Das Märchen Und da sah ich es! Dieses uralte , in roten Samt eingebundene , nahezu ehrwürdig wirkende Buch. Das mußte es sein , das war der Grund ! Es zog mich magisch an. Und so habe ich es gefunden. Dieses unbestimmbare Gefühl , das mich schon den ganzen Tag vorantrieb , ohne daß ich genau wußte warum ; jetzt war es deutlich zu spüren ! Ich mußte wohl am Ziel sein. Was war mit diesem Buch ? War es wirklich die Ursache für die seltsame Irrfahrt , die ich heute spontan in dieser mir fremden Stadt unternommen hatte ? Es wäre zumindest eine Erklärung . Noch nie hatte ich minutenlang vor dem Zug gestanden , der mich nach Hause bringen sollte , unfähig einzusteigen . Noch nie zuvor hatte ich das intensive Gefühl , etwas Wichtiges zu verpassen , wenn ich nun wegführe . Und noch nie habe ich dem Zug so gelassen hinterhergeschaut . Ich hatte noch etwas zu tun , das spürte ich genau. Und da war ich nun , nachdem mich dieses Gefühl durch mir unbekannte Straßen und Gassen gezielt zu dem Antiquitätenladen geführt hatte . Mir wurde mulmig zumute . Alles hier war so alt , so unheimlich , so abschreckend und faszinierend zugleich . Überall gab es geheime Winkel und Regale , von Spinnweben und Staub überzogen . Samtvorhänge hingen an vielen Stellen von der alten Holzdecke herab . Kleider aus uralten Zeiten lagen über mindestens ebenso alten Plüschmöbeln . In einer Ecke stand ein wunderschöner goldener Leuchter - und die Kerzen brannten . Sie waren die einzige Lichtquelle in diesem Teil des Raumes und tauchten alles in dämmrige und graue Farben . Und da sah ich es , das Rot ! Ein farblich intensives Rot , im Gegensatz zu allem anderen , vollkommen leuchtend . Ich näherte mich. Mein Schatten tanzte an den Wänden , als die Kerzen flackerten . Nun stand ich direkt vor dem Buch . Unwillkürlich zögerte ich , es zu berühren . Verharrte voller Ehrfurcht in Betrachtung . Der Einband war aus reinem Samt , ziemlich dick und auch schon sehr alt . Ich konnte nirgends einen Schriftzug erkennen . Ob das eine alte Bibel ist ? Oder ein Fotoalbum von anno dazumal ? Ich hatte sowas schon in ähnlicher,wenngleich auch nicht so schöner Form gesehen . Plötzlich bemerkte ich , wie sich meine Hände ausstreckten , wie sie das Buch sanft berührten , um es schließlich zu öffnen . Lauter vergilbte Seiten aber - ohne Schrift . Meine Hände blätterten weiter , doch nirgends war etwas zu entdecken . Mmmh ! Was sollte das nur ? Gerade wollte ich das Buch enttäuscht wieder zuklappen , als sich wie von selbst die allererste Seite aufschlug . Es gelang ihr allerdings nur halb , so daß ich sie glattstreichen mußte . Und dann geschah es ! Vor meinen Augen erschien eine Schrift . Keine Wörter , aber es waren Teile von Buchstaben . Nach und nach wurden sie deutlicher . " Ah , deshalb die leeren Seiten . Es ist ein Tagebuch ! " So war es . In schöner , verschnörkelter Schrift stand nun klar und gut lesbar das Wort " Tagebuch " auf der ersten Seite . Wem es wohl gehört ? Ist sowieso `ne komische Art Tagebuch . Ob da noch mehr steht , was ich einfach noch nicht sehen kann ? Vielleicht gibt`s da irgendeinen Zeitmechanismus drin , der soundsoviel Minuten nach der Öffnung des Buches die Schriftverdeutlichung einsetzen läßt ! Warte doch mal einen Moment , ob noch was passiert . - Vergebens ! Alle anderen Seiten blieben leer . Mmmh ! Ob ich das Schriftbild vielleicht durch meine Berührung beim Glattstreichen der Seite sichtbar gemacht habe ? Mal ausprobieren . Ich strich abermals über die Seite , nichts passierte . " Ach , Spinnerei , wie sollte das denn auch funktionieren !" Eher lustlos blätterte ich um und strich über die nächste Seite , von oben nach unten . Hoppla , was war das ? Wiederum erschienen Schriftzeichen , erst schwach , dann immer deutlicher , bis ich auch diese schließlich entziffern konnte . Ich wollte meinen Augen nicht trauen , ich wollte nicht glauben , was ich da las : Meinen Namen . Das Tagebuch gehörte mir ! Es enthielt : Mein Leben ! - Lange stand ich ziemlich verwirrt und erschrocken da . Mein Leben , in einem Buch aufgeschrieben , von dessen Existenz ich nichts gewußt , in einer Schrift , die ich nie geschrieben hatte , die aber eindeutig meine Handschrift war ! Wie ist sowas möglich , das geht doch nicht mit rechten Dingen zu !! Während ich so vor mich herdachte , verdichtete sich der Kerzenschein mit der Dunkelheit zu einer sanft-blauen Dämmerung , Nebelschwaben zogen auf , gefolgt von einem schweren , süßlichen Duft , der mich umhüllte und schließlich in tiefe Bewußtlosigkeit versinken ließ . . . Die Nacht verschwand . Es wurde hell . Langsam öffnete ich meine Augen . Oh nein , wo bin ich denn jetzt ? Das ist auf keinen Fall der Antiquitätenladen von eben . Ich blickte mich um . Ich befand mich auf einem roten Himmelbett , in einem roten Zimmer . Und wenn ich das so sage, dann meine ich das auch so : Alles war rot ! Jede winzige Schraube , jede Kleinigkeit , jedes Teilchen , alles leuchtete mir rot entgegen . Einzig meine Hautfarbe und mein Haar waren , soweit ich das durch das rote Seidenhemd erkennen konnte , normal geblieben . Erstaunt kletterte ich vom Bett herunter und ging zum Fenster . Selbst das Glas war rötlich . Aber die Farbe war überhaupt nicht nervend , gar nicht aufdringlich . Im Gegenteil . Ich fühlte mich so wohl wie schon lange nicht mehr ! Meine Umgebung war mir Beruhigung und Erfrischung zugleich . Angst - die war nicht mehr zu spüren . Beherzt öffnete ich die Fenstertür und stand auf einem Balkon . Oh , welche Herrlichkeit , welche Schönheit breitete sich da vor mir aus . " Das Paradies !" Das war mein erster Gedanke: Vor mir lag ein Garten , es schimmerte und glänzte überall . Ein wunderschöner Wasserfall ergoß seine Fluten in einen See , der mit Seerosen bedeckt , golden in der , nanu , es war doch eigentlich später Nachmittag gewesen , als ich den Laden betreten hatte , warum geht hier gerade die Sonne auf ? Ich muß geschlafen haben . Seltsam . Was war denn nur passiert ? Allmählich wich die Freude an dieser Wunderatmosphäre einer Beklommenheit , die immer stärker wurde . " Wo , um Himmels willen , bin ich ? Wie komme ich hierher ? Und vor allem, was soll ich hier ?" Sehr verunsichert ging ich zum Bett zurück . " Na klasse , jetzt sitz` ich hier , wer weiß wo , auf einem roten Bett in einer roten Welt und hab` keine Ahnung , was los ist . Grr , zu allem Überfluß hab` ich nur dieses Nachthemd an . Wo sind meine Klamotten ? Nirgends zu entdecken !" Kaum hatte ich das , wahrscheinlich etwas laut , gedacht , als einige Kleidungsstücke aus einem nahen Schrank geisterhaft durch den Raum flogen und ordentlich gefaltet neben mir auf dem Bett landeten . Mittlerweile erstaunte mich eigentlich nichts mehr . Kurzentschlossen ergriff ich die Sachen und zog mich um . " Mmh , sind zwar nicht meine , aber das ist auch nicht übel !" Ich begutachtete mich in dem einzigen Spiegel im Zimmer . Meine Kleidung war vollkommen rot ( war ja nicht anders zu erwarten !) . Aber wunderschön! Aus einem Stoff , halb Seide , halb Samt , sehr robust , unheimlich angenehm zu tragen . Er schien Kühlung und Wärme in einem zu geben . Einfach unbeschreiblich , dieses Gefühl ! "Wau! So ein hübscher Umhang ! Und die Hose ! Wahnsinn ! Und die Schuhe ! Superbequem !" Die Schuhe waren auch aus einem mir unbekannten Material . Tja , unbekannt . . . Damit hätte ich mal wieder mein Stichwort . Was fang` ich jetzt an ? "Guten Morgen ! Hast Du wohl geruht ?" Erschrocken drehte ich mich um und blickte auf einen kleinen älteren Mann , mit freundlichen Augen , einem langen roten Bart und ebenso roten Kruselhaaren . Er bemerkte meinen Schreck , aber anstatt etwas zu sagen , schaute er mich nur intensiv aus seinen gütigen Augen an . Ich fühlte eine innere Beruhigung , die Normalisierung meines Herzschlages , ich konnte wieder richtig durchatmen . Das Männchen lächelte : "Hast Du wohl geruht ?" " Ja , vielen Dank ! Danke der Nachfrage !" Meine Selbstsicherheit kam zurück. " Wo bin ich hier ?" " Du bist am Beginn . Quasi in der Vorderseite Deines Tagebuchs ! Du erinnerst Dich ?" " Oja ! Ich war im Antiquitätenladen . . . das Buch , es war in roten Samt gebunden . Dann . . . diese Schrift , sie erschien erst , als ich drüberstrich . Ich las meinen Namen . Danach weiß ich nichts mehr ! - Doch was bedeutet das alles . Was meinten Sie , als Sie sagten , ich sei in der Vorderseite meines Tagebuchs ?" "Du kannst mich ruhig duzen . Hier im Roten Haus gibt es keine sprachliche Distanz zwischen dem ich und dem anderen . Ich heiße Amero . " " Warum bin ich hier , Amero ?" " Du bist hier , um zu lernen . " " Na toll , das mache ich zu Hause doch dauernd . Mußte ich dazu extra an diesen Ort kommen ?" " Das , was Du hier lernen sollst , gibt es in Deiner Welt nicht. Ihr meint es zwar zu kennen , Ihr seid Euch sicher , richtig damit umzugehen , aber Ihr irrt . Nur hier hast Du die Chance , es wirklich zu lernen . Hier wirst Du in ihr Innerstes schauen !" " Sage mir , Amero , was soll ich lernen ?" " Das Lieben ! "- Warum das Lieben ? Warum etwas über die Liebe , von ihr lernen ? Bin ich hier in `nem Freudenhaus gelandet ? " Ich weiß , was Du jetzt denkst . Das ist die typische Reaktion . Ihr denkt immer zu oberflächlich . Es steckt viel mehr hinter diesem Wort ! Dieses Wort " Liebe" - es hat Tiefe . Es ist wie ein großes Haus mit unendlichen Reichtümern , aber nur , wer den Schlüssel zur Tür besitzt , dem ist es vergönnt , dieses Haus zu betreten . " "Mmh , wie meinst Du das ?" "Denke nochmal an das Tagebuch im Antiquitätenladen zurück. Du hast es geöffnet. Was hast Du gesehen?" "Unbeschriebene , vergilbte Seiten !" "Genau. Und was geschah dann?" "Ah ja! Durch meine Berührung erschien die Schrift." "Also! Oberflächlich gesehen hattest Du nur ein Buch mit alten, unbeschriebenen Blättern vor Dir. Doch es steckte mehr drin. Durch die Berührung wurde es Dir offenbart. Das Innerste wurde Dir gezeigt. Verstehst Du?" "Ja, ich glaube, das habe ich kapiert." "So ähnlich mußt Du das mit der Liebe sehen. Ihr betrachtet sie häufig nur als Gefühlsduselei, für viele zählen die Gefühle nicht mal. Für die ist einzig der Spaß der körperlichen Liebe von Reiz. Ich sage Dir: Ihr Menschen habt das Lieben verlernt. Und wer die Liebe nicht kennt, der kann auch nicht leben!" "Was??" "Ja, Du hast richtig gehört. Oberflächlich betrachtet siehst Du Menschen über die Welt laufen, doch nun schau in ihr Innerstes: Du wirst nichts sehen! Es sind nur Hüllen, die Substanz fehlt. Das Gefühl und die Liebe, sie fehlen." "Das kann doch nicht möglich sein! Ich liebe doch meine Familie, wir halten zusammen. Ist dieses Gefühl auch nur Einbildung?" "Nein, Du hast recht. Aber, so groß und stark Dir dieses Gefühl vorkommt, und so rühmlich und wichtig es ist: Es ist nur der kümmerliche Rest, die letzte Glut eines ehemals gigantischen Feuers! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Glut vollends verlöscht." Ich stand betroffen da. Für mich war immer alles in Ordnung. Und nun erfahre ich, daß ich nur in Kulissen, ja, daß ich als Fassade gelebt habe. Alles, was ich fühle soll ohne Tiefe sein, so intensiv es mir auch vorkommt? Wie überwältigend muß es dann erst sein, wenn man gelernt hat, richtig zu lieben, zu erfahren, zu leben. Könnte ich das überhaupt aushalten? Es soll schon Leute gegeben haben, die vor Glück gestorben sind. Aber das ist lange her. . . So`n Quatsch. Amero hat eben gesagt, daß ich erst lebe, wenn ich richtig liebe. Mmmh! Also bin ich jetzt quasi tot. Verlieren kann ich nichts. Nur gewinnen. Ich kann mein Leben gewinnen! Der Preis schien mir recht erstrebenswert zu sein. Doch abgesehen davon reizte mich diese ganze Situation. Ja, ich wollte das Lieben lernen, obwohl ich absolut keine Ahnung hatte, auf was ich mich dabei einlassen würde. "Ohne Risiko kann man nicht leben. Wenn Du etwas erreichen willst, mußt Du darum kämpfen, Du mußt Dich dafür einsetzen. Du riskierst etwas dafür. In der Liebe ist es nicht anders!" Amero schien Gedanken lesen zu können. "Was muß ich denn tun?" "Du wirst eine weite Reise machen. Halte die Augen offen, schaue ins Innerste. Vielleicht wird Dich öfter der Mut verlassen, dann verzweifle nicht, sondern halte durch. Vertraue Deinem Gefühl, es wird Dein Wegweiser sein. Sei willig zu lernen, sei willig zu lieben. Denn nur wer liebt, lebt intensiv. Du bist noch jung, Du kannst es schaffen!" "Ist die Liebe nur in jungen Jahren zu erlernen?" "Nein, aber je eher Du sie erkennst, desto mehr Zeit hast Du, sie zu leben und sie an andere weiterzugeben." "Ich schicke dann also möglichst viele andere hierher, damit sie das Lieben lernen. Ist das meine Aufgabe?" "Nicht ganz! Es ist nur wenigen erlaubt, auf diese Art zu lernen, Du bist einer davon. Wie sollte wohl jemand anders außer Dir Dein eigenes Leben leben? Kein anderer findet Zutritt in Dein Tagebuch." "Und Du?" "Ich bin überall und nirgends, aber immer bei Dir. Als Dein Berater und zu Deinem Schutz." "Hihi, mein Schutzengel! Ich hab` mir Engel immer anders vorgestellt:" Er schmunzelte. "Deine Aufgabe besteht darin, das Lieben in Eure Welt zurückzubringen. Du wirst lange suchen müssen, denn die Liebe hat viele Gestalten. Folge Deinem Gefühl. Es wird Dich zur Liebe führen!" Amero übergab mir eine Kette mit zwölf blaßroten Rubinen. "Diese Kette wird Dich beschützen. Außerdem zeigt sie Dir an, wieweit Du noch vom Ziel entfernt bist. Denke daran: Die Bestimmung ist Dein Weg, und der Weg ist Deine Bestimmung!" Mit diesen Worten verschwand er und mit ihm das Zimmer, der Balkon, alles drehte sich. . . ich verlor den Halt . . . und fiel, tiefer als zuvor. . . Dieses Mal landete ich nicht so weich in einem Bett. Aber der Heuhaufen war glücklicherweise nicht allzu hart. In was für eine Geschichte bin ich hier nur hineingeraten? Warum bin ich nicht wie sonst auch in meinen Zug gestiegen und gemütlich nach Hause gefahren? Ganz einfach, ich muß ja schließlich die Welt retten. Ganz logisch. Ausgerechnet ich! Naja, wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, wo ich schonmal hier bin und eh nicht weiß, wie ich wieder zurückkomme. Während ich so nachdachte fiel mir auf, daß sich die ehemals relativ plumpe Rubinkette verkleinerte und sich wie gemeißelt sehr geschmeidig um meinen Hals legte. "Na, mit Dir zusammen wird mir ja nichts passieren!" Doch, was nun? Folge Deinem Gefühl, hatte Amero gesagt. Denke mit dem Herzen. Mein Gefühl war also mein größtes Kapital. Und ich sollte nun lernen, dieses Kapital zu nutzen. Es störte mich innerlich, über das Gefühl so materialistisch nachzudenken. Das ist doch typisch, typisch menschlich: Alles wird auf Profit ausgerichtet, nur der Nutzen zählt. Und da ich mir mit Gefühlen nichts kaufen kann, baff, wird es einfach aus meinem Leben gestrichen, nur eine sinn-lose Hülle bleibt als unwichtiger Platzhalter in einem neumodisch-progressiven Vokabular zurück. Wie Amero sagte: Alles nur Fassade! Das Gefühl war mein Weg,, das spürte ich. Also wuselte ich mich aus dem Heuhaufen raus, versuchte so gut wie möglich meine Kleidung und Haare vom Heu zu befreien und stapfte los. Die Gegend kam mir nicht absonderlich vor. Fast dachte ich, alles geträumt zu haben, wenn ich die Rubinkette nicht gehabt hätte! - Ich war erst eine kurze Weile gelaufen, als sich vor mir ein großes Tal auftat. Drunten konnte ich eine Kleinstadt erkennen. "Sieht aus wie im Ameisenhaufen. Echt süß, wie quirlig die sind." Gegen Abend kam ich endlich in diesem Städtchen an. Es war doch weiter entfernt, als ich zuerst gedacht hatte. Müdigkeit überfiel mich, und ich sehnte mich nach einem Bett. Doch so sehr ich mich bemühte, eine Bleibe zu finden, es gab nichts. Nicht zu fassen! Ich fragte einen Passanten, der gerade eilig an mir vorbeiging. "Entschuldigen Sie vielmals . . ." "Keine Zeit!" Mannohmann. Wie kann man in diese zwei Worte nur solch eine Unfreundlichkeit hineinpacken?! Ich war beleidigt. Da fragt man höflich und dann sowas! "Du kannst fragen, wen Du willst; keiner wird mit Dir reden!" Ich blickte mich um und entdeckte Amero. "Was ist hier los? Es ist bereits dunkel und wohl auch ziemlich spät, und trotzdem herrscht eine rege Geschäftigkeit wie am hellsten Mittag!" "Der Fortschritt fordert seinen Tribut. Man kann es sich nicht erlauben, auszuruhen. Schlaf ist ein notwendiges Übel, das man am liebsten ganz beseitigen würde. Es herrscht Hektik!" "Gräßlich! Nun gut! Ich bemerke also, daß durch diese Hetzerei die Höflichkeit und die Nächstenliebe zu kurz kommen. Doch was kann ich tun?" Ein bißchen erinnerte mich das an eine Geschichte, die ich früher gelesen hatte: Momo und die grauen Herren, die anderen die Zeit stehlen. "Soll ich etwa Momo spielen?" "Versuche es! Öffne ihnen die Augen für das, was sie verloren haben: Für Ruhe, Kindlichkeit und Fantasie!" Und Amero verschwand. Plötzlich war ich wieder allein. Aber froh; froh zu wissen, daß Amero in meiner Nähe war. Mir stand keine leichte Aufgabe bevor. Aber, hatte ich eine andere Wahl? Irgendwas wird mir schon einfallen, sagte ich zu mir, um mich zu beruhigen. Da es schon ziemlich dunkel war, kauerte ich mich in ein großes Gebüsch hinter einer Parkbank. Dort war es mollig warm, urgemütlich, ich fühlte mich sicher. Sehr bald schlief ich ein.