EagleLinux M68K

von
Thomas Heinrich
Linux?

Eigentlich sollte jeder schon einmal etwas von Linux gehört haben. Aber für die, die es noch nicht wissen: Linux ist ein Betriebssystem für so ziemlich alle Rechnertypen, sogar für Amiga und Atari. Linux enthält alles, was ein modernes Betriebssystem braucht, Multitasking, Speicherschutz, Netzwerkfähigkeiten, und das alles zum Nulltarif! Linux ist kostenlos und unterliegt der GPL (Gnu Public License), was bedeutet, daß der Quellcode frei verfügbar ist. Jeder darf sich "sein" Linux zusammenstricken, also auch auf andere Rechner portieren, solange er den Quellcode dazu offenlegt.

Linux ist ein Unix-Abkömmling, also prädestiniert für Netzwerke, aber auch gut auf Einzelplatzrechnern zu verwenden. Die integrierte Multi- User-Funktionalität macht das System sicher, wenn man die Türen nicht selbst sperrangelweit offenstehen läßt (auch das geht natürlich unter Linux).

Wenn Sie jetzt denken, Linux wäre ein Universitätsbetriebssystem für Studierte, und für Alltagsdinge unbrauchbar, liegen Sie schief. Man stolpert manchmal über Linux, wo man es am wenigsten erwartet. Sicher haben Sie auch den Kinoknüller "Titanic" gesehen, und sich über die Effekte gewundert. Nein, es war kein Amiga, auch keine SGI-Workstation, schnöde Inteldosen unter Linux waren hier am Werk.

Linux ist aber auch kein Einsteigerbetriebssystem, wie Sie noch bemerken werden.

Einen wirklich umfassenden Überblick über Linux findet man in der Ausgabe 7/98 der Zeitschrift c't. Vielleicht kennen Sie jemanden, der jemanden kennt, der c't regelmäßig liest. Oder Sie wohnen in meiner Nähe...

Die eierlegende Wollmilchsau

Warum verwendet dann nicht jeder Linux, wenn es so toll und günstig ist? Der erste Hauptgrund liegt wohl an den Systemanforderungen. Während man einen mathematischen Koprozessor noch durch Softwareroutinen problemlos ersetzen kann, benötigt man für virtuellen Speicher eine MMU (Memory Management Unit). Es fallen also alle Amiga aus, die einen Prozessor ohne vollwertige MMU haben. Geeignet sind nur der MC68030 (nicht 68EC030 !), der MC68040 (nicht 68EC040 !) und MC68060. Das heißt, die große Masse der Amigas ist aus dem Rennen. Wenn man die grafische Benutzeroberfläche X11 benutzen will, ist eine Grafikkarte unbedingt Pflicht. Es läuft zwar auch ohne, aber man braucht eine Eselsgeduld, da man dann jedem Displayelement beim Aufbau zusehen kann.

Obwohl Linux durchaus mit 4 MB Speicher läuft, fängt eine ordentliche Ausstattung bei 16 MB Speicher an; wenn man eine grafische Benutzeroberfläche möchte, bei 32 MB. Der Prozessor ist relativ egal, Spaß macht es erst ab MC68040 mit 40 MHz. Die Festplatte sollte mindestens 150 MB frei haben; wenn man noch andere als die Systemprogramme nutzen will, ist 500 MB die untere Grenze.

Wem jetzt noch nicht die Lust vergangen ist, dem sei der Spruch zur Installation aus dem Eagle Linux Handbuch nahegelegt: "1.Schritt: Bevor Sie die Installations-CD einlegen, seien Sie sich sicher, auch schwere Schicksalsschläge verkraften zu können."

Distributionen

Die Warnung ist berechtigt. Denn Linux (und Unix allgemein) ist zwar ein extrem konfigurierbares System, mit Einstellungsdateien, die im Klartext, also ASCII vorliegen, aber genau das ist auch die große Schwierigkeit. Dies ist der zweite Grund, warum Linux so wenig verbreitet ist - das Konfigurationslabyrinth.

Es gibt praktisch keine zwei Distributionen, die die gleiche Startprozedur verwenden. Abgesehen davon, gibt es für den Amiga z.Zt. nur eine, nämlich die Debian-Distribution. Eagle hat es sich leicht gemacht, und diese (lang erprobte und stabile) Distribution aufgepeppt und dem Amiga-User bequem zugänglich gemacht.

