Gattaca

von
André Wyrwa

Visionen über eine nicht allzu ferne zukünftige menschliche Gesellschaft, die durch die totale Kontrollierbarkeit des Individuums gekennzeichnet sind, gibt es nicht erst seit ein paar Jahren. Da muß man sich schon einiges einfallen lassen, um auf dieser Basis ein originelles Szenario für einen Film zu entwerfen. Andrew Caroll versuchte sich daran mit einigem Erfolg, indem er eine Welt bastelte, in der das Bewußtsein über den eigenen genetischen Code zu alltäglicher Gegenwärtigkeit geworden ist.

Auf der Suche nach Perfektion sind die Menschen dahin gekommen, ihre genetische Struktur vor der Geburt zu manipulieren. Wir erleben die Zeit des Übergangs, eine Zeit, in der sich die Gesellschaft in zwei Klassen teilt: die eine der validen, gezüchteten Menschen, die andere der in-validen, normalgeborenen. Die Erbinformation ist dabei wichtigster Bestandteil der eigenen Persönlichkeit geworden, man wird praktisch nach ihr beurteilt.

In diese Welt hinein wird Vincent Anton Freeman geboren, ein Gotteskind, wie die in-validen auch genannt werden, der bald einen perfektionierten Bruder zur Seite gestellt bekommt. Zwischen ihnen wächst unweigerlich ein Konflikt, eine harte Konkurrenz, in der der eine gewohnt ist, unterlegen, der andere, überlegen zu sein. Bis sich eines Tages alles ändert, für Vincent zumindest.

An dieser Stelle lernen wir Gattaca kennen, das hiesige Raumfahrtzentrum, in welchem Vincent seinem unerreichbaren Traum, in den Weltraum zu fliegen, nachgeht. Als er aber merkt, daß seine genetische Identität ihm den Weg dorthin unweigerlich versperrt, sucht er einen anderen Weg...

Das Thema ist wirklich vielversprechend, etliche Probleme brechen auf, von denen Niccol auch einige anschneidet (Freiheit, Macht, Diskriminierung, Ehrgeiz u.a.). Im Mittelpunkt aber steht der Werdegang Vincents, bei dem diese Probleme natürlich auftauchen, jedoch nie so weit in den Vordergrund schwemmen können, daß ihnen größere Bedeutung zukommt.

Stattdessen erleben wir eine Art Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Helden und der allgegenwärtigen genetischen Kontrolle, vertreten durch ein paar Detektive. Folge ist, daß Gattaca viel von seinem Potential überhaupt nicht entfalten kann, das gelungene Szenario wird überhaupt nicht ausgereizt. Niccol erzählt zwar in schönen eindrucksvollen Bildern, jedoch erzählt er nur. Die Geschichte wird zu eingeengt, zu klein und abgeschirmt, bleibt daher auch ohne Konsequenz.

Gattaca bietet einen großen Rahmen, in dem ein Werk von bewegendem Ausmaß Platz gehabt hätte, in dem sich aber nur ein kleines angestaubtes Familienfoto befindet.


Prev Inhaltsverzeichnis Next
©`98 Der AmZeiger