- Die ersten Sonnenstrahlen weckten mich. Ausgeschlafen machte ich mich auf den Weg in die Hektik dieser Stadt. Ich schlenderte betont langsam auf den belebten Straßen und Wegen herum, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Mannohmann, das ist gar nicht so einfach, wenn die da alle mit den verbissensten und motzigsten Mienen durch die Gegend laufen. Selbst die Kinder trippelten hastend und ernst hinter den Erwachsenen her. Nirgends war ein Lachen zu hören, auch kein Kindergeschrei. Nur Straßenlärm und eilig laufende Schritte. Puh, wie trostlos! Ich beschloß, mich vor allem auf die Kinder zu konzentrieren. Welcher Mensch kann sich denn schließlich dauerhaft gegen Kindergelächter wehren! Wenn erst die Kinder das Lachen, das Leben wieder gelernt hätten, dann würden sich die Erwachsenen vielleicht von sich aus wieder daran erinnern. Die alte Sehnsucht nach Ruhe und Muße, die, und da war ich mir sicher, in ihrem Innern insgeheim noch vorhanden war, würde wieder aufflammen und Wärme und Menschlichkeit in ihr Leben zurückbringen. Nun gut, das war ja zumindest schon mal ein Ansatz. Doch was nun?! Auf meinen zahlreichen Streifzügen durch die Stadt entdeckte ich ein umzäuntes Gebiet, das zu betreten streng verboten schien. Das Verbotsschild sah wirklich nicht einladend aus! Durch ein Loch im Zaun wagte ich einen Blick ins Innere. "Nicht zu fassen! Das ist eindeutig mal ein Abenteuerspielplatz gewesen. Sieht der runtergekommen aus. Du meine Güte!" Über einen Baum in der Nähe kletterte ich über den Zaun, um auf den Spielplatz zu gelangen. "Tja, die Kinder heutzutage sollen sich eben mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens auseinandersetzen. Rationalität ist gefordert; Spiel, Spaß und Fantasie sind überflüssig." "Ja, da hast Du recht!" Amero stand vor mir. "Ihr ganzes Leben ist fest vorgeplant und terminiert. Selbst die Gefühle haben ihren festen Platz im Tages-und Lebenslauf. Aber die Fantasie ist neben der Liebe eine wichtige Substanz jeden Lebens! Wird diese zerstört, bleiben eben diese hektischen Hüllen übrig, die Du überall herumirren siehst. Eigentlich suchen sie ihren Sinn des Lebens. Sie ahnen ja nicht, daß sie ihn gerade durch diese Art der Suche zerstören!" "Wollen wir sie auf den rechten Weg führen, Amero?" "Natürlich, deswegen bist Du hier. Gehe ich recht in der Annahme, daß Du den Platz hier ein bißchen herrichten willst?" "Nein, wie hast Du denn das erraten?" erwiderte ich grinsend. "Tja, da bin ich ja gerade zur rechten Zeit gekommen. Ich könnte Dir doch helfen, oder?" Die Situation amüsierte Amero, und die Vorstellung auf einem Spielplatz rumwerkeln zu dürfen weckte in ihm wahrscheinlich eigene Kindheitserinnerungen. "Natürlich, ich freue mich über Deine Hilfe! Dann mal los!!" Es stand uns eine Menge Arbeit bevor. Wir entfernten das Gestrüpp und die Wucherpflanzen, die im Laufe der Zeit von den Spielgeräten Besitz ergriffen hatten, füllten den Sandkasten mit neuem Sand auf, reparierten die Schaukelscharniere, hängten die Schiffschaukel wieder an ihren alten Platz, erneuerten Bretter und Seile in der großen Holzburg, die über eine Hängebrücke direkt mit der großen Doppelrutschbahn verbunden war. Wo immer etwas fehlte, Amero besorgte es. Alleine hätte ich das wirklich nicht geschafft. Außerdem machte es einen riesen Spaß, zu zweit zu arbeiten. Beim Wettrutschen hatte Amero sogar gewonnen. Bei seinem Freudentanz darüber konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. "Wußtest Du, daß Du gewisse Ähnlichkeiten mit Rumpelstilzchen hast?" "Mit wem? Hey, weißt Du, was noch fehlt?" "Ja, `ne Menge Farbe zum Streichen. Hier blättert ja schon alles ab. Dafür bist Du zuständig." "Nachher. Wir müssen noch was anderes erledigen. Komm, hilf mir eine Märchenstadt aufzubauen!" Das war eine Wahnsinnsidee! Wir bauten eine richtige Märchenwelt mit Dornröschens Schloß, dem Knusperhäuschen, den sieben Bergen inklusive dem Haus Schneewittchens und der sieben Zwerge und vieles mehr. Dann pflanzten wir noch Bäume und Sräucher. Es war herrlich. So einen Spaß hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Und es hatte sich gelohnt!!! Als wir schließlich erschöpft und müde unser Werk betrachteten, waren wir begeistert. Das war ein Spielplatz , wie ich ihn mir in meinen kühnsten Kindheitsträumen nicht schöner hätte vorstellen können! "So! Jetzt laß ich dich wieder allein. Doch, nur Mut. Du bist auf dem richtigen Weg!" Mit diesen Worten kletterte Amero auf die Rutschbahn, und während er runterrutschte, verschwand er. "Ein seltsamer Typ! Kann der eigentlich Gedanken lesen?" Ich öffnete die großen Eingangstore zum Spielplatz. Jetzt wollte ich nur noch warten. Und tatsächlich. Eine Gruppe säuerlich dreinblickender Kinder, teuer bekleidet und sauber rausgeputzt ging am Tor vorüber. Sie waren augenscheinlich auf dem Weg zur Schule. Innerlich triumphierte ich, als ich die verstohlenen Blicke der Kinder Richtung Spielplatz bemerkte. "Aha, die Neugierde ist zum Glück noch nicht vom Zeitplan verbannt worden", so dachte ich bei mir, während ich mit ehrlichem Spaß die Rutsche raufkletterte, um mich immer wieder in den ulkigsten Verrenkungen runtergleiten zu lassen. Ich wußte, diese Kinder kommen zurück! Aber ich mußte lange warten. Fast schon hatte ich das Vertrauen in meinen Plan aufgegeben, als sich gegen Mittag die ersten Erfolge einstellten. Ich war gerade im Knusperhäuschen beschäftigt, als ich sah, wie sich nicht nur die Kinder von heute morgen auf den Platz schlichen, sondern mit ihnen noch etliche Freunde. Der Reiz des Verbotenen und die kindliche Neugier trieben sie immer näher zu den Spielgeräten. Und dann war der Bann plötzlich gebrochen. Zeitplan hin oder her, sie schmissen ihre Schultaschen auf den Boden und begannen, auf dem Spielplatz herumzutollen. Immer mehr Kinder kamen durch das Tor, der Platz war erfüllt von Kindergelächter, Gejohle, Gekreische. Eine Wahnsinnsstimmung! Mittlerweile hatte ich mich auf einem der vielen Bäume versteckt, um von dort ungstört dieses Szenarium beobachten zu können. Es machte Spaß, den Kindern beim Spielen zuzuschauen. Einige begannen sogar, aus den restlichen Brettern eigene Fantasiespiele zusammenzubauen. Das Lachen, die Freude wurden immer lauter, immer lauter! Sie erhoben sich wie eine Flutwelle, die im Begriff ist, ihre Umgebung in nächster Minute zu überschwemmen. Und so sollte es auch sein. Immer mehr Kinder strömten ins Spielparadies. Ihr Lachen wuchs mit ihrer Begeisterung, immer stärker schwoll der Lärmpegel an, als ob sie damit endlich gegen die jahrelange Unterdrückung ihres Spieltriebes protestieren wollten. Und dann - plötzlich barst der Bretterzaun, der den Spielplatz eingefaßt hatte nach allen Seiten weg, das große Verbotsschild zersplitterte, und das Gejohle der Kinder ergoß sich in ungebändigter Intensität über die gesamte Stadt . . . Erschrockene, erstarrte, wütende und verständnislose Gesichter tauchten von überall her auf- die Erwachsenen! Aber sie wurden von dieser Welle kindlicher Freude, voller Lebensfreude hilflos überrollt. Die alten, unterdrückten Sehnsüchte und Kindheitserinnerungen entbrannten ihnen heftig in der Seele, sie vergaßen Zeit und Raum und stürzten sich, wieder Kinder werdend, ins Spielparadies. Die ganze Stadt schien zu erblühen - sie lebte auf! Die Hektik ruhte, und mit dem Spiel und seiner Gemeinschaft kamen auch Freundlichkeit und menschliches Verhalten in die Beziehungen der Menschen zurück. Kein böses Wort, kein Schimpfen war zu hören, keine Eile zu spüren. Die Zeit stand still, während sich das Rad der Zeit für einige insgeheim stetig zurückzudrehen schien. Ich war zufrieden. "Die brauchen mich nicht mehr. Ich glaube, ich kann mich wieder auf die Reise begeben." Gemächlich kletterte ich von meinem Beobachtungsposten herunter und ging auf eine Gruppe Erwachsener zu, die Ball spielten. "Entschuldigen Sie vielmals, könnten Sie mir bitte sagen, wieviel Uhr es ist?" "Aber sicher. Es ist kurz nach 16 Uhr. Der Feierabend fängt an. Endlich mal Erholung und Entspannung!" Das wollte ich hören. Hier wurde ich nicht mehr benötigt. Ich blickte auf meine Rubinkette-und tatsächlich- der erste Stein blinkte. "Nun gut, also los. Auf zu neuen Taten, ich kann`s ja kaum erwarten . . . " Ich setzte mich auf die Schaukel und begann, mich hochzupuschen. Als es soweit war, sprang ich ab. Weißrote Nebel umhüllten mich. Ich war wieder auf der Reise. PLATSCH!!! "Hey, was soll das denn. Och, Mensch!" Ich fand mich in einem Bach wieder. "Amero, wenn Du mich jetzt hörst: Das nächste mal bitte eine trockenere Landung! Sowas! Total naß, so `ne Gemeinheit!" Ich tapste zum Ufer und ließ mich ins Gras fallen, in der Hoffnung, daß die Sonnenstrahlen meine Kleidung etwas trocknen würden. Während ich so dalag, dachte ich über das erste Erlebnis meiner Reise nach. "Tja, Liebe, das heißt Zeit füreinander haben, um sich miteinander beschäftigen zu können. Liebe, das heißt aber genausogut im Herzen Kind zu sein und zu bleiben. Ich bin mal gespannt, wie viele verschiedene Seiten von "Liebe" ich kennenlernen werde." Nachdem ich mich mit ein paar Äpfeln gestärkt hatte, ging ich am Ufer entlang bachaufwärts. Kurz darauf kam ich zu einem Dorf. "Ein schöner Ort! So friedlich und still! Hier könnte man glatt mal Ferien machen." Ich schlenderte weiter durch die Straßen. Irgendwie kam ich mir vor wie in einer anderen Zeit. Und tatsächlich: Nirgends gab`s Autos, Stromleitungen oder ähnliches. Idylle pur! Doch was war das? Aus einem Haus neben mir drangen die wüstesten Beschimpfungen , lauter kleine Nettigkeiten, die sich da ein Mann und eine Frau in ziemlicher Lautstärke gegenseitig an den Kopf schmissen: Er :" Du bist wirklich einzigartig! So `ne dumme Pute wie Dich, gibt`s wirklich kein zweites Mal. Wie konnte ich nur auf so was reinfallen!" Sie:"Daß ich mich überhaupt noch mit Dir abgebe! Ich hätte auf meine Mutter hören sollen, die hat mich schon immer vor Dir gewarnt." Er :"So? Sie hat Dich also vor dem ihrer Meinung nach perfekten Schwiegersohn gewarnt?" Sie:"Ja, genau. Das war doch nur um des Familienfriedens willen. Aber Du eitler Pfau merkst so was ja nicht. "Paß` auf, Irmel", so sagte meine Mutter zu mir," der Gordi ist ein versoffener Frauenheld. Überleg`s Dir nochmal. Du machst Dich unglücklich!" Ach, hätte ich nur auf Mama gehört." Er :"Das stimmt nicht! Du warst doch wie der Teufel hinter mir her. Ich hätte so eine wie Dich alleine nie bemerkt. Für wie blöd hälst Du mich eigentlich . . . " Und soweiter und sofort. Es tat mir innerlich weh zu hören, wie sich da zwei Menschen gegenseitig und absichtlich die größten Wunden in die Seele rissen. "Ich gehe, mir reicht`s. Ich hab` genug von Dir und Deinen Hirngespinsten!" KRACH!!!! Und die Haustür fiel ins Schloß. Nun war Stille, aber es war eine beklemmende Atmosphäre. Schließlich begann die Frau im Haus zu schluchzen. "Der soll sich hier bloß nicht mehr sehen lassen. Ich komme auch sehr gut ohne diesen aufgeblasenen Wichtigtuer zurecht . . . " Wieder erstickte die Stimme in Tränen. Ich stand hilflos da. Hier war guter Rat teuer. "Hast Du schon einen Plan?" fragte mich eine Stimme . Amero saß auf dem Baum über mir. "Nein, leider nicht. Ich kann mich da doch auch nicht so einfach einmischen. Ich weiß ja nicht einmal, worum es geht." "Das ist auch nebensächlich. Du mußt eingreifen. Laß Dir was einfallen!" "He, Amero! Gib mir wenigstens einen kleinen Tip. Amero! . . . Amero! " Doch er war schon wieder verschwunden. "Witzbold! "Laß Dir was einfallen!" hat er gesagt. Tja, dann gehe ich einfach mal in die Offensive. Amero, wenn Du mich hörst, dann verwandle mich mal ganz schnell in die Person, mit der die Frau jetzt gerne reden würde." PLOPP!!!! Ich schaute an mir herunter, betastete das starre Kleid mit Schürze, zog das Kopftuch enger über den Kopf mitden grauen Haaren. "Aha, ich bin jetzt also ihre Mutter, oder?" "Richtig! Sieht gar nicht mal übel aus!" "Amero! Keine Anzüglichkeiten bitte." "Nun gut. Dein Problem ist nur: Du bist vor zwei Jahren gestorben. Das mußt Du bedenken!" "Oh! Dann laß mich als Erscheinung auftreten!" "Das ist nicht Dein Ernst! Die arme Frau bekommt doch den Schreck ihres Lebens." PLOPP!!!!!! Ich stand wieder in meiner heißgeliebten roten Tracht. "Tja, dann muß es anders gehen. . . Schwer! . . .Moment! Laß mich als ihre innere Stimme mit ihr in Verbindung treten." "Ja, das könnte gehen- . . . - So, nun bist Du für sie unsichtbar, und sie wird alles, was Du sagst als Stimme ihres Gewissens auffassen." "Na, dann mal los!" Ich kletterte durch das geöffnete Fenster und befand mich schließlich in der Wohnstube. Die Frau schluchzte noch immer, wimmernd,das Gesicht in den Händen verborgen. "Ich hätte es wissen müssen", brabbelte sie leise vor sich hin. "Es mußte ja so kommen. Er hat mich nie geliebt. Immer ist er so grob. Ein Egoist! Nur er, er! Alles dreht sich um ihn. Ich existiere doch gar nicht mehr für ihn. Wenn ich mal ausnahmsweise einen Wunsch habe:"Nein, das geht nicht. Wir müssen sparen. Denk doch an unsere Pläne. Nein keine Zeit. Heute abend muß ich mich mit Herrn Blauer treffen. Er hat noch einige gute Ratschläge!" Jaja, diese Besprechungen kenne ich: Feuchtfröhlich im "Dorfkrug", womöglich hat sich da diese Schnepfe von Berta wieder an ihn rangemacht. Und außerdem . . . " "Und außerdem solltest Du Dich jetzt mal beruhigen", fiel ich ihr besänftigend ins Wort. Tatsächlich! Die Frau hob ihr Gesicht, wischte die letzten Tränen von der Wange und bemühte sich, gefaßt zu sein. "Jetzt sei mal ehrlich: Wenn das alles stimmt, was Du da erzählst, warum hast Du dieses Ungeheuer dann überhaupt geheiratet?" "Weil ich ihn liebte. Nein, ich liebe ihn immernoch. Aber . . ." "Kein aber! Nun versuche mal, Deine Enttäuschung über den Streit runterzuschlucken und klar zu überlegen, ob das wirklich alles so ist, wie Du meinst." "Er ist ein Egoist! Ein Lügner! Ein Faulpelz! Während ich mich hier in dieser Bruchbude abschufte, für ihn Putzfrau, Köchin und Sklavin spiele, da läuft er draußen rum, den ganzen Tag. Er betrügt mich bestimmt, ja genau, da bin ich mir sicher. Und zwischendurch säuft er sich einen an, im "Dorfkrug", ja genau da . . . " "Du sollst Dich beruhigen! "Heu-wä-gel-chen" so, jetzt geht`s wieder. Puh! Würde er sowas wirklich tun? Kannst Du ihm wirklich nicht mehr vertrauen?" "Er war mal so, daß ich mich in ihn verliebte. Meine Güte, hat er sich so verändert?" "Setz` Dich wieder! Gut! Jetzt tief durchatmen . . . nimm Dir etwas zu schreiben. Schreib` mal einen Brief über Deinen Mann. Schreib Dir alles von der Seele!" Und tatsächlich. Es wurde mir direkt unheimlich, welchen Einfluß ich auf die ahnungslose Frau ausübte. Erst schrieb sie sehr hastig, als könne sie dem Papier nicht schnell genug von den Greueltaten berichten, doch allmählich wurde sie immer zögerlicher. Schließlich legte sie den Stift zur Seite. Langsam nahm sie das Blatt und las aufmerksam durch, was sie soeben geschrieben hatte. "Nein. . . nein. . . , das ist nicht mein Mann. Er hat doch auch gute Seiten. Ich habe hier nur die schlechten aufgelistet.- Ach, ich bin keines klaren Gedankens mehr mächtig!" Die Frau hatte sich ihre ganze Wut von der Seele geschrieben. Erst jetzt war sie fähig, ihr Verhältnis zur Person ihres Mannes objektiv zu betrachten. Genau darauf hatte ich spekuliert. "So schlecht ist er nicht. Er wollte mir immer den Traum eines eigenen Hauses erfüllen. Es war mein Wunsch! Ständig ist er deshalb unterwegs. Tagsüber arbeitet er, spart jeden Pfennig, und abends trifft er sich mit Bekannten und Freunden, um sich beraten zu lassen. Alles wegen mir. Jetzt sehe ich das erst ein! Klar, daß er dann auch mal gereizt ist. Und was mach` ich? Nehme einen Tonfall, der mir nicht in den Kram paßt gleich persönlich und mache ihm eine Szene. -Er würde mich auch nie betrügen, dafür liebt er mich zu sehr. Mutter hatte da `ne Nase für, deshalb war sie ja so froh, als Gordi um meine Hand anhielt. Tjaja, er ist sogar ein kleiner Kavalier mit guten Manieren, mein Schatz! Ach ja, erst letzten Sonntag hab` ich einen Strauß Kornblumen von ihm bekommen. "Weil die so blau sind, wie Deine wunderschönen Augen!" hat er gesagt. Aber warum hängt er so oft in der Kneipe und duzt die Wirtin, nennt sie beim Vornamen. . . egal, er hat es nicht verdient, daß ich ihn so anschreie. Im Gegenteil, ich sollte ihm helfen. Immerhin soll es unser Haus werden!" Mit diesen Worten stand sie auf, legte sich ihren Schal um und verließ das Haus. Sofort rannte ich zum Fenster, kletterte nach draußen und folgte ihr. Kurz vor dem "Dorfkrug" holte ich sie ein. Zögernd betrat sie die Gaststube. Doch da saß ihr Mann nicht; nicht bei den Kartenspielern, nicht bei den Trunkenbolden, es war auch nicht der, der sich gerade erdreistete, der Wirtin Berta auf den Allerwertesten zu klatschen. Nein, sie sah ihn, in einer weißen Schürze hinter der Theke stehen, mit hochgekrempelten Ärmeln Gläser spülen. Sie stürzte auf ihn zu. "Schatz, es tut mir so leid. Ich weiß nicht, was mit mir los war. Kannst Du mir verzeihen? Was machst Du denn hier? Wieso spülst Du? Ich verstehe das nicht. Oh, Schatz, es tut mir so leid!" Während die Worte nur so aus ihr raussprudelten, hatte Gordi sie einfach in den Arm genommen. Er lächelte. "Ich muß mich auch entschuldigen, mein Liebling. Ich habe eben auch einiges gesagt, was ich nie mehr wiederholen werde. Aber ich war einfach so enttäuscht! Ich bemühe mich seit Monaten um günstige Angebote für unser Grundstück, versuche soviel Geld wie möglich ranzuschaffen. Und da war Berta so nett, mir diesen Zusatzjob anzubieten. Tja, und dann wirfst Du mir vor, daß ich Dich vernachlässige, nichts für Dich tue, Dich sogar betrüge. Da bin ich ausgerastet! Verzeih mir!" "Warum hast Du mir nicht alles erzählt? Ich kann doch auch mithelfen?!" "Es sollte doch quasi eine Überraschung werden." "Von nun an machen wir wirklich alles zusammen. Versprich mir das, Liebling. Dann kommen solche Mißverständnisse gar nicht erst auf." Und weil er sie eh gerade im Arm hatte, nutzte Gordi die Gelegenheit, seine Irmel ganz fest an sich zu ziehen und ihr als zustimmende Antwort einen dicken Kuß auf den Mund zu drücken. Die ganze Zeit während meines unsichtbaren Daseins fühlte ich weder Kälte noch Hitze, doch nun bemerkte ich, wie mir in dem stickigen Kneipenraum ziemlich heiß wurde. Ich begann, wieder sichtbar zu werden. Gerade noch rechtzeitig gelangte ich ins Freie, wo es mittlerweile dunkel war. "Uff, was hätten die da drin einen Schreck gekriegt, wenn ich auf einmal wieder sichtbar geworden wäre." Aber ein Grinsen über diese Situation konnte ich mir nicht verkneifen. Der zweite Rubin meiner Kette blinkte. Aha! Das wäre also erledigt. Wie komme ich jetzt hier weg? Der Rubin sandte einen Strahl in Richtung des Baumes, auf dem Amero vor einiger Zeit gesessen hatte. Kurzentschlossen kletterte ich auf den Baum, immer höher und höher bis mich schließlich nur noch das Schwarz der Nacht umgab - ich ließ mich los. . . Wie war das jetzt? Liebe bedeutet also auch Vertrauen. Eifersucht hat da nichts verloren. Das beinhaltet trotzallem aber auch, daß man keine Geheimnisse voreinander hat. Mmh! Natürlich gilt das hauptsächlich für Zweierbeziehungen, aber meiner Meinung nach sollte das ein Grundpfeiler jeder Art menschlichen Zusammenlebens sein. Tjaja, Vertrauen! Wer in dieser korrupten Welt möchte sich schon gerne auf so etwas Unerzwingbares und vor allem Unkäufliches verlassen. Das Vertrauen der heutigen Welt heißt doch Erpressung: Tust Du mir nix, tu ich Dir nix! So kann`s gehen. Je länger ich darüber nachdenke, desto wütender werde ich . Und wie zur Bestätigung schlug ich mit der Faust neben mich. Ein dumpfes Geräusch war die Antwort. Ich öffnete die Augen. "Wo, um Himmels willen, bin ich denn jetzt gelandet?" Ich richtete mich auf. Das gibt`s doch nicht! "Hat der mich wirklich . . . ist der von Sinnen? Ich will hier raus, sofort. . . das ist nicht zu fassen. . . " Kein Zweifel möglich, ich saß in einem geöffneten Sarg! Für so geschmacklos hätte ich Amero nicht gehalten. Aber er hatte sich wenigstens meinen Wunsch nach einer trockenen Landung zu Herzen genommen. Schnell kletterte ich aus meiner "Kiste". Das Gefühl, in einem Sarg gelegen zu haben, ließ mich schwer schlucken. "Ah, schon da. Ich hätte Dich etwas später erwartet." Amero stand neben mir und schaute mich freundlich an. Seine Augen funkelten. Das muß so`ne Art Hypnose sein, die es mir verwehrt, auf ihn böse zu sein, sobald ich nur in seine Augen blicke, dachte ich bei mir, während meine Wut über das Entsetzen, was er mir zugemutet hatte, schnell verflog. Ich räusperte mich. "Es ist mir nicht sonderlich angenehm, hier zu sein. Ich wüßte gerne, was ich hier soll." "Warum habt ihr nur soviel Scheu vor allem, was Euch irgendwie an den Tod erinnert?" "Ach, komm, laß uns bitte gehen. Ich will hier raus. Es ist mir zu unheimlich." Doch Ameros Frage ging mir nicht aus dem Kopf. "Ich mag den Tod nicht. Er ist so unwiederrufbar, so endgültig. Wenn ich einen Sarg sehe, dann muß ich an die Leute denken, die an der Beerdigung teilnehmen: Verwandte, Freunde; vielleicht die junge Frau, die zusehen muß, wie ihre Zukunft begraben wird. Oder der alte Mann, der seine letzten Lebensjahre plötzlich allein verbringen soll. Diese Schicksale betrüben mich. Sie tun mir leid. Und ich tue mir leid, weil ich ihnen nicht helfen kann." Gedankenversunken setzte ich mich auf eine Steinstufe. Amero sah mich an:" Ich verstehe Dich. Kannst Du Dir denken, was Du hier sollst?" Ich blickte auf. "Ehrlich gesagt, nein." "Auch Trauer hat etwas mit Liebe zu tun, wenn sie auch leider oft vom Egoismus, der Angst um die eigene Existenz vertrieben wird. Ich mache Euch daraus keinen Vorwurf. Ich stelle nur fest." "Amero. Trauer ist doch Liebe. Jemanden durch den Tod zu verlieren ist genauso schlimm, wie verlassen zu werden. In beiden Fällen trauere ich, weil die Person, der meine Liebe galt, und , die mich geliebt hat, unerreichbar geworden ist!" " Liebe heißt auch noch etwas anderes: Liebe, das ist die Dankbarkeit, eine schöne Zeit gehabt zu haben; das ist die Gewißheit, mit einer geliebten Person unwiederbringliche Stunden verbracht zu haben, die Dir nie mehr genommen werden können. Liebe, das heißt auch Abschied nehmen können. Und die Liebe ist es, die Dir diesen Abschied durch den Schmerz bewußt werden läßt. Doch die Liebe selbst ist es auch, die Dir das einzige Mittel gegen diesen Schmerz bereitstellt: nämlich die Erinnerung!" "Das hast Du schön gesagt, Amero! Du läßt den Schmerz zu, weil Du weißt, daß sich die Wunden bald schließen werden. Damit gewinnst Du der Trauer sogar eine positive Seite ab!" Amero nickte. BLINK!!!! Der dritte Rubin strahlte. "Das ging aber relativ schnell", dachte ich bei mir. Diese Worte werde ich nicht so schnell vergessen können. Dankbar blickte ich zu ihm hinüber. Lautlos verschwand er, doch ich hörte noch seine Stimme:"Läute die Glocke!"