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Juni/Juli 1999
Liebe Amiganer,
ich entschuldige mich, daß ich meinen Juni- (jetzt Juni/Juli-) Brief erst so spät veröffentlicht habe. Ich war eigentlich schon in der letzten Woche so weit, den Brief zu veröffentlichen, habe mich jedoch entschlossen, dies zu lassen und ihn am vergangenen Wochenende aus vielerlei Gründen neu zu schreiben. Ein Grund ist das Feedback, das ich aus der Amiga-Gemeinschaft erhalten habe. Um die Wünsche der Amiga-Community besser verstehen zu können, habe ich viele der Diskussionen in den Amiga-Newsforen verfolgt (zusätzlich zu den Tausenden Emails, die mich erreicht haben). Ich habe auch selbst in einigen Foren geschrieben, wenn ich das Gefühl hatte, daß es wichtig war, die Informationen in Bezug auf die Pläne von Amiga klarzustellen. Im Forum "comp.sys.amiga.misc" schrieb ich eine Nachricht, die um Feedback zu unseren Strategien und Plänen bat. Die Nachricht findet sich unter "Collas and LeFaivre - thanks for talking". Ich habe als Antwort viele interessante Einblicke und Meinungen erhalten, jedoch wurde mir beim Lesen eine Sache immer klarer: ich habe der Amiga-Gemeinschaft nicht genügend Informationen zum klaren Verständnis unserer Pläne gegeben. Die Gemeinschaft hat immer noch kein klares Verständnis unserer Produktpläne, und von dem, was wir mit der Bezeichnung "Operating Environment" meinen. Dies ist offensichtlich nicht der Fehler der Gemeinde, sondern meiner, da ich nicht genug Informationen weitergegeben habe. Und dies ist auch der Grund, warum ich meinen Originalbrief nochmals überarbeitet habe.
In den letzten Monaten habe ich versucht, der Amiga-Gemeinde soviel wie möglich bekanntzugeben, ohne unseren Konkurrenten zuviel zu enthüllen oder vertrauliche Vereinbarungen mit unseren Technologiepartnern zu brechen. Ich denke, ich war in dieser Hinsicht, nämlich die Sache richtig auszuloten, nicht gerade effektiv, daher habe ich veranlaßt, mehr von unseren Plänen bekanntzugeben: Wir stellen eine fünf- bis siebenseitige Produkt- und Technologie-Einweisung zusammen, die innerhalb der nächsten Woche für die Amiga-Gemeinschaft veröffentlicht wird. Diese Einweisung wird allen helfen, unsere allgemeinen Pläne besser zu verstehen, indem weitere Details über unser neues Amiga Operating Environment (OE) und Multimedia Convergence Computer mitgeteilt werden. Diese Technologie-Einweisung wird außerdem von neuer und aufregender Amiga-Technologie berichten. Ich werde später in diesem Brief etwas mehr über diese Technologie sprechen.
Diese Einweisung gibt außerdem einige unserer zur Auswahl beteiligten Firmen bekannt. Wir haben in den letzten vier Monaten mit der Auswertung von Technologie und der Definition der Hardware-Architektur sowie der Software-Struktur der nächsten Generation verbracht. Wir haben die Architektur und Struktur nun festgelegt. Wir haben außerdem unsere wichtigsten Technologie- und Partnerentscheidungen getroffen. Einen beträchtlichen Teil an Aufwand und Mittel investierten wir in die Auswertung der Technologie von Fremdanbietern - Ihr könntet über einige der Entscheidungen überrascht sein, jedoch bin ich davon überzeugt, daß Ihr zustimmen werdet, daß es sich um die richtigen Entscheidungen handelt.
Bevor Ihr die Einweisung lest, solltet Ihr verstehen, daß wir immer noch nicht die Freiheit besitzen, alle Details unserer Planung zu veröffentlichen. Ich möchte unseren Konkurrenten nicht zuviel bekanntgeben, außerdem sind wir an einen vertraulichen Vertrag mit unseren wichtigsten Partnern gebunden. Innerhalb dieser Einschränkungen werden wir soviel wie wir können bekanntgeben. Der schwierige Teil dabei, nicht zuviel bekanntgeben zu können, besteht darin, daß einige Entscheidungen nicht viel Sinn machen, bevor man nicht sämtliche Informationen hat. Leider haben wir momentan keine andere Wahl. Als Hintergrundinformation für die Technologie-Einweisung möchte ich außerdem das Konzept revolutionärer Produkte und unsere Strategie der Einführung des Amiga der nächsten Generation diskutieren.
