AmigaWriter 1.0

von
Andreas Schlick

Lieferumfang

Vor ungefähr einem Jahr als EasyWriter angekündigt, erfuhr das Programm noch eine Namensänderung kurz vor der Auslieferung, da der Name EasyWriter bereits von einem PC-Programm benutzt wurde.

Als ich endlich das Paket in den Händen hielt, packte ich freudig die CD- Packung aus, in der Hoffnung, daß der Amiga vielleicht endliche eine vernünftige Textverarbeitung hätte.

Auf der CD-Hülle wird AmigaWriter als "Textverarbeitung der Superlative für PowerPC(TM) und 68k-Amiga®" angekündigt. Bei Öffnung fand ich jedoch nicht mal eine CD vor, sondern nur zwei Disketten. Neben den Disketten wird noch eine Karte mit der Registrierungsnummer, eine Registrierungskarte, verschiedene Aufkleber (!) und ein Booklet ausgeliefert.

Im "Booklet" steht dann, daß die PPC Version noch nicht fertig geworden ist und "in Kürze" nachgeliefert wird (was jedoch auf der Reg.Karte vermerkt werden sollte). Ein gedrucktes Handbuch soll auch erst mit der Version 2 ausgeliefert werden (das Update ist allerdings kostenlos), desweiteren wird an einer Unterstützung von anderen Zeichensätzen als Bitmap- und Compugrafic-Vektorschriften gearbeitet. Das bedeutet leider, daß AmigaWriter keine TT-oder Postscript-Fonts benutzen kann. :(

So weit die ersten Entäuschungen. Interessant sind natürlich auch die tollen Aufkleber von StormC und WarpUp. Nach meinem ersten Grübeln, was ich denn damit überhaupt anfangen soll (vielleicht sollen die Programme mal Kultstatus haben, aber das kann ich irgendwo nicht glauben), findet sich die Erklärung auch auf einem der Zettel: StormC-Symbol "Achtung: Dieses Zeichen ist ein Garant für die hohe Qualität des jeweiligen Produktes. Achten Sie auch bei Software, die nicht von H&P kommt auf dieses Symbol. Sie können beruhigt Updates der Software kaufen und sicher sein, auch in Zukunft mit Software höchster Qualität und Leistung versorgt zu werden."

ROTFL - na ja, vielleicht haben die Aufkleber ja Zauberwirkungen.

Installation

Die Installation von AmigaWriter lief per Commodore-Installer eigentlich problemlos ab, wenn man davon absieht, daß man selbst im Expert-Modus keinerlei Entscheidungen fällen darf.

Die Lieferumfang von AmigaWriter ist recht arm. Es werden keine zusätzlichen Fonts oder Grafiken mitgeliefert (stattdessen befindet sich auf der zweiten Diskette ein 439KB großes Archiv mit CGTimes, CGTriumvirate und LetterGothic-Font - komisch, die gleichen habe ich bereits auf meiner WB-Fonts Diskette).

Installiert wird nur das Hauptprogramm, ein paar Lib's, zwei Beispiel- Dokumente, das AmigaGuide-Handbuch (dt./120KB) und zwei PlugIns. Dann fand ich noch eine "StormScreenManager.guide"-Datei im AmigaWriter- Verzeichnis. Etwas erschreckt guckte ich schnell in der WBStartup nach und tatsächlich: Dort fand sich dann der StormScreenManager (SSM).

StormScreenManager

Dieses Programm dient zur "Verwaltung" von PublicScreens und nimmt dem Programm dann die "Arbeit" ab, einen Screen selbst öffnen zu müssen. D.h. dann, daß AmigaWriter keinen eigenen Screen öffnen kann und sich auf den SSM verlassen muß. Netterweise ist der SSM auch lokalisiert..., das Catalog-Verzeichnis landete allerdings auch in der WBStartup.

