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AmiWin - Das große X

 
QNX in allen Ehren, aber Fenster umhängen können wir jetzt auch schon. Und tut es nicht im Innersten gut, einem Rechner die Bürde der leidigen Ausgabe abnehmen zu können?

 
Genau dieses machten wir diesmal mit einer braven NeXTstation, deren X-Server ja nun wirklich nicht der schnellsten Einer ist. Damit wären wir auch schon mitten im Thema, denn was ist nun ein X-Server und wofür brauchen wir das?

Die Tische, die zwar noch immer Schreibtische genannt werden, aber zunehmend Tipptische heißen müßten, ob der inflationären Anzahl an Computern, werden wohl hauptsächlich von Monitoren verstellt. Bei mehreren Computern und demzufolge dann mehreren Monitoren ist das sichtlich ein mitunter größeres Platzproblem.

Um genau dieses haben sich schon vor Jahren die berüchtigten Unix-Männer Gedanken gemacht, wohl aber, um auch auf entfernteren Rechnern nicht nur mittels telnet arbeiten zu können, und nicht, um moderne "Arbeitsplatzprobleme" vorzeitig lösen zu wollen.

 

Es unixelt...

 
Ein X-Server ist die Grundlage, um auf Unix-Rechnern überhaupt zu graphischen Benutzeroberflächen wie eben X-Window (bitte ohne s am Schluß!) gelangen zu können. Diese Server können aber eben mehr, als nur einfach lokal am Rechner irgendwelche Sachen irgendwohin zu malen.

Fenster mitsamt Inhalt können dadurch auf einen anderen Rechner umgelenkt werden, und das Programm, daß trotzdem auf dem ersten Rechner läuft, wird dadurch vom anderen Rechner ferngesteuert. Da wir ja nicht vor einem QNX sitzen, geht das nicht bei laufenden Programmen. Somit wird zur Startzeit eines Programmes festgelegt, auf welchem Display es sein Fenster aufmachen soll, und von wo es somit die Eingaben empfängt.

So ein Aufruf kann nun wie folgt aussehen:


/usr/X11/bin/xclock -display local:0

 
Wir sehen schon, hier befinden wir uns in der UNIX-Welt auf einem UNIX-Rechner. Obiges öffnet einfach eine Uhr, ähnlich der Workbench-Uhr vom Amiga, auf dem X-Screen. In diesem Falle ist auch die Angabe des Display-Parameters nicht wirkich nötig, da die Ausgabe lokal erfolgen soll, und das die Voreinstellung ist.

Läuft aber zum Beispiel auch auf dem Rechner mit der IP-Adresse 192.168.1.1 ein solcher X-Server, so wird sich die Zeile entsprechend ändern:


/usr/X11/bin/xclock -display 192.168.1.1:0

 
Das :0 nach der IP-Adresse gibt an, daß der erste X-Screen auf diesem Rechner benutzt werden soll. Ähnlich wie es ja vom Amiga her bekannt ist, kann auch ein X-Server mehrere Screens verwalten. Diese werden allerdings nicht mit Namen versehen, sondern einfach durchnumeriert. Namen kann man dagegen natürlich statt der IP-Adresse verwenden, sofern das Netz ordentlich konfiguriert ist und ein ping mit dem Namen funktioniert.

So kann hin und her und kreuz und quer mit den Fenstern geworfen werden und man sich mit allen möglichen Ausgaben den Monitor zumüllen lassen, wie auch die ganzen Sachen einfach zu delegieren und vor einem leeren Bildschirm sitzen. Beides wird wohl nicht viel Spaß machen.

Um nun die Nerven aufgebrachter NetzAdmins ein wenig wieder beruhigen zu können, ist anzumerken, daß natürlich keine ganzen Bitmaps oder auch nur Teile davon verschoben werden. Das Konzept dahinter ist ein völlig anderes: es werden über das Netz nur Steuermeldungen und Kontrollzeichen verschickt, den Aufbau des Fensterinhalts übernimmt der darstellende Rechner. Drum wird ein NeXT, den man mit einem X-Server sowieso nur knebelt und geisselt, plötzlich wieder zur gewohnten Geschwindigkeit zurückkehren, wenn man die Ausgabe umlenkt. Die Voraussetzung dabei ist natürlich ein entsprechend schneller X-Server am Ausgabegerät, und hier kommt unser lieber Amiga ins Spiel.