REVOLUTIONÄRE PRODUKTE
re-vo-lu-tio-när: Adjektiv; 1: Einsetzen oder Aufbringen eines grundlegenden oder fundamentalen Wandels in der Art und Weise des Denkens oder der Vorstellung: ein Paradigmenwechsel, ein revolutionäres Produkt.
Der Original-Amiga war revolutionär, da er einen fundamentalen Wandel im Bereich der Computergrafik und -leistung, der Möglichkeiten und des allgemeinen Wertes von Computern brachte. Er ermöglichte es den Leuten, Dinge zu tun, die sie damals mit keinem anderen System tun konnten. Er verhalf den Computern einen großen Schritt in die Zukunft, indem er eine grundlegende Wende in der Art und Weise gebracht hat, wie die Menschen den Computer sahen. Der Amiga der nächsten Generation muß dasselbe im Kontext der gegenwärtigen Computerindustrie erreichen. Schnellere CPUs und schnellere Grafik allein werden nicht die revolutionäre, neue Computerplattform ausmachen. Diese Faktoren sind wichtig, aber nicht revolutionär. Revolutionäres Denken erfordert von uns, daß wir von vergangenen Einstellungen loslassen und uns eine Zukunft vorstellen, die heute noch nicht existiert. Es verlangt von uns, Technologien und Funktionen zu entwickeln, die diese Zukunftsvision ermöglichen. Dieses ist der Geist revolutionären Innovationen. Es ist derselbe Geist, der das erste Amiga-Entwicklungsteam antrieb.
Das Problem ist, daß revolutionäre Paradigmenwechsel schwer vorstellbar sind, bevor sie stattfinden. Laßt mich ein Beispiel anführen: Als ich Student am College war, hatte ich einen Job als Software-Entwickler in der Programmierung von Videospielen für den Atari 2600, den Commodore 64 und den Apple II (das war die Zeit vor dem Amiga). Zu dieser Zeit wurden alle Videospiele in Assembler programmiert. Das war damals toll, denn es gab dem Entwickler die komplette Kontrolle über die Hardware. Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Spiel in einem hohen Dialekt wie C++ zu programmieren, weil dieses so unglaublich ineffizient schien. Es sah einfach wie ein unrealistischer Vorschlag aus. Nun, die Welt hat sich geändert. Man kann einfach die Komplexität und Extravagance heutiger Spiele nicht in Assembler handhaben. Man braucht hochentwickelte Werkzeuge wie C++. Hierbei handelt es sich um einen revolutionären Paradigmenwechsel, der noch vor einigen Jahren schwer vorstellbar war.
Behaltet dies im Kopf und erinnert Euch daran, wenn Ihr die Technologie-Einweisung, die noch zu veröffentlichen ist, lest. Es ist nicht genug, ein besseres Produkt herauszubringen. Es muß revolutionär sein, damit es für uns alle einen Erfolg darstellt. Ihr müßt in einer anderen Dimension denken, um die revolutionäre Natur der Amiga-Umgebung der kommenden Generation zu verstehen. Die Technologie-Einweisung wird Euch dabei helfen, diese Zukunftsvision zu verstehen. Ich freue mich darauf, weiterhin Eure Meinungen zu unserer Plänen zu erfahren.
PRODUKTEINFÜHRUNGS-STRATEGIE
Unsere Strategie, den neuen Amiga einzuführen, besteht darin, die beste Technologie der Industrie in eine neue, effiziente und revolutionäre Computerplattform zu integrieren, die auf die Zukunft ausgerichtet ist. Es ist wichtig, diese Strategie zu verstehen, damit Ihr einige unserer Entscheidungen besser verstehen könnt. Die Computerindustrie von heute unterscheidet sich sehr von der Zeit, als der erste Amiga entwickelt wurde. Der ursprüngliche Amiga wurde entwickelt, als die Computerindustrie in ihren Kinderschuhen steckte. Die Computerindustrie ist inzwischen erwachsen geworden und die Dynamiken haben sich grundlegend verändert. Die Industrie ist gesättigt mit Firmen, die tolle Technologien und Komponenten entwickeln und den Markt damit versorgen. Zum Beispiel gibt es viele exzellente Firmen, die hochentwickelte leistungsfähigste 3D-Grafik-Chips anbieten. Alle diese Firmen haben ein Ziel gemeinsam: die beste 3D-Grafik-Lösung zu entwickeln und zu verkaufen. Diese Grafikfirmen unterhalten Weltklasse-Ingenieure - vertrauen Sie mir, ich kenne diese Unternehmen genau. Zu glauben, daß wir einen eigenen, besseren Grafikchip