Ariadne II

von
Thomas Heinrich

Netzwerk oder Labyrinth?

Leichtgewicht

Die Ariadne ist eine der wenigen Netzwerkkarten für den Amiga. Pünktlich zur Computer 98 hat VillageTronic die Nachfolgerin zur Ariadne vorgestellt, die Ariadne II. Der wesentliche Unterschied zur ersten Version liegt im Preis: Statt knapp 350 DM hinzublättern, kann man die zweite Version schon für 200 DM kaufen. Klar, daß da was fehlt - die zwei Parallelports, und damit auch der PLIP-Treiber, wurden wegrationalisiert. Übrig bleibt eine 10 Mbit-Netzwerkkarte, nicht sonderlich modern für die heutige Zeit, jedoch ausreichend für kleine Netzwerke und Amigas mit Zorro-2 Slots. Eine moderne 100 Mbit-Karte müßte ausschließlich für Zorro-3 realisiert werden, da die damit theoretisch möglichen 10 MByte pro Sekunde vom Zorro-2 Slot nicht geliefert werden könnten und die Karte somit gebremst würde.

Trotzdem blättert man die 200 DM mit zwei weinenden Augen hin. Auf der Computer 98 gab es PC-Karten mit derselben Funktionalität für unter 30 DM...

Stöpsel

Trotz der Einsparungen ist die Anschlußfreudigkeit der Ariadne II immer noch sehr gut. Man hat die Wahl zwischen 10BaseT ("Telefonkabel" = vier Leitungen, paarweise verdrillt und idealerweise abgeschirmt) und 10Base2, (Cheapernet, "Antennenkabel", BNC-Kabel = eine Leitung, abgeschirmt). Achtung, echtes Antennenkabel sollte man nicht verwenden, da der Leitungswiderstand bei Ethernet 50 Ohm, bei Antennenkabel aber 75 Ohm sein muß!

Außerdem kann man LEDs zur Statusanzeige anschließen, ein Feature, das man bei PC-Karten normalerweise nicht findet. Weiterhin sind drei beschriftete, aber nirgends näher erklärte Steckerleisten vorhanden, die einem "Ext.IO" dienen. Zu guter letzt kann man noch ein Boot-EPROM einstecken, das einen Start des Rechners ohne eigene Startdisk über ein Netzwerk ermöglicht. Der einzige Jumper auf der Karte dient dann auch dazu, dieses Boot-Eprom zu aktivieren. Wenn Ihr Rechner sich nach dem Einbau der Ariadne übrigens seltsam benehmen sollte, liegt das wohl an diesem Jumper. Standardmäßig war er auf meinem Exemplar nämlich auf den Start mittels EPROM voreingestellt, obwohl keines im Sockel sitzt.

Zubehör

Eine Netzwerkkarte alleine bringt keinen Spaß, man sollte schon noch einen zweiten Rechner haben, egal was für einen, solange er eine Netzwerkkarte besitzt, die 10 Mbit-Ethernet unterstützt. An meinem Netzwerk hängen außer dem Amiga noch ein Pentium und ein 486er, jeweils unter Linux, mit 10 MBit PCI-Ethernetkarten (29 DM das Stück...).

Zum Betrieb muß man noch Spezialkabel und anderes Zubehör kaufen. Der Ariadne II liegt freundlicherweise ein T-Stück und ein Abschlußwiderstand bei, so daß man beim Kauf zweier Ariadnes nur noch ein Kabel benötigt. Benutzen kann man die Teile nur beim Cheapernet-Anschluß, aber da sind sie zwingend notwendig. Beide Enden des Kabels müssen mit Terminatoren abgeschlossen werden, um Reflexionen auf dem Kabel zu bändigen. Ist die Übertragungsrate sehr niedrig, sollten Sie zuerst auf richtige Terminierung überprüfen. Die T-Stücke benötigt man, um aus der strangförmigen Verkabelung bei Cheapernet eine Abzweigung zum Rechner zu schaffen.