- Nett von ihm, mir dieses Mal zu sagen, wie ich hier wegkomme. Vielleicht wollte er mich damit für mein Sargabenteuer entschädigen. Ich stand also auf, um die Glocke zu suchen, die sich vor dieser Kapelle in einem kleinen Turm befand. Das Läuten begann. Immerwieder zog ich an dem dicken Seil, um den Klang jedesmal ein bißchen länger zu verewigen. Bei jedem Zug wurde ich eine gewisse Höhe hinaufgezogen, bis ich mich schließlich wieder von Nebeln umwallt sah. Ich konnte mich loslassen, die Reise begann. "Diese Reisen sind ein Erlebnis. Kaum, daß ich mich wieder loslasse und ganz den Elementen um mich herum anvertraue, schon sinke ich in einen schlafähnlichen Zustand, aus dem ich dann, an meinem neuen Ziel angekommen, geweckt werde. Wieso eigentlich? Wie ist das möglich? Keine Ahnung! Allmählich glaube ich, daß ich dafür wohl nie eine intellektuell nachvollziehbare Erklärung finden werde. Was wundert`s mich? Ich bin hier schließlich in der Welt der Gefühle, des Instinkts und der Intuition. Hier haben Wunder eine Existenzberechtigung!!" Tja, ich philosophierte so vor mich hin und merkte zuerst gar nicht, daß ich mich wieder in wachem Zustand befand. Ich schaute mich um. Die Sonne schien mir ins Gesicht. In der Nähe erblickte ich ein großes, wunderschön gebautes Landhaus mit Balkonen, Säulen und einer weitgeschwungenen, marmornen Freitreppe. Die Hausfassade war von grünem Efeu umwuchert, was sich sehr nett gegen die weiße Hauswandfarbe abhob. Es hatte den Anschein, daß dies die Rückseite des Hauses war, ich mich also folglich im Garten befinden mußte. Nun sah ich mich genauer um. Direkt vor mir plätscherte ein munterer Wasserfall in einen kleinen Teich, der von einer zierlichen Holzbrücke überspannt wurde. Das Wasser sprudelte etwas weiter oberhalb von mir aus einem Felsblock heraus, bevor es sich etwa zwei Meter tief in den Teich stürzte. Alles war von Sträuchern und Blumen, vor allem Rosensträuchern in sämtlichen Formen, Farben und Arten umwachsen. Wunderschön! Ich schritt langsam über die Brücke. Auf der anderen Seite erwartete mich ein weißer Kieselweg, der sich in sanften Kurven bis hoch zum Haus schlängelte, quer durch den schönsten Garten, den ich bisher gesehen hatte. Fast so schön wie das Paradies! Überall waren Blumen oder blühende Bäume. Mit Verwunderung erkannte ich, daß es Magnolienbäume waren, die dort nicht nur in dem mir bekannten Dunkelrosa, sondern auch in einem herrlichen Himmelblau und einem nicht weniger reizendem Violett blühten. Einfach fantastisch! Vom Hauptkieselweg zweigten desöfteren kleinere Pfade ab, an deren Enden jedesmal eine neue Verzückung auf mich wartete. So führte der eine nach längerer Strecke zu einer Grotte, deren Kühle während der heißen Sommermonate sicher nicht zu verachten ist. Ein anderer Pfad mündete nach irrwegartigen Verzweigungen in eine von Nadelbäumen und Gestrüpp umgebene Lichtung. Wieder ein anderer wandte sich wie eine Schnecke im Kreis, in deren Mitte ein kleiner, ganz goldener (und goldiger! Anmerkung des Verfassers!) Springbrunnen stand. Schließlich kam ich an einem reichverzierten Gartenhaus vorbei, ganz im Stile eines antiken Tempels gebaut. Es war nach allen Seiten hin offen. Ein kleiner Tisch, ein Sofa und zwei Sessel standen darin. Urgemütlich! Doch mehr als dieser reizende Aufenthaltsort zog eine Erscheinung daneben mein Augenmerk auf sich. Dort wuchs eine Pflanze, wie ich sie noch nie vorher gesehen hatte. Dort wuchs eine Blume, deren Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich war. Sie war groß, hatte sanft gezackte, tiefgrüne, mit einer türkisfarbenden Maserung überzogene Blätter, die sich mit unglaublicher Grazie um den Stengel legten, daß man ein Ballett vor sich zu sehen meinte, wenn der Wind leise vorbeiwehte. Doch das Atemberaubenste war die Blüte selbst! So majestätisch, voller Stolz thronte sie über ihren Blättern, und doch irgendwie mitten unter ihnen. . . ich kann das kaum beschreiben. . . Was von dieser Pflanze ausging, diese Atmosphäre, sie war nicht in Worte zu fassen! Mir wurde warm ums Herz. "Da sind Sie ja endlich. Die Herrschaften erwarten Sie schon." Ich schreckte auf. Ein Mann in Livree stand neben mir. "Wie ich sehe, haben Sie sich schon etwas umgeschaut." Und schmunzelnd fügte er hinzu:"Die Pflanze gefällt Ihnen?" "Oja!!! Ich habe dergleichen nie zuvor gesehen. Auch solche Farben nicht. Es scheint, als habe sie sie sich beim Regenbogen geborgt. Wie heißt sie?" "Sie wird "Liebe" genannt. Die Frau Gräfin kam auf diese Idee. Ein entfernter Bekannter hatte sie ihr und dem Herrn Graf zur Hochzeit geschenkt. Das ist nun fast zehn Jahre her. Kommen Sie. Die Herrschaften erwarten Sie!" Ich werde erwartet? Ach, Du meine Güte! Jetzt bin ich aber mal gespannt. So dachte ich bei mir, als ich dem livrierten Herrn, der sich als Otium, Hausdiener des Grafenpaares vorgestellt hatte, folgte. "Wo haben Sie denn diesen Namen her?" fragte ich verdutzt. "Den habe ich ebenfalls von der Frau Gräfin bekommen: Ich sei für das Haus die Muße in Person, meint sie.- Da sind wir! Warten Sie hier. Ich werde die Herrschaften unterrichten!" Mit diesen Worten klopfte er an die Terrassentür, trat ein und sagte:" Frau Gräfin, die erbetene Vertretung für den Gärtner ist eingetroffen." "Ahja, danke, Otium, ich lasse bitten." Otium drehte sich zu mir um. "Treten Sie ein!" Eine Frau mittleren Alters mit freundlichen Augen stand mir gegenüber. Sie trug ein blaues Samtkleid mit weiter Schärpe, dazu weißen Brillantschmuck. Alles in allem eine beeindruckende Erscheinung. "Sehr nett von Ihnen, daß Sie so schnell gekommen sind. Unser langjähriger Gärtner Floris hat uns leider für einige Zeit verlassen müssen. Wir besitzen eine überaus seltene Pflanze, die jeden Tag besonderer Pflege bedarf. Der Rest des Anwesens kann auch von den Hilfskräften versorgt werden, "Liebe" jedoch braucht Ihre ganze Zuneigung." ""Liebe"? Die Pflanze am Tempel?" "Ja, genau diese. Sie ist das einzige Exemplar ihrer Art. Ich habe sie so benannt, weil sie ein Hochzeitsgeschenk für uns war. Finden Sie das nicht auch sehr passend?" "Jawohl, Frau Gräfin." "Nun gut. Alles weitere wird Ihnen Otium erklären." Auf das Läuten eines kleinen Glöckchens erschien der Diener. "Sie wünschen, Madame?" "Otium, seien Sie so nett, und zeigen Sie unserem neuen Hausmitglied seine Bleibe. Würden Sie es auch bitte mit seinen Pflichten und Aufgaben vertraut machen? Ich muß mich jetzt leider zurückziehen. Mein Mann kommt immer Punkt 16 Uhr zum Kaffee." "Natürlich, Frau Gräfin." "Habe die Ehre, Frau Gräfin." Otium führte mich in den hinteren Teil des Hauses, wo er mir ein zwar nahe der Küche gelegenes, aber sehr sauberes und gemütliches Zimmer zuwies. Unterdessen erläuterte er mir meine Aufgaben, die wirklich nur darin bestanden, auf die "Liebe" aufzupassen, sie täglich zu gießen und die Blätter vom Staub zu reinigen. Den Rest des Tages könne ich mich nach Belieben in Haus und Garten als Gast aufhalten. Damit war ich mehr als zufrieden. Bereits am nächsten Morgen stattete ich "Liebe" einen erneuten Besuch ab. Dieses Mal wollte ich sie genauer betrachten. Voller Ehrfurcht näherte ich mich der Pflanze. Doch welches Entsetzen packte mich, als ich viele der Blätter welk und schlaff herunterhängen sah, während die anderen munter wie immer ihren Tanz im Wind fortführten. Das war mir gestern nicht aufgefallen! War die Pflanze vielleicht krank und ich wußte nichts davon? Ich suchte Otium, um ihn zu fragen. Ich fand ihn im Salon, wo er gerade alte Bilder abstaubte. "Das ist uns auch schon aufgefallen.Es fing vor ungefähr acht Jahren an. Zwischendurch erholte sie sich wieder, und als ich Sie gestern bei der Pflanze traf, schien sie mir fast genesen zu sein. Doch welch herber Rückschlag, von dem Sie da erzählen. Ich muß der Gräfin Meldung machen." Ich kehrte zur Blume zurück. Das Ganze war mir ein Rätsel. Es mußte doch irgendwie, irgendwo eine neue Aufgabe für mich versteckt sein. Aber die bestand bestimmt nicht darin, eine Blume zu gießen! Noch dazu eine, die "Liebe" heißt! Hoppla! "Liebe", das gehört doch mit zu meinem Aufgabenbereich. Jetzt wird mir auch klar, warum die Pflanze gestern noch gesund strahlte, als ich bei ihr war: Sie hatte mich als Gleichgesinnten erkannt. Zwar nur ein kurzes Aufbäumen, aber immerhin. . . so mußte es sein. Naja, wenigstens scheint das geklärt. Doch was ist meine Aufgabe? Ich soll auf die "Liebe" aufpassen. Klingt ja lustig!. . . Halt! "Ich soll auf die "Liebe" aufpassen." Auf wessen Liebe denn?. . . Natürlich. Auf die Liebe des Grafenpaares. Ich soll auf ihre Pflanze, ihre "Liebe" aufpassen! Mann, hatte ich `ne lange Leitung. Bei dem werten Grafenpaar scheint irgendwas im Argen zu sein. Wahrscheinlich soll ich da eingreifen. Während ich so vor mich hindachte, wusch ich sanft den Staub von ihren Blättern. Ein weiteres Blatt welkte. . . Die Wochen vergingen, ich tat meine Arbeit. Doch so sehr ich mich bemühte, einen Teil meiner "Liebes-Energie", die ich mir, wie ich meinte in meinen ersten drei Abenteuern angeeignet hatte, auf die Pflanze zu übertragen, es gelang mir nicht. Mittlerweile waren alle unteren Blätter welk. Allmählich mußte etwas geschehen, das spürte ich. Wenn ich nur wüßte, was?? Als ich mal wieder bei "Liebe" saß, wollte ich Amero um Rat fragen. "Amero! Amero! Du mußt mir jetzt helfen. Die Zeit wird knapp, das spüre ich, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Amero, hilf mir!" Ich schaute mich um. Nirgendwo konnte ich ihn entdecken. "Hey, das ist nicht fair! Ich brauche wirklich Deine Hilfe!" "Soso, meinst Du! Dabei bist Du so dicht dran!" Ich atmete auf. "Amero, gut das Du da bist!" "Eigentlich unnötig. Ich dachte, wo ich Dir doch das letzte Mal die ganze Arbeit abgenommen hatte, könntest Du nun alleine klarkommen." "Ich komme wirklich nicht weiter! Ich pflege "Liebe" jeden Tag und kann doch nur hilflos zusehen, wie sie zugrundegeht." "Das gibt`s doch nicht! Da sagst Du so was und merkst nicht einmal, daß Du Dir eigentlich schon selbst die Antwort gegeben hast. Laß` mal die biologische Pflanze aus dem Spiel. Also: Worum geht`s?" "Um "Liebe"." "Genau, um "Liebe". Und weiter?" "Es ist die Liebe zweier Menschen, dem Graf und der Gräfin." "Ja, genau. Was ist damit?" "Die "Liebe" droht zu sterben. . . obwohl ich sie pflege", erwiderte ich traurig. Amero sah mich erwartungsvoll an. "Sie stirbt, trotz meiner Pflege. Warum?" "Du bist nahe dran, denk` weiter!" . . . ?????. . . ". . . Es ist die falsche Pflege! Ja, genau. Es ist ja eigentlich nicht meine Liebe, deshalb kann ihr meine Pflege nicht viel helfen. Es ist die Liebe des Grafenpaares. Von ihnen will und muß sie gepflegt werden!" "Na, endlich. Ich dachte, Du kommst nie drauf." "Jetzt sag` bloß, daß diese Pflanze hier - ja, genau die, neben der wir stehen- daß das die Reinkarnation der gräflichen Liebe sein soll?" Amero lächelte. "Nun ja, so ähnlich. Sie zeigt an, was man sonst nicht sehen könnte. Nämlich, wie es um die Liebe des Ehepaares bestellt ist." "Was ist denn los mit dem Graf und der Gräfin?" "Das hast Du doch schon gesagt: Sie pflegen ihre Liebe nicht." "Ja, und?" "Nein, nein. Diesmal darfst Du ganz allein draufkommen, worum es geht. Weißt Du noch, was ich Dir zu Beginn im Roten Haus sagte?" "Ich soll meinem Gefühl folgen!" "Dann tu das." Ich brauchte gar nicht hinzuschauen. Ich spürte, daß mich Amero wieder verlassen hatte. Wenigstens dabei konnte ich meinem Gefühl trauen. "Nur noch eins: Gib mir die Gabe, unsichtbar zu werden, aber nur, wenn ich es benötige!" Die Rubine glänzten. Verblüfft schaute ich sie an. "Schade, noch kein neuer dazu gekommen." Zärtlich lächelnd streichelte ich über die Steine. Ich sah Otium kommen. Er schien mich zu suchen. "Hallo, wo sind Sie? Hallo?" Otium sah mir direkt in die Augen, doch er bemerkte mich nicht. Fast wäre er durch mich hindurchgerannt. Kein Zweifel, ich war unsichtbar. Als Otium außer Sichtweite war, berührte ich wieder meine Rubine, die daraufhin sofort zu glänzen aufhörten. "Aha, theoretisch müßte ich jetzt wieder sichtbar sein." Otium kam zurück. "Ach, da sind Sie ja. Die Frau Gräfin läßt fragen, ob Sie mit den Herrschaften zu Abend speisen möchten. Bei dieser Gelegenheit sollen Sie ihr von der Blume berichten." "Oh, sehr schmeichelhaft. Seien Sie doch so nett und teilen Sie der Gräfin meine Zusage mit." Otium musterte die Pflanze. "Es ist erbarmungswürdig, diese Schönheit sterben zu sehen. Seltsam, er ist so schleichend, dieser Verfall, finden Sie nicht? Jede andere Pflanze, die ich kenne würde sich nicht so viel Mühe beim Sterben geben. Aber diese . . . es scheint, sie will damit auf sich aufmerksam machen. Sie mögen mich jetzt für einen Verrückten halten, aber ich möchte Ihnen trotzdem von einer Beobachtung meinerseits berichten: Die Herrschaften sind seit nunmehr zehn Jahren verheiratet und solange lebt auch diese Götterblume hier. In den ersten drei Jahren kam die gnädige Frau noch jeden Tag selbst hierher, um sich um die Blume zu kümmern. Sogar der Graf besuchte sie mindestens einmal am Tag. Häufig spazierten die Herrschaften abends zusammen zum Tempel und ihrer Blume, die übrigens prächtig gedieh und die gesamte Umgebung mit ihrer Schönheit verblüffte. Doch schon bald darauf wurde der Herr Graf in eine höhere Position erhoben, die ihm, wenngleich mehr Ansehen und Einfluß, so aber auch mehr Arbeit bescherte. Der gnädigen Frau oblag nun vollständig die Hausverwaltung. Das Ehepaar hat einen geregelten Tagesablauf, viele Pflichten, auch gesellschaftlicher Art wollen erfüllt sein. Oft geht es recht hektisch bei uns zu. Und weder der Graf noch seine Frau finden die Muße, sich im Garten zu erholen. Obwohl er doch so wunderschön ist! Vielleicht hat die werte Frau mich deshalb Otium genannt, weil ich für sie die einzige Verbindung zu ihrem sonstigen Goldstück bin. Denn früher war die gnädige Frau fast ständig im Garten. Sie liebte es, ihn zu gestalten, sozusagen mit jedem neuen Strauch die Zukunft zu planen. Damals pflegte sie vor allem die "Liebe". Nun ja, es war auch alles sehr neu und aufregend für sie. Vielleicht hat sich das Interesse und die Freude an allem Neuen inzwischen gelegt. Irgendwann macht sich der Alltag wohl überall breit!" Der Alltag! Natürlich! Das war der Grund für den ganzen Mißstand. "Otium, Sie wissen gar nicht, wie recht Sie haben." "Naja, und seit dieser Zeit ungefähr, also, ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich möchte sagen, daß die Pflanze, seit sich die gnädigen Herrschaften nicht mehr kümmern, langsam dahinsiecht." Jetzt wollte ich es doch genau wissen. "Wie kommen Sie denn darauf, Otium?" "Nun, halten Sie mich bitte nicht für verrückt, aber als die Pflanze zum ersten Mal diese Verwelkung zeigte, da war der Graf beruflich sehr viel unterwegs. Frau Gräfin vermißte ihn sehr und war so betrübt darüber, daß der Herr Graf wochenlang nicht geschrieben hatte, daß sie sogar in Erwägung zog, zu denken, der Herr Graf habe sie vergessen! In dieser Zeit liegt der Beginn der Krankheit von "Liebe". Frau Gräfin war lange schon nicht mehr bei ihr gewesen, vor lauter Trübsal. Doch als ihr von dem sonderbaren Geschehnis an der Pflanze berichtet wurde, lief sie sogleich hinunter zum Tempel. Ob Sie`s glauben oder nicht, die Anwesenheit der Frau Gräfin tat der Blume gut. Sie schien wirklich aufzuleben. Und genau in diesem Moment kam der junge Herr unerwartet von seiner Reise zurück, vorzeitig, weil er seiner Frau zu Hause gedacht hatte." "Ist ja interesant. Und was geschah dann?" "Nun, eine Zeitlang blühte die Pflanze wie eh und je. Tja, und die Herrschaften schienen ihre zweiten Flitterwochen zu verleben, ganz so, wie zu Beginn besuchten sie gemeinsam ihre Pflanze, spazierten durch den Garten. Doch bald war auch diese Zeit der Muße vorbei. Und nun kam unwiderruflich der Alltag, der alles einnnimmt, unbemerkt alles einwebt, was ihm in die Quere kommt." "Ja, Otium, davor müssen wir alle uns hüten. Sagen Sie den Herrschaften, daß ich komme." "Sehr wohl. Es wird auf der Terrasse serviert. Seien Sie bitte pünktlich." Otium deutete eine Verbeugung an und ging auf dem Kieselweg zum Haus. Tja, jetzt hatte mir Otium tatsächlich die Augen geöffnet! Die Liebe war zu vertraut geworden, sie war einfach da, niemand fragte mehr warum. "Genauso ist es mit den Herrschaften. Sie fragt sich nicht mehr, warum ihr Mann da ist, es ist einfach so. Und für ihn ist es selbstverständlich, daß seine Frau zuhause auf ihn wartet. Sie sind sich zu sicher, daß man so schnell nicht aus dem Alltagstrott gerissen wird. Warum sollten sie sich denn Gedanken machen, wie sie ihre Liebe gestalten , wie sie sie beleben könnten?! Die Liebe ist zum Möbelstück, zum Inventar des Lebens geworden. Damit`s nicht verstaubt, dafür sorgt Otium, der die Herrschaften bei Tisch als Ehepaar bedient. In Wirklichkeit aber ist dieses Möbelstück zwar nett poliert, innen ist es jedoch leer. Es gibt nichts zum Aufbewahren ! Mannohmann, wo haben diese Leute ihr Gedächtnis? Ich kann`s nur wiederholen: Liebe muß gepflegt werden! Was spricht dagegen, daß ein Mann seine Frau auch nach zehn Jahren Ehe zu einem romantischen Dinner mit Kerzenlicht entführt oder sie mit einer verträumten Kahnfahrt bei Mondschein überrascht? Frauen wollen immer wieder neu erobert werden. Und was hält eigentlich eine Frau davon ab, ihren Mann abends einfach so in dem Kleid zu begrüßen, was er so an ihr liebt, auch wenn kein Ball ins Haus steht? Warum scheut sie sich nach einigen Ehejahren verliebt händchenhaltend durch die Stadt zu spazieren. Gibt es für die Liebe eine Altersgrenze? Auch der Mann liebt es, neu überrascht, betört und verwöhnt zu werden.-Das muß ich jetzt nur dem gräflichen Paar unterjubeln. Kurz darauf fand ich mich bei dem Grafenpaar ein. Hatte ich ihn eigentlich schon beschrieben? Der Herr Graf war eine seriöse, gepflegte Erscheinung, sehr gut gekleidet, ein wenig älter als seine Frau. Am meisten interessierten mich seine Augen. Und die waren, obwohl ihnen die Arbeit des Tages anzusehen war, leuchtend. Tief verborgen konnte man sogar noch Leidenschaft und Jugend flackern sehen. Doch das schien ihm selbst nicht bewußt zu sein. Waren sich beide nicht bewußt, denn die Gräfin deutete das Leuchten sogar als Fieber. Owei, soweit ist es schon!! "Nun erzählen Sie mir von der Pflanze. Ist der Verfall weiter fortgeschritten?" "Ich fürchte ja. Seit ich hier bin sind drei weitere Blätter gewelkt. Die Ursache ist mir unbegreiflich." "Tja, meine Liebe, lange wird es unser Pflänzchen scheinbar nicht mehr schaffen. Schade, sehr schade. Aber da kann man wohl nichts machen." "Wenn Du wüßtest, wovon Du redest", dachte ich etwas grimmig bei mir. "Ja, Du hast recht. Sie wird uns wahrscheinlich eingehen. Mir blutet das Herz dabei, es hängen doch so viele Erinnerungen an ihr." Hoppla, das hörte sich doch schon ganz gut an. "Welche Erinnerungen denn, gnädige Frau?" "Ich hatte Ihnen doch erzählt, daß die "Liebe" ein Hochzeitsgeschenk für uns war." "Ach ja, richtig. Entschuldigung, das hatte ich wohl vergessen." "Sie sind nicht verheiratet, oder? Sonst wüßten Sie, daß man ein so wichtiges Datum nicht vergißt." "Wie recht Sie haben, gnädige Frau!" Nur weiter so, vielleicht schafft sie es ja ganz ohne mein Zutun. "Weißt Du noch, ganz am Anfang sind wir immer zusammen zu unserer Pflanze gegangen. Das war wunderschön!" "Liebes, da waren wir noch jung, den Kopf voller Spielereien. Damals lebten wir doch nur von Luft und Liebe. Glücklicherweise haben wir beizeiten gemerkt, daß das nicht ewig so weitergehen kann!" Du Döskopp! Nicht in die Richtung. Hör doch einmal auf das, was Deine Frau sagt! "Ich glaube, wir langweilen Sie mit unserem kleinen Disput. