Mein Zivildienst


Von Andreas Etzrodt
März 1998


Wie fängt man bei einem solchen Thema am besten an? Warscheinlich, wie alles begann...

Um Euch nicht zu langweilen, habe ich vieles weggelassen. Z.B. warum ich erst 4 Jahre nach meiner Musterung mit dem Zivildienst fertig bin.

Es war einmal ein schöner Tag... bis der Postbote da war und ich meine Post öffnete. An dem Tag im Jahre 1994 hatte ich meine "Vorladung" zur Musterung beim Kreiswehrersatzamt Meppen erhalten. Also noch ein paar Bescheinigungen vom Arzt abgeholt und ab nach Meppen. Leider waren die Ärzte bei der Musterung anderer Meinung als meine Ärzte und ich. Das heißt, daß ich den Tauglichkeitsgrad 3 (bedingt einsatzfähig -> oder so ähnlich -> ich hätte auch in der Grundausbildung nicht alles mitmachen brauchen) erhalten hatte.

Da ich aber schon immer nur sehr eingeschränkt Sport machen durfte (Knieprobleme), wollte ich mich damit nicht abfinden und als "untauglich" eingestuft werden. Nach ein paar Monaten und mehreren Nachuntersuchungen war ich dann T4 (vorrübergehend untauglich), was mir auch nichts brachte. Also habe ich kurzentschlossen verweigert. (Ich dachte mir, daß die Knie im Zivildienst weniger belastet werden -> was sich dann auch bestätigte.)

Ich schrieb also einen zweieinhalbseitigen Brief über meine Gesinnung und warum ich verweigern wollte. Wer Interesse hat, dem kann ich mal genau erklären, was ich gemacht habe -> einfach bei mir melden!

Dieser Brief ging dann zum zuständigen Kreiswehrersatzamt, von wo er dann zum Bundesamt für Zivildienst (BAZ) weitergeleitet wurde. Nun hieß es WARTEN (so eine Prüfung kann bis zu 6 Monate dauern! Sie läßt sich aber unter bestimmten Vorraussetzungen beschleunigen -> das wußte ich aber dummerweise erst später). Nach fast 5 Monaten hatte ich dann die Bestätigung: "Sie sind berechtigt, den Dienst an der Waffe zu verweigern". Juhuu!!!

Meine erste Idee war es nun, in einem Krankenhaus im Büro oder in der Verwaltung zu arbeiten (was durchaus möglich wäre - schließlich bin ich ausgebildeter Bürokaufmann!). Leider war so eine Stelle erst wieder in einem halben Jahr frei. So mußte ich mir etwas anderes suchen. Aber was? Ich habe dann einfach bei verschiedenen hier in der Gegend befindlichen Krankenhäusern nachgefragt, ob sie ÜBERHAUPT eine Zivistelle frei hätten. Beim dritten Krankenhaus hat es dann auch geklappt und ich hatte INOFFIZIELL eine Zivistelle.

"Inoffiziell", weil das Krankenhaus erst einen Antrag an das BAZ stellen mußte, daß es mich haben wollte. Und das BAZ mußte dann entscheiden, ob ich da hindurfte oder nicht. Natürlich war das kein Problem, und ich konnte im Februar 1997 (nach nochmal 3 Monaten) ENDLICH mit meinem Zivildienst beginnen - als Krankenpfleger auf einer chirurgischen Station.

Von nun an hieß es: Schichtdienst. Das heißt nun wieder, Montag bis Freitag Spätschicht (13.00 - 20.30 Uhr), Samstag und Sonntag kam es darauf an, wie viel zu tun war, in welcher Schicht ich arbeiten mußte, und dann Montag bis Freitag Frühschicht (6.00 Uhr bis 13.30 Uhr). Das heißt, daß ich jedes zweite Wochenende arbeiten mußte, dafür in der Spätschichtwoche aber einen wechselnden Tag frei hatte.

Als ich am ersten Tag um 8.00 Uhr (wie vereinbart) auf der Station ankam, hieß es erstmal, meine neuen Kollegen, mit denen ich 13 Monate auskommen mußte, kennenzulernen. Außerdem mußte ich mich auf der Station zurechtfinden - garnicht mal so einfach, wenn man davon noch überhaupt keine Ahnung hat. Irgendwann war Feierabend und ich ließ mich zu Hause auf die Couch fallen... Ich war den ganzen Vormittag nur am rumrennen gewesen...

Der zweite Tag (und die nächten 13 Monate) sollte aber noch schlimmer werden. Morgens um 5.00 Uhr aufstehen, sich frisch machen, etwas essen, kurz die E-Mails beantworten ;-) und spätestens um 5.40 Uhr losfahren, ist schon schwierig. Und ich kann es vorwegnehmen: ich habe mich nie richtig daran gewöhnt...

Meine Arbeit im Krankenhaus bestand darin, den Patienten morgens beim Waschen zu helfen - notfalls mußte ich ihnen beim Duschen helfen. Damit hier keine Mißverständnisse aufkommen: es war eine reine Männerstation! Was Ihr auch wieder denkt... ts,ts,ts... Dann mußte ich sehen, daß alle Patienten ihr Essen (Frühstück, Mittag, Kaffee, Abend) bekamen. Dann mußte ich Betten machen. Dann mußte ich Urinflaschen leeren (kommt einem zuerst nicht so toll vor, aber das ist noch harmlos ;-).Dann mußte ich einigen Patienten beim Essen helfen oder ihnen das Essen eingeben ("füttern" sagt man nicht).

