automatisch im Ausgangsbildschirm auf "Update". Wählt diesen Punkt aus und "dselect" wird nun die "Packages" bzw. "Packages.gz"-Files mit den Informationen über die verfügbaren Programmpakete von der CD-ROM lesen. Nachdem dies geschehen ist, könnt Ihr im "dselect"-Bildschirm den Punkt "Select" überspringen, da Ihr ja bereits im Vorfeld das gewünschte Einsatz-Profil (Devel_std) festgelegt habt.
(Selbstverständlich läßt sich über "Select" das Einsatz-Profil weiter verfeinern, indem Programme abgwählt oder zusätzliche hinzugefügt werden.) Sorgt nun durch die Anwahl von "Install" für die Installation der Programmpakete. Nachdem "dselect" dpkg aufgerufen hat, habt Ihr Zeit für mehrere Tassen Kaffee... Dennoch werdet Ihr in der sich der Installation anschließenden Konfiguration der einzelnen Pakete gebraucht. Die zu treffenden Entscheidungen werden durch aussagekräftige Programmmeldungen kommentiert, so daß ich hier auf Einzelheiten verzichte.
Ist die Konfiguration aller Pakete erledigt, sollte nun noch durch "cp /usr/doc/xserver-common/examples/XF86Config.eg /etc/X11/XF86Config" und "ln -s /dev/amigamouse /dev/mouse" X11 startklar gemacht werden (siehe Teil 2 des Debian-Workshops). Ein "startx" bringt das neu installierte X Window System zum Vorschein.
Als Grundbestandteil jeder Linux-Distribution ist auch in unserem Fall TeX mit von der Partie. Dieses außerordentlich leistungsfähige Text-Satzsystem zeichnet sich aber neben seiner beeindruckenden Funktionsfülle durch eine sehr spröde und kryptische Bedienung aus. Zwar werden viele Texteditoren in der Linux-Welt mit TeX-Syntax-Erweiterungen ausgestattet, aber dennoch muß man sich auch bei diesen Editoren meist immer noch mit der TeX- bzw- LaTeX- Syntax "herumschlagen".
Dennoch wäre es schade, wenn Ihr aus diesen Gründen einen Bogen um TeX machen würdet, denn wenn es um perfekten Textsatz und/oder sehr große Textdokumente einschließlich optimal gesetzter mathematischer Formeln und eingebundener Bilder geht, läßt TeX jede kommerzielle Textverarbeitung, egal ob auf dem Amiga oder unter Wintel (Word & Co.) sehr blaß aussehen. Versucht doch einmal, ein mehrere hundert Seiten starkes Dokument mit den beschriebenen Erweiterungen mit einer Textverarbeitung zu setzen- für TeX ist das kein Problem- selbst auf einem eher schwachbrüstigen Amiga. Eine sehr anwenderfreundliche Benutzeroberfläche für TeX und LaTeX stellt LyX dar [1]. Nur liegt diese TeX-Oberfläche keinem Amiga-Un*x-System als binäres Programmpaket bei. Wie schade,könnte man meinen. Aber: Hier kommt nun unsere neu installierte Linux-Entwickler-Umgebung zu ihrem ersten Einsatz. Denn mit dem installierten System seid Ihr in der Lage, den Source-Code zu kompilieren und damit LyX unter einem m68k-Linux einzusetzen.
Ihr benötigt hierfür zum einen den LyX-Source, unter [2] ist beispielsweise die zur Zeit aktuelle Version 1.0.4 zu finden, sowie die Xforms-Bibliothek, die in bereits kompilierten Zustand auch für m68k-Prozessoren z.B. unter [3] zu finden ist.
Nachdem Ihr die tar.gz.-Pakete aus dem Internet gezogen habt, wechselt Ihr mit "cd /usr/src" sinnvollerweise ins für die anstehenden Arbeiten bereits durch die grundlegende Linux-Installation angelegte Source-Verzeichnis. Von dort werden die Source-Pakete mit "gzip -cd paketname_mit_Pfad | tar xvf -" entpackt. Im Anschluß sollten nach Eingabe von "ls" die Verzeichnisse "lyx-1.0.4" und "xforms" aufgelistet werden.
Wechselt nun in das "xforms"-Verzeichnis mit "cd xforms" und gebt dort "make install" ein. Nach kurzer Zeit sind alle notwendigen Bibliotheken kopiert und Ihr könnt mit "cd .." auf die obere Verzeichnisebene, d.h. nach "/usr/src" zurückkehren. Nun wechselt Ihr mit "cd lyx-1.0.4" ins "lyx"- Verzeichnis. Drei Eingaben sind hier zu tätigen: "./configure" veranlaßt eine Anpassung der Sourcen an die Gegebenheiten des vorhandenen Linux- Systems, "make" sorgt im Anschluß für die eigentliche Kompilierung und ein "make install" für die korrekte Installation im vorhandenen Linux-System. Habt nach Eingabe der gerade genannten Befehle etwas Geduld, sowohl die Konfiguration als auch die Kompilierung brauchen auf einem Amiga ihre Zeit...
Tja, und ist alles ohne Fehlermeldung über die Bühne gegangen, könnt Ihr in einem "xterm"-Fenster durch Eingabe von "lyx" das Programm aufrufen und Euch an Eurem ersten "Eigen-Kompilat" erfreuen. Übrigens kommt LyX mit einer umfangreichen, auch in Deutsch vorhandenen Dokumentation und TeX(t)- Beispielen daher.