Ich finde diese Entwicklung ziemlich schade. Während die Amiga-Programme eigentlich immer sehr kompakt waren und meist nur zusätzlich Lib's brauchten, werden jetzt schon Programme benötigt, bloß um einen Screen zu öffnen. ;-(

Wenn ich also AW auf einen eigenen Screen laufen lassen möchte, muß ich dazu erst den SSM öffnen (der dazu natürlich die ganze Zeit im Hintergrund laufen muß) und kann dann dort einen neuen Screen einstellen. Allerdings ist darauf zu achten, ob "Like Workbench" angewählt ist oder nicht, wenn man einen anderen Screenmode als den der Workbench einstellen will. Der Button für die Modusauswahl wird nämlich nicht geghosted. Wenn AW dabei jedoch schon läuft, muß der Screen auch vom SSM geöffnet werden, da AW den Screen sonst nicht erkennt (und das Prefsfenster muß nachträglich geöffnet werden, da AW sonst auch nichts macht).

Also, SSM öffnen, Screen konfigurieren, Screen öffnen, AW Prefs öffnen, Screen auswählen, Prefs schließen, AW beenden und AW neu starten. Argh. Wo sind die Zeiten geblieben, wo man einfach einen ASL-Screenrequester öffnete und fertig?! Wenigstens läuft AW auf der Workbench auch ohne SSM, so daß ich ihn mal wieder (das erste mal nach der StormC Installation) löschen konnte.

Wer sich von der Anleitung von SSM noch viel verspricht, wird auch etwas enttäuscht, da der entscheidene Punkt "GUI" gar nicht existiert. <seufz>

Benutzung/Features

Nach dem Starten von AmigaWriter sieht man erst nur ein Fenster mit Icons.

Mit den Icons (bzw. entsprechenden Menüpunkten) lassen sich dann: ein neues Dokument erstellen, ein altes Dokument öffnen, die Arbeitsmodi ändern (Text editieren, Box editieren, Textbox erstellen, Grafikbox erstellen, Verbindungseditor) und die vier Formatkatalogfenster öffnen (siehe unten).

Anleitung/Hilfe

Die Icons haben netterweise eine Art Bubblehelp, die ihre Funktion kurz erklärt. Leider sind die anderen Buttons damit nicht ausgestattet, auch ein Druck auf die Help-Taste bringt die AmigaGuide-Anleitung nicht zum Erscheinen. Die Anleitung enthält auch teilweise wenig informative Passagen, z.B. führt der Link "Fenster/Seitenformat-Katalog" zu dem Text "Öffnet das Dialogfenster zur Verwaltung der Seitenformate". Als ob ich da nicht selber drauf kommen würde. :)

Fußnoten

Kommen wir mal zu etwas Positivem. AmigaWriter bietet Fußnoten!

Während der ersten Testversuche funktionierten die Fußnoten auch korrekt, d.h. wenn der Fußnotenverweis auf eine andere Seite wanderte, wird die Fußnote auch mitbewegt. AW beherrscht auch Kapitelendnoten und Textendnoten. Aber da das zu schön wäre, darf man sich bei jedem Dokument nur für eine Art entscheiden, also entweder Fußnoten oder Kapitelendnoten oder Textendnoten. Wobei die Kapitelendnoten bei mir nicht korrekt funktionierten und wie die Textendnoten am Ende des Textes erschienen. Das liegt vielleicht an der, meiner Meinung nach noch nicht vollständigen Implementierung der Kapitel. Z.B. läßt sich ein Kapitel nur (!) dadurch erstellen, indem bei einer Kapitelvorlage der undokumentiere Checkmark "Neues Kapitel" angewählt wird.

