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Abschließend

Über den Erfolg eines Produkts entscheidet nicht nur dessen Technologie

Auf der Kölner Messe im November letzten Jahres, drei Monate vor Ablösung Jeff Schindlers als Chef der Amiga-Entwicklungsabteilung, hat das Unternehmen eine Kooperation mit dem damals für die Amiga-Anwender noch vollkommen unbekannten QNX Software Systems Ltd. geschlossen, die die Schaffung eines neuen Betriebssystems für den geplanten 'Amiga der nächsten Generation' vorsah. Nach Bekanntgabe der Entscheidung tauchten Gerüchte auf, QNX sei nur eine notgedrungene Alternative gewesen, Amiga, Inc. hätte sich vielmehr zu einer Kooperation mit BeOS entschlossen, die jedoch in letzter Minute gescheitert sei. Wieder andere Spekulationen gingen in die Richtung, dass die Entwicklungsabteilung nur deshalb eine Zusammenarbeit mit QNX vereinbart hatte, weil die Kritik über den offensichtlichen Stillstand der damaligen Zeit in der Amiga-Gemeinde immer lauter wurde.

Sei es, wie es ist, QNX wurde ausgewählt und die Amiga-Gemeinde jubelte - scheinbar zurecht: Die Spezifikationen lasen sich hervorragend, ein Echtzeit-Betriebssystem dieses Herstellers schien ideal zur Amiga- Philosophie zu passen - das dachte sich vermutlich auch Jeff Schindler. Damals hatte jeder von uns die Technologie, niemand jedoch die - im Computergewerbe extrem wichtige - Marktlage berücksichtigt, auch der damalige Chef der Entwicklungsabteilung offensichtlich nicht.

Der jetzige AMIGA-Präsident Jim Collas war zuvor Senior Vice President bei Gateway und hatte damit eine sehr hochrangige Position inne, bei der es nicht allein auf technisches Wissen ankam: Jim Collas führte eine wichtige Abteilung eines großen Computerunternehmens, musste dafür somit auch Manager-, sprich betriebswirtschaftliche, Qualitäten besitzen. Wie wir jetzt wissen, ist sich der AMIGA-Präsident einer grundlegenden Tatsache bewusst: Ob sich ein Produkt durchsetzt, hängt nicht nur - vielleicht sogar am wenigsten - von dessen Qualität, sondern von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab. Im Prinzip sollte dies jedermann, der in der Computerbranche Verantwortung trägt, klar sein - das beste Beispiel ist doch das Unternehmen eines gewissen Bill G., der auf dem Markt für Computersoftware nahezu ein Monopol besitzt, obwohl dessen Programme nach überwiegender Einschätzung im Allgemeinen kaum das Mittelmaß überschreiten.

Jim Collas hatte zwei Alternativen:

a) AMIGA bleibt bei der winzigen Firma QNX mit dem möglicherweise besseren Kernel bzw. Betriebssystem, für das es jedoch so gut wie keine Softwareunterstützung gibt, so dass erst ein Markt dafür geschaffen werden müsste. Wie schwierig ein solches Unterfangen jedoch ist, kann jeder Amiga- Anwender am Beispiel Amiga-PowerPC nachvollziehen: Die PowerUp-Karten haben sich (neben anderen Gründen) deshalb so schlecht verkauft, weil es kaum Umsetzungen qualitativ hochwertiger Programme gab - und die gab es nicht, weil sich die PowerUp-Karten so schlecht verkauften.

Wäre AMIGA bei QNX geblieben, hätte es gewaltige Anstrengungen unternehmen müssen, um eine ausreichende Anzahl von bekannten Softwareherstellern zu überzeugen, ihre Programme für das neue Amiga-Betriebssystem umzusetzen. In Zeiten aber, wo die meisten Hersteller schon drei, fünf oder mehr Betriebssysteme unterstützen, wäre der überwiegenden Anzahl von Firmen der Support für ein weiteres Nischensystem, um das es sich zumindest anfangs ja gehandelt hätte, kaum zu vermitteln gewesen.

Ohne eine ausreichende Softwarebasis wiederum wäre zwar eventuell die Mehrzahl der Amiga-Anwender zum AmigaNG übergewechselt, vielleicht auch einige User anderer alternativer Plattformen, aber kaum eine größere Masse von Linux-, Mac- und unzufriedenen Windows-Anwendern - selbst nicht bei deutlicher Überlegenheit der Hard- und Software des AmigaNG.

b) AMIGA wechselt zu einem Linux-Kernel, obwohl dies möglicherweise eine etwas weniger individuelle und revolutionäre Betriebsumgebung zur Folge hätte (was sich ja erst noch herausstellen muss). Dafür jedoch steht dem Computersystem die große Welt an Linux-Programmen und - vielleicht noch wichtiger - Hardwaretreibern zur Verfügung, die sich ohne großen Aufwand an den AmigaNG anpassen lassen - vom riesigen Potential an Linux-Entwicklern ganz zu schweigen.

Damit fällt es den Softwareherstellern wesentlich leichter, sich zu einer Unterstützung des AmigaNG durchzuringen, als dies bei Verwendung des QNX- Kernels der Fall wäre - ein erster Hinweis darauf ist die Bekanntgabe der Zusammenarbeit zwischen AMIGA und Corel, die bei Nutzung von QNX sicherlich nicht zustande gekommen wäre.

Beide Alternativen auf einen Punkt gebracht:

a) AmigaNG <=> ein Computersystem mit starker Individualität, aber nur geringen Marktchancen

b) AmigaNG <=> ein Computersystem mit (möglicherweise) weniger Individualität, aber deutlich besseren Marktchancen

Der AMIGA-Präsident hat sich für letzteres entschieden, und das kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen. Sicherlich gibt es auch Amiga-Anwender, die die geringeren Erfolgschancen eines QNX-Amigas wegen dessen stärkerer Individualität in Kauf genommen hätten - diese können sich ja für das von Phase 5 angestrebte Konkurrenz-Computersystem entscheiden (sollte es auf den Markt kommen), sollten sich jedoch später nicht beklagen, wenn es ein Nischen-Dasein führt wie heute der Classic-Amiga, ohne ein breites Angebot an attraktiver Hard- und Software.

Damit bis nächsten Monat,

euer

Carsten Schröder

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