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir morgen nochmals Bericht erstatten würden." Die Gräfin schaute mich lächelnd an. "Selbstverständlich. Herzlichen Dank für die Einladung. Wünsche wohl zu ruhen!" Ich stand auf, verbeugte mich leicht und verließ die Terasse. Kaum war ich außer Sichtweite, berührte ich meine Rubine, um unsichtbar zu werden. Leise schlich ich zurück. "Natürlich waren wir jung, Liebling. Jung und unbeschwert. Sehnst Du Dich nicht auch manchmal zurück?" "Doch, aber schau: Man muß in die Zukunft sehen. So ist nunmal das Leben." "Achja, da hast Du vielleicht recht." Sie sah ihn an. Ein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. "Aber eigentlich bist Du noch derselbe wie vor Jahren, als ich Dich kennenlernte. Deine Augen funkeln noch wie damals, als ich zum ersten Mal mit Dir getanzt habe." Verwundert schaute er sie an. Doch dann nahm er ihre Hand. "Du hast Dich auch kaum verändert. Etwas reifer bist Du geworden, aber Dein mädchenhaftes Lächeln, das Liebevolle in Deinen Augen, es ist alles noch so, wie es war." Jetzt nahm er beide Hände, zog sie an seine Lippen und küßte sie. "Mein Gott, wie lange habe ich Dich nicht mehr richtig angesehen. Wann habe ich Dir eigentlich das letzte Mal gesagt, wie schön Du bist?" Sie war gerührt und den Tränen nah. "Warum kann es nicht wieder wie früher sein? Laß uns die Liebe neu entdecken. Noch haben wir die Chance, ich spüre es. Noch ist es nicht zu spät!" "Du hast recht. Was erstreben wir mit der ganzen Hektik: Ansehen, einen guten Ruf, Vermögen. Pah!! Was ist das alles gegen uns, gegen unsere Liebe. Warum draußen aufbauen, was zuhause längst erreicht ist. Etwas Höheres gibt es doch nicht!!" "Arbeite wieder hier zu Hause. Das geht doch. Wir würden uns viel öfter sehen. Wir könnten wieder spazierengehen......" "....wir könnten gemeinsam unsere "Liebe" pflegen." "Was sagst Du? Unsere Liebe pflegen?" "Ja, das wäre doch schön!" "Schatz, laß es uns sofort versuchen. Komm, wir gehen zu unserer "Liebe". Sicher haben wir ihr gefehlt." Na, endlich!!!! Ich dachte schon, die kommen nie drauf. Fast hätte ich vor Freude das Glas vom Tisch geworfen. Das Paar stand auf, wie zwei Frischverliebte schauten sie sich an. Schließlich gingen sie engumschlungen in den Garten hinunter, der in das sanfte Licht der untergehenden Sonne getaucht war. Sofort lief ich hinterher. Ich wußte ja, was sie da erwarten wird, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Als das Paar bei seiner Blume ankam, begann diese zu leuchten, alle welken Blätter wurden wieder tiefgrün, die Blütenfarben intensiv wie nie zuvor! Sie sah wunderschön aus! Ja, sie hatte ihren Namen verdient: Die Liebe in voller Blüte - etwas Vollkommeneres konnte es nicht geben!! "Sieh doch, die welken Blätter... unfaßbar! Und welche Farben! Unglaublich!" "So schön habe ich sie erst einmal gesehen. Das war in den ersten zwei Jahren unserer Ehe." "Genau so fühle ich mich jetzt auch. Ist das nicht seltsam?" "Mir geht es ebenso. Ich glaube, es hatte wirklich einen tieferen Sinn, diese Blume "Liebe" zu nennen. Wir werden sie in Zukunft so pflegen, wie wir unsere Liebe pflegen werden. Was hälst Du davon?" "Oh Schatz, das klingt wunderbar!" Ach, war das ein schönes Bild. Das näher zu beschreiben ist wohl überflüssig!- Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von allen mit der Begründung, die Pflanze sei über Nacht genesen und bedürfe jetzt keiner anderen Pflege als der, die sie gewohnt sei. Bei diesen Worten schaute sich das Ehepaar lächelnd an. Sie hatten verstanden. "Ich würde mich gerne noch von "Liebe" verabschieden, wenn ich darf." "Aber selbstverständlich. Haben Sie vielen Dank für alles. Grüßen Sie "Liebe", wir kommen auch gleich nach." Frohen Herzens ging ich ein letztes Mal den Kieselweg zum Tempel hinunter. Der vierte Rubin meiner Kette leuchtete mit "Liebe" um die Wette. "Nun, das wäre geschafft." Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Und plötzlich war es wie beim ersten Mal: das Sofa begann sich zu drehen, der Tempel, die Umgebung, alles drehte sich, wurde immer schneller, schneller, schneller bis mir die Sinne schwanden. "Ah, Zeit zum Schlafen!" "Ist Ihnen nicht wohl?" Ein besorgtes Gesicht beugte sich über mich. Ich blinzelte. Meine Güte, war ich verschlafen! "Nein,.......nein", brummelte ich, während ich mich aufsetzte und verzweifelt versuchte, die restliche Schlaftrunkenheit aus meinem Körper zu verbannen. "Nein, danke der Nachfrage. Mir geht es gut. Ich bin wohl eingeschlafen." "Tjaja", sagte das Gesicht, auf dem sich inzwischen ein freundliches Lächeln abzeichnete,"das macht die gute Luft in Bad Aura. Sie waren wohl noch nicht oft in dieser Gegend?" "Nein, ich glaube nicht. Ähem, ich bin quasi nur auf der Durchreise." "Es wird Ihnen hier gefallen! Nun aber kommen Sie! Das Buffet ist längst eröffnet. Und Sie wissen ja sicher, daß man in diesem Hause nur mit dem Besten rechnen darf. Darauf legt Madame d`Aurora nämlich besonders viel Wert." "Ich würde mich vorher gerne etwas frisch machen." "Aber sicher! Gehen Sie dort den Korridor entlang. Direkt neben der Skulptur. . . Wir sehen uns hoffentlich noch." "Selbstverständlich. Haben Sie vielen Dank." Mein eifriger Gesprächspartner verließ den Raum, nachdem er sich mit einem Kopfnicken verabschiedet hatte. "Soooo!" Ich war plötzlich hellwach. Immerhin wartete ja irgendwo ein neuer Auftrag auf mich. "Wo bin ich dieses Mal gelandet?" Ich schaute mich in dem Zimmer: Eine große Bücherwand und ein wunderschöner, altmodischer Schreibtisch, ein kleiner verschnörkelter Holztisch, umgeben von wirklich einladend aussehenden Sesseln und meinem Sofa, schwere Samtvorhänge, Kristalleuchter und wertvolle Gemälde, nicht zu vergessen, ein stilvoller Teppich. Die ganze Einrichtung erinnerte mich an ein Arbeits-oder Gesellschaftszimmer aus dem 19.Jahrhundert. Mir gefiel es hier sehr gut. Ich öffnete die Tür. Ballmusik und Gelächter, Stimmengewirr und Gläserklirren drangen zu mir herüber. "Endlich mal was los, wenn ich ankomme. Da kann ich mich ja gleich mitten ins Getümmel stürzen.- Aber vorher ein bißchen kaltes Wasser ins Gesicht könnte nichts schaden. Ich sehe bestimmt total verschlafen aus." Langsam schlenderte ich den Korridor entlang bis zu dem Raum neben der Skulptur, aber nicht, ohne mich genau umzusehen (eigentlich sollte man in fremden Häusern ja nicht schnüffeln!!). Ich war hier scheinbar in einem ziemlich feudalen Haus gelandet. Alles nur vom Feinsten, beste Qualität, alles stilecht. Auf einem Platz vor dem Haus standen an die zwanzig Kutschen und Droschken. Eine von Laternen beleuchtete Allee war wohl die Zufahrt zu diesem Anwesen. Mehr konnte ich leider nicht erkennen, es war schon zu dunkel. Aber insgesamt sah das schon fantastisch aus. Mein Blick fiel in den Spiegel neben mir. "Großer Gott! Wer ist das denn? Bin ich das etwa?" Vor mir stand ein Mann mit braunen Haaren, braunen Augen, dem der fesche Anzug mit Golduhr ziemlich gut zum jugendlichen Gesicht stand. "Amero! Was hast Du denn nun wieder angestellt?" Ich drehte mich vor dem Spiegel hin und her. "Kein Zweifel möglich, dieses Wesen da drin , das bin wohl ich." Und tatsächlich spürte ich meine Rubinkette, die ich ja noch um den Hals trug. Amero ließ sich nicht blicken. "Wahrscheinlich will er mich wieder ärgern." "Nein, sowas liegt mir wirklich fern. Aber man darf sich doch wohl, hmmmhihi, ein bißchen amüsieren, oder?" Der kleine, kichernde, rote Mann wurde auf dem Fensterbrett sichtbar. "Du hättest Deinen Blick sehen müssen. Hihi! Zu komisch! Als Du Dein Spiegelbild entdeckt hast. . .pruust. . . kicher.. .urkomisch!!" Beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust und äffte Amero nach:"Hihi, wirklich zu komisch. Nein, was für ein gelungener Scherz aber auch. Hihi, wie wär`s denn, prust, wenn ich meine roten Klamotten wiederbekäme, hihi?" "Du verstehst ja gar keinen Spaß!- Nun gut, also, sind wir mal wieder ernst. Obwohl: Wer viel lacht, lebt länger, denk dran." "Ich hab nicht vor, der älteste Mensch der Welt zu werden. Also, schieß los: Was soll die Maskerade?" "Verhalte Dich, wie es hier üblich ist! Alles weitere überlasse ich Deiner Intuition." Und schon verschwand er, ohne daß ich weitere Fragen stellen konnte, "Aber. . .", versuchte ich ihm nachzurufen, doch er war weg. Ich schaute mein Spiegelbild an:" Nun denn. Auf gute Zusammenarbeit, Herr. . . " Ja, wie sollte ich mich denn eigentlich nennen? Schwierig. Die Gelegenheit mußte ich doch jetzt gut nutzen. Nicht jeder hat die Chance, sich seinen Namen selber auszusuchen. Ziemlich lange dachte ich hin und her, verwarf einiges, was mir da an Phantasienamen in den Sinn kam und entschied mich schließlich für den wohlklingenden Namen: Romero Germont. "Auf gute Zusammenarbeit, Monsieur Romero Germont." Grinsend verbeugte ich mich vor meinem Spiegelbild und verließ den Raum. Wenig später betrat ich den Ballsaal, wo mich ein munterer Trubel erwartete. Ich versuchte, meinen netten Gesprächspartner irgendwo zu entdecken. Das erwies sich als einfach, denn er hatte rötliche Haare, die sich farblich sehr gut in diesem Gewühl behaupten konnten. Er wurde ebenfalls auf mich aufmerksam und stürtzte mir freundlich lächelnd entgegen. "Ah, da sind Sie ja endlich. Na, sind Sie jetzt wieder frisch? Hier, trinken Sie etwas Champagner, der macht munter! Ein gutes Tröpfchen, wirklich, Sie müssen probieren!" Er hielt mir ein gut gefülltes Glas entgegen, was ich dankbar annahm.Ich ergriff die Gelegenheit, mich bekanntzumachen. "Entschuldigen Sie vielmals, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Gestatten: Romero Germont." "Sehr angenehm. Ich heiße Otto von Rigel, meines Zeichens Advokat, momentan zur Kur in Bad Aura." Wir schüttelten uns die Hände. "Ich bin, wie ich bereits erwähnte, auf der Reise und habe hier einige Tage Aufenthalt." "Na, so ein amüsantes Fleckchen wie Bad Aura verdient es auch, beachtet zu werden. Ich komme jeden Sommer für einige Wochen zu Besuch. Die Luft, die Natur, die Ruhe, . . . einfach göttlich . . . " Ich bemerkte, daß Otto plötzlich einen ernsten, in sich gekehrten Gesichtsausdruck bekam. Mit betrübter Stimme beendete er seinen Satz. "Es könnte das Paradies sein." Erstaunt schaute ich ihn an. "Haben Sie Kummer?" Otto stand immernoch so da, einen abwesenden Blick in die Ferne werfend, und rührte sich nicht. Ich zupfte ihn leicht am Arm. Er schreckte auf. ". . .Was? Wie bitte? . . . Entschuldigung, ich war wohl etwas weggetreten." Verlegen schüttelte er seinen Kopf. "Ich habe Sie nicht verstanden. Hatten Sie etwas gesagt?" "Ich fragte, ob Sie vielleicht Kummer haben. Ihr plötzlicher Stimmungswandel. . . kann ich Ihnen behilflich sein?" Jetzt lächelte er wieder, aber es war ein mühsames, gequältes Lächeln. "Nein, mein guter Germont, ich glaube, da können Sie mir leider nicht helfen." Ich sah ihn hilflos an. "Ach, seien Sie doch so lieb und holen Sie mir ein Glas Bowle. Ich möchte noch etwas am Fenster stehenbleiben." "Selbstverständlich. Ich bin gleich zurück." Nun ja, wenn ich nun meine Gefühle richtig deute, dann ist dieser Otto meine neue Aufgabe. Was könnte da lossein? Ich ließ mir ein Glas Bowle geben und dachte darüber nach, was dem guten Otto solche Seelenqualen bereiten könnte. Als ich kurz darauf zu ihm zurückkehrte, bemerkte ich, daß er wie gebannt auf die Tanzfläche starrte. Hin und wieder senkte sich sein Blick, begleitet von einem tiefen Seufzer, aber nur, um sich wieder zögernd zu heben, um abermals fasziniert nach den Tanzpaaren zu schauen. Ich folgte seinem Blick. "Tjaaah! Wenn das so ist!? Dann habe ich es hier wohl mit einem klassischen Fall von Liebeskummer zu tun. Hmmh. Diese präzise Diagnose macht die Situation allerdings nicht einfacher. Da steht mir wahrscheinlich noch einiges bevor." Ich atmete tief ein . . . und gesellte mich wieder zu Otto. "Oh, vielen Dank!" Ich reichte ihm sein Glas. Gedankenverloren schlürfte er an seiner Bowle. Die Musik hörte auf, der Tanz war zu Ende und alle Paare klatschten. Ich musterte Ottos Blickfang etwas genauer. Eine junge, wunderschöne Frau mit strahlendem Lachen. Das königsblaue Samtkleid paßte ausnehmend gut zu den elegant frisierten blonden Haaren. Mademoiselle wurde von einer ganzen Gruppe jüngerer Herren hofiert. Ja, man konnte sagen, daß diese Dame den Mittelpunkt des ganzen Festes bildete.- Die Musiker stimmten einen Walzer an. "Wer ist diese junge Dame dort drüben?" fragte ich harmlos. Otto verschluckte sich fast, als ihm bewußt wurde, daß ich über das Wesen sprach, was er mit seinen Augen nahezu verschlang.Er tat unberührt. "Welche meinen Sie, werter Germont? Ach, diese dort im blauen Samtkleid? Das ist Mademoiselle Antoinette d`Aurora, die Tochter des Hauses." "Ein göttliches Geschöpf, finden Sie nicht? Welche Grazie. Einfach reizend!" "Es ist nicht nur ihre makellose Schönheit, es ist diese Harmonie, dieser spürbare Einklang ihrer inneren und äußeren Schönheit, die sie als dieses traumhafte Wesen erscheinen läßt, das sie ist!" Otto geriet ins Schwärmen. "Ach, welch Entzücken, nur einen Blick aus diesen tiefblauen Augen sein eigen nennen zu dürfen. . . " Plötzlich wurde seine Stimme hart:" Diese Lackaffen, die da um sie herumschwänzeln wissen ihren wahren Wert gar nicht zu schätzen. Mademoiselle ist die gütigste und gefühlvollste, die gebildeteste und charmanteste Frau, die ich jemals kennengelernt habe. Doch: Sie ist naiv. Noch genießt sie es, von allen Seiten Komplimente zu bekommen, hofiert zu werden, gefeiert zu sein. Aber sie merkt nicht, wer es wirklich gut mit ihr meint. Alle schauen doch nur auf`s Äußere, wollen sich an ihrer Seite in ihrer Schönheit sonnen. In ihr steckt viel, viel mehr. Und das muß erhalten bleiben, weil es ihr Lebenselixier ist!" Otto schaute mich aufgeregt an. "Die äußere Schönheit ist vergänglich, die innere Schönheit nicht. Ist sie jedoch stark genug,, so strahlt sie nach außen, glänzender als jede äußere Schönheit. Das macht den Wert aus." "Scheinbar ist die Mademoiselle aber nicht daran interessiert, wertvoll zu werden." "Sie kennt es doch nicht anders! Welcher dieser aufgeblasenen Gockel macht sich denn die Mühe, dieses göttliche Wesen durch und durch kennenzulernen?-Keiner! Wer käme auf die Idee, Antoinette für ihren Verstand, für ihr Mitgefühl, für ihr Verständnis, für ihre Intelligenz zu loben?-Keiner! Also bekommt sie immer nur Hymnen über ihre äußere Schönheit zu hören. Welche junge Frau würde da nicht den anderen, den inneren Teil ihrerselbst, mit der Zeit stiefmütterlich behandeln. Der scheint ja nicht wichtig zu sein, man fragt nicht danach. Oh, Germont, verstehen Sie mich jetzt nicht falsch! Ich spreche hier nicht von dem typisch weiblichen Sanftmut. Der ist bei jeder Frau vorhanden. Bei Antoinette steckt mehr dahinter. Tja, leider aber. . . zu meinem größten Bedauern interessiert sie sich aber zu sehr für eben dieses oberflächliche Geplänkel! Da! Schauen Sie sich den Typ doch an, mit dem sie gerade tanzt:: Graf Frederik von Taris. Seien Sie ehrlich, er ist doch nicht mehr als eine gutaussehende , nettausstaffierte Hülle, die hier rumläuft." "Otto, Sie sind verliebt! Offenbaren Sie sich Antoinette, und Sie werden feststellen, ob sie wirklich die ist, für die Sie sie halten. Prüfen Sie, ob sie Ihrer wert ist." Otto räusperte sich. Sein entschlossener Gesichtsausdruck wich einer nahezu entschuldigenden Verlegenheit. "Das kann ich nicht tun. Sie würde mich nicht ansehen, geschweige denn anhören. Schauen Sie mich doch an, Germont. Ich bin wirklich kein Mann für die Liebe auf den ersten Blick! Nein, nein, es ist mein Schicksal, hilflos zusehen zu müssen, wie sich dieser Goldvogel in einen eitlen, stolzen Pfau verwandelt." Betreten blickte er aus dem Fenster. Ich verstand ihn nicht. Warum wollte er nichts riskieren, zumal für eine Sache, der er doch so vehement zugetan war? "Kennen Sie Antoinette näher? Ich meine, weiß die Mademoiselle, wer Sie sind?" "Nein", erwiderte Otto nach einigem Zögern. "Ich hatte nie den Mut, mich offiziell vorzustellen." "Sie haben also auch noch nie mit Antoinette gesprochen?" Wieder verneinte er. Ich war verblüfft. "Ja, sagen Sie, Otto, wieso sind Sie sich denn dann so sicher über das Fräulein und ihren Charakter? Sie haben sie weder gesprochen, noch sind Sie näher mit ihr bekannt, noch . . . " "Ich fühle es, ist das Begründung genug?" Er schluckte. Seine Stimme zitterte vor Aufregung. "Noch nie habe ich einer Frau gegenüber so empfunden. Schönheiten, pah, derer habe ich viele gesehen, doch als ich Antoinette zum ersten Mal erblickte . . . da sah ich nicht nur ihre Schönheit, da spürte ich eine innere Übereinstimmung!! Wortlos, sie war einfach da!" Er packte mich am Arm. "Können Sie mich verstehen, Germont? Wissen Sie überhaupt, wovon ich rede?" Beruhigend sah ich ihn an. "Sie sprechen von der Liebe, mein Freund!" Otto ließ mich wieder los. Ich blickte ihm immernoch in die Augen. "Sehen Sie, die Liebe, sie ist mehr als nur ein Wort, mehr als nur ein Begriff für ein bestimmtes Gefühl. Sie ist tiefgründig und facettenreich. Oberflächlich betrachtet, tja, da scheint sie leicht definierbar, doch in Wirklichkeit kann man sie überhaupt nicht in Worte fassen. Liebe bedeutet nicht nur Gefühl, Zuneigung. Liebe heißt auch Mut haben, gewillt zu sein, die Gefühle zu offenbaren und für sie einzustehen. Verstehen Sie, Otto?" Er stand stumm neben mir. "Auch die Liebe selbst will erobert und verteidigt sein. Erst dann ist es möglich, diese in einem geliebten Menschen weiter zu verehren." "Meinen Sie, Germont?" "Ja, da bin ich mir ganz sicher. Haben Sie den Mut, für ihr Gefühl einzutreten. Es wird Ihnen weiterhelfen. Glauben Sie mir, es führt Sie!" "Helfen Sie mir! Ich weiß, nein, ich spüre, daß Sie recht haben! Doch was kann ich tun? . . . Ach, die Sache ist hoffnungslos!" Er vergrub sein Gesicht in den Händen. Ich klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. "Na,na, nicht gleich wieder verzagen. Sie sind doch keine Schnecke, die sich dauernd in ihr Schneckenhaus zurückziehen muß, oder! Wir schreiten gleich zurTat. Kommen Sie, ich werde Sie Antoinette vorstellen." Wie ein schüchterner Schuljunge schlich Otto hinter mir her. Mademoiselle Antoinette hielt sich neben dem Buffett auf ; einen besseren Platz hätte ich mir nicht wünschen können. Otto und ich taten so, als suchten wir wählerisch die besten Sachen aus und pirschten uns dabei unauffällig an das Fräulein heran. Plötzlich stolperte ich (so ein Zufall!) und schubste Otto an, so, daß er sachte gegen Antoinette rempelte.. Sie drehte sich erstaunt um. "Oh, entschuldigen Sie, mein Fräulein. Es tut mir sehr leid. Ich hoffe, es ist Ihnen nichts passiert. Oje, wie ungeschickt von mir. Und Ihnen, mein Herr, alles in Ordnung? Es ist mir so furchtbar peinlich." Ich zog sämtliche Register meines schauspielerischen Könnens, um den etwas tölpelhaften Trottel zu mimen und fuchtelte mit den Armen unbeholfen in der Luft herum. Otto lächelte. "Aber, nein, Monsieur, es ist nichts passiert. Machen Sie sich keine Gedanken. Habe ich nicht recht, Mademoiselle?"Antoinette nickte zustimmend, ebenfalls freundlich lächelnd. Heiter fügte sie hinzu:"Aber erschreckt haben Sie mich trotzdem. Zur Strafe begleiten Sie mich ein wenig hinaus auf die Terasse. Die Luft ist hier so stickig, und vom Tanzen bin ich auch noch ganz außer Atem." Sie bot Otto spontan ihren Arm und deutete mir mit der anderen Hand, ihnen zu folgen. Am liebsten hätte ich mich zurückgezogen; den Rest mußte Otto schließlich selber machen! Wir kamen auf die Terasse. "Ah, das tut wirklich gut." Ich atmete die erfrischende Nachtluft tief ein. Der Schuljunge hatte Antoinettes Arm inzwischen wieder losgelassen und stand neben