Was heißt bequem? Normalerweise liegen die Installationsdateien nur im Internet. Eagle, bzw. Dragon Internet Design, eine Tochterfirma von Eagle, hat die Dateien auf CD gebrannt und eine Installationsroutine dazugegeben. Bei gut 400 MB Daten eine günstige Alternative zur Telefonrechnung...

Eine Distribution erschöpft sich aber nicht darin, die Installation zu managen, sie hilft auch bei der Systemverwaltung. Eagle Linux tut dies durch ein Skript namens "Dragon". Vom hier aus kann man Programmpakete installieren und entfernen, neue User anlegen, sich einen eigenen Kernel kompilieren, das Netzwerk konfigurieren, usw.. Zumindest sollte man das können, doch die Version 1.02.33 vom Februar 98, die ich getestet habe, hat noch so ihre Probleme. Aber der Reihe nach.

Vor der Flut - die Amiga-Seite

Bevor man Eagle Linux installieren kann, braucht man Platz auf der Festplatte - das ist auch der Grund, warum dieser Test relativ spät kommt. Ich habe probiert, Linux auf ein ZIP-Medium (100 MB) zu installieren, aber das ist zu klein. Vorsicht, bei zu wenig Platz auf der Platte kommt keine Warnung, daß die Installation fehlgeschlagen ist. Man hat nachher nur ein unvollständiges System und wundert sich, warum manche Dinge nicht funktionieren. Vielleicht habe ich die Fehlermeldung auch nur übersehen, denn Linux ist sehr geschwätzig, Status- und Fehlermeldungen gibt es massenhaft, und viele sind nur ganz kurz zu sehen, weil der Bildschirm überquillt.

Hat man also genug (mindestens 150 MB für eine Testinstallation) Platz, muß man mittels HDToolBox oder ähnlichem die Linuxpartitionen einrichten. Vom Linux-eigenen "fdisk" rät Eagle ab, ich habe es auch nicht probiert, da mir meine anderen Partitionen auf der Platte zu schade waren. Bei PC- Distributionen ist das Linux-"fdisk" dem Microsoft-"fdisk" allerdings in Funktionalität und Bedienung weit überlegen. Der PC kennt aber weder unter Windows noch unter Linux so etwas komfortables wie die HDToolBox.

Ein weiteres Problem ist, daß man auf dem Amiga aus dem Amiga-OS heraus auf Linux umschalten muß. Beides verträgt sich nicht, denn Linux schnappt sich alle Resourcen, egal, ob sie vom Amiga benutzt sind, oder nicht. Es ist schließlich keine Emulation wie Shapeshifter, sondern ein eigenständiges Betriebssystem. Um dieses zu starten, benutzt man ein kleines Programm namens "amiboot", das den Linux-Kernel lädt, das Amiga-OS killt und die Kontrolle an den Linux-Kernel weitergibt.

Wegen kleiner Hardwareunterschiede gibt es für alle Amigamodelle einen eigenen Kernel, den man auf der CD in der "Amiga"-Schublade auswählen kann. Unterstützt werden hier A1200 und A2/3/4000 mit verschiedenen Screenmodi.

Nochmal einmal die Warnung, daß das Amiga-Modell allein noch nicht aussagt, ob Linux auch läuft. Einen A1200 müssen Sie erst kräftig aufrüsten, bevor Sie etwas anderes als einen Guru zu sehen bekommen!

Mit Grafikkartenunterstützung sieht es schlecht aus. Zwar funktioniert es mit meiner Cybervision64 (die alte Version), aber nur die Amiga-Modi werden uneingeschränkt unterstützt. Will man einen Modus für Linux benutzen, so muß man ihn auch für die Workbench einstellen. Beim Versuch, "amiboot" ohne "Modus übernehmen"-Option zu starten, gab es keine Anzeige.

Die Amiga-Modi taugen für ein reines Kommandozeilen-Linux, aber nicht für mehr. Die grafische Benutzeroberfläche X11 braucht von allem sehr viel: Viel Speicher, viel Rechenpower, viel Grafikleistung. Und für die Konfiguration viel Geduld, allerdings nicht auf dem Amiga, hier gibt es nur den "Framebuffer"-Server, der einfach den vor dem Starten auf dem Amiga eingestellten Grafikmodus auch für X11 benutzt. Einfach, aber unflexibel und deswegen gar nicht Linux-like.