Ganz anders sieht es aus, wenn Sie 10BaseT verwenden wollen. Diese Variante ist zwar etwas schneller, aber sie kann nur als Stern verkabelt werden. Kein Problem, solange nur zwei Rechner beteiligt sind, die stöpselt man einfach zusammen, aber spätestens beim dritten Computer sind teure Zusatzanschaffungen nötig. Dann benötigt man einen Repeater, auch "Hub" genannt, der als Verteiler fungiert. Billige Hubs mit fünf Anschlüssen gibt es ab ca. 70 DM.

Installation

Die Karte einzubauen ist problemlos: Freien Slot suchen, einstecken, fertig. Dann die erste der zwei Disketten einlegen, und ... sich wundern, denn was zu Hölle soll "Install_GENESiS" bedeuten? Hieß das Teil nicht Ariadne? Hier macht sich auch der Installations-Guerilla auf die Suche nach dem Handbuch. Im Karton liegt noch ein unbeschriftetes Ringbüchlein, das scheint es zu sein. Etwas irritierend ist es schon, vorne weiß, hinten weiß, keine Aufschrift drauf. Prompt steht die Schrift beim aufschlagen auf dem Kopf. Wenn man dann richtig herum immer noch nichts lesen kann, liegt es vielleicht daran, daß alles auf Englisch ist.

Also kramt man die Englischkenntnisse hervor und liest erst mal das Büchlein (36 Seiten). Schnelleinstieg, Einbau in den A2/3/4000, Netzwerkinstallation, endlich die Software. Da heißt es, erstmal die Datei "README" lesen (ist nicht vorhanden), dann auf "Install-English" doppelklicken (gibt's auch nicht). In meiner Not habe ich dann auf "Install_GENESiS" geklickt, und es tat sich was. Tatsächlich wurde der SANA-2 Treiber für die Ariadne nach Devs:Networks kopiert und GENESiS, alias AmiTCP, auf der Platte installiert.

Leider nicht problemlos. Zwar benutzt VillageTronic den Installer, aber nicht, wie üblich "Lhex" als Entpacker, sondern "Untgz", einen Unix- Dateientkomprimierer. Der Grund mag sein, daß tgz-gepackte Archive die Zugriffsrechte und Besitzer der Dateien mitsichern, aber beim Amiga gibt's die sowieso nicht standardmäßig. Genau dieses "Untgz" stürzte bei der Installation ab. Ich habe daraufhin neu gebootet, wieder ein Absturz (Guru 8000 000B). Bei einer Neuinstallation Tage später hat es dagegen funktioniert.

Weiter im Handbuch. Nach der Software kommt eine recht interessante Ausführung über Ethernet und die Beschreibung zweier "Monitoring Tools". Ich habe gründlich alles abgesucht, aber die Tools wurden weder installiert, noch sind sie irgendwo auf den Disketten versteckt. Selbst die Suche in den tgz-Archiven blieb erfolglos: Sie sind einfach nicht da. Nicht einmal auf den Support-Seiten von VillageTronic. Vaporware at it's best !

Es wären übrigens die Programme "SanaIIDevStat" und "SanaIITrackType" gewesen. Falls sie irgend jemand noch finden sollte, er möge mich bitte verständigen.

Dann gibt es noch das Kapitel zur Konfiguration des SANA-2-Devices, ein Kapitel zur Problemlösung, die Jumper und LEDs, technische Spezifikationen und ein gutes Glossar.

Die Anleitung zu GENESiS liegt dann als HTML auf der Platte. Nur leider auch hier einige Unstimmigkeiten. Das installierte GENESiS ist eine OEM- Version von VillageTronic, die Anleitung eine Beschreibung von NetConnect, mit nur teilweise auf die Ariadne angepaßten Texten (englisch natürlich). Manche Seiten fehlen ganz.

Alles in allem macht es den Eindruck, als hätte man ein NoName-Produkt oder etwas ziemlich unfertiges erworben.