 

Ein Amiga gibt Gas

 
Mit AmiWin gibt es nun am Aminet einen freien X-Server für den Amiga, der genau die oben beschriebenen Fähigkeiten für unseren Lieblingsrechner umsetzt. Früher gab es auch einmal DaggeX, ein zweites X-Window-Paket für den Amiga, aber von dem ist schon länger nichts mehr zu hören gewesen. Genausowenig, wie von GfxBase, einem kommerziellen X-Server, dessen Demoversion ebenfalls am Aminet zu finde ist.

Zur Installation kann man nur wenig sagen, da das Installer-Skript funktioniert und einen einfach startbaren X-Server im System hinterläßt.

Die Demoversion von AmiWin vom Aminet nun erlaubt maximal drei geöffnete Fenster, gegen einen Sharewarebeitrag von 50 US$ bekommt man aber die vollständige Version des Servers und noch einige mehr Clients dazu.

Es ist ja eine prinzipielle Einschränkung des ganzen Systems, daß nicht auf einmal jedes Programm einfach seine Fenster irgendwohin umlenken kann, sondern nur solche, die für X geschrieben sind, und derer sind für den Amiga nicht so viele, aber wir wollen ja auch von Unix-Maschinen die Ausgaben umlenekn, und dort sind solche Programme weiter verbreitet.

Nach dem Entpacken des Archivs und Doppelklick zum Starten des Servers wird man von einem MUI-haltigen Konfigurationsfenster begrüßt, das aber sogleich durch einen Screen-Requester überlagert wird. Auf dem ist ersichtlich, daß AmiWin nicht nur nur mit Grafikkarten zusammenarbeitet, sondern eine solche auch tunlichst empfehlenswert wird, wenn man auf brauchbare Arbeitsgeschwindigkeiten kommen will. Meine gute alte PicassoII im 2000er tut dafür sehr wohl ihre Dienste.

Vorgesehen ist nur CyberGraphX als (PreRTG-) System, doch die Emulation von Picasso96 ist davon nicht zu unterscheiden, und deshalb scheinen auch brav alle Modi in diesem Requester auf. Wählt man einen aus, so öffnet sich ein Screen, der mit dem bekannten grau-karierten X-Hintergrund gefüllt wird und der Mauszeiger wird zum dicken Kreuz.

Auf der Workbench ikonifiziert sich das Konfigurationsfenster und die Clients warten darauf, gestartet zu werden. Zur DemoVersion werden einige mitgeliefert, wie zum Beispiel schon oben erwähntes xclock, oder ein xeyes für die, die sonst nicht genug Paranoia bekommen und auch noch von Augen verfolgt werden wollen.

 

Sicherheit über alles!

 
Nun, gleich von einem anderen Rechner aus einen Client gestartet und das entsprechende Display angegeben, aber so einfach geht das nun auch wieder nicht:


% xclock -display 192.168.1.1:0
xlib:  connection to "192.168.1.1:0.0" refused by server
xlib:  Client is not authorized to connect to server
Error: Can't open display: 192.168.1.1:0
%

 
Die Meldung ist sogar einigermassen aussagekräftig. Dafür gibt es dann eine eigene Konfigurationsseite, in der man angeben kann, welche IP-Adressen ein Fenster bei diesem Server aufmachen dürfen.

Die Sicherheits-Abfrage kann man auch abschalten
 
Gibt man diese Adressen dann an und wechselt voller Erwartungen auf den X-Screen, kann man dort am Mauszeiger ein schönes Rechteck hängen sehen, das frei am Screen plazieren werden kann. Bei entsprechender Angabe von Optionen beim Aufruf des Programmes wird das Fenster aber natürlich auch gleich plaziert.

In der Dokumentation zu AmiWin steht unter den vielen Optionen auch eine, mit der der Screenmode voreingestellt werden können soll. Dieses ist aber in der Demoversion nicht möglich, es wird immer der nervige Screen-Requester geöffnet.