Der Eiertanz

Läuft das Installations-Linux von CD dann schließlich, sollte man seine heile Amigawelt vergessen und schon mal den Rettungsring bereitlegen.

Da Linux so flexibel ist, muß man genau wissen, was man tut. Viele Einstellungen sind mit einem unbedacht gewählten Menüpunkt des Installationsskripts zunichte gemacht, und man kann von vorne anfangen. Es ist zum Beispiel möglich, durch wiederholtes anwählen der Auslagerungspartition später mehrere gleiche Einträge in der Filesystem-Datei "/etc/fstab" zu finden. Ob Linux dann noch funktioniert, habe ich lieber nicht ausprobiert.

Fehlerlos klappte die Filesystem-Kür: Mittels "dragon" kann man problemlos mehrere Partitionen in den Linux-Verzeichnisbaum einhängen. Unter Unix funktioniert das so, daß man ein Verzeichnis erstellt und eine Partition darauf "mounted" (das hat nichts mit dem Amiga-Mount zu tun). Man erhält dabei EIN Dateisystem mit der Wurzel "/" (root), und darauf aufbauend alle Verzeichnisse und Partitionen. Es macht unter Linux dabei keinen Unterschied, daß "/etc" und "/bin" Verzeichnisse sind, "/usr" und "/home" dagegen ganze Partitionen, die unter Umständen sogar auf einer anderen Festplatte liegen. Der Nachteil ist, daß man Wechselmedien wie Disketten und CDROMs erst wieder unmounten muß, bevor man eine neue einlegt. Vergißt man dies, hat man eine Diskette geliefert und muß sie neu formatieren.

Der gröbste Fehler, der Eagle unterlaufen ist, ist die vergessene Einbindung des CDROM-Laufwerks in das Installationsskript. Versucht man, die Softwarepakete zu installieren, fragt das Packettool "dselect" nach der Installationsquelle. Gibt man CDROM an, geht gar nichts, nimmt man die Stelle im Dateisystem, an der das CDROM normalerweise sitzt, "/cdrom", geht auch nichts, obwohl der Vorgabepfad genauso eingestellt ist. Spätestens hier muß man seine Registrierkarte einschicken und die Hotline bemühen. Ab jetzt laufen dann auch die 30 Tage kostenloser Support...

Dabei ist die Lösung ganz einfach: Die Installationsroutine "Dragon" beenden, das CDROM mounten, "Dragon" wieder starten und "dselect" erneut aufrufen. Nein, so einfach ist es doch nicht, denn es ist ein Fehler im Handbuch: Das erste SCSI-CDROM ist nicht unter "/dev/scd0" zu finden, wie auch die Installationsroutine glaubt, sondern unter "/dev/scd1". Mit einem IDE-CDROM funktioniert es wahrscheinlich, das konnte ich aber nicht testen.

Das Tool "dselect", das die Softwarepakete installiert, ist übrigens genau dasselbe wie auch auf den PC-Distributionen. Wenn man es schon kennt, ist alles kein Problem, kennt man es noch nicht, hat man noch viel Lehrgeld zu zahlen. Bedienungskomfort ist hier nämlich sehr klein geschrieben, es zählt die Funktionalität, die aber ist dafür sehr groß. Abhängigkeiten unter den Paketen werden angezeigt, man kann praktisch kein nötiges Zubehör vergessen, alles ist narrensicher. Nur zu dumm, daß der Editor "ae" sich auf ein anderes Paket stützt, das offensichtlich nicht vorhanden ist. Er läuft aber trotzdem. "ae" (Anthony's Editor) ist übrigens ein sehr guter Editor für den Anfang, denn er zeigt seine Tastaturbelegung auf dem Bildschirm an. Wer Emacs oder Vi kennt, der weiß das zu schätzen.

Kompatibilität

Das ist ein heikles Thema. Positiv ist, daß ein SCSI-ZIP-Laufwerk voll unterstützt wird. Wenn man die Gerätedatei dazu findet - bei mir war es "/dev/sdb", bzw. "/dev/sdb1", also die erste Partition auf dem Gerät. Es ist ganz praktisch, eine FFS-formatierte ZIP-Disk zum Datenaustausch zu verwenden, denn Linux unterstützt das FFS-Filesystem des Amiga. Aber Achtung, NUR das FFS (DOS1), nicht FFS-Intl (DOS3).