seiner Angebeteten. Es entstand eine peinliche Stille, die das Fräulein schließlich beendete:" Es wird doch recht kühl. Ich glaube, ich werde mich wieder in den Saal begeben. Es war sehr freundlich von Ihnen, mich zu begleiten. Vielleicht sehen wir uns ja wieder." Bei diesen Worten nickte sie uns kurz zu und verschwand im gleisenden Licht der Saalbeleuchtung. Otto starrte verlegen auf den Boden. Ich sah ihn fassungslos an und schüttelte den Kopf. "Das war doch wohl nicht ihr Ernst?! Wie konnten Sie diese Gelegenheit einfach ignorieren? Mein lieber Otto, ich verstehe das nicht. Kein einziges Wort kam über Ihre Lippen!" "Ich . . . ich kann es selber nicht begreifen, aber in dem Moment, als sie meinen Arm nahm, als ich SIE zum ersten Mal berührte, tja, da schaltete ich ab. Ich habe mich ihr vollständig ergeben!" Ich grübelte. "Naja, uns wird schon noch was anderes einfallen. Wenigstens weiß Antoinette jetzt von Ihrer Existenz. Immerhin!" Otto schaute wieder betreten zu Boden. Es war ein rührendes Bild. "Kopf hoch"; ermunterte ich ihn und legte den Arm um seine Schultern, "lassen Sie mich nur machen. Vielleicht kann ich einiges einfädeln und arrangieren. Den letzten Schritt müssen Sie allerdings selber tun, Otto!" Langsam hob er den Kopf und sah mich ernst an. Stolz lag in seinem Blick:"Ich werde es schaffen, Germont!" "Wir treffen uns morgen gegen mittag, ist das genehm? Wie wär`s im Kurpark, der liegt doch sicher zentral?" "Natürlich, der grenzt direkt an dieses Anwesen. Es gibt da einen großen Barockspringbrunnen. Leicht zu finden. Ich würde mich freuen, Sie da zu treffen." Er streckte mir seine rechte Hand entgegen. Ich schlug ein, und wir verabschiedeten uns. Bevor er die Terasse verließ, drehte er sich noch einmal um. "Mmmh, übrigens, Germont . . ."Er lächelte verlegen."Vielen Dank für Ihre Hilfe!" Ich nickte. Schließlich verschwand er in der Dunkelheit. Ruhig lehnte ich mich mit dem Rücken an die Balustrade. "Ich habe einiges auszukundtschaften, bevor ich morgen mit Otto zusammentreffe." "Gönne Dir ein bißchen Schlaf. Ich habe für Dich ein gemütliches Zimmerchen vorbereitet, in einem kleinen Gartenhaus, nicht weit von hier. Du brauchst nur die Augen zu schließen und die Kette zu berühren, schon bist Du da." "Du sorgst Dich ja wirklich rührend um mich, Amero." Nachdenklich fügte ich hinzu:"Hoffentlich kann ich Otto helfen." Mit diesen Worten schloß ich meine Augen, berührte die Rubine . . . und schlief auf der Stelle ein. Die ersten Sonnenstrahlen weckten mich. Ich befand mich wirklich in einem kleinen, roten Zimmerchen, ähnlich dem, in dem ich meine Reise begonnen hatte, nur eben viel kleiner. Zwar gab es ein Fenster, aber nirgends war eine Tür zu entdecken. Zum Glück fiel mir meine Rubinkette ein. Ich schloß also wieder meine Augen, berührte die Kette und -schwupp- befand ich mich außerhalb eines süßen Gartenhäuschens unter uralten Bäumen wieder. Das große Haus der Familie d`Aurora erblickte ich in nicht allzu weiter Entfernung. "Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich mich da mal unbemerkt umsehe", dachte ich bei mir. Abermals berührte ich die Rubine, dieses Mal ohne die Augen zu schließen, und wurde unsichtbar. Ich näherte mich dem stattlichen Haus von der Gartenseite her, stieg die Treppen zu der weißen Veranda hinauf und gelangte von dort durch eine geöffnete Tür in den großen Ballsaal, wo ein halbes Dutzend Bedienstete schon emsig dabei war, die Spuren des vergangenen Abends zu beseitigen und den Saal wieder gesellschaftsfähig zu machen. Sachte schlich ich mich an allem vorbei, quer durch den Raum auf eine Tür zu. Auch diese war geöffnet und bot Durchgang zu einer Treppe, die ins Obergeschoß führte. Von dort hörte ich Stimmen, denen ich folgte. So kam ich schließlich in einen Salon, der wie das Haus überhaupt sehr stilvoll eingerichtet war. Dem Raum war ein Balkon angeschlossen, auf dem , wie ich vermutete, die Familie d`Aurora gerade ihr Frühstück einnahm. Mein Blick fiel auf Antoinette. Sie sah müde und verschlafen aus, die langen gewellten Haare trug sie offen über ihrem Morgenmantel. Aber ihre Ausstrahlung war nicht weniger reizend als am Abend zuvor. Lustlos rührte sie in ihrer Tasse. Madame d`Aurora sah ihre Tochter fragend an. "Engelchen, was ist denn los mit Dir? Du hast ja kaum etwas zu Dir genommen! Fühlst Du Dich nicht wohl?" Antoinette stützte ihren Kopf auf die linke Hand und schaute in die Ferne. "Doch, Mama, es geht mir gut." Die Eltern blickten sich erstaunt an. "Vielleicht bist Du einfach noch müde. Wie wäre es, wenn Du nachher einen Spaziergang im Park unternähmst, Toniette? Die frische Luft und die Bewegung tun Dir sicher gut!" Ihr Vater knuffte sie aufmunternd in die Seite. Antoinette schien gar nicht zugehört zu haben. "Wie bitte? Was? . . . Ach so, ja, wird mir sicher guttun. Entschuldigt mich bitte, ich werde mich jetzt umziehen gehen." Sie gab ihren Eltern je einen Kuß und verschwand in einem anderen Zimmer. Madame d`Aurora sah ihr sorgenvoll hinterher. "Was ist nur mit ihr, Justin? Sie ist doch sonst nicht so abwesend." Antoinettes Vater schaute seine Gattin lächelnd an:" Ach, Amalie, nimm das doch nicht so tragisch! Antoinette hat sich gestern halt etwas verausgabt. Sie stand ja kaum einen Moment still, immerzu tanzte sie. Du wirst sehen, heute mittag ist sie wieder ganz die alte!" Und er zog es vor, das Gesprächsthema zu wechseln, um seine Frau auf andere Gedanken zu bringen. "Antoinette ist eine junge Schönheit", dachte er bei sich,"sie wird auch ihre Geheimnisse haben." Er schmunzelte, während er seiner Gattin zuhörte, die ihm die neuesten Gerüchte erzählte, die gestern auf dem Ball ihre Runde gemacht hatten. Ich entschloß mich, Antoinette zu folgen. Ihre Tür war nicht unbemerkt zu öffnen, also bezog ich Posten vor der Tür und horchte, was drinnen im Zimmer vor sich ging. "Ich habe Ihnen Ihr rotes Satinkostüm für heute abend zurechtgelegt, Mademoisellchen!" "Das ist nett von Dir, Babette. Danke, Du kannst jetzt gehen." Die Tür öffnete sich, und eine gemütliche, etwas rundlichere Person trat auf den Flur hinaus. Naja, Babette gehörte zu der Sorte Mensch, die schon allein auf Grund ihrer beruhigenden Ausstrahlung absolut sympathisch wirken. Ich lugte schnell ins Zimmer, bevor mir Babette die Tür vor der Nase zuschlagen konnte. Antoinette war bereits fertig angekleidet und hatte die Haare in einem langen, geflochtenen Zopf gebändigt. Wartend setzte ich mich auf den Boden. Kurz darauf kam sie aus dem Zimmer.Sie hatte ein grünes, einfach geschnittenes Kleid angezogen, das von einem aparten roten Gürtel tailliert wurde. Insgesamt wirkte Antoinette wesentlich natürlicher und vor allem jünger, als ich sie noch von gestern in ihrem Ballkleid in Erinnerung hatte. Sie schien ein völlig anderer Mensch zu sein! "Ein Glück, daß Otto nicht hier ist. Der würde sich ob diesem Anblick gar nicht mehr beruhigen! Wahrscheinlich fiele er noch in Ohnmacht, unfähig soviel Anmut und Schönheit standzuhalten." Ich folgte Antoinette, die schlendernd das Haus in Richtung Kurpark verließ. Wir gingen scheinbar ziellos durch diese wunderschöne Landschaft, bis meine liebreizende Begleiterin plötzlich stehenblieb, sich verstohlen nach allen Seiten umschaute und, als sie sich unbeobachtet glaubte (hi,hi), damit begann, sich einen Weg durch das Dickicht neben sich zu bahnen. Natürlich folgte ich ihr. Als ich mich nach einigen Metern umsah, war vom Weg nichts mehr zu erkennen. Zielstrebig kämpfte sie sich durch das Gestrüpp, bis wir plötzlich an einem uneinsehbaren, kleinen Weiher ankamen. Das Wasser war rundherum von Gesträuch umgeben. Wenn hier jemand hinwollte, dann mußte er wohl oder übel den gleichen Weg nehmen,den wir auch benutzt hatten." Mei, is` dös a lauschig Platzerl!" Antoinette hatte sich währenddessen unter eine Weide ans Ufer gesetzt, deren Äste und Zweige teilweise sogar ins Wasser ragten. Die Mademoiselle saß darunter wie unter einem Dach. Das war wirklich ein wunderschönes Fleckchen Erdes, was sie sich da ausgesucht hatte. Nanu, was war das? Ich hatte vorher gar nicht bemerkt, daß das Fräulein ein Buch mitgenommen hatte, in dem sie nun sehr interessiert, teils mit ernsthafter, teils mit verklärter Miene zu lesen begann. Leise schlich ich mich näher, um einen Blick auf dieses Buch zu erhaschen. Es war ein Gedichtband! Das paßte ja nun gar nicht in das Bild der tanzwütigen Tochter aus reichem Hause! Otto schien sie wirklich besser eingeschätzt zu haben als ich. Naja, vielleicht kannte er Antoinette doch näher als er zugeben wollte.- Eine längere Weile war vergangen, ich hatte es mir derweil im Gras gemütlich gemacht und ließ mich von der Sonne wärmen, als Antoinette einige Blatt Schreibpapier nebst Bleistift aus ihrer wohl sehr geräumigen Kleidtasche zückte und zu schreiben anfing. Da war ich doch neugierig,, raffte mich auf und trippelte behutsam näher. Ich sah sie schreiben, nachdenken, ganze Passagen wieder durchstreichen, neues hinzufügen, einzelne Worte ersetzen. Tja, es sah so aus, als schreibe Antoinette tatsächlich Gedichte. Und zwar ziemlich gute, soweit ich das beurteilen konnte. Sie hatte einen eleganten, aber trotzdem natürlichen Schreibstil; gerade das war das Reizvolle am Ton ihrer Gedichte. Ich war entzückt!- Die Mittagszeit rückte näher; von fern hörten wir das Zwölfuhrgeläut der Kurkirche. Seufzend packte das Fräulein ihre Sachen zusammen und verließ diesen himmlischen Ort der Ruhe . Ich folgte ihr wie gehabt durch das Gestrüpp, aber nicht bis zum Haus zurück.Auf dem Hinweg waren wir an einem Brunnen vorbeigegangen. Das mußte der Barockbrunnen sein, an dem ich mich mit Otto treffen wollte. Als ich dort ankam, saß Otto schon wartend da. Ich hob meinen Arm , um ihm zuzuwinken, aber er sah mich nicht. Auch als ich näher kam, schien er mich nicht zu bemerken. Siedendheiß fiel mir ein, daß ich ja noch unsichtbar war! Hurtig lief ich hinter einen Baum, berührte meine Rubine . . . und wurde sichtbar. Abermals trat ich freudig grüßend auf Otto zu, dessen Gesichtsausdruck sich mit einem Schlag erhellte. "Ah, da sind Sie ja, Germont. Ich dachte schon, Sie hätten mich versetzt! Und? Haben Sie etwas erreichen können?" "Tja, ich habe einiges in Erfahrung bringen können, was ich für sehr erstaunlich hielt, was Ihnen, lieber Otto, aber nicht minder genehm sein wird." Er sah mich gespannt an. Doch ich machte keine Anstalten weiterzureden. Er nickte mir aufmunternd zu, ich grinste zurück. "Na, jetzt erzählen Sie doch endlich! Ich werde ja noch ganz wahnsinnig vor Neugierde!" Ich schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, mein Lieber!" er sackte in sich zusammen. "Es ist noch zu früh. Bevor ich meinen Plan mitteilen kann, muß ich einiges ausgelotet haben. Vertrauen Sie mir, Otto! Oder entlassen Sie mich aus meinem Freundschaftsdienst?!" "Ohnein, nicht doch. Ich wollte Sie ja nicht drängen, Germont. Es ist nur . . . ich dachte . . . naja, insgeheim hatte ich die Hoffnung, Sie könnten mich schon heute mit Antoinette zusammenbringen. Sie müssen entschuldigen, ich bin so ungeduldig." Ich sah meinen Freund lächelnd an. "Wissen Sie, Otto, wenn ich Sie das nächste Mal dieser Dame vorstelle beziehungsweise Sie sich ihr zu erkennen geben . . . " Otto schreckte bei diesen Worten nervös auf, doch ich legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. "Wenn es also soweit ist, dann sollte das Ganze nicht wieder so ein peinliches Spontandisaster werden wie gestern abend, Sie erinnern sich?" "Mmmh, naja . .. aber, was sollte ich denn tun? Ich weiß doch nicht, was Antoinette interessiert, worüber ich mit ihr reden kann, ohne mich sofort lächerlich zu machen." "Aha, Sie kennen die Mademoiselle also wirklich nicht von früher?" "Nein, ich habe sie letzten Sommer zum ersten Mal gesehen, aber es ergab sich nie die Gelegenheit einer Näherung." Ich schmunzelte. Mein lieber Otto war wirklich das Musterbeispiel eines schüchternen Verliebten. Die Turmuhr schlug eins. Ich erbat mir Ottos Anschrift, um bei Bedarf bei ihm vorsprechen zu können. Danach verabschiedeten wir uns und jeder ging seiner Wege. Mein Weg führte mich zurück zum d`Aurorschen Anwesen. Ich wollte Antoinettes Wesen weiter ausloten. Unsichtbar betrat ich kurz darauf das Haus über die Terasse, als ich plötzlich Musik hörte. Irgendjemand spielte sehr gekonnt Klavier. Lauschend folgte ich den Klängen bis in den Salon. Da fand ich auch gleich mein Forschungsobjekt! (Na! Wer wird denn einen Menschen, noch dazu ein hübsches, junges Fräulein als "Objekt" bezeichnen!?-Tschuldigung!!). Also gut: Es war Fräulein Antoinette, die sich gerade an einem romantischen Klavierwerk versuchte, was ihr sehr schön gelang. Ich hörte Schritte, kurz darauf erschien Madame d`Aurora in der Tür. "Sehr schön, Antoinette, allerliebst. Aber sag`, wolltest Du mit Deinen Freundinnen nicht zur Kurterasse? Die Demoiselles Baudelaire und von Heiden warten unten im Empfangszimmer auf Dich." "Ach, Viola und Carina habe ich ja total vergessen." Mit diesen Worten legte sie sich hastig ihren leichten Schal um die Schultern und sauste die Treppe hinunter. Ich kam gerade unten an, als Monsieur d`Aurora die drei jungen Damen mit der Bitte verabschiedete, spätestens zum Abendessen wieder zurückgekehrt zu sein, da man beizeiten zum Kurball aufbrechen wolle. Schließlich durften wir gehen. Es macht wirklich Spaß, so unsichtbar durch die Gegend zu laufen. Auch wenn es unhöflich ist: Das Mithören der Gespräche meiner Begleiterinnen war nicht zu verachten.- Antoinette hörte ihren Freundinnen stumm aber aufmerksam, wenn auch nur aus purer Höflichkeit zu. "Also, ich verstehe Dich nicht, Tony. Wie hälst Du das nur aus , dauernd zuhause zu sitzen . Du mußt ja umkommen vor Langeweile! Wir dachten eigentlich, Graf Frederik bei Dir anzutreffen." Die Freundinnen blinzelten sich zu, während Antoinette aufhorchte. "Aha, dachtet ihr." "Nun sei doch nicht eingeschnappt, Tony. Viola wollte nur sagen,daß Dir Graf Frederik gestern abend doch sehr intensiv den Hof gemacht hat." Carina versuchte, die aufgebrachte Tony etwas zu beruhigen. "Pah, was heißt hier "sehr intensiv"!?! Wir haben dreimal miteinander getanzt." "Viola wollte damit doch nur ausdrücken, daß . . . " Carina versuchte sich immernoch als Mittlerin, wurde jedoch von Viola unterbrochen:" Also echt, Tony, Du kannst wohl nicht abstreiten, daß der Graf wirklich mehr als gutaussehend ist, mal ganz von seinem materiellen Vermögen abgesehen. Jedes Mädchen wäre froh, wenigstens einmal von ihm zum Tanzen aufgefordert zu werden. Und was machst DU? Du gibst ihm sogar Körbe! Dabei seid ihr so ein hübsches Paar! Wirklich, meine Liebe, ich hätte Dich für klüger gehalten!" Carina schaute gespannt zu Antoinette, während sie ihrer Freundin zustimmte. Viola fuhr fort:"Wenn ich daran denke, daß ich heute abend wieder nur mit diesem aufdringlichen Arzt tanzen werde . . . mir wird ganz anders. Wenn ich Du wäre, ich würde mir diese Partie nicht entgehen lassen. Was gäbe ich dafür, wenn mich Graf Frederik auch mal so beachten würde!" "Du kannst ihn haben", antwortete Antoinette kühl. Die drei Freundinnen blieben stehen. "Was ist nur los mit Dir? Gefällt er Dir wirklich nicht?" Antoinette hielt Violas herausforderndem Blick stand. "Einen Menschen machen nicht nur seine äußere Erscheinung und sein finanzielles Ansehen aus. Unter diesem Äußeren gibt es nämlich etwas, das man Inneres oder Seele nennen kann; daraus erwachsen sowohl der Charakter als auch die Verhaltensweisen. Könnt ihr mir noch folgen?" Die Freundinnen nickten erstaunt. "Desweiteren läßt sich von einem makellosen Äußeren nicht unbedingt auf ein ebensolches Inneres schließen. Sehe ich das richtig?" Wiederrum stimmten die Mädchen zu. "Gut! Ihr begreift also, daß der Mensch nicht nur aufgrund seiner "Oberfläche" bewertet werden darf, sondern, daß man, was eigentlich viel wichtiger ist, seine "Tiefen" ergründen sollte und muß, um seinen wahren Wert zu bestimmen. Ist das noch zu verstehen?" Carina nickte schüchtern, während Viola etwas bitter lächelte. "Nun, und in diesem Sinne muß ich Euch leider mitteilen, daß dieser Graf Frederik ein aufgeblasener, eitler Wichtigtuer ohne Tiefe ist!" "Du meinst wohl: Du kannst keine Tiefe entdecken?" fragte Viola schnippisch. "Ja, genau, er hat in meinen Augen keine Substanz!" " So, meinst Du. Findest Du das gut, ihn so zu defamieren?" "Wie ich bereits sagte, daß ist meine Ansicht, meine Meinung von ihm. Eure Meinung kann da ohne weiteres von abweichen. Ihr habt Eure eigenen Vorstellungen, genau wie ich. Tja, und in meine paßt er eben nicht rein.- Freut Euch doch: Eine Rivalin weniger!" "Laß Dir eins gesagt sein, wertes Fräulein d`Aurora: Du bist für diese Welt viel zu . . . zu moralisch. Und außerdem viel zu romantisch. Pah! Das hört sich ja gerade so an, als ob Du an die echte Liebe glaubst! Und vor allem in unseren Kreisen, ich bitte Dich! Eine auf gegenseitigen Respekt und ansonsten finanziell optimal abgesicherte Ehe ist doch das Beste, was Dir passieren kann!" "Oh, Viola! Dann möchte ich lieber tausendmal mit meiner Meinung anecken und als unfortschrittliche Romantikerin verschrien werden, als so ein gefühlloses Leben als erstrebenswert zu erachten. Nichts für ungut, Viola, aber Du tust mir leid.""Jeder nach seiner Art", erwiderte das Fräulein zerknirscht,"aber selbst Du wirst es nicht schaffen, Dich bestimmter Regeln zu widersetzen. Es sei denn, Du willst als alte Jungfer sterben." "Kommt, laßt uns über etwas anderes reden", bat Carina. "Wir sind fast an der Kurterasse. Da wollen wir doch nicht zerstritten ankommen, oder?" Da stimmten ihr die Freundinnen zu. Aber ich las in Antoinettes Augen, was sie davon hielt:"Schon wieder so ein oberflächliches Getue!" Sofort gesellten sich einige junge Herren zu den Fräuleins; es wurde viel gescherzt und gelacht, wie es eben in solchen Gesellschaften Usus ist. Ich war erstaunt über Antoinette. Sie benahm sich herzlich und freundlich, flirtete gerne, und man bemerkte, daß sie der eigentliche Mittelpunkt war. Wem gefiele das nicht? Obwohl Antoinette sicher nicht uneitel zu nennen war, ich glaubte ihr trotzdem, was sie so vehement gegen ihre Freundinnen verteidigt hatte. "Insgesamt sieht es ja nicht schlecht aus für Otto. Er ist durchschnittlich hübsch, reich, hat ein überdurchschnittlich großes Herz, mit Tiefe! Na, da wird sich bestimmt was machen lassen." Plötzlich stand Antoinette auf, um sich zu verabschieden. Sie lehnte jedes Angebot einer Begleitung ab. "Auch wenn es nicht schicklich ist, sich als junge Dame alleine in der Öffentlichkeit zu zeigen", scherzte sie, warf ihrer Freundin Viola jedoch einen ernsten Blick zu.. So verblieb die Gesellschaft bei Kaffee und Biskuittörtchen auf der Terasse, während sich Antoinette auf den Heimweg machte. Ich wollte ihr gerade hinterher gehen, als mich ein großes "Hallo" der jungen Leute neugierig zurückblicken ließ. Ein elegant gekleideter, junger Mann kam auf die Schar zu. Es war Graf Frederik, gutsituierter Sproß eines alten Adelsgeschlechts. Laut Otto eine gutaussehende, nettausstaffierte Hülle. Oje, er sah wirklich gut aus! Er hatte sich kaum im Kreis der Freunde niedergelassen, als er sich plötzlich mit Blick Richtung Kurpark wieder verabschiedete und raschen Schrittes Antoinettes Spur folgte. Carina kicherte hinter ihm her. Sie hielt es wohl für angebracht, doch Viola schaute grimmig drein: Frederik hatte sie überhaupt nicht beachtet! Als dieser an mir vorbeisputete, war es auch für mich Zeit, meine Schritte zu beschleunigen. Wir holten Tony kurz hinter dem Barockbrunnen ein. "Mademoiselle d`Aurora! Welch glücksseliger Zufall Sie hier zu treffen, endlich mal alleine anzutreffen, ohne den ganzen Freundesklüngel drumherum!" Sie war stehengeblieben, als er auf sie zuschritt und ihre Hand küßte. "Sie sehen wirklich bezaubernd aus, Antoinette. Ihnen steht aber auch wirklich alles. Nein,wie reizend!" Er sah sie begeistert an, während sich Antoinette etwas verschüchtert umschaute. Sie war noch nie mit einem Mann alleine gewesen, schon gar nicht mit einem, der Graf Frederik hieß. Dieser fuhr fort, Tony mit Komplimenten zu überschütten, was ihm wirklich nicht zu verübeln war, und überreichte ihr eine hastig abgepflückte Heckenrosenblüte, die sie errötend entgegennahm. "Die würde wunderbar in ihrem blonden Haar aussehen, Toinette!" Das ist doch nicht zu fassen! Erst schleicht er sich mit "Mademoiselle d`Aurora" an, jetzt ist er schon bei "Toinette", demnächst kommt das "Du" und "Schätzchen"! Bin mal gespannt, wie Antoinette darauf reagiert. "Sagen Sie, Tony . . . ich darf Sie doch so nennen, oder? Ich finde, der Name paßt zu ihnen, vor allem, wenn Sie hier neben mir, in diesem wunderschönen Kleid mitten in der Waldeinsamkeit sitzen." Oje, Tony, jetzt bloß aufpassen! "Darf ich mir erlauben, Sie heute abend zum Kurball abzuholen, Mademoiselle Tony?" Tony atmete auf. "Sehr gerne, aber meine Eltern legen Wert darauf, daß ich mit ihnen zusammenfahre. Außerdem hat sich Besuch angekündigt, den alleine zu lassen doch sehr unhöflich wäre. Es tut mir leid!" Sie blickte ihn entschuldigend an. Meine Güte, sieht dieser Typ das scheinheilige Funkeln in ihren Augen denn wirklich nicht? Wann kapiert der bloß, daß er aufdringlich ist? Wahrscheinlich kann er den Augenausdruck überhaupt nicht deuten! "Oh, wie schade. Aber ich darf mich für einige Tänze vormerken lassen? Ihre Augen sind heute wieder einmal wunderschön, Tony." (Ich sag`s ja: Der Typ rafft gar nix!!) "Sie haben wirklich die schönsten Augen der Welt. Ein so leuchtendes Blau habe ich noch nie gesehen! Das ist mir gestern bereits aufgefallen. Welch harmonische Kombination! War Ihnen bewußt, daß Sie ein Abendkleid in genau der gleichen Farbe trugen, mit der mich ihre Augen gerade so freundlich anblicken?!" (So`n Charmeur! Sie hat Dich doch gar nicht angesehen. Schon bei Deinen ersten Worten hat sie wieder verschüchtert zu Boden geschaut!) Die Turmuhr schlug. Tony schreckte auf. "Oh, so spät! Ich muß nach Hause. Auf Wiedersehen, Graf Frederik." Und sie drehte sich um und rannte hastig Richtung Haus, wobei ihr die Rose aus der Hand fiel. (Glücklicherweise!!!) Graf Frederik schaute ihr bewundernd nach. "Welch anmutiges Wesen! Welche Grazie! Sie wäre die ideale Zierde meines Lebens." Nun drehte auch er sich um und ging gemessenen Schrittes zum Freundeskreis zurück. Naja, ich hatte meine Meinung von diesem Graf Frederik! Aber die wollte ich Antoinette auf keinen Fall einflüstern. Nur so konnte ich feststellen, was sie wirklich empfindet, und ob sie stark genug sein würde, diese Empfindungen zu verteidigen!