von
Gregor Franz
Amiga Forever ist das offizielle von Amiga lizensierte Software-Paket von Cloanto, das auf einem PC, PowerMAC und diversen anderen Systemen die Emulation eines Amiga erlauben soll.
Wie ist die Ausstattung?
Die nun ausgelieferte Version 2.0 (nach der 1.0, die praktisch eine Beta-Version darstellte) kommt in einer großen Doppel-CD-Hülle, auf derem Cover aus einem kargen, ausgetrockneten Boden heraus, eine kleine, gelbe Blüte sprießt.
In der vorderen Hüllenhälfte befindet sich die eigentliche Daten-CD und in der hinteren eine DD-Diskette im Amigaformat mit den erforderlichen Dateien für den Amiga. Hier ist auch ein kleiner Aufkleber angebracht, auf dem sich die Seriennummer befindet und ein einzelner loser Boing-Ball- Sticker zum Anbringen auf dem PC (nettes Gimmick).
Woraus besteht der Inhalt?
Was den Inhalt der CD ausmacht, sei grob angerissen: Herzstück sind die Emulatoren Fellow (für DOS) und insbesondere der wesentlich leistungsfähigere UAE, der auch mit zahlreichen Versionen für unterschiedliche Systeme vertreten ist.
Zu Fellow möchte ich noch bemerken, daß er im Moment lediglich leistungsschwächere Amigas emulieren kann und in vielen Bereichen noch weit hinter UAE hinterhinkt (selbst in den Docs wird vielfach auf die UAE-Dokumentation verwiesen), weshalb ich im folgenden lediglich auf UAE eingehen werde.
Notwendig für die Emulationen ist aber auch das Amiga-Betriebssystem in Form eines ROM-Images. Diejenigen, die einen Amiga besitzen, könnten sich mit einem kleinen Amiga-Hilfsprogramm ein Image ihres eigenen ROMs erstellen, wären aber auf diese Version beschränkt. Für alle anderen bleibt lediglich Amiga Forever, da die Weitergabe von ROM-Files verboten ist. Auf der CD befinden sich die lizensierten Kickstart-Versionen 1.1, 1.2, 1.3, 2.04 und 3.0 sowie die zugehörigen Workbench-Versionen.
Sehr wichtig ist weiterhin die Möglichkeit des Datenaustauschs mit einem echten Amiga. Dafür gibt es den Amiga Explorer, mit dessen Hilfe man per serieller Verbindung oder per TCP (Netzwerk) Daten übertragen kann.
Zwei vorinstallierte "Pseudo"-Partitionen für den emulierten Amiga (System und Work) incl. z.B. Personal Paint 7.1, sowie ein Interview mit einem der Amiga-Väter Jay Miner (verstorben) im Text- und Audio- Format sowie eine HTML-Dokumentation runden das Ganze ab.
Was ist UAE?
UAE ist der Unix Amiga Emulator, der in der (u.a.) PC-Welt doch ziemlich für Furore gesorgt hat. Er wird ständig weiterentwickelt und ist Freeware, das heißt, er ist kostenlos erhältlich. Eine eingehende Einführung in die Thematik, sowie einen Test von UAE habe ich bereits in Ausgabe #3 vorgenommen, auf die ich in diesem Zusammenhang verweise.
Was teste ich?
Der Test der Emulation bezieht sich daher nur auf die komfortablere, neben der DOS-UAE-Version enthaltenen UAE-Version für Windows. Ich gehe auf Weiterentwicklungen, Unterschiede und Eigenarten ein.
Was sind die Voraussetzungen?
Für die Emulation wird ein möglichst schneller PC (Pentium) mit mindestens 16 MByte RAM, eine Grafikkarte, Win 95/98 oder NT benötigt. Eine Apple- Betaversion von UAE ist, genauso wie eine PPC-Amiga-Version, enthalten. Die ROMs, Docs und Partitionen könnten auch mit anderen Rechnerversionen z.B. für Unix, Be oder RiscPC genutzt werden.
Wie läuft die Installation?
Wie auf dem PC oft üblich, mit Hilfe des Setup-Programms, in dem man zuerst einmal nach der Seriennummer gefragt wird. Dann geht es recht selbsterklärend weiter, ob man z.B. neben dem Amiga Explorer auch die Emulationen (+ 36 MByte) installieren will, usw..