Lange Gesichter bei den ISDN-Einsteckkarten: Keine wird unterstützt, nur die externen Adapter, die sowieso wie ein normales Modem anzusprechen sind. Netzwerkkarten habe ich leider keine, aber es existieren Treiber dafür.

Ein interessantes Erlebnis auch, als ich den Kernel neu übersetzen wollte, was für ein Unix-System eine übliche Prozedur für jeden einzelnen Rechner ist. Ich habe also die Kernelquellen installiert, und wie auf dem PC "make config" aufgerufen und nicht schlecht gestaunt, als mir nur PC- Treiber zur Auswahl angeboten wurden und ich schließlich das System wahlweise auf 386er, 486er oder Pentium optimieren durfte. Bei vergleichbaren PC-Distributionen, und damit muß sich auch das Eagle Linux messen lassen, ist die Kernelerstellung kein Thema.

Immerhin, der Rest der Systemadministration klappt doch recht gut, mal abgesehen von der Endlosschleife in der Netzwerkkonfiguration. Will man die immer wiederkehrenden Fragen verlassen, muß man wohl oder über Control-C drücken (jawohl, das funktioniert auch unter Unix, schließlich hat sich der Amiga das dort abgeschaut).

Offroad-Abenteuer

Wenn man für einen Survivaltrip zu bequem ist, kann man sich zum Ausgleich gut einmal intensiver mit Linux und dessen Installation befassen. Je öfter man installiert, desto mehr bekommt man ein Gespür für Gefahren, und umso gestärkter geht man aus einem Desaster hervor.

Die Schuld an den Fehlern kann man selten dem Autor der Distribution geben, Linux ist eben doch Unix, und viel macht man einfach aus Unkenntnis falsch. Es hat einige Jahre gebraucht, bis die Distributionen auf dem PC heute für einen fortgeschrittenen PC-User recht brauchbar sind. Für Anfänger ist ein Unix aber noch lange nicht zu empfehlen, auch nicht das populäre Linux.

Durch die extremen Konfigurationsmöglichkeiten ist jede Installation auf jedem Rechner praktisch ein Einzelstück. Wenn jemand dabei durchblickt, dann allerhöchstens derjenige, der es installiert hat. Eine Distribution wie Eagle Linux versucht hierbei, durch Standardisierung von einzelnen Vorgängen etwas System in das Chaos zu bringen. Mit annehmbarem Erfolg, das kann ich ruhigen Gewissens sagen, mit dem Wissen der S.u.S.E.- und Debian-Distributionen des PC im Hinterkopf. Ohne die Trockenübungen mit den PC-Distributionen und der dazugehörigen, sehr guten Handbücher, hätte ich zwar länger vor dem Amiga gesessen, aber irgendwann hätte es wohl schon geklappt.

Wenn es eine Software gibt, bei der das Handbuch wichtiger ist, als die Software selbst, dann ist es Linux. Das Eagle Linux-Handbuch ist zwar wesentlich dünner, als z.B. der S.u.S.E.-Wälzer mit 498 Seiten, aber man bekommt einen Überblick, der einem klarmacht, daß es ohne weiterführende Literatur nicht geht. Unix kommt aus der Wissenschaft und es ist selbst eine.

Bevor Sie sich eine Linux-Distribution kaufen, egal für welchen Rechner, reden Sie vorher mit jemandem, der behauptet, Linux erfolgreich installiert zu haben. Und lassen Sie sich von demjenigen Unterstützung zusichern.

Hinweis: Bewertet wird nicht Linux, sondern die Eagle-Distribution!

Produkt: Eagle Linux M68K Hersteller: Eagle Computer
Art: Betriebssystem Version: 1.02.33
Preis: 69,- DM Bez.Quelle: Oberland Computer
Leistungsfähigkeit:2
Benutzerfreundlich:3 (Amigaseite 2, Linuxseite 4)
Dokumentation:2
Preis-/Leistung:1
Gesamt:2


eagle computer products GmbH, Altenbergerstr. 7, 71549 Auenwald
eMail: linux@eagle-cp.com


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