- So beobachtete ich Antoinette mehrere Tage lang. Mit der Zeit rundete sich das Bild, das ich mir von ihr machte, immer mehr ab: Antoinette war eine auffallend hübsche, junge Dame, aus besten finanziellen Verhältnissen (ihr Vater war ein hochangesehener Arzt, die Mutter entstammte einer alten Kaufmannsfamilie), sehr musisch und ein leidenschaftliches Interesse für Literatur hegend, desweiteren war sie äußerst intelligent und klug. Man konnte Antoinette häufig mit ernster Miene nachdenklich, sich mit irgendwas auseinandersetzend im Garten antreffen, allerdings nur, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Dieses Mädchen hatte "Substanz", das wußte ich. Doch in manchen Situationen war ich nahe daran, von dieser Wahrheit Abstand zu nehmen. Denn sobald Antoinette in Gesellschaft war, verschloß sie ihr Inneres so vollkommen, als gelte es einen Schatz zu schützen und war "nur noch" die junge Frau mit dem hübschen Gesicht, die aufgrund ihrer reichen Eltern als glänzende Partie galt.. Vielleicht hatte Otto recht, als er damals sagte:"Sie kennt es doch nicht anders!" Tja, offensichtlich hatte sie den Weg wirklich noch nicht gefunden, den Weg, sich ohne Maske in der Gesellschaft behaupten zu können. Ihr Inneres sträubte sich zwar, aber die äußeren Zwänge (Konventionen!) waren stärker, waren noch zu stark für sie. Aber ich wußte auch, daß es zu spät sein könnte, wenn sie sich ihrer eigenen Stärke endlich bewußt würde. Vielleicht wäre sie dann schon "Gräfin Antoinette von Taris"? Nicht auszudenken! Es war Zeit zu handeln!!!- "Und Du glaubst wirklich, daß ich sie damit für mich gewinnen könnte?" Otto wirkte verunsichert. "Ja, ich bin mir sicher. Du hast mir Deine Gedichte doch gezeigt. Es sind wunderbare Zeilen!" "Sie wird sich ängstigen, meinst Du nicht?" Ich nippte an meinem Cognac und schaute meinen Schützling belustigt an. "Naja", sagte ich schließlich,"wenn wir es geschickt anfangen, nein. Antoinette ist eine Romantikerin. Sie will erobert und hofiert werden, nach ihrer Art." Otto hüstelte. "Und wann sollen wir den Plan verwirklichen?" "Sofort natürlich . . . na los!! Den Mutigen gehört die Welt. Wir haben wirklich lange genug gewartet. Und denke daran: Graf Frederik ist auch nicht untätig." Das überzeugte ihn. Er zog den weißen Umschlag, der einige seiner Gedichte enthielt, aus der Jacke. Ich hatte ihn überredet, seine Gefühle und Gedanken über und für Tony zu Papier zu bringen. Unser "Anfangsgedicht" sollte am versteckten See unter der Weide deponiert werden. Mein Plan sah wie folgt aus: Tony findet den Brief, wird ihn lesen und sich über den unbekannten Schreiber wundern. Von da an wird sie immer häufiger wie zufällig auf einzelne Gedichte stoßen. Natürlich wird ihr das seltsam vorkommen, aber ihre Neugier und Faszination werden über die Angst siegen. Nach einiger Zeit wird sie durch die Briefe zu einer Gegenkorrespondenz gebeten. Die erste Klippe! Wird sie darauf eingehen? Wenn ja, dann dient der weitere Briefwechsel dem besseren Kennenlernen. Ich werde Tony natürlich weiterhin observieren, und sobald ich es für richtig halte, soll sich Otto zu erkennen geben. Tja, spätestens dann würden wir sehen, ob sich die ganze Mühe gelohnt hat.- Tony lief aus den Haus, über die Terassentreppe zum Wald. In der einen Tasche einen Gedichtband, in der anderen wie immer Bleistift und Papier. Ich wartete unsichtbar an der Weide, als sie sich durch das Gestrüpp kämpfte. Es war ein wunderschöner Sonnenmorgen. Sogar Tonys Lieblingsplatz wurde von einigen Strahlen erwärmt. Auf dem grünen Moos hob sich der weiße Briefumschlag sehr gut ab. Das Mädchen stutzte als es ihn sah und schaute sich um. Zögernd kam es näher, sich immer wieder schüchtern umsehend. Schließlich setzte sie sich, nahm den Umschlag, öffnete ihn, zog das beschriebene Papier heraus, faltete es langsam auseinander und begann , anfänglich leicht irritiert, dann immer gebannter zu lesen. Otto hatte diese Zeilen natürlich nicht mit seinem Namen unterschrieben. Tony wußte nur, daß sie es mit einem "unbekannten Verehrer" zu tun hatte. Sie ließ das Blatt in ihren Schoß sinken und atmete tief ein. Ihre Schüchternheit war einer Verträumtheit gewichen. Sehnsuchtsvoll blickte sie über das Wasser und seufzte. Sorgfältig verstaute sie den Brief in ihrer Tasche und trat den Heimweg an. Ich begleitet sie unbemerkt. Die Verträumtheit wich nicht aus ihren Zügen. Abends wurde im Kurhotel abermals ein Ball gegeben. Otto wollte zwar nicht mit, aber ich erbat mir den Umschlag mit dem zweiten Gedicht. Ich erschien sozusagen unsichtbar auf dem Fest, um mich ständig bei Tony aufhalten zu können, ohne gleich ins Gerede zu kommen. Natürlich wich auch Graf Frederik nicht von ihrer Seite. Und da Tony wieder ihre "Gesellschaftsrolle" spielte, verlor ich stetig den Zugang zu ihr. Zeit für ein Experiment! Tony entschuldigte sich bei dem Grafen, um sich etwas frischmachen zu dürfen. Ich postierte den Brief so, daß sie ihn, bevor sie zurückkehrte, finden mußte. Dem war auch so! Erstaunt starrte Tony auf die Türklinke des Saalportals. Sich hastig umschauend ergriff sie den Brief, öffnete ihn und las. Ihr Blick verklärte sich zusehends; sie schien jedes Wort in sich aufzusaugen. Wieder und wieder begann sie den Brief von vorne zu lesen, die Welt um sich herum vollkommen vergessend. Schließlich drückte sie den Brief an ihre Brust. Wie in Trance nahm sie ihren Mantel und begab sich nach Hause, ohne sich von der Festgesellschaft und Graf Frederik zu verabschieden. Na, ich verbuche das schonmal als Teilerfolg! Am nächsten Morgen traf ich gerade bei den d`Auroras ein, als Antoinette einen Disput mit ihrer Mutter hatte. " Das geht doch wirklich zu weit! Wir haben Dich stundenlang gesucht. Du hättest uns wenigstens Bescheid geben können. Was ist denn das für eine Erziehung?! Du blamierst uns ja vor der gesamten Gesellschaft, Antoinette!" "Entschuldige, Mutter, aber ich wollte unbedingt nach Hause, ohne lange Erklärungen. Ich fühlte mich so seltsam." "Aber das kann man doch sagen, Kind! Jeder hätte das verstanden. Aber,daß Du mutterseelenallein zurückgegangen bist . . . was hätte dabei alles passieren können. Außerdem ziemt es sich wirklich nicht für eine junge Dame Deines Alters abends ohne Begleitung spazieren zu gehen. Graf Frederik hätte Dich liebendgern begleitet!" "Ach herrje! Mama, wenn Du Deinen Blick sehen könntest!" "Antoinette, jeder sieht doch, wie er Dir den Hof macht. Er ist doch eine glänzende Partie! Tony, sei doch nicht dumm!" Die junge Frau sah ihre Mutter sprachlos an. Langsam setzte sie sich auf den grünen Diwan und begann mit geistesabwesendem Blick zu sprechen: "Eine gute Partie?-Was ist denn Geld?! Ist die Liebe bezahlbar? Kann man wahre Liebe erzwingen? Will ich einige Flächen mehr an Grundbesitz mit meinem Lebensglück bezahlen?" Plötzlich starrte sie ihrer Mutter fest in die Augen. "War Vater für Dich auch nur eine gute finanzielle Absicherung im Sinne unserer Gesellschafft?" "Nunja . . . weißt Du . . . also, die wahre Liebe . . . nunja . . . eigentlich . . . die ist nur was für Romantiker, weißt Du, eine auf Ehrlichkeit, Sympathie und Respekt aufgebaute Partnerschaft, das ist Liebe, . . . das ist, also . . . " Madame d`Aurora rang sichtlich nach Worten. Wie, um Himmels willen, soll sie ihrer Tochter diese "Lebensregeln" näherbringen? Doch Antoinette erklärte das Gespräch für beendet:" Ich hatte Euch immer zu meinen Vorbildern erhoben. Nie hätte ich geglaubt, daß ihr mich so enttäuschen könntet! Wie kann man seine Gefühle nur so unterdrücken? Ihr habt Euch Eure Herzen nicht geschenkt: Ihr habt sie verkauft!" Und mit diesen Worten rannte Tony aus dem Zimmer. Fassungslos sah ihre Mutter ihr nach. "Aber, Kind", stammelte sie,"das ist nunmal so . ." Und Madame d`Aurora brach in Tränen aus. "Na, was sagst Du nun? Bald werden wir wissen, ob unser Plan gelingt." Triumphierend saß ich Otto gegenüber. Tony hatte ihm nach langen Wochen von sich aus einen Brief geschrieben und am Weiher hinterlegt. Sie schrieb, daß sie sich sehr geschmeichelt fühle, von den Gedichten fasziniert sei und sich nichts sehnlicher wünsche, als dem Schöpfer dieser Zeilen persönlich danken zu dürfen. "Das ist Deine Chance, Otto!" Er schaute mich an. "Es ist ein Traum! Sie will mich kennenlernen. Ich kann es nicht glauben . . . " "Doch, und alles wird gut werden. Ich weiß es!" Er schien plötzlich in sich zusammenzufallen. "Aber, wenn sie mich nicht mag . . . wenn sie rötliche Haare verabscheut?" Ein bitteres Lächeln umspielte seinen Mund. Nicht minder bitter schaute ich ihm ins Gesicht. "Tja, dann, mein Lieber, dann wissen wir, daß wir uns geirrt haben. Dann mußt Du sie vergessen!" Er hob die Augen und sein voll Stolz funkelnder Blick traf den meinen. "Ja, es ist meine Chance!" Er drückte mir einen Brief in die Hände. "Bring den zu ihr.. Den letzten Schritt muß ich dann wohl alleine machen!" Ich versteckte mich am Weiher, nachdem ich den Brief sorgfältig hinterlegt hatte. Neugierig wartete ich auf das Mädchen. Hach, war das ein herrlicher Platz, fast wie im Märchen. Gedankenverloren blickte ich auf das funkelnde Wasser. Der Wind schmeichelte zärtlich um die Bäume, sanfte Wellen berührten das von der Abendsonne erwärmte Ufer. Tony erschien. Fast hätte ich sie nicht bemerkt, so sehr verschmolz die Lieblichkeit dieses Mädchens mit seiner traumhaften Umgebung. Der große Augenblick stand bevor! Otto hatte Tony schriftlich angeboten, bei Sonnenuntergang am Weiher auf ihn zu warten. Langsam versank die Schwester des Mondes im blauen Licht der Dämmerung. Währenddessen erblickte ich meinen Freund, der soeben aus dem Dickicht ans Ufer trat. Zärtlich zögernd näherte er sich dem Traum seines Herzens, seiner Prinzessin. Das Ziel, zum Greifen nahe, nach so langer Zeit . Tony lächelte. Sie kam ihm entgegen. Vorsichtig nahm er die gebotenen Hände und führte sie an seine Lippen. Sie sprach:"Die Liebe geht oft Umwege, tja, und manchmal muß das Schicksal nachhelfen, damit sie ans Ziel gelangen kann. Ich war mit Blindheit geschlagen. Jetzt, da Du vor mir stehst, erklärt sich mein Herz, löst sich der Schleier. Nie hätte ich gedacht, zu solchen Empfindungen fähig zu sein." "Sage nichts, Geliebte. Wären meine Gedanken wie Mondstrahlen, sie würden sich spiegeln im Meer Deiner Gefühle!" Lange schauten sie sich in die Augen; dann endlich fanden sich ihre Lippen zum ersten scheuen Kuß, der alle Zukunft besiegelte. Ach, ist das schön! PLOPP!!! Hey! "Was soll`n das?! Unverschämtheit. Gerade jetzt, wo`s interessant war. Amero, ich finde das nicht fair. Warum hast Du mich zurückgeholt?" "Du hast da eh nichts mehr verloren. Alles andere läuft auch ohne Dich, meinst Du nicht auch?" Ich schmollte."Trotzdem! Ich wäre so gerne zur Verlobung geblieben!" Amero grinste. " Na, eigentlich bist Du auf einer Bildungsreise, keiner Vergnügungsfahrt. Ich wollte Dich auch nur zurückverwandeln. Aber keine Sorge, "Romero Germont" habe ich bei Otto gelassen. So, und jetzt geht`s weiter. Du hast noch viel vor Dir. Wir sehen uns!" Im nächsten Moment leuchtete der fünfte Rubin, dann hüllten mich die Nebel ein.- "Nein, Mr.Jason wünscht nicht gestört zu werden. Er hat gerade eine wichtige Besprechung.. . . Nein, es tut mir leid, ich darf sie nicht durchstellen . . . Mrs.Jason, so verstehen Sie doch, es ist mir nicht gestattet, Privatgespräche . . . nein, auch Sie nicht, Mrs.Jason. Soll ich Mr.Jason etwas ausrichten? . . . Wie Sie wünschen! Aber ich bezweifle, daß Mr.Jason Zeit für Sie hat! Auf Wiederhören, Mrs.Jason." Im nächsten Augenblick hatte mich die Sekretärin entdeckt. "Hey, Sie! Stehen Sie nicht rum! Hier bei Jason Enterprises wird gearbeitet. Dafür werden Sie bezahlt. Mensch, glotzen Sie nicht so, los, an die Arbeit." Redet die mit mir? Ich schaute mich um. Irgendwie sieht das hier wie in dem Vorzimmer eines reichen Managers aus. Tja, und da außer mir und der netten Miss Dawson leider niemand im Raum ist . . . sie meint mich! Ich fühlte den abschätzenden Dawson-Blick auf mir ruhen, während ich meine Situation einzuschätzen suchte. Das ist völlig neu! Ich bin noch nie so direkt im Geschehen gelandet. Was soll ich denn jetzt tun? "Mmh, dürfte ich wohl Mr.Jason sprechen?" fragte ich höflich. Miss Dawsons Mundwinkel zuckten, sie schaute mich belustigt an. "Soso, Mr.Jason möchten Sie sprechen. In welcher Angelegenheit denn?" "Nun, äh, es ist persönlich. Wir, äh, kennen uns von früher, ähem, und. ." "Also, diese Presseleute lassen sich immer was Neues einfallen. Welche unserer Putzfrauen haben Sie denn heute bestochen, um an die Arbeitsklamotten zu kommen? Nur, das hilft Ihnen nichts , meine Liebe. Ich habe Ihrer Agentur gesagt: Mr.Jason gibt keine Interviews mehr. Ihnen schon gar nicht! Das war mein Ernst! Keine Ausnahmen. Verschwinden Sie, bevor ich den Sicherheitsdienst rufe." "Mmh, ja, also. . . äh, vielen Dank, Miss, nichts für ungut, auf Wiedersehen!" RUMs! Autsch.Wer hat denn den blöden Eimer hierhingestellt? Mit hochrotem Kopf verließ ich das Zimmer. Ich rannte den Korridor entlang. "Ah, Toiletten! Nichts wie rein!" Hastig betrat ich den Waschraum. "Nur ein kurzer Blick in den Spiegel . . . " Eine etwa 30-jährige, nahezu attraktiv zu nennende Rotblondine starrte mich an; der blaue Kragen ihres Arbeitskittels war schlampig geknickt, der obere Knopf fehlte gänzlich, auf der linken Seite war ein Schildchen aufgenäht: Das Label von Jason Enterprises. "Naja, eigentlich auch mal ganz nett, rotblond, noch dazu gelockt!" Ich drehte mich vor dem Spiegel, betrachtete mich von allen Seiten. Während ich mich begutachtete, verwandelte sich der Kittel allmählich in meine gewohnte rote Kleidung. Nun hielt man mich wenigstens nicht mehr für eine Putzfrau! Und was nun? Wie gewöhnlich hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen sollte. Naja, irgendwie war das schon spannend! Man taucht irgendwo auf, wohlmöglich noch als jemand anderes, löst früher oder später ein Problem und verschwindet dann wieder. Sehr seltsam! Seit ich das rote Haus verlassen hatte, hab` ich kaum daran gedacht, wo ich eigentlich hergekommen bin, daß es Menschen gibt, die sich Sorgen machen, weil ich nicht zu Hause bin . . . Werde ich jemals wieder so sein wie früher? Ich spürte eine Sehnsucht in mir aufsteigen, ein Gefühl von Traurigkeit überkam mich, breitete sich aus und gewann allmählich die Oberhand. Langsam füllten sich meine Augen mit Tränen:"Ich habe Heimweh!"- Nur sehr schwer konnte ich mich wieder beruhigen. Das Schluchzen wollte kein Ende nehmen. Ich fühlte eine Hand, die mir sanft über`s Haar strich. "Amero, ich will nach Hause!" Immernoch streichelnd fragte er:"Warum willst Du gehen?" Verwundert sah ich ihn aus meinen verheulten Augen an. "Warum?"Warum" fragst Du? Weil ich meine Familie vermisse, weil ich weiß, daß sie sich Sorgen macht, weil. . . weil. . . " "Weil Du Dich nach ihrer Liebe sehnst!" beschloß Amero meinen Satz. "Ja, weil ich mich nach ihrer Liebe sehne!" Amero musterte mich:"Ja, ist Dir denn Dein Auftrag , Deine Mission nicht Erfüllung genug?" "Du weißt genau, daß man das nicht vergleichen kann. Ich weiß um das Ziel meiner Mission, das Lieben zu lernen. Aber, aber, ich brauche auch Liebe. Ohne Liebe kann man nicht leben!" "Da hast Du recht, und genau deshalb bist Du hier!" Schluchzend blickte ich ihn an. "Das verstehe ich nicht!" "Du hast bereits erkannt, daß man ohne Liebe nicht leben, vor allem nicht glücklich leben kann. Es gehört zu Deiner Aufgabe, anderen die Augen zu öffnen. Und bei Mr.Jason fängst Du damit an." Amero blinzelte mir zu:"Na, nun laß den Kopf nicht hängen. Du hast es bald geschafft!" Ich war wieder allein. Der hat leicht reden! Sowas! Naja, vielleicht hat er gar nicht so unrecht; je eher ich mich wieder zusammenreiße, desto eher . . . also gut, wo fange ich an?! Mein alter Tatendrang war wieder da, und ich entschloß mich, diesen Mr.Jason zuerst unsichtbar zu beobachten. Wenig später befand ich mich im Vorzimmer und konnte ohne Probleme hinter Miss Dawson ins Chefzimmer gelangen. Am Schreibtisch des sehr elegant eingerichteten Büros, saß ein gutaussehender Mitvierziger, braungebrannt, dunkles Haar, teurer Anzug, anscheinend in einen Geschäftsbrief vertieft. "Mr.Jason, die zu unterzeichnenden Verträge aus England." Die Sekretärin trug einen Stapel Mappen auf dem Arm. Jason regte sich nicht. "Sir?" "Einen Moment, bitte." Als er den Brief beendet hatte, schaute er auf. Müde, glanzlose Augen hefteten ihren Blick auf die Mappen. Das, was ich für ein Lächeln gehalten hatte entpuppte sich als zynisches Grinsen. "Sir, Sie denken an Ihre Unterredung mit MasterOil? Der Wagen wird in zehn Minuten hier sein!" "Ja, danke. Suchen Sie mir bitte die Verhandlungsakten heraus. So, das wär`s! War sonst noch was?" "Ja, Mr.Jason. Ihre Frau hat vor etwa 30min angerufen. Es schien nichts Wichtiges zu sein. Aber sie will herkommen." "Mmmh, das paßt jetzt aber garnicht. Miss Dawson, geben Sie meiner Frau einen Termin zum Abendessen. Ich versuche es einzurichten."Das Telefon piepste. "Ja, danke.