Boxenprinzip - Textboxen

Das Grundkonzept von AW basiert auf Boxen. Wie die Textboxen von FinalWriter97 lassen sich auch bei AW die Textboxen beliebig auf der Seite positionieren. Jedoch merkt man, daß das Konzept von Anfang an geplant war, da auch die Standard-Seite als große Textbox implementiert ist. Praktisch ist die Möglichkeit die verschiedenen Textboxen miteinander zu verbinden, d.h. wenn der Text einmal in die Box nicht mehr hineinpaßt, wandert er autmatisch in die nächste Box. Dadurch sind auch mehrspaltige Seiten sehr einfach zu realisieren (mehrspaltige Seiten müssen jedoch nicht von Hand erstellt werden - AW kann das automatisch erledigen). Das Konzept der Textboxen ermöglicht eine sehr freie und trotzdem einfach zu bedienende Gestaltung der Seiten.

Grafikboxen

Die zweite Art von Boxen sind die Grafikboxen. Mit Hilfe der Grafikboxen und den Datatypes werden Grafiken in die Seiten eingebunden. Das hört sich erstmal sehr schön und flexibel an, jedoch werden die Bilder meist 3-4 mal eingeladen (warum auch immer; Geduld ist eine Tugend) und gelegentlich macht AW das Einladen so viel Spaß, daß er gar nicht mehr damit aufhört (zumindest habe ich nach 3 Minuten einen Reset gemacht).

PlugIn`s

Eine weitere Möglichkeit Bilder zu integrieren, ist, sie als Textbaustein zu laden, d.h. sie tauchen dann als Zeichen in dem Textfluß auf. Leider ist diese Möglichkeit (als PlugIn gelöst) noch instabiler als die Grafikboxen, so daß ich sie gar nicht zum Arbeiten bewegen konnte. :-( Nach der Auswahl des Bildes bleibt AmigaWriter im Busy-Nodus einfach stehen. Ob die Probleme nun an AW oder meinen DataTypes liegen, weiß ich nicht. Jedoch würde ich mir schon alleine aus Geschwindigkeitsgründen wünschen, daß AW zumindest IFF, GIF und Jpeg Bilder direkt (einmal!) laden würde.

Das zweite PlugIn ist ein Smiley-PlugIn. Wer also :-) und :-( nicht mehr tippeln will, kann jetzt zur Maus greifen und per Menü und Fenster die Smilies erstellen. :-\

Formatvorlagen

Ein weiterer Grundbaustein von AW sind Formatvorlagen. Es gibt vier Formatvorlagen: Zeichen-, Absatz-, Seiten- und Kapitelformate. Sie dienen dazu, dem gesamten Dokument ein einheitliches Aussehen zu geben.

Z.B. kann man eine Vorlage "Hervorhebung" erstellen mit dem Fontattribut "Fett". Will man dann später lieber die Hervorhebungen durch Unterstreichen markieren, so muß man nur einmal zentral die Vorlage verändern und nicht das gesamte Dokument durchsuchen. Soweit die Theorie..., die Praxis sieht etwas anders aus.

Leider hat AW noch einige Fehler, so läßt sich z.B. eine Seitenformatvorlage nicht mehr löschen, wenn sie einmal erstellt wurde oder man konfiguriert die Seitenformatvorlage indem man einen Doppelklick auf den entsprechenden Eintrag im Seitenformatkatalog macht. Dadurch wird jedoch nicht nur das Konfigurationsfenster geöffnet, sondern auch das Seitenformat der aktuellen Seite geändert, was nicht unbedingt erwünscht ist (vor allem, da dadurch vorhandene Textboxen ins Nirwana entschwinden). Desweiteren hatte ich vor allem Probleme die Kapitel-Formatvorlagen anzuwenden, was vielleicht an der fehlenden Unterstützung von Kapiteln im generellen liegt.

Und nun noch zu ein paar anderen (fehlenden) Features:

*Silbentrennung*

AmigaWriter hat eine eingebaute Silbentrennung, die jedoch scheinbar für so gut gehalten wird, daß man sie gar nicht abschalten kann. :( Im ersten Text wurde auch gleich ein Wort falsch getrennt, jedoch gibt es keinen Menüpunkt bzw. Icon, mit dem die Trennung rückgängig gemacht werden kann. Ein Blick in die Anleitung zum Thema Silbentrennung verrät, daß man die Trennung mit dem Shortcut CTRL-# beseitigen kann.