Dann hatte ich VIEL Putzarbeit zu leisten. Aber auf der Station waren auch noch SchülerInnen und oft genug auch noch PraktikantInnen. Diese waren natürlich eine große Hilfe. Das waren jetzt alles nur Beispiele. Natürlich wuchs mein Tätigkeitskatalog mit meiner Erfahrung. Z.B. Blutdruck messen, Patienten, die sich gar nicht selber helfen konnten, ALLEINE waschen, ich durfte auch ab und zu Medikamente rausgeben (natürlich durfte ich nicht entscheiden, wer welche Medikamente bekam). Kaffeekochen, Brote schmieren, Tee kochen, Mineral-Wasser ausgeben, die Betten von entlassenen (oder verstorbenen -> das kam zum Glück nicht sehr häufig vor) Patienten zur Waschanlage schieben, die Schränke ausputzen, die Tischdeckchen auswechseln.

Die Spülräume (für Waschschüsseln, Urinflaschen, Nierenschalen usw.) sauber halten, die vollen Müllsäcke ausspannen, die Spülmaschine in der Teeküche bedienen, die Instrumente (Pinzetten, Scheren, Knopfkanülen, und wie sie alle heißen) säubern, einschweißen und zur Sterilisation bringen, die Wickeln (Verbände) aufwickeln... und so weiter und so fort.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich halbwegst "eingelebt" hatte. Es war nunmal nicht mein Metier (schließlich hatte ich eine Ausbildung im Büro gemacht). Zwischendurch (nach etwa 4 Monaten) ist mir sogar gedroht worden, daß ich auf eine andere Station versetzt werde. Und nur, weil ich mir einfach den Arbeitsablauf nicht merken konnte. Die Drohung wurde zum Glück nicht wahrgemacht...

Im nachhinein würde ich sagen: Würde ich das nochmal machen? Ich weiß es nicht! Einerseits hat mir vieles auch sehr viel Spaß gemacht. Andererseits waren auch viele Arbeiten gelinde gesagt "Drecksarbeiten". Mit den Kollegen bin ich größtenteils sehr gut ausgekommen. Mit den Schülern und Schülerinnen erst recht. Auch, wenn ich "nur" ein Zivi war, hatte ich eine große Verantwortung zu tragen! Das war auch gut so. Wenn man dauernd nur gesagt bekommt: mach dies und mach das, dann macht das eben keinen so großen Spaß, aber wenn man auch eigenverantwortlich Arbeiten darf, sieht das anders aus.

Allerdings hatte ich auch Glück, weil ich auf die beste Station im Marienkrankenhaus (so der Name) gekommen bin. Und das ist nicht nur meine Meinung, sondern die Meinung von fast allen Schülern, die ja alle paar Monate die Station wechseln müssen und so jede Station kennen. Ein Kollege (Mit-Zivi) auf einer Inneren Station war nicht so begeistert. Er hatte fast nur schwere bis schwerste Pflegefälle zu betreuen. Und bei ihm (nicht durch ihn) sind sehr viel häufiger Patienten gestorben.

Das ist auch ein Thema. Ich war ja nun zum Glück auf einer chirugischen Station. Da liegen dann die Bein- Arm- Rippen- und Sonstwas-Brüche, Knie-, Blindarm, Hämorr...ähm..."Hämoriden"- (das ist nicht die korrekte Schreibweise, aber wer kann die schon?) und sonstwas-Operationen. Also zumeist nichts ernstes. So habe ich in den gesamten 13 Monaten 2 tote Patienten GESEHEN und in die Leichenhalle gebracht (nicht alleine). Beim ersten Patienten war es eine ziemlich herbe Erfahrung, weil ich bei ihm den Puls zählen sollte und keinen gefühlt habe. Er ist dann sofort reanimiert worden, aber eine halbe Stunde später war er gestorben. Es war ein relativ alter Patient gewesen, aber wenn man so etwas nicht am eigenen Leib miterlebt, kann man das einfach nicht nachfühlen, wie ich mich in der Situation gefühlt habe. Der Tag war einfach gelaufen für mich.

OK, nochmal: würde ich das nochmal machen? Warscheinlich ja. Auch im Krankenhaus und auch als Krankenpfleger.

Ich denke, das war er, mein Bericht zum Zivildienst. Hier noch ein paar Vor- und Nachteile vom Zivi-sein im Krankenhaus:

+ in der Frühschichtwoche war ich um 14.00 Uhr zu Hause
- in der Frühschichtwoche mußte ich um 5.00 Uhr morgens aufstehen.
+ in der Spätschichtwoche konnte ich ausschlafen
- in der Spätschichtwoche blieben mir nur 3-4 Stunden (je nachdem, wann ich aufstand) zu Hause. Abends, wenn ich um 21.00 Uhr zurückkam, hatte ich keine Lust noch irgendetwas zu machen!
- ich hatte viel "Drecksarbeit" zu tun
- ich war fast den ganzen Arbeitstag auf den Beinen
+ ich hatte 31 Tage Urlaub (statt 28 bei "normalen" Zivis).
+ ich hatte Anspruch auf Soldstufe 3 (1=13,50DM, 2=15,00DM, 3=16,50DM PRO TAG (nicht pro Stunde :-))
+ ich habe viel über die Pflege von kranken und/oder alten Menschen gelernt.
+ ich habe viel Freude mit älteren Patienten gehabt, die von ihrer Vergangenheit (Teilweise vom 1. Weltkrieg!) erzählten.
- ich hatte aber auch viel Ärger mit Patienten, nicht nicht damit zurechkamen, ein Pflegefall zu sein oder einfach arrogant, ego- istisch und rücksichtslos den anderen Patienten gegenüber usw. waren.
- in Stoßzeiten hatte auch ich als Zivi viel Streß
- Zivildienst dauert 3 Monate länger als Bundeswehr
+ ich habe jetzt ALLES hinter mir -> keine Ersatz-Übungen o.ä.

Bei weiteren Fragen stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung.


Andreas Etzrodt
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