-Mr.Jason, der Wagen ist da." "Danke, leiten Sie alle wichtigen Anrufe über Autotelefon. Wiedersehen!" Ich hielt es für sinnvoller, auf die Ankunft von Mrs.Jason zu warten, zumal ich sehr gespannt darauf war, was eine Frau zu einem terminierten Abendessen mit ihrem eigenen Ehegatten sagt. Kurz darauf erschien sie. Eine etwa 35-jährige, elegant gekleidete, aber sehr bescheiden dreinblickende Frau betrat das Vorzimmer. "Guten Tag, Miss Dawson. Ist mein Mann zu sprechen?" "Guten Tag, Mrs.Jason. Nein, es tut mir leid, ich sagte Ihnen bereits am Telefon, daß er keine Zeit hat. Wenn es dringend ist, soll ich Ihnen einen Termin für`s Abendessen geben. Mr.Jason versucht es dann zeitlich einzurichten." Mrs.Jason schaute die Sekretärin mit großen Augen an. "Wie bitte? Ich brauche einen Termin, wenn ich mit meinem eigenen Ehemann sprechen will? Soweit ist es also schon. Dann sagen Sie ihm bitte . . . ach, sagen Sie ihm nichts! Auf Wiedersehen, Miss Dawson!" BANG! die Tür schlug zu. "Uff! Na, wenn ich die wäre, ich hätte schon längst Reißaus genommen. Das ist doch keine Ehe! Die Arme! Warum ist sie nur an diesen Typ geraten?!" Miss Dawsons Monolog war sehr aufschlußreich für mich: Nicht die anscheinend aufdringliche Ehefrau, sondern der gestreßte Ehemann war das Problem!- Ich erhaschte einen Blick auf Jasons Terminkalender. "Oje, für den müßte man den 48-Stunden-Tag erfinden. Kein Wunder, daß da die wichtigen Sachen auf der Strecke bleiben! Na, da muß Abhilfe geschaffen werden!" Rigoros strich ich mit einem Rotstift sämtliche Wochenendtermine durch. Den Rest würde Amero erledigen! Ganz klein stand bei Sonntagmorgen: Frühstück mit Sara und Kindern absagen. Na warte! Du wirst noch Lehrgeld zahlen! Am nächsten Morgen hörte ich zufällig folgendes Gespräch mit, als ich mich in Jasons Zimmer mogelte: "Was heißt das: Du willst mir die Augen öffnen? Hör mal, ich hab` für sowas keine Zeit! Wenn Du. . . wenn Du mich schon im Büro stören mußt, . . . jetzt laß mich mal ausreden, Sara, also, wenn Du mich schon stören mußt . . . wie würdest Du das denn nennen . . . ich ruf` ja auch nicht dauernd zu Hause an . . . was? Natürlich kenne ich meine eigene Telefonnummer! Vor drei Wochen zum Beispiel habe ich vormittags angerufen. . . na und, die Akten waren eben wichtig. . . ja,ja, danke schön, liebe Sara, daß Du sie mir gebracht hast, es war ein großes Opfer von Dir. . . was hast Du gegen Miss Dawson . . . ja, aber wenn ich nun mal gerade `ne Besprechung hatte, als Du mit den Unterlagen hier aufgetaucht bist. . . außerdem hättest Du auch nur den Fahrer schicken müssen . . . Du wolltest mich sehen? Ja, Schatz, aber warum denn? Hier störst Du doch nur . . . jetzt werde aber nicht kindisch . . . Was denn noch? Ich habe gleich eine wichtige Besprechung. . . am Sonntag? Aber das geht nicht, da bin ich in London. . . natürlich weiß ich, daß das der 15. ist. . . unser Hochzeitstag?. . . Sara, ich habe Dich immer für eine realistische Frau gehalten. Du weißt, daß mir der Beruf alles abverlangt . . . es reicht! Jetzt werde erstmal vernünftig. Wir sehen uns übermorgen zum Mittagessen." PIEPS! Der Zweite Apparat klingelte. "Ich muß Schluß machen!" Als wäre nichts geschehen nimmt Jason das zweite Gespräch entgegen. Natürlich was Geschäftliches! Puh, der hat Nerven! Na, freu Dich mal auf`s Wochenende, mein Lieber! Und das kam! Aus unerfindlichen Gründen waren sämtliche Termine abgesagt! "Was? Keine Termine? Das ist nicht möglich. Was ist mit England?" Jason traute seinen Ohren nicht, als er freitags die Wochenendverpflichtungen durchsah. "Mr.Potter mußte aus gesundheitlichen Gründen absagen." "Und die anderen Termine, das gibt`s doch nicht!" "Mr.Jason, beruhigen Sie sich. Jede Absage ist vernünftig zu erklären. Die Angelegenheit ist zwar kurios, aber einwandfrei!" Jason sah verzweifelt aus. "Sir, seien Sie doch froh über dieses unerwartete Wochenende. Ihre Familie wird sich freuen. Außerdem tut Ihnen etwas Erholung bestimmt auch gut!" Miss Dawson lächelte, doch ihr Chef blickte finster drein. "Ich brauche meine Arbeit, nicht meine Familie, die sehe ich oft genug", murmelte er grimmig. "Aber so wie es aussieht, wird mir nichts anderes übrigbleiben!" "Ein schönes Wochenende, Mr.Jason!" Doch er antwortete nicht. Ich trottete ihm hinterher. Unbemerkt gelangte ich in sein Auto und fuhr mit nach Hause. Nach kurzer Fahrt hielten wir vor einer Prachtvilla. Ein Butler erwartete Jason. "Guten Abend, Sir." "N`Abend, Duncan. Lassen Sie mir bitte eine Kleinigkeit zum Essen machen. Wo ist meine Frau?" "Die gnädige Frau ist mit den Kindern auf`s Land gefahren. Sie sagte, es sei ungewiß, wann sie wiederkämen." "Danke. Sie können gehen." "Ja, Sir. Ach ja, auf dem Kaminsims liegt ein Brief für Sie, Sir." "Ein Brief?" Jason stürzte ins Wohnzimmer, riß den Brief auf und las: "Wahrscheinlich liest Du den Brief eh erst, wenn wir schon wieder da sind, vielleicht fällt es Dir nicht einmal auf, daß wir weg sind. So oft bist Du ja nicht hier! Ich und die Kinder werden uns eine schöne Zeit machen. Wir sind im Landhaus, aber ich glaube garnicht mehr daran, daß Du eventuell vorbeikommst. Trotzallem würden wir uns sehr freuen! Aber leider bin ich nicht mehr bereit, unsere Ehe (oder sollte ich besser sagen: meine Ehe; sie kommt mir nämlich sehr einseitig vor!) in einen Terminplaner quetschen zu lassen! Überlege Dir in einer freien Minute, was Dir wichtiger ist. Vielleicht fällt Dir die Entscheidung leichter, wenn ich Dir sage, daß DU immernoch das Wichtigste für mich bist! Aber wahrscheinlich merkst Du das nicht einmal! Jetzt bist Du an der Reihe!!! Sara Jason hielt den Brief zitternd in den Händen. Er begriff nicht, was er da las.. "Was bildet sich diese Frau eigentlich ein!?! Das ist pure Erpressung . . . " Empört ließ er sich auf einen Sessel fallen. Im nächsten Moment sprang er jedoch wieder auf, rannte gestikulierend durch`s Zimmer, rutschte auf dem Teppich aus und landete mit einem lauten Krach am Schrank. Das Glas der Vitrine splitterte und fiel auf ihn herab. Ich sah, daß er sich beide Augen verletzt hatte. Duncan, vom Lärm alamiert, erschien. "Ich kann nichts sehen!! Meine Augen . . . ich kann nichts erkennen . . . " Völlig verzweifelt saß Jason inmitten der Scherben, hilflos und ängstlich. Duncan hob ihn auf und versuchte ihn zu beruhigen.. Wenige Minuten später war ein Notarzt zur Stelle. "Soweit ich das erkenne, Mr.Jason, werden Sie Ihr Augenlicht behalten können. Damit aber alles heilt, müssen wir sämtliche Splitter entfernen und die Augen verbinden. Wir bringen Sie ins Hospital!" Seit dem Sturz vor etwa vier Wochen hat sich Jasons Zustand kaum geändert. Aber seine Lebensgewohnheiten! Er kann nichts sehen, da die Augen weiterhin verbunden sind, und ist völlig auf fremde Hilfe angewiesen. Noch nie war er so abhängig wie jetzt! Die Jason Enterprises werden durch seine Manager betreut, aber selbst daran denkt er im Moment nicht. Eine andere, weit schmerzlichere Sache betrübt ihn: Seine Frau und Kinder haben sich nicht gemeldet. Er weiß, daß Sara trotzig genug ist, darauf zu warten, daß er sich meldet. Sie wissen noch nichts von seinem Unfall. Aber Jason will auch warten. Er muß sich endlich darüber klar werden, wie sein weiteres Leben aussehen sollte. So allein wie er jetzt und Sara die ganze Zeit über gewesen war, daß durfte sich nicht fortsetzen! Nun, da er nicht sehen, sondern nur hören und tasten konnte, da wurde ihm bewußt, wie wichtig das Gefühl ist. Und er stellte bestürzt fest: Eben dieses Gefühl gab es nicht; er war umgeben von Höflichkeit, perfekter Dienstleistung, beruflicher Besorgnis, aber echte menschliche Wärme, ehrliches Interesse . . . warum war Sara nicht hier?! Nein, er wollte niemanden,der ihn bemitleidet. Es war auch nicht so sehr seine Behinderung, die würde vorübergehen, aber diese Leere, diese sich immer stärker bemerkbar machende Leere, die würde bleiben, das wußte er. Nein, so wollte er nicht weiterleben. Er wollte dagegen ankämpfen. Sein Entschluß stand fest! Die nächsten Tage verbrachte Jason damit, seine Zukunft zu ordnen. Und so kam es: Kurz darauf fuhr er mit einem riesigen Rosenstrauß zum Landhaus. Die Kinder waren am Badesee. Er konnte sie von der Straße aus hören. Leise ging er um das Haus, um auf die Terasse zu gelangen. Doch Sara war nicht da. Schmerzliche Angst überkam ihn. "Ich kann es nicht fassen, Du bist gekommen!" Ruckartig drehte er sich um, Sara stand hinter ihm. "Du bist hier. Du bist wirklich hier!" Sie lachte und fiel ihm in die Arme. Er hielt sie fest, als wolle er sie nie wieder loslassen. "Jetzt wird alles anders, Schatz, ich verspreche es Dir!" "Aber ich weiß trotzdem nicht, ob Jason sein Versprechen eingelöst hat. So`n Windhund!" Amero schmunzelte. "Sara hatte mehr Vertrauen zu ihm als Du. Und es hat sich gelohnt. Sieh selbst!" Er hielt mir einen Spiegel vor die Nase. Ich erblickte einen sehr elegant gekleideten, gutaussehenden Mitvierziger, braungebrannt, dunkles Haar. Die lebenslustig funkelnden Augen schauten erwartungsvoll auf die Tür, durch die kurz darauf eine Frau mit zwei lachenden Kindern, die sofort auf den Mann zustürzten, das Arbeitszimmer betrat. "Kein Zweifel!" Ich war zufrieden. Es leuchtete rot vor meinen Augen. Ich grinste mich aus dem Spiegel an und strahlte mit dem sechsten Rubin um die Wette. "Na, das finde ich aber gut.Da kann ich mich ja endlich etwas Neuem zuwenden." "Also, überarbeitet hast Du Dich ja nicht, oder?" Damit hatte Amero zweifellos recht. Aber ich habe gelernt.. Und so einfach war es wirklich nicht, sich in die Gefühlswelt eines anderen hineinzuversetzen, um alles hautnah mitzukriegen und zu verstehen. Ich schaute meinen Freund trotzig an. Er lachte. "Komm", sagte er,"Du hast noch einiges vor Dir! Was wolltest Du jetzt eigentlich tun?" "Mmh, ich glaube, ich werde mich nochmal genauer bei den Beiden umschauen müssen. Nachdem Du mich einfach im Wandschrank abgesetzt hattest, blieb mir nichts anderes übrig, als unsichtbar auf meine Befreiung zu warten!" "Na, Dir wird schon was einfallen." Und schon war er verschwunden. "Abundzu erlaubt er sich ja dolle Scherze",sagte ich zu mir,"und ich kann`s ausbaden!" Warum hatte er mich in einem Wandschrank landen lassen, noch dazu bei Adam und Eva (Anmerkung: Jegliche Ähnlichkeit mit legendären Personen ist nicht zu übersehen, aber ansonsten ist die Namensgebung reiner Zufall!)? Stundenlang habe ich den paradiesischen Gesprächen zuhören müssen, bevor ich mein enges Quartier endlich verlassen konnte. Moment, worüber haben die eigentlich geredet? Vielleicht ist das garnicht so unwichtig. Mal überlegen . . . worum ging`s? Ja, genau. Sie wollte den Führerschein machen und ein eigenes Auto haben . . . und er versuchte sie mit liebevoller Stimme davon abzubringen. Aber sie sah das nicht ein und sagte, dann würde sie auch nicht mit in die Kleinstadt ziehen können. Das sei aber für seinen Beruf wichtig. Immerhin sei der Umzug ja mit einer Beförderung verbunden, von der sie ja schließlich auch profitiere. Aber ohne Auto sei sie in dieser Gegend aufgeschmissen. Und immer mit dem Bus, das könne er nicht von ihr verlangen. Er führe sie doch jederzeit wohin sie wolle, dafür brauche sie keinen Führerschein, geschweige denn ein Auto. Aber dann sei sie total von ihm abhängig, und soviel Zeit hätte er nun auch nicht. Nein, das können wir uns nicht leisten, erwiderte er. Und was ist mit der Beförderung? Das würde alles ins Haus gesteckt, sie solle sich doch wohlfühlen. Dabei käme sie sich aber eher wie eine Gefangene vor. Ob das Sinn und Zweck seiner Weigerung wäre. Wie sie darauf käme, wollte er wissen. Nun, alles, was sie unternehmen wolle, müsse er vorher abgesegnet haben, das sei doch nicht normal. Sie könne doch tun und lassen,was ihr gefällt. Warum sie sich gerade jetzt so aufregen müsse. Nichts dürfe sie alleine machen. Aber sie müsse doch nichts tun. Er tue doch alles für sie. Das sei ja auch lieb von ihm, aber sie käme sich so nutzlos vor. Warum sei er dagegen, wenn sie sich einen Halbtagsjob suche. Es würde ihr sicher viel Spaß machen. Aber sie müsse doch nicht arbeiten, schon garnicht, wenn er Betriebsleiter sei. Alle anderen Frauen sollten sie beneiden. Ja, schon, nur wolle sie auch mal erfolgreich sein, ob er das nicht verstehe. Ob ihr sein Erfolg nicht genug sei. Das ist was anderes, meinte sie. Er schaute sie an. "Du warst die ganze Zeit unzufrieden, und ich habe es nicht bemerkt!" Sie blickte zu Boden. "Es ist doch nur, weil ich mir so wertlos vorkomme, nichts Eigenes zu leisten. Wenn wir Kinder hätten, dann wüßte ich ja, wo ich gebraucht werde, aber so, wenn Du im Büro bist." Sie sah auf. "Mmmh, ich glaube, ich habe mich ziemlich egoistisch benommen!" "Du hast es ja nur gut gemeint! Aber, Du darfst mich mit Deiner Fürsorge nicht erdrücken. Auch ich brauche ein bißchen Freiheit und Selbstbestätigung." Sie schauten sich lange an. Schließlich grinste er. "Also gut, Du kriegst Dein Auto. Und gleich morgen schauen wir uns nach einem Job für Dich um. Dabei darf ich Dir doch helfen, oder?" "Aber selbstverständlich. Ich würde mich darüber freuen, vorausgesetzt: Ich entscheide!" Sie lachten. Und meine Kette blinkte. "Was? Das kann doch nicht sein. Ist da ein Wackelkontakt drin?" Dabei hatte ich das Gespräch nur in Gedanken Revue passieren lassen. Sehr seltsam! Moment, na klar: ich hatte kapiert, worum es geht: So sehr man den anderen auch liebt, man muß ihm Raum für sich geben, Gelegenheit zur eigenen Entfaltung. Na, das ging aber schnell! Vielleicht lande ich dieses Mal anständigerweise nicht im Schrank fremder Leute. "Läßt sich das einrichten, Amero?" Im nächsten Moment drehte sich alles. Bald würde ich es wissen. "So ein ungehobelter Typ!" Die bucklige Frau war außer sich. "Ich weiß nicht, wie der es geschafft hat, so ein liebes und anständiges Mädel zur Frau zu kriegen. Und daß die sogar bei ihm bleibt, freiwillig, das verstehe wer will, ich nicht." Dabei schüttelte sie heftig den Kopf, daß ihr blaues Kopftuch nur so wackelte. Eine dicke Frau pflichtete ihr bei, indem sie mit derber Stimme sagte:"Wahrscheinlich gibt er dem armen Ding irgendwas zum Ruhigstellen!" Sie riß die Augen auf und fuhr bedeutungsvoll flüsternd fort:"Warum kommen die Zwei denn nie zu den Dorffesten? Na? Dann würde es doch jedem auffallen, mit welchen Mitteln der Unhold das Mädel zwingt, bei ihm zu bleiben." "Vielleicht schlägt er sie sogar, du meine Güte", die dürre Alte sah sich entgeistert um. "Was ich nicht verstehe, warum ist die Kleine immer so freundlich, wenn man sie zufällig auf dem Feld trifft? Und sie sieht richtig gesund aus, garnicht leidend!"lispelte eine andere Frau. Die Bucklige musterte sie:"Ja, dann ist ja ihr Monster von Ehemann nicht dabei. Und außerdem . . . " "Pscht!! Da ist sie." Die Schwatzweiber (also hör mal! Schon gut, tschuldigung!) verstummten und gafften nach einer jungen Frau, die gerade aus einem Laden getreten war und wartend stehenblieb. "Was tut sie da?" Die Hälse reckten sich. "Ich glaube, sie wartet auf jemand." "Oh Gott, da kommt der Unhold!!!" Die Frauen drängten sich enger aneinander. Ich folgte ihren angsterfüllten Blicken. Das war mir sehr gut möglich. Hatte ich schon erwähnt, wo ich gelandet war? Nein? Auf einem Baum, einer wunderschönen Eiche mit großen, starken Ästen und gigantischem Ausblick auf die Straße unter mir, wo ein etwas brutal aussehender, grimmig dreinblickender Mann geradewegs auf die junge Frau zuging. Als sie ihn sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Wortlos nahm er ihre Einkäufe auf die Schulter. Sie berührte den Koloß sanft am Arm. Hoppla, mir war so, als habe sich die verbissene Miene etwas aufgehellt. Festen Schrittes, sie immerfort lächelnd, marschierten beide in Richtung der Frauen, die sich inzwischen halb ohnmächtig vor Angst aber voll ungezügelter Neugierde hinter dem Brunnen verschanzt hatten. Noch ein paar Meter, dann sind sie auf gleicher Höhe. Während die Frau freundlich grüßend vorbeiging, sah es so aus, als wollte ihr Mann am liebsten die Zähne fletschen. Die Frauen schauten ihnen verschreckt nach. Ich beschloß, den beiden zu folgen. Behende (man ist ja schließlich sportlich!) sprang ich vom Baum herunter und lief dem ungleichen Paar hinterher. Der Weg führte aus dem Dorf hinaus, an Feldern und Wiesen vorbei zu einem hübschen Bauernhaus am Waldrand. Leise näherte ich mich einem Fenster und lugte vorsichtig in die Stube. Dort sah ich sie, lustig-schwatzend die Einkäufe sortieren und ihn, leise vor sich hinpfeifend ein Werkzeug reparieren. Er war wie umgewandelt. Die verliebten Blicke, die er seiner jungen Gattin ständig zuwarf, ließen sein Gesicht entspannt und freundlich erscheinen. Ruhig arbeitete er vor sich hin, doch plötzlich schien er sich wieder zu verändern, die Augen wurden schmal, die Gesichtszüge grimmig. Er wurde immer hektischer, immer nervöser, immer gereizter . . . und dann knallte er das Werkzeug auf den Boden. Wütend sah er aus, richtig zum Fürchten. Seine Frau blickte ihm jedoch ruhig ins Gesicht. "Was ist denn passiert, Schatz?" Keine Antwort, stattdessen Wutgeschnaube. Die junge Frau ging auf ihn zu und hob lächelnd das Werkzeug auf. "Du ärgerst Dich über die Schwatzweiber im Dorf, nicht wahr?" Ein böses Knurren war die Reaktion. "Also, wenn sie Dich so sehen würden, sie müßten alles glauben, was sie sich über Dich zusammenphantasiert haben." Sie lachte ihn an. "Schatz", seinen Arm streichelnd,"Du bist der liebste und zärtlichste Mensch, den ich kenne. Du kannst so süß lächeln. Komm, versuch`s nochmal, mir zuliebe!" "Die halten mich für ein brutales Monster! Die Bucklige wollte sogar ihre Hunde auf mich hetzen! Soll sie nur probieren, die Köter tun mir jetzt schon leid!" Er schlug sich die Faust in die Hand. "Dein einziger Fehler ist Dein Jähzorn. Deshalb läufst Du mit einem Ingrimm durch`s Dorf, daß es alle mit der Angst zu tun kriegen. Zeig` ihnen doch, wer Du wirklich bist. Und wenn Du das nicht willst, dann laß sie links liegen. ICH weiß, was ich an Dir habe. ICH weiß, warum ich Dich liebe und ICH weiß, daß Du der menschlichste Mensch bist, den es gibt! Hör auf ,Dich zu ärgern!" Er beruhigte sich. Sie lächelte. Er lächelte. "Ich denke, wenn Du das sagst, kann ich das glauben, überhaupt bist Du mir das Wichtigste! Und wenn Du bereit bist, meine Fehler zu akzeptieren . . . an wem liegt mir mehr?" "So ist es gut. Und nun laß uns einen kleinen Spaziergang machen. Die Sonne scheint gerade so schön!" Er nahm sie bei der Hand, und die Beiden schlenderten wie Jungverliebte aus dem Haus. "Schnell, hinterher! Huch! Was is`n nun passiert? Mist, jetzt bin ich doch tatsächlich hängengeblieben . . . na, nun geh` schon los . . . also echt . . . Amero! Amero! Jetzt hilf mir doch mal, ich muß den beiden hinterherlaufen . . . Amero! Nun mach` schon!" Ich zog und riß, aber der Holzsplitter gab mich nicht frei. Grmph!!! Geschlagene zehn Minuten mühte ich mich ab, doch meine Befreiung wollte mir nicht gelingen. "Ts, ts! Warum willst Du denn so schnell hier weg?" Amero stand kopfschüttelnd neben mir. "Was . . . was soll denn die Frage . . . grmph! . . Hilf mir lieber . . . " "Nicht, bevor Du mir geantwortet hast." "Na, ganz einfach, Du Schlauberger: Weil mir die Zwei sonst abhanden kommen!" "Ja, und? Laß sie doch!" Ich unterbrach meine Befreiungsversuche und sah den Freund spöttisch an:"So? Und wie soll ich dann was lernen?" Amero seufzte. "Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff. Es wird schon seinen Grund haben, daß Du hier festhängst!" Ups!! Da könnte er recht haben. Wahrscheinlich muß ich wieder kombinieren. Mmh! Habe ich irgendwas übersehen? Mal überlegen. . . "Ach, ich kann nicht nachdenken. Jetzt mach` mich erstmal los!" Grinsend wurde ich vom Haken befreit. "So, danke! Sie ist eine hübsche, liebenswerte Person, er dagegen ein brutaler, grimmiger Unhold! . . . hoppla, was hab` ich da gesagt? Hatte sie nicht völlig anders über ihn geurteilt? Aber warum? Weil sie ihn liebt, ganz einfach. Aber warum kann sie ihn lieben, während andere ihn verabscheuen? . . Ja, genau. Sie kennt sein wahres Wesen, seine inneren Werte, seine Stärken und Schwächen. Und sie liebt ihn um seiner selbst willen, unabhängig seines Aussehens, und akzeptiert seine Fehler! Warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen?" "Tja, das frag` ich mich auch. Wahrscheinlich ist Dir die Höhenluft auf der Eiche nicht bekommen!" Und schmunzelnd fügte Amero hinzu:"Ich werde mich nächstes Mal vielleicht doch wieder für den Wandschrank entscheiden müssen!" "Mach` das bloß nicht!" rief ich ihm zu, während mich vom Licht meines Rubins rotgefärbter Nebel umgab und mit sich nahm. DOING! "Autsch! Herrje, ist das niedrig hier." ich sah mich um: Rechts und links von mir entdeckte ich hölzerne Standbeine und, ja, richtig, hinter mir auch . . . und das da über mir? Kein Zweifel, ich sitze unter einem Tisch! Jetzt erst fiel mir die bodenlange Tischdecke auf, die mein Versteck uneinsehbar machte. Waaahnsinnig gemütlich!!! Langsam näherte ich mich dem Tuch, um einen Blick nach draußen zu riskieren. Doch:"Huch!!! Was`n das?" Wie von Geisterhand hob sich die Wand vor mir, und im nächsten Moment robbten zwei Kerlchen im Kindergartenalter hastig in ihre "Behausung". Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig unsichtbar und dann an der anderen Tischseite aus dem Staub machen. Ah! Tut das gut, aufrecht stehen zu können! Interessiert sah ich mich in dem geschmackvollen Wohnzimmer um. Zwei Frauen kamen herein. "Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte! Charlotte, es tut mir furchtbar leid um die Schüssel! Wenn ich die Beiden erwische, die werden sich wundern! Ach, das ist mir alles so peinlich. Du hast doch so an dem Ding gehangen!" Die dunkelhaarige Frau setzte sich, den Tränen nahe in einen Sessel, während die andere sie mißgelaunt ansah. "Tja, da hast Du das Resultat Deiner gutmütigen Erziehung, meine Liebe. Ich hoffe, Du wirst diesen Vorfall zum Anlaß nehmen, ab jetzt härtere Seiten aufzuziehen!" Die Mutter blickte beschämt zu Boden. "Wo sind die Lausebengel eigentlich abgeblieben? Ich halte das Verhalten Deiner Söhne für untragbar!" Es klingelte, und die Geschädigte kam kurz darauf mit einem Mann herein, laut gestikulierend. "So, so, die teure Schüssel also? Das ist wirklich sehr ärgerlich, Charlotte! Hallo, mein Schatz!" Er ging auf die Brünette zu und setzte sich auf die Sessellehne. "Erzähl mal, wie unsere Racker das fertiggekriegt haben. Waren sie allein in der Küche? Wo sind sie jetzt eigentlich?" Schluchzend hob die Frau die Schultern. "Weiß nicht! Charlotte zeigte mir gerade ihren neuen Wintergarten, als die beiden plötzlich wegwaren. Kurz darauf hörten wir den Lärm,tja, und als wir in die Küche kamen, da lag die gute Schüssel auf dem Boden und überall war der Pudding verspritzt. Von Tim und Tom keine Spur! Ach, Klaus, mir ist das alles so peinlich!" "Naja, eine Heldentat war das nicht gerade, aber sie sind doch noch Kinder. Wenn die irgendwo was zum Naschen sehen, werden sie sehr erfinderisch. Wahrscheinlich hattet ihr die Puddingschüssel zu nahe an die Tischkante gestellt!?" "Wie bitte? Du willst mir jetzt die Schuld geben? Da hört sich doch alles auf. Wenn ihr eure Kinder nicht erziehen könnt, dann. . " "Wie Du richtig bemerkt hast, liebe Charlotte,, handelt es sich um Kinder, die eben momentan im Entdeckungsalter sind. Für die ist eine unbekannte Wohnung ein Spieparadies. Und da sollten die Erwachsenen alles tun, um Schwierigkeiten zu vermeiden. Vielleicht haben sich die Kinder an den Schüsselsplittern verletzt? Auf jeden Fall hat sie das ganze Ereignis mehr erschreckt als euch. So`ne Schüssel ist ersetzbar, aber so ein Menschlein nicht!" "Charlotte, er hat recht. Aber ich war so von Deiner Wohnung begeistert, daß ich die Zwei für einen Moment völlig vergessen habe!" Charlottes Augen funkelten empört. "Du bist ja eine tolle Mutter, Irene! Jetzt sieh zu, daß Du Deine Bälger findest und bring ihnen Manieren bei! Ich bin in der Küche, falls ihr mich braucht." Die Eltern sahen sich ernst an. Plötzlich mußte Klaus lachen. "Die gute Charlie! Immernoch die Gouvernante in Person! Tim und Tom, ihr kommt jetzt raus, wir haben mit euch zu reden!" Er schaute sich um, doch nichts geschah bis plötzlich "HATSCHI" Klaus ging zum Tisch und kniete sich davor und spähte vorsichtig darunter. Dort saßen die Brüder mit ängstlichen Augen. "Oh, ist das aber gemütlich hier! Irene, komm, guck Dir das an." Dann zu seinen Söhnen gewandt: "Na, Ihr Zwei, habt Ihr da noch Platz für mich?" "Und für mich?" Eifrig nickten die Kleinen und drängten sich enger zusammen, so daß die Eltern auch unter den Tisch kriechen konnten. Wie die Verschwörer saßen sie nun da, eng beianander. "Nun erzählt mal, was passiert ist!" Vertrauensvoll berichteten die Jungs von dem leckeren Pudding, der so hoch stand, daß sie auf die Stühle kletterten, um ihn zu erreichen. Dabei hatte Tom das Gleichgewicht verloren, und sich beiTim, der gerade die Schüssel in die Hände bekam, festhalten wollen. Schließlich landeten sie zu dritt auf dem Küchenboden, wobei sich die Schüssel als nicht sehr robust erwies. "Tante Charlotte ist sehr traurig über Euer Verhalten. Aber sie ist unheimlich froh, daß Euch nichts passiert ist. Sie hat nur geschimpft, weil Ihr sie so erschreckt habt!" "Wir machen das bestimmt nicht wieder und wir entschuldigen uns auch!" Und mit bittenden Blicken fragten sie:"Habt Ihr uns jetzt noch lieb?" Die Eltern nahmen sie in die Arme. "Natürlich! Und das wird auch immer so bleiben, Ihr Süßen!" Charlotte schaute zur Tür herein. "Nanu, wo sind die denn?" Keine Antwort. "Seltsam. Ob die im WIntergarten sind?" Kaum schloß sie die Tür, als unter dem Tisch lautes Gelächter zu hören war. "Na, kommt, Ihr Lieben. Ärgern wir Charlotte nicht noch mehr." Kurz darauf war ich allein im Wohnzimmer. "Das fand ich gut. Die Eltern haben ihren Kindern das Verständnis und die Geborgenheit entgegengebracht, die nötig war. Tja, das ist auch eine Facette der Liebe." Ich legte mich auf`s Sofa. "Amero, Du kannst mich wieder abholen. Hier ist alles in Ordnung." Und tatsächlich, der Rubin blinkte und das Sofa drehte sich meinem neuen Abenteuer entgegen. "Eine Disco? Ts, und ich dachte, autsch, vor lauter Nebel, ich wär noch unterwegs." "Hey, Du, wenn Du nicht tanzt, dann verschwinde von der Tanzfläche, Du störst nur!" REMPEL, JAUL! So unrecht hatte dieser unfreundliche Typ garnicht. Als Bewegungshindernis machte ich mich wirklich gut hier. AUTSCH! Jetzt langt`s! SCHIEB! DRÄNGEL! ächz, uff ,geschafft! Na, soviel Platz ist hier zwar auch nicht, aber wenigstens stehen die Leute still. Das dauernde Flimmern der Lichter, das nervöse Zucken der Laserstrahler und dazu dieses überlaute Dröhnen aus den Boxen " . . . das dreht mir ja den Magen um. Von Sauerstoff haben die hier auch noch nix gehört. Ah, `ne Schmuseballade, rotes Licht, kein Geschiebe auf der Tanzfläche, warum bin ich denn nicht jetzt gelandet? Tja, war mal wieder Timing!" Einer der Strahler warf seinen roten Lichtschein auf eines der vielen Pärchen, die engumschlungen tanzten. Ich dachte mir schon, daß das ein Zeichen für mich sein sollte. Jetzt hieß es warten.- Allmählich wurde es leerer im Saal, nur noch wenige Leute waren hier. Nur mit Mühe konnte ich es verhindern einzuschlafen. Die Augenlider wurden mir schwer, ich gähnte. Puh, ist das langweilig! Natürlich hatte ich das signalisierte Paar die ganze Zeit beobachtet: Zärtlich turtelnd, die Welt vergessend kuschelten sie sich aneinander. Ich begriff nicht, was mein Auftrag sein sollte. Hier schien doch alles in Ordnung zu sein, oder etwa nicht? Doch was war das? Auf einmal wandelte sich die Szene: Das Mädchen schaute ihn empört an, ruckartig stand sie auf, und noch ehe ich mich versah hatte sie ihm eine saftige Ohrfeige verpaßt. Er blickte betreten in Richtung Fußboden. Wütend mit hochrotem Kopf schnappte sie ihre Jacke und ging.. Ich muß wohl ziemlich erstaunt geguckt haben, denn plötzlich meinte jemand neben mir:"Tja, das war nur eine Frage der Zeit, bis der Muffensausen bekommt. Der hat so`ne süße Freundin zu Hause, die würde ich für so ein Abenteuer auch nicht auf`s Spiel setzen!" "Was? Das war nicht seine Freundin? Ach so! "Naja, aber wahrscheinlich hat das schon gereicht. Über Umwege wird sie eh erfahren, was ihr Liebster so alles anstellt, wenn sie nicht dabei ist!" "Macht der das öfter?" Mein Nebenan grinste: "Nee, keine Ahnung, was heute loswar! Vielleicht hat der Gute Torschlußpanik gekriegt." Als ich sah, daß er seine Jacke anzog und ging, entschloß ich mich zu folgen. Es tat gut, wieder an der frischen Luft zu sein. "Besser als `ne kalte Dusche! Ich bin wieder hellwach!" Nach etwa einer halben Stunde waren wir am Ziel. Der Mann schloß die Haustür eines mehrstöckigen Hauses auf und verschwand darin. Leider war ich nicht schnell genug. Nun stand ich vor verschlossener Tür. "So`n Mist! Was mach ich jetzt?" Ich entdeckte ein erleuchtetes Fenster im dritten Stock, mit roten Vorhängen. "Na, klar, da muß ich also hin, aber wie? Amero, jetzt mußt Du mir helfen!" " Wieso? Wozu hast Du Deine Kette?" "Ach, natürlich, tschuldigung, aber schön zu wissen, daß Du da bist!" Ich berührte also die Rubine, schloß die Augen und war im nächsten Moment in dem erwähnten Zimmer (selbstverständlich unsichtbar, ich will ja niemand erschrecken!). Im Schlafzimmer saßen der junge Mann und eine hübsche Frau auf dem Bett. Er schaute betrübt drein, während sie ihn erstaunt ansah. Sie: "Schatz, was hast Du denn? Was mußt Du mir erzählen? Um Gottes Willen, nun sag schon!" Er :"Ich weiß auch nicht, was los war!" Kritischer Blick ihrerseits. Er:"Du weißt doch, wie sehr ich Dich brauche!" Mißtrauischer Blick ihrerseits. Er:"Nun ja , ich hatte wirklich nichts vor . . . (hastig) . . . und es ist auch nichts passiert, das mußt Du mir glauben." Hilfloser Blick seinerseits. Sie:"Sag mal, was ist denn mit Dir los? Hast Du zuviel getrunken? Was soll diese Stammelei?" Er:"Ach, Du kennst das doch: Manchmal stimmt einfach alles: Du bist gut drauf, hast einen erfolgreichen Tag hinter Dir, die Musik ist super, die Drinks schmecken so gut wie nie, Du fühlst Dich stark und unschlagbar . . . naja, und dann kam so ein Mädchen auf mich zu . .(aufseufzen ihrerseits). Sie sah echt super aus. Wir tanzten und tanzten und ich war wie in Trance, hab` alles vergessen, was um mich herum geschah." Sie (trocken):"Und was passierte sonst noch?" (Elendiger Blick seinerseits) Er:"Echt, es ist nichts Schlimmes passiert. Wir haben uns halt in den Armen gelegen, und später saßen wir in einer Ecke, und da hat sie mich geküßt . . . " (Höhnischer Blick ihrerseits) Sie:"So, so, Du bist also überrumpelt worden. Ich hoffe, Du bist aufgesprungen und weggelaufen?!" (Betretener Blick seinerseits) Er:"Nunja, ähem, so schlimm war`s ja nicht, wie gesagt, ich war total willenlos. Aber als sie schließlich wollte, daß ich mit zu ihr komme, da machte es "klick" und ich konnte wieder denken . . . naja, sie ist dann ziemlich sauer abgedüst!" (Undefinierbarer Blick ihrerseits) Nach einer Weile stand sie auf und verließ das Zimmer, ihn unglücklich zurücklassend. Ich hörte sie im Nebenzimmer unruhig umherlaufen. Es dauerte ziemlich lange, bis er sich aufrappelte, um zu ihr zu gehen. Sie saß inzwischen auf dem Sessel, mit roten Augen, leicht verweint. Er murmelte:"Liebling, es tut mir leid. Kannst Du mir verzeihen? Ich verspreche Dir, daß sowas nie wieder vorkommt. Ehrlich!" "Ja,ja, bis das nächste Mal wieder alles stimmt und eine reizende Schönheit meinen Platz einnehmen will . . . wie konntest Du nur? Ich hatte Dir wirklich mehr Selbstbeherrschung zugetraut. Außerdem: Was bildest Du Dir eigentlich ein? Kaum habe ich mal keine Zeit, schon suchst Du Egoist Dir einen Ersatz! Du hast mein Vertrauen total verletzt . . . natürlich:"Es ist nichts Schlimmes passiert!" pah, wenigstens das konntest Du verhindern, Du Armer. Mensch, wenn ich Dir nicht mehr reiche, dann sag`s offen, das kann ich besser verkraften, als es von anderen zu hören!" "Ich will nur Dich! Mehr als mich entschuldigen kann ich nicht. Und hoffen, daß Du mir glaubst, daß ich total unglücklich bin über den Mist! Du kannst mir wirklich noch vertrauen. Ich werde Dich nie wieder enttäuschen!" "Aber . . . " "Und das Wichtigste: Ich liebe Dich über alles, mein Herz hätte ich nie verloren." Spannende Stille! "Wenigstens warst Du mutig genug, mir ehrlich zu sagen, was vorgefallen ist. Das spricht für Dich. Aber ich bitte Dich inständig:Spiel nicht mit mir! Du bist mein Ein und Alles. Wenn ich Dich verliere, es wäre schrecklich für mich. Aber noch schlimmer ist es, wenn ich fühle, daß ich nur noch Gewohnheit für Dich bin. Dann laß uns offen reden. Für uns beide! Versprich mir das!" "Du verzeihst mir? Ich bin Dir so dankbar. Und ich verspreche es, aber das werde ich nie einlösen müssen, und das verspreche ich Dir hoch und heilig." Er nahm sie behutsam in die Arme, und sie ließ es geschehen. "Komm", flüsterte er" laß uns am Fluß spazieren gehen!" Sie lächelte. Ich schaute den Beiden lange nach. Das rote Blinken des Rubins bemerkte ich kaum. "Achja", seufzte ich" das nenn ich Stärke. Aber wer liebt, der muß auch verzeihen können! Ich glaube, es wird Zeit, meine Mission fortzusetzen." Vor dem Fenster schwebte eine rote Wolke. Nach kurzem Zögern ließ ich mich darauf fallen. Das Fenster schloß sich hinter mir und ich entschwebte in der Wolke. Nanu, ich sitze hier ganz gemütlich auf einem Stuhl, ein Buch liegt aufgeschlagen vor mir auf dem Tisch. Das ist ja mal `ne nette Landung! Wahrscheinlich ist das so eine Art Lesesaal, vielleicht eine Bibliothek. Ich beschloß, mich umzusehen. Als ich den Vorraum betrat, hörte ich zufällig folgendes Gespräch mit, das sich auf einen schüchtern aussehenden, jungen Mann bezog, der gerade sehr couragiert mit seinem, naja, sieht wie ein Vorgesetzter aus, einige Schritte von mir entfernt diskutierte. "Er ist wie umgewandelt, seit Wochen nicht mehr wiederzuerkennen. Richtig glücklich sieht er aus, der Herr Balduin." "Ja, das ist mir auch aufgefallen. Und seine Schüchternheit hat er auch abgelegt. Er sagt jetzt genau, was er will, zwar höflich und nett, aber sehr bestimmt. Tja, das kriegt jetzt auch der Chef zu spüren (lachend), na, aber den freut das. Weißt Du noch, als er meinte: "So einen guten Mann wie Balduin hatten wir lange nicht mehr, wenn er nur etwas selbstbewußter auftreten würde!" "Nun, das macht er ja. Die Beziehung zu dem Fräulein Schneider tut ihm unheimlich gut. So ein richtig kleines Wunder!" "Sie ist aber auch eine liebenswerte Person, findest Du nicht? Außerdem sind die Beiden ein hübsches Paar!" "Und wenn er demnächst befördert wird, dann gibt`s bestimmt bald eine Hochzeit!" Plötzlich wandte sie sich an mich. "Kann ich Ihnen helfen? Oh, Sie haben aber eine schöne Kette an, die blinkt ja richtig." "Wie bitte?" Ich konnte es nicht glauben, aber sie hatte recht. Elf Rubine glänzten und strahlten um die Wette. Es war wunderschön anzusehen. "Ähem, sagen Sie, ist das Herr Balduin da vorne?" "Ja, neben Herrn Grünholz, unserem Chef." "Vielen Dank!" Ich ging auf die Beiden zu, blieb neben Balduin stehen und wartete bis er mich anschaute. Und da sah ich es: Das warme Funkeln, das den Augen der Verliebten so eigen ist. Und den Stolz, den die Kraft der Liebe nährt. Nun war mir alles klar; ich lächelte ihm freundlich zu und verließ das Gebäude. "Tja, das Paradebeispiel dafür, daß Liebe Wunder bewirkt. Liebe, das heißt Kraft schöpfen, um Stärke zu zeigen. Wer glücklich liebt, ist unbesiegbar!" Während ich pfeifend die Straße entlangschlenderte, bemerkte ich die mir wohlbekannte Schwerelosigkeit, die sich langsam meines Körpers bemächtigte. Nach und nach entfernte ich mich vom Boden. Höher und höher., bis zu den Wolken, bis in den Himmel, bis ins Universum, hin zu einem Ort, tief in mir drinnen, in mein eigenes Herz, so unbeschreiblich, so wahnsinnig gefühlsintensiv, so rein, so geläutert, so reich an Erfahrung . . . so fähig, wahrhaftig zu lieben!!! Ich flog, ich schwebte, ich liebe, liebe, liebe, so froh, so glücklich, ich flog, ich schwebte. Umgeben von den schönsten Farben, rote Blütenblätter streiften mein Gesicht, silberne Sterne fielen mir ins Haar, Goldstaub bedeckte meine Hände. Wehend, so leicht! Alles entspringt im Rot, der Wind ist rot, das Wasser, das Feuer ind die Erde, der Lebenssaft, Glut wird heißer und heißer, ich drehe mich schneller und schneller . . . Liebe!LIEBE!!LIEBE!!! Herrlichkeit, Einzigartigkeit, Göttlichkeit!. . . . Ein roter Stern, mit einer nie gekannten Kraft, er strahlte, alles in ein weiches Rot tauchend, sich auf ewig damit verbindend . . . ich flog . . . ich schwebte . . . "Ich fliege, ich schwebe . . . ja, ich liebe, ich liebe, ich hab` sie gesehen, ich hab` sie gesehen!!!" "Wen hast Du gesehen?" Ich vernahm Ameros vertraute, gütige Stimme. Noch mit geschlossenen Augen seufzte ich und flüsterte verträumt:"Ich habe die Liebe gesehen!" Ich spürte, daß er lächelte. Langsam öffnete ich die Augen. Es war das rote Zimmer! Ich hatte es geschafft!! "Amero, es ist unvorstellbar. Hast Du das auch erlebt?" Er sah mich ruhig an. "Jeder, der richtig liebt, kann das erleben!" Jetzt wurde er ernst. "Deine Mission ist nun beendet, aber Du wirst sie nie vergessen. Hilf mit, der Menschheit die Liebe bewußt zu machen, bevor sie ganz verloren ist!" ". . . bevor die Glut des ehemals gigantischen Feuers vollständig verlöscht?" Er nickte! Jetzt wußte ich, daß mir der schwierigste Teil meiner Mission noch bevorstand. Meine Mission darf nicht enden, denn dann stirbt die Liebe. Amero hielt meine Rubinkette in den Händen. Der zwölfte und letzte Rubin leuchtete. Amero strahlte. "Ich wußte, daß Du mich nicht enttäuschst. Du wirst es schaffen!" Plötzlich wurde er still. Auch ich fühlte mich beklommen. Schließlich fragte ich schüchtern:"Werde ich Dich irgendwann wiedersehen?" Er antwortete nicht sofort. Doch dann schaute er mich mit seinen gütigen Augen an. "Ich war und bin immer bei Dir. Du mußt nur in Dein Innerstes sehen!" "Amero. Wer bist Du eigentlich?" Er stand auf und ging in Richtung Tür. In der Mitte des Zimmers blieb er stehen und drehte sich um. "Ich bin Dein Gefühl!" Jemand rüttelte mich an der Schulter. "Hallo, Sie müssen leider gehen. Wir schließen jetzt." Ich schreckte hoch. Wo bin ich? Was ist los? Der alte Mann neben mir schaute mich aufmerksam an. "Ist Ihnen nicht wohl?" Und entschuldigend fuhr er fort:"Naja, die Luft ist hier auch immer sehr stickig. Die vielen Möbel und Vorhänge, die ganzen Bücher, dem Staub ist da nicht beizukommen." Ich war immernoch wie benommen. Ich muß eingeschlafen sein, meine Arme lagen noch auf dem roten Buch. Es war aufgeschlagen; auf der letzten Seite stand deutlich "FINE" geschrieben. Ich rieb mir die Augen und sah am Antiquitätenhändler hoch. Sein gütiger Blick fesselte mich. Irgendwie kam er mir bekannt vor. "Kann ich Ihnen noch behilflich sein,, ansonsten müßte ich dann schließen!" "Sagen Sie, wie teuer ist dieses Buch? Kann ich es haben?" "Was wollen Sie denn mit dem Ding? Es sind nur leere Seiten drin!" "Was? Leere Seiten? Aber ich habe doch eben ganz deutlich . . . ?!" Ich blätterte verwirrt in dem Buch. Alles vergilbtes Papier, kein einziges Wort stand darin. Bin ich denn total verrückt geworden? Das ist ja seltsam. Ob ich alles nur geträumt habe?! Ich klappte das rote Buch zu und nahm es unter meinen Arm. "Sie möchten es trotzdem haben?" Ich nickte entschlossen. "Nun gut, ich schenke es Ihnen. Irgendwie paßt es zu Ihnen!" "Oh, das ist aber nett . Ganz herzlichen Dank!" "So, nun müssen Sie aber gehen!" Er geleitete mich noch zur Tür. "Auf Wiedersehen und nochmals Danke!" Er blickte mich an und strich sich ein widerspenstiges Haar seiner ehemals roten Haarpracht aus dem Gesicht. Ich erstarrte:Rote Haare?! "Ja, auf Wiedersehen. Passen Sie auf sich auf. Und auf das Buch!" Und er zwinkerte. Ich ging weiter. ULLA (ZUGRIFF)