 

Eine gute Unterlage ist viel wert

 
Da das Ganze sehr netzwerkabhängig ist, steht natürlich die Frage nach dem passenden TCP-Stack im Raum: Dazu ist in der .guide-förmigen Dokumentation ein eigenes Kapitel eingeräumt. Die Möglichkeiten, Nachrichten auszutauschen, basiert hier auf einem Transports genannten System. Eines davon, der ppipc.xtp ist für die lokalen Clients zuständig und immer verfügbar, auch wenn kein TCP-Stack läuft. Ist beim Start von AmiWin entweder AmiTCP oder AS-225 am Laufen, wird entsprechend der amitcp.xtp oder der as225.xtp konfiguriert. Ob das richtig funktioniert hat, ist auch in diesem Konfigurationsfenster ersichtlich:

Auf welchen Wegen wandeln wir heute ?
 
 
Zu einem funktionierendem X-System gehört aber auch ein passender Window-Manager, der das grundlegende Aussehen und Funktionalität extrem beeinflußt. Das ist ähnlich einem Workbench-Replacement: die anderen können immer mehr, aber keiner kann alles, was man braucht.

Bei AmiWin dabei ist der twm, der nicht gerade viel kann, für erste Versuche aber durachause geeignet ist. In der Unix-Welt dorgt da gerade der kde für Aufsehen, da er die armen Rechner wie ein Windows 95 aussehen läßt. In aminet:gfx/x11/ findet sich dazu so einiges, und in den GeekGadgets gibt es zum Beispiel den AfterStep, der die NeXTStep-Oberfläche nachbildet.

 

Unixoid

 
Das hat jetzt nichts mit Suizid zu tun, auch wenn's einem manchmal so vorkommen mag; und man kann auch keinen begehen, wenn man sieht, mit was AmiWin sich zufrieden gibt:

- Kick 2.04, WB 2.1
- 4 MB RAM
- 2 MB Plattenplatz
- OCS
- 68020
 
Um aber wirklich damit auch arbeiten zu können, sind schon die Empfehlungen angeraten:

- Kick, WB 3.1
- 8 MB RAM
- 20 MB auf der Platte (für die Zeichensätze der registrierten Version)
- Grafikkarte
- 68030
- 3-Tasten Maus
 
 
Die Darstellung am Screen erfolgt über eigene Display Driver; mit dem rudimentärsten davon kann jedes Grafiksystem in zumindest monochromer Ausführung verwendet werden, das zumindest die graphics.library emuliert. Zu angemessener Darstellung gibt es aber auch eine ganze Reihe anderer Treiber:

- rtg-1 monochrom für RTG (auf graphics.library aufsetzend)
- aga-1 monochrom für OCS/ECS/AGA
- aga-8 256 Farben für OCS/ECS/AGA/A2024
- picasso-l-8 256 Farben für Picasso (nicht Picasso96)
- hrg-8 256 Farben für Merlin, Domino, VisionA
- cybergraphx-8 256 Farben für CyberGraphX (somit auch Picasso96)
- retina-8 256 Farben für Retina
- graffity-8 256 Farben für Graffity
- picasso-l-15 32768/65536 Farben für Picasso (nicht Picasso96)
- hrg-15 32768/65536 Farben für Merlin, Domino, VisionA
- cybergraphx-15 32768/65536 Farben für CyberGraphX (somit auch für Picasso96)
- retina-15 32768/65536 Farben für Retina
- graffity-15 32768/65536 Farben für Graffity
 
In der Demoversion sind die 15-Bit Treiber nicht enthalten und die 8-Bit Treiber unterstützen nur eine Auflösung von maximal 800x600, nur der aga-8 unterstützt auch die A2024-Modi von 1024x1024 und 1024x800.

 
Am 30.Novemebr ist das letzte Update von AmiWin 3 Jahre alt geworden (feiern wir jetzt jedes Monat solche Geburtstage?), von der Verwendbarkeit hat dieses Paket aber in nichts in der Zeit gelitten.

Im Aminet im Verzeichnis gfx/x11 gibt es eine ganze Menge an portierten Clients für AmiWin, angefangen von den essentiellen Sachen wie xv, xfig, Mesa Open GL Emulation, xmorph, Motif1.2 bis hin zu vollständigen Webbrowsern (Chimera) und Spielen (Flug-Simulator) findet sich so Einiges. Das Meiste davon ist von Holger Kruse portiert, der auch für AmiWin selber verantwortlich ist.

Wie bei Unix-Software so üblich, beinhalten die entsprechenden Archive auch oft etliche an MBytes.

Oliver Gerler ...........


- AmiWin v2.22d am Aminet
- DaggeX v0.91 am Aminet
- GfxBase am Aminet
 
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