Da bei mir schon eine UAE-Version installiert war, meldete mir Setup, daß schon eine Amiga Forever-Umgebung existieren würde und ob sie gelöscht werden solle (natürlich erst einmal nicht).
Nachdem dann die eigentliche Installation fast problemlos ablief, gab es dann doch einen Abbruch mit der Fehlermeldung 113 bei der Datei AExplore.DLL (also praktisch dem Gegenstück zu einer Library). Außer dieser Komponente und den Verweisen im Start-Menü war aber ansonsten alles ordnungsgemäß installiert worden.
Um den Vorgang zu komplettieren, war es lediglich nötig mit der rechten Maustaste auf das bei der DLL-Datei gefundene AExplore.inf-File zu drücken und den Menüpunkt "Installieren" auszuwählen.
Von einem anderen User hörte ich übrigens, daß dort die Installation problemlos abgelaufen war.
Zuerst aber zum Datenaustausch
Diesen habe ich, in Ermangelung einer Netzwerkkarte auf der Amiga-Seite, mit einem sogenannten Nullmodem-Kabel getestet, mit dem ich beide Rechner (A4000 und Pentium) verband.
Auf der Amiga-Seite muß noch der Gerätetreiber installiert werden, am besten im WBStartup-Verzeichnis und insbesondere muß auf beiden Rechnern dieselbe Datenübertragungsrate eingestellt werden. Das macht man beim Amiga mit den Tooltypes des Icons und beim PC mit dem RechteMaustaste- Menü unter Eigenschaften.
Eigentlich soll es einem ab Amiga 3000 (also 030er-CPU) möglich sein, problemlos eine 115.2 KBit/sek-Verbindung aufzubauen. Bei mir gab es trotz Herunterschaltens des Amiga-Screenmodes allerdings zahlreiche Hänger, so daß ich auf 57.6 KBit/sek herunterschalten mußte. Dann lief die Datenübertragung fehlerfrei, wenn auch relativ langsam.
Sollte man planen, größere Dinge zu installieren, um den UAE-Amiga erst einmal auf Vordermann zu bringen, wäre es angebracht ins Auge zu fassen, die wichtigsten größeren Dinge mit dem ADF-Hilfsprogramm als ADF-Dateien zu archivieren und diese per guter alter Disk zum PC zu transportieren. Das natürliuch nur für den Fall, daß man nicht zu den Besitzern von Netzwerkkarten auf beiden Seiten zählt. Dieser Vorgang ist ja im wesentlichen einmalig und für die spätere Übertragung von Daten im eigentlichen Sinne, nämlich für Texte, Sounds, Grafiken etc. genügt dann die serielle Verbindung vollauf.
Auf der PC-Seite öffnet sich ein entsprechendes Explorerfenster, in dem die Amiga-Geräte angegeben werden. Hier ist es nicht nur möglich in den Verzeichnissen herumzustöbern, sondern auch die "Bits" zu ändern (Lesen, Schreiben etc.), sowie Dateien umzubenennen oder zu löschen. Ein Ausführen ist nicht möglich, da die Dateien erst auf den PC übertragen werden müssen, um dort etwas mit ihnen anzufangen. Allerdings hätte man dies (unsichtbar für den User) nachstellen können, in dem die Dateien automatisch in eines der üblichen Temp-Verzeichnisse des PCs übertragen und dann ausgeführt würden.
Trotzdem handelt es sich um eine sinnvolle und recht komfortable Angelegenheit, da man sich nicht mit den existierenden DOS-lastigen Lösungen oder gar Terminal-Programmen auf beiden Seiten herumschlagen muß. Natürlich ist es nicht nur eine Einbahnstraße, sondern man kann auch in das Amiga-Explorerfenster Dateien hineinkopieren und somit an die angegebene Position direkt auf dem Amiga.
Nun zu WinUAE - zuerst die Einstellungen
Im Gegensatz zu UAE für DOS bietet diese Version mehr Komfort. Bevor sie startet öffnet sich ein Fenster mit mehreren Karteikarten für Einstellungen. Ich habe mich mit der auf der CD befindlichen Version 0.7.0b2 befaßt, die nicht ganz taufrisch ist.
Bei "Configurations" ist es möglich mehrere unterschiedliche Einstellungen zu verwalten.
