Fusion - der bessere Mac?
von Volker Mohr
Für den Amiga gibt es kaum noch neue Spiele, auch die eine
oder andere Anwendung könnte man ganz gut gebrauchen. Dazu
gleich einen PC oder Mac kaufen? Wozu? Es gibt doch
Emulatoren, um auf dem Amiga das Mac-OS laufen zu lassen.
Am weitesten verbreitet war bislang Shapeshifter, ein
Sharewareprogramm. Dieser ist schneller als ein echter Mac
mit gleichem Prozessor, hat aber durchaus ein paar Macken.
Außerdem wurde er seit geraumer Zeit nicht mehr
weiterentwickelt.
Seit einiger Zeit ist ein kommerzielles Konkurrenzprodukt
zum Sharewareprodukt Shapeshifter auf dem Markt: Fusion von
Mikrocode Solution. Von den Amiga- Printmagazinen wurde
dieses Programm in den höchsten Tönen gelobt. Doch
bekanntlich ist nicht alles Gold was glänzt. Und diese
Magazine leben nun mal von der Werbung, negative Tests gibt
es in den Amiga-Zeitschriften fast gar nicht mehr. Was ist
nun wirklich von Fusion zu halten?
Die Ankündigungen sind vielversprechend: Fusion soll das
brandneue MacOS 8.0 unterstützen, es soll einfacher zu
installieren und zu konfigurieren sein, es bietet virtuellen
Speicher, bessere Grafiktreiber, bessere
CD-ROM-Unterstützung und vor allem: es wird im Gegensatz
zum Shapeshifter noch weiterentwickelt. Auch eine PowerPC
-Variante wurde angekündigt, insofern genügend Interesse
seitens der