Die schwarzen und bedrohlich wirkenden Wolken rissen auf und die Welt erleuchtete im fahlen Licht des Mondes, der wie ein bösartiges Auge rötlich schimmernd, wie vom Blut lebender Kreaturen auf die Welt herabstarrte.
Fünf Geweihte stapften über die matschige Erde und kämpften sich gegen den Regen und den Strumwind vor, der erste von ihnen trug eine Fackel in der Hand und leuchtete sich und den anderen den Weg. Die anderen vier trugen eine traurige Last, ein schäbiger Holzsarg ruhte auf ihren Schultern.
In ihm befanden sich die Überreste einer alten Heilerin, die nicht weit vom Kloster und der Stadt in einer kleinen Hütte im Wald lebte. Doch irgendjemand - oder irgendetwas, wie die Bevölkerung murmelte - hatte die alte und gutmütige Frau bestialisch ermordet und ihre Hütte in Brand gesteckt.
Wäre ihr Sohn nicht Paladin des Tempels gewesen, sie hätten ihre Reste mitleidig blickend in den Sadir gekippt.
Und so kam es, dass die fünf Mönche nun, mitten in der Nacht einen schäbigen Holzsarg auf den alten Friedhof brachten. Katal lief ein eisiger Schauder über den Rücken und er blieb vor dem frisch ausgehobenen Grab stehen.
Die anderen Geweihten liessen nun langsam ihre schauerliche Bürde hinab in die Welt der Würmer und dann bekreuzigte sich einjeder und hielt die linke Hand in Richtung des Grabes hervor und streckte Zeige- und Mittelfinger nach vorne. Das Zeichen gegen Böses. Katal begann ein leises Gebet zu flüstern und die anderen stimmten einen leisen Sing-Sang an, der die Götter dazu bewegen sollte, die Alte Frau sicher in ihr Paradies zu geleiten. Dann begannen sie gemeinsam das Grab zuzuschaufeln, während Katal sich argwöhnisch umsah. Er spürte eine seltsame Präsenz in der Luft, er konnte es nicht benennen. Und je mehr er sich darauf konzentrierte, desto sicherer wurde er, dass er es garnicht wollte.
Nach vollbrachter Arbeit verliessen die Mönche eiligen Fusses den nächtlichen Friefhof und entkamen dem Regengott in den heiligen Wänden ihres Klosters.
Doch kurze Zeit nachdem sich das eiserne Portal geschlossen hatte, öffnete es ich quietschend wieder. Eine in ein dunkles Cape gehüllte Gestalt huschte hinein und rannte an den Bäumen vorbei durch den peitschenden Regen auf den Friedhof.
Es war ein kleiner Starssengauner names Boratus. Er hetzte fast völlig aussere Atem über die Gräber, sich bei jedem Schritt einer unsühnbaren Schandtat bewusst, doch selbst die entsetzliche Vorstellung, von den Göttern verbannt zu werden, konnte ihn in diesem Moment nicht schrecken.
Als er dass frisch zugescharrte Grab erreichte, verliess ihn jedoch entgültig die Kraft und er stürzte benommen zu Boden. Er nahm mit letzter Kraft hinter dem Grabstein Deckung und im selben Moment brach das rostige Tor lautlos aus den Angeln. Durch das nun nicht mehr existente Tor sah er, wie sich düster und bedrohlich das Kloster der sieben Stufen am Horizont ab- setzte. Doch langsam verschwomm die Sicht und es schien, als würde sich eine Welt vor die andere schieben und von einem Moment auf den anderen war es als risse die Luft auf und er sah in dem Eingang nur Dunkelheit. Es war zu substanz gewordene Dunkelheit und es schien, als würden sich in dem Dunkel Schatten hin und her bewegen und ihn beobachten. Eisige Kälte zog über den Fridhof und alles überlegte sich mit Rauhreif. Boratus zog sich seinen Kapuzenmantel enger um die Schultern und er starrte wie gebannt in diese substanzielle Finsternis.
Plötzlich schoss eine Feuerbrunst aus dem Dunkel hervor und es wurde taghell- Aus den Flammen löste sich eine grosse Gestalt, sie war in eine schwarze Robe gehüllt, dass Gesicht tief im Schatten einer Kapuze verborgen.
Sie saß auf einem skelletierten Pferd und ritt gemächlich über den Ort des Friedens. Eine nachtschwarze Krähe saß auf ihrer linken Schulter. Mitten auf dem Friedhof blieb sie stehen und eine düstere Grabesstimme löste sich aus ihrem innern und drang tief in Boratus Bewusstsein hervor:
"Und Du Sterblicher glaubst wirklich, dass Du Dich vor mir verbergen kannst? Vor mir?"
Boratus gefror vor Angst fast das Blut in den Adern. Sein ganzer Körper zitterte und er krallte sich wie ein ertrinkender Seemann an den Grabstein.
Der Dämon hob einen Arm und ein knöcherner Finger zeigte auf ein Grab, das sofort darauf von einer halbverwesten Hand durchbrochen wurde. Sekunden später hatte sich die Leiche einer kürzlich Verstorbenen, die Boratus einmal gut kannte aus dem Erdreich hervorgewühlt und begann auf ihn zuzuhinken. Boratus schrie auf und unterdrückte einen plötzlich aufkommenden Brechreiz. Er sprang auf, um zu fliehen, doch es war zu spät.
Der Dämon mit der Krähe saß oben auf seinem Pferd vor ihm und blickte auf ihn herab.
"Ich verstehe nicht, wie gerade Du meine Pläne durchkreuzen sollst..." Ein knöcherner Finger zeigte auf Boratus und dieser schloss ensetzt die Augen. --- Nichts tat sich. Dann hörte er ein seltsames Röcheln und blickte auf. Das Wesen war auf seinem Pferd zusammengesunken und drohte herabzufallen. Es blickte nocheinmal zu Boratus und ein entsetzliches Flüstern verliess seinen Körper: "Solche Macht in Deinen Händen - wer hätte das gedacht..."
Die Kreatur verlor an Farbe und die Manifestion löste sich auf. Boratus blieb noch einige Sekunden angespannt stehen bevor er sich über die Situation bewusst war. Dann blickte er sich um. Der Zombie war zusammengebrochen und nurnoch ein Haufen Knochen mit einigen Fleischfetzten und Boratus verliess sich bekreuzigend und eiligen Fusses den Friedhof...
"Ist da jemand?" eine Gestalt schob sich die Strasse hinein, eine kleine Sturmlaterne in der Hand haltend und sich vorsichtig an die Wand drückend. Darnok konnte sehen, dass die Person ein Messer trug. Es war der Vater des Mädchens, wie er plötzlich wusste. Sein aufgedunsener Körper zitterte wie Espenlaup und seine Stimme erklang wieder nur um sich Mut zu machen: "Wisch´ar, bist Du das?"
Die Gestalt verliess die Seitengasse nicht mehr.
Ende Kapitel 6
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