Bei "Startup/Memory" kann man Chip/Fast/Z3-Fast (simuliert Zorro-III- Karte) und Grafikkartenspeicher auswählen. Chipmemory kann maximal 8 MByte betragen (bei über 4 MB ist allerdings kein Stadard-FastRAM möglich), beim Z3-FastRAM sind unabhängig davon bis max. 64 MByte und für die Grafikkarte auch max. 8 MByte möglich. Außerdem kann man hier das verwendete KickROM einstellen.
Bei "Sound" sind einige Einstellungen für die Qualität möglich oder man kann ihn deaktivieren. Die AHI-Einstellung ist mit dieser Version noch nicht auswählbar.
Bei "Floppies" kann man vier ADF-Files einstellen, die vom UAE dann als Amiga-Floppies angesprochen werden. Man kann sie aber auch während des UAE-Betriebes wechseln. (Dazu später mehr).
Bei "Display/Gfx" kann man die PC-Auflösung wählen, die für ECS-Modi verwendet werden soll, außerdem die Refresh-Rate (wie oft das Bild aufgefrischt werden soll - hier läßt sich an der Geschwindigkeitsschraube drehen!) und ein paar weitere Features, die bei einem Standardbetrieb erst einmal nicht weiter interessieren.
Weiter geht es mit "Hard-Drives". Hier kann man entweder eigene Drivefiles erstellen (ähnlich ihren Pendants bei z.B. PC-Task) oder bestimmte PC- Verzeichnisse/Geräte einstellen (auch z.B. CD-ROM, was problemlos funktioniert), die dann als Amiga-Partitionen angesprochen werden. Die maximale Anzahl ist vier.
So ist es möglich einfach auf PC-Daten zuzugreifen bzw. auch auf PC-Seite (einmal ALT-TAB genügt ja zum Wechsel) schnell eine Datei in der Amiga- Partition zu manipulieren, obwohl UAE gerade läuft.
Bei "I/O-Ports" kann man die serielle und parallele Schnittstelle den jeweiligen PC-Anschlüssen zuordnen und die Eingabegeräte für die beiden Amigamaus- bzw. Joystickports festlegen.
Bleibt außer "About" nur noch "Advanced". Hier sind noch ein paar speziellere Einstellungen möglich, wie z.B. die Festlegung der CPU- Emulations-Priorität (gegenüber den Customchips) oder die Loggingfunktionen (falls es Probleme geben sollte).
Danach kann es losgehen mit einem Klick auf 'Okay'.
Die Emulation selbst
Neben einer in Anwendungsdingen ziemlich guten und weiter verbesserten Emulation, ist die mit Abstand wichtigste Neuerung generell (zu dem in Ausgabe 3 befindlichen erwähnten UAE-Test) die Picasso 96-Emulation, wie ja schon der oben gefallene Begriff Grafikkartenspeicher implizierte.
Und tatsächlich bieten die aktuellen Versionen des Amiga- Grafikkartentreibersystems Picasso 96 spezielle Treiber für UAE an, die dann unter UAE direkt die PC-Grafikkarte ansprechen und somit neben hohen Auflösungen und Wiederholfrequenzen auch für eine wesentlich verbesserte Geschwindigkeit sorgen. Selbst auf (m)einem P 166 ist nun ein relativ normales Workbench-Handling möglich und das bei 1024x768x32K. Nach Herunterschalten auf einen OCS/ECS-Screen erscheint einem alles wieder unwahrscheinlich träge.
Sicherlich ist jetzt auf aktuellen LowEnd- bzw. MidRange-PCs immer noch nicht alles eitel Sonnenschein, was die Geschwindigkeit betrifft, aber ein grundsätzliches Arbeiten auf einer ergonomischen WB ist möglich. Programme, die selbst auf mittleren Amigas (mit 030) nicht flott arbeiten, sind auf diesen Maschinen natürlich immer noch langsam. Bei systemkonformen Programmen erstaunt die Kompatibilität trotzdem immer wieder und einige kleinere Hacks zur WB-Verbesserung hatten auch kein negativen Auswirkungen. Insbesondere über die (verringerte) Framerate lassen sich noch einige Geschwindigkeitszuwächse herausholen.
Der einzige große Absturz (resultierend in einem Guru, so daß man UAE wieder booten konnte), der mir auffiel und der sich auch immer wieder reproduzieren läßt, tritt bei DirectoryOpus 4 auf. Wenn man auf einem geöffneten Picasso96-Screen den DOpus-Konfigscreen 'betreten' möchte, stürzt er ab. Dafür muß man also vorher auf einen OCS/ECS-Screen wechseln.