Allerdings muß man sich sehr genau daran halten, denn es steht nicht dort, daß das Wort markiert werden soll. Wird es markiert, gibt es meistens einen Absturz. Der weitere Nachteil ist, daß die Silbentrennung rein algorithmisch ist, d.h. es gibt kein zuätzliches "Wörterbuch" für die Wörter, die falsch getrennt wurden. Selbst im gleichen Test wird ein einmal korrigiertes Wort wieder falsch getrennt.

*Rechtschreibkontrolle/Thesaurus*

Selbst mein Texteditor (GoldED) hat eine Rechtschreibkontrolle und einen Thesaurus und wer sich noch an BeckerText erinnert, weiß, daß dieses schon damals eine Rechtschreibkontrolle hatte. Bei AmigaWriter fehlt eine Rechtschreibkontrolle vollständig, ebenso wie ein Thesaurus.

*Inhaltsverzeichnis*

AmigaWriter kann selbständig ein eigenes Inhaltsverzeichnis erzeugen. Dazu schaltet man bei einer (oder mehreren) Absatzformate(n) die Option "Inhalt" ein. Damit wird jeder Text, der dieses Absatzformat hat, in das Inhaltsverzeichnis aufgenommen. Das Inhaltsverzeichnis ist jedoch sehr spartanisch. In jeder Zeile steht der Inhalt des Absatzes und die Seitennummer, gegebenenfalls wird mit Tabulatoren eingerückt, jedoch wird nicht darauf geachtet, daß die Seitennummern alle untereinander stehen. Vorhandene Kapitel werden ignoriert.

*Formeln*

AmigaWriter besitzt (wie erwartet :) keinen Formeleditor, also holte ich MathScript heraus und bemerkte recht schnell, daß AmigaWriter keinen Import für EPS-Grafiken hat. Also bleibt lediglich die Verwendung von IFF und wer mal IFF Grafiken skaliert hat (im Vergleich zu EPS) weiß, warum ein EPS Support dafür sehr wünschenswert ist.

*RTF - Rich Text Format*

AmigaWriter kann Texte im RTF-Format im- und exportieren. Allerdings auch nur das RTF-ASCII-Format, d.h. es fehlen alle Informationen über Zeichensätze und Formatvorlagen.

AmigaWriter bietet leider keine der oben genannten Features. :-(

Fazit

Insgesamt muß leider gesagt werden, daß in AmigaWriter noch eine ganze Menge Arbeit gesteckt werden muß, bis es sich mit FinalWriter97 bzw. WordWorth messen kann. Es bietet zwar sehr nette Ansätze, aber da nicht feststeht, was die V2.0 beinhalten wird und wann sie erscheint, kann ich momentan den Kauf von AmigaWriter nicht empfehlen.

Jedoch soll demnächst ein Update erscheinen, vielleicht bessert das ja die Situation. Allerdings muß leider angemerkt werden, daß die Demo aktueller ist als die Vollversion! :(

Die Konfiguration ist auch sehr mager und die vorhandenen Menüs/Shortcuts sind nicht ideal gewählt. Vor allem, daß man Boxen nicht mit DEL bzw. Backspace (oder einem anderen Shortcut) löschen kann, störte mich sehr. Das GUI ist auch nicht immer konsequent, so kann z.B. alleinig beim Kapitelformat-Katalog-Fenster die Konfiguration durch einen Doppelklick nicht geöffnet werden.

Ich greife also erstmal wieder in mein Regal und hole mein LaTeX-Handbuch raus und warte auf AmigaWriter V2.0...

Produkt: AmigaWriter Hersteller: Haage&Partner
Art: Textverarbeitung Version: 1.0
Preis: 198DM inkl. 2.0-Update Bez.Quelle: Fachhandel
Leistungsfähigkeit:4
Benutzerfreundlich:3
Dokumentation:4
Preis-/Leistung:4
Gesamt:4


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