Entrüstung

Wer mit der Installation der Ariadne nicht zurechtkommt, kann den Leuten von VillageTronic kräftig auf die Füße treten, denn eine brauchbare Produktbeschreibung und Gebrauchsanweisung ist in Deutschland eigentlich Pflicht. Wer seine Ariadne beschädigt oder nicht einsetzen kann, weil die Gebrauchsanweisung nicht verständlich ist, kann auf kostenlosen Ersatz bzw. Nachbesserung bestehen!

Besonders lecker ist dabei auch der Hinweis, daß die Ariadne vor statischen Entladungen geschützt werden muß, ansonsten erlischt die Garantie. Leider hat der Hersteller es versäumt, die Karte in eine antistatische Verpackung zu legen, so daß jede Berührung der Karte und sogar der bloße Transport mit der Post potentiell gefährlich ist. Die einzig richtige Vorgehensweise wäre, den Karton vor Zeugen zu öffnen, nichts berühren, feststellen, daß die Ware mangelhaft ist, und zurücksenden.

Ich möchte damit nicht die Firma VillageTronic angreifen, denn solche fahrlässigen Dummheiten findet man häufig. Nur sind sich viele User gar nicht bewußt, welche Rechte sie haben, deswegen erwähne ich hier einmal einige.

Vernunft

Wer sich schon mit Netzwerken beschäftigt hat, weiß, daß 10 Mbit/s keine 1,2 MByte pro Sekunde sind. Zum einen läuft bei der Datenübertragung ein Protokoll mit, das der Übertragungssicherheit dient, also nicht jedes Bit überträgt Nutzdaten. Zum anderen hat Ethernet einige spezielle Probleme mit der Kollisionserkennung (= gleichzeitiger Zugriff zweier Geräte auf die Leitung), die manchmal die Netzkarten regelrecht lähmen, weil sie sich aufschaukeln. Das sind jedoch alles systematische Probleme, keine Amiga- oder Ariadne-spezifischen.

Die Übertragungsrate über FTP schwankt dann auch zwischen 200 und 700 KByte pro Sekunde, je nach Übertragungsrichtung und Tageszeit :). Vom Amiga zum PC ist die Verbindung meistens schneller. Interessant auch, daß Miami länger zum Zurücksenden einer Ping-Anfrage braucht, als GENESiS, mit demselben Device. Seit kurzem gibt es für Miami 3.x auch einen MNI-Treiber für die Ariadne II, der aufgrund fehlender objektiver Meßmethoden leider nicht bewertet werden kann. Er ist auf jeden Fall nicht langsamer.

Fazit

Der Ariadne II kann man, was die Hardware angeht, eine gute Verarbeitung und angemessene Geschwindigkeit attestieren. Die Software an sich ist auch recht leistungsfähig, aber dabei macht sich schon die völlig verkorkste Dokumentation bemerkbar. AmiTCP war noch nie einfach zu konfigurieren, und der neue Installationsassistent hilft auch nur, wenn man sich mit Netzwerken zumindest oberflächlich auskennt. Vor allem deshalb wäre eine sorgfältig gepflegte, detaillierte Dokumentation sehr wichtig. Die Meldungen der MUI-Bubblehelp helfen oft nicht weiter, geschweige denn die Anleitung, in der genau dasselbe steht; ausprobieren ist im Netzwerk hoffnungslos, wenn man nicht weiß, was man tut.

Produkt:Ariadne IIHersteller:VillageTronic
Art:Ethernet-NetzwerkkarteVersion:-
Preis:199 DMBez.Quelle:Oberland Computer
Leistungsfähigkeit:2
Benutzerfreundlich:4
Dokumentation:5
Preis-/Leistung:3
Gesamt:4
Village Tronic Marketing GmbH, Mühlenstr. 2, 31157 Sarstedt, Tel.: 05066 701318, EMail: support@village.de


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