"Apollo - Atmospheres & Soundtracks" / Brian Eno

von
André Wyrwa

Das der Film "Trainspotting" seinerzeit in aller Munde war und sich als einer der Kultfilme schlechthin entpuppte, verdankte er sicherlich in nicht zu verachtendem Maße auch der Auswahl des ihn begleitenden Soundtracks, welcher sich ja auch sehr gut verkaufte. Neben Underworlds berühmt gewordenem "Born slippy" findet man darauf eine sehr gelungene Querbeet-Mischung, die nicht nur durch Stücke von Iggy Pop und Leftfield Partytauglichkeit beweist. Einen der Grenzpunkte der Scheibe bildet ein Stück, das mich auf die Suche nach weiterem Material seines Autors schickte: "Deep Blue Day" von Brian Eno.

Dabei durfte ich denn feststellen, daß selbiger zu den Berühmtheiten gezählt werden darf, die keiner kennt. Das erste Mal fündig wurde ich bei WOM. Die präsentierten mir ein gut sortiertes Fach, in dem mehr als 20 Alben des Komponisten standen, leider zu einem recht großen Teil zu überzogenen Preisen. Jedenfalls durfte ich feststellen, daß der gute Herr bereits in einigen nicht unbekannten Soundtracks mitgemischt hat, seine Stücke gern hier und da zur Hinterlegung von Fernsehreportagen genutzt werden, daß es nicht nur rein instrumentelles von ihm gibt, und und und.

Den oben genannten Track fand ich auf dem Album "Apollo" wieder, der Soundtrack zu einem Dokumentarfilm über die erste Mondlandung. Vielleicht ist meine Phantasie ja durch die Toilettentieftauchszene, bei der das Stück in "Trainspotting" zu hören war, vorbelastet, mir treten jedenfalls beim Hören der CD eher Bilder von einer U-Bootfahrt durch die Tiefen des Meeres vor Augen, als das dahintreiben durch die leere Distanz zwischen unserem Planeten und seinem kleinen Schwesterchen Luna.

Aber es geht uns ja auch viel mehr um die Musik. "Deep Blue Day" bildet diesbezüglich auch wiederum eine Abgrenzung der Scheibe, nämlich in Richtung Melodigkeit. Die anderen Stücke sind in der Regel wesentlich weniger mitsummbar, erinnern wirklich mehr an ein Driften, als an ein rhythmisches Vorantreiben. Dumpfe Schwingungen werden lange gehalten, hier und da hört man es Blubbern, dort klagt ein Wal sein Leid, plötzlich hört man das Aufschlagen eines gesunkenen Tankers durch das dichte Naß hallen.

Ganz und gar nicht unbekannt und wirklich recht spacig erscheinen, will mir "An Ending". Wollte ich bei meiner Tiefsee-Metaphorik bleiben, so wäre dieser Titel das zwischenzeitliche Auftauchen inmitten eines rötlich-gelben ozeanischen Sonnenaufgangs bei ruhigstem Seegang.

Wie gesagt wird aber bei diesem Titel auch das Eintreten der Apollo- Kapsel in den Mond-Orbit sehr plastisch, sobald man seine Gedanken nur in diese Richtung lenkt.

Aber schon der nächste Titel "Under Stars II" zieht mich mit aller Macht wieder in die Tiefe, das eiserne Knarren des Schiffsrumpfes unter dem Druck etlicher Gallonen Wassers scheint deutlich hörbar. Gitarrenechos ziehen wie Korallenriffe vorüber.

"Silver Morning" hebt uns wieder etwas empor, wir holen erneut Luft, um uns dann endlich in den "Deep Blue Day" zu stürzen. Insgesamt 12 Tracks und 49 Minuten Musik böten Gelegenheit, diese Bebilderungen sicher noch ein Weilchen fortzuführen und tatsächlich fällt mir kein besserer Weg ein, zu beschreiben, was man hier findet, ich will es aber dabei bewenden lassen.

Viele würden es sicher langweilig finden, es handelt sich eben um reine Elektro-Instrumentals, so relaxt, wie eine Mondkapsel durchs All driftet, oder eben wie ein Tauchboot sich nahezu geräuschlos in fremdartig irreal anmutende Unterwasserregionen vortastet, oder was immer sonst einem Menschen dabei durch den Kopf gehen mag.

Wer Instrumental-Soundtracks, Synthi-Kompositionen, NewAge, Ambient oder was auch immer vergleichbares mag, bereut es sicher nicht, Herrn Eno mal sein Ohr zu leihen.

Wie "Trainspotting" eindrucksvoll beweist, kann man dabei sogar auf die Idee kommen, aus einem Toilettenbecken einen Ozean werden zu lassen.

"Apollo" / Brian Eno, © 1983 Virgin Records Ltd.


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