In Sachen Sound bietet sich natürlich das selbe Bild, wie zuvor. Die mit der restlichen Emulation voll ausgelastete PC-CPU hat nicht mehr genügend Performance übrig, um da auch nur einigermaßen etwas vernünftiges aus den Lautsprechern pressen zu können. Bei sehr schnellen aktuellen PC-CPUs mag das schon wieder etwas anders aussehen. Für die anderen liegt möglicherweise Hoffnung in der geplanten AHI-Unterstützung, also dem Gegenstück im Soundbereich zu dem, was Picasso 96 (oder CyberGfx) für die Grafikkarten darstellt. Sollte es sich dabei dann tatsächlich um eine CPU-entlastende Direktausgabe auf der PC-Soundkarte handeln (wobei bei dem PC die CPU ja trotzdem generell in gewissem Maße involviert ist), wäre zumindest für WB-Programme, die dies unterstützen eine Verbesserung denkbar.
Auch im laufenden WinUAE kann man ein paar Einstellungen ändern. Dazu muß man die F12-Taste drücken. Dann öffnet sich auf dem UAE-Screen ein Windows-Fenster (seltsame Kombination!), in der man die Floppies 'bedienen' und die Framerate, sowie die Eingabegeräte Maus und Joystick ändern kann.
Zur Dokumentation
Auf Englisch verfaßt, ist sie in ansprechendem Design als HTML-Datei zu betrachten und bietet so ziemlich alle Informationen und auch Tips zur Fehlervermeidung, die man benötigt. Einige Screenshots helfen Sachverhalte zu verdeutlichen.
Bei den jeweiligen Emulationen sind zusätzlich die Originaldokumentationen enthalten.
Sonstiges
Das Interview mit Jay Minor ist sicherlich eine nette Beigabe, auch wenn man es sicher nur selten hören wird. Nützlich auch die beigefügte Software, wie das bekannte PPaint 7.1 oder AmiToRTF, das Amiga-Texte in das weitverbreitete RTF-Format konvertiert. Es gibt auch ein einfaches Startpanel, von dem aus sich einige Standard-Konstellationen von UAE oder Fellow direkt ohne große Einstellereien starten lassen.
Das Fazit
Zuallererst muß man sich sicherlich immer vor Augen halten, daß der Kern der Amiga Forever-CD aus dem ausgereiften und im Normalfall kostenlosen UAE besteht.
Lohnt es sich trotzdem und für wen?
Allerdings ist die Weitergabe von KickROMs an andere verboten und User, die neben ihren anderen Rechnern keine Amigas besitzen, haben keine legale Möglichkeit UAE zu betreiben, so wie auch Amiga-User nur das Kick-File ihres eigenen Amigas verwenden dürfen.
Grundsätzlich zu UAE: Ob passionierte PC-Spieler zu UAE greifen erscheint mir zweifelhaft. Sie benötigen eine State-Of-The-Art-Ausstattung und haben eigentlich auch so ein ziemlich gutes Spieleangebot auf ihrer Seite.
Für am OS und am Amiga Interessierte, die seine Programme und Möglichkeiten an sich kennenlernen und nutzen wollen, also für die sogenannten 'ernsthaften' User, wird UAE dank Picasso 96-Emulation zu einer wirklich guten Möglichkeit mit dem Amiga zu arbeiten.
Amiga Forever gibt dafür nicht nur die legalen Voraussetzungen, sondern bietet ein ausgewogenes und sorgfältig zusammengestelltes Gesamtpaket, das gerade dieser Zielgruppe einen guten Start ermöglicht.
Für den Amiga-(und zeitgleich PC-)User, der sich nicht alles mühsam zusammensuchen möchte, ist dieses Argument eventuell auch von Gültigkeit. Hinzu kommen die Komplettheit der Kick- und WB-Files, sowie die einfache Datenübertragung per Amiga Explorer. Er sollte also diese Punkte abwägen.
| Produkt: | Amiga Forever | Hersteller: | Cloanto |
| Art: | Emulator-Paket | Version: | 2.0 |
| Preis: | 119 DM / Update 50 DM | Bez.Quelle: | Fachhandel |
| Leistungsfähigkeit: | 2 | ||
| Benutzerfreundlich: | 1 | ||
| Dokumentation: | 1 | ||
| Preis-/Leistung: | 3 | ||
| Gesamt: | 2 | ||
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