entwickeln könnten, hat keinen Sinn. Das ist auch der Grund, warum heute alle führenden Computerunternehmen (IBM, Compaq, Gateway, Apple, usw.) auf Drittfirmen, wie Grafikunternehmen, vertrauen. Es war ihnen klar, daß interne Mittel nicht mit den in diesem Bereich spezialisierten Firmen konkurrieren können. Das ist der normale Gang einer erwachsen werdenden Industrie, und es ist der Grund dafür, weshalb wir nicht in der Vergangenheit denken können, wenn es darum geht, ein revolutionäres Produkt für die Zukunft herzustellen. Soll dies heißen, daß der Amiga nicht einzigartig oder führend in seiner Leistung sein wird? Das heißt es absolut nicht. Zuerst einmal sollt Ihr Leistung nicht ausschließlich nach den engen Benchmarks der heutigen Industrie definieren. Wir sollten unser Augenmerk darauf lenken, die nächste Computerrevolution anzupeilen, anstatt mit der letzten zu konkurrieren. Zweitens wird eine extrem effiziente Architektur das letzte aus allgemein genutzten Komponenten wie 3D-Chips herausholen. Wir können eine eindrucksvolle Leistung erreichen, indem wir einen in der Industrie führenden PCI-/AGP-Chip mit der hochgradig effizienten Architektur des neuen Amiga verbinden. Auf der Seite der CPU haben wir einen Hauptprozessor gewählt, der aufregende neue Möglichkeiten für den Amiga bringt. Ich darf aufgrund unserer vertraulichen Vereinbarung jetzt zwar noch nicht bekanntgeben, welchen Befehlssatz er benutzt, aber ich kann Euch sagen, daß er sehr aufregend ist und kein x86-Architektur-Prozessor ist. Wir planen, die CPU in einigen Wochen auf der World Of Amiga und der AmiWest-Messe bekanntzugeben. Und ich hoffe außerdem, alle unsere Technologiepartner und -Entscheidungen bekanntgeben zu können. Um diese tolle Technologie zusammenzustellen und unsere Plattform der nächsten Generation entwickeln zu können, entwickeln wir außerdem unsere eigene Technologie für strategische Schlüsselbereichen. Diese Produkte erlauben uns, das Produkt einzigartig zu machen, Technologie von Fremdentwicklern zu integrieren und das letztendlich revolutionäre Produkt zu kreieren. Zum Beispiel:
EIN VORGESCHMACK
Die Technologie-Einweisung wird auch die Beschreibung neuer Amiga-Technologien, von denen ich denke, daß sie unglaublich sind, enthalten. Es handelt sich um eine objektorientierte von Amiga entwickelte Technologie namens AmigaObject. AmigaObject stellt eine leistungsstarke Softwarestruktur dar, die einfache Integration von Technologie, verteiltem Computing, Hochgeschwindigkeits-Netzwerk-Transaktionen und die Kommunikation zwischen Applikationen erlaubt. Sie ist außerdem eine leistungsstarke Software, die aus verschiedenen Teilen besteht, die es erlauben, eindrucksvolle Programme schnell herzustellen. AmigaObjects sind zwischen Plattformen portierbar und transferierbar, was dem AmigaObjects erlaubt, sich über das gesamte Netzwerk, das Internet und die gesamte Welt zu verbreiten. Habe ich bereits Eure Aufmerksamkeit erlangt? Es handelt sich nur um einen Teil des neuen Amiga-Betriebssystems. Es ist diese Art der Technologie, die es uns erlauben wird, eine revolutionäre Computerplattform zu entwickeln. Wir können diese Technologie offen diskutieren, da wir nun verbriefte Patente besitzen, die uns einigen Schutz vor unseren Mitbewerbern gewähren. Mehr darüber in der Technologie-Einweisung.
ZUSAMMENFASSUNG
Die angekündigte Technologie-Einweisung wird Anfang nächster Woche veröffentlicht. Während es notwendigerweise auf einem ziemlich hohen Level gehalten ist, wird es die umfassendste heutige Beschreibung neuer Amiga-Produkte und des Betriebssystems sein. Ich denke, es wird sehr nützlich dafür sein, damit Ihr Amiga's Zukunft und die neuen Produkte verstehen könnt. Ich freue mich sehr, diese Informationen zu veröffentlichen und Eure Meinung dazu zu hören. Nachdem Ihr sie gelesen habt, denke ich, daß Ihr mir zustimmen werdet, wenn ich behaupte, daß der Amiga und die Amiga-Gemeinschaft eine Chance hat, die nächste Computerrevolution auszulösen.
Alles Gute
Jim Collas
President, AMIGA«
(Quelle: AMIGA)