Ein weiterer wichtiger Punkt für die Alltagstauglichkeit ist die Verfüg- barkeit von Office-Paketen. Zwar existieren eine ganze Reihe solcher Pakete für Linux,- aber leider bleibt m68k-Linux da meist unberücksichtigt, denn viele dieser Pakete werden als Binärdateien nur für x86- oder wie z.B. bei Applixware, auch für PPC-CPUs vertrieben.
Ein angenehme Ausnahme stellt das Siag-Office dar, welches als Source-Code frei verfügbar und auch auf m68k-Systemen kompilierbar ist. Siag beinhaltet neben der Textverarbeitung "Pathetic Writer" die Tabellenkalkulation "siag", das Animationsprogramm "egon", den Texteditor "xedplus", den Filemanager "xfiler" und den PostScript-Viewer "gvu".
Ihr benötigt für dieses Office-Paket die Siag-Sourcen [4] selbst sowie ein passendes Xaw3d-Archiv wie bspw. [5]. Habt Ihr die Archive auf Eurer Fest- platte, könnt Ihr sie analog dem Beispiel LyX von "/usr/src" aus mit "gzip -cd paketname_mit_Pfad | tar xvf -" entpacken. Diesmal finden sich nach dem Entpacken und Eingabe von "ls" die Verzeichnisse "siag-3.1.22" und "xc".
Wechselt als erstes ins Verzeichnis "xc/lib/Xaw3d". Da das Siag-Office auf die Xaw3d-Include-Dateien zurückgreift, müsst Ihr nun mit "mkdir /usr/X11R6/include/X11/Xaw3d" ein notwendiges Verzeichnis im X11- Verzeichnisbaum anlegen. Als nächstes kopiert Ihr die benötigten Include- Files mit "cp *.h /usr/X11R6/include/X11/Xaw3d/" in das soeben erstellte Verzeichnis.
Nun wechselt Ihr ins "siag-3.1.22" Verzeichnis ("cd /usr/src/siag*") und leitet hier als erstes die Konfiguration mit "./configure" ein. Hat sich siag zurückgemeldet, könnt Ihr noch eine kleine Manipulation am Makefile im "xfiler"-Verzeichnis vornehmen. Dazu öffnet Ihr mit "vi xfiler/Makefile" das File uns setzt in der Zeile "xfiler_SCRIPTS=makeicons als erstes Zeichen ein "#". Nach dem Abspeichern des Makefiles kann nun die Kompilierung des Office-Paketes duch Eingabe von "make" erfolgen. Ein "make install" sorgt im Anschluß wiederum für die Installation im vorhandenen Linux-System. Und um die einzelnen Office-Bestandteile jederzeit zur hand zu haben, könnt Ihr sie für für diesen Zweck in die Konfigurationsdatei des genutzten Window-Managers aufnehmen.
Wie Ihr an den beiden Beispielen sehen konntet, ist die Kompilierung von Sourcen (meist) nicht allzu kompliziert. In vielen Fällen reichen dazu drei Befehle aus:
./configure
make
make install
Auf jeden Fall solltet Ihr die in jedem Paket mitgelieferten README- bzw. INSTALL-Dateien lesen, denn in diesen Dateien wird die Prozedur für Kompilierung und Installation ausführlich beschrieben.
Ein sehr leistungsfähiges Grafik-Programm wurde schon mit der Einrichtung des Linux-System entsprechend unseres Einsatz-Profils installiert: The Gimp. In der Debian2.1-Distribution liegt es in Version 1.0.2 vor.
Mit "Gimp" macht die Bildmanipulation Spaß- vorausgesetzt, Ihr habt eine schnelle CPU in Eurem Amiga oder viel Geduld.
Außerdem finden sich noch viele weitere interessante Grafik-Programme auf den CD-ROMs. Geht einfach auf Entdeckungsreise. Es wird interessant. Ganz bestimmt.
Neben der Debian-Distribution buhlen natürlich noch weitere Un*x-Derivate um die Gunst der Amiganer. Im vierten Teil dieses Workshops wird das von Stefan Ossowskis Schatztruhe seit kurzem veröffentlichte "The Amiga Unix Compendium V1.2" unter die Lupe genommen. Interessant bei diesem 3-fach CD-ROM-Set: Neben einem RedHat-m68k-Linux sind ebenso LinuxPPC und NetBSD mit von der Partie.
Außerdem soll die für diesen dritten Teil schon angekündigte Datensicherung endlich zur Sprache kommen.
[1] http://www.uni-sw.gwdg.de/~pit/LyX/index.html
[2] ftp://ftp.uni-sw.gwdg.de/pub/people/pit/lyx-1.0.4.tar.gz
[3] ftp://gd.tuwien.ac.at/hci/xforms/linux-m68k/bxform-088.glibc2.tgz
[4] ftp://ftp.edu.stockholm.se/pub/siag/siag-3.1.22.tar.gz
[5] ftp://ftp.edu.stockholm.se/pub/siag/Xaw3d-1.3.tar.gz
Uwe Pannecke <Uwe.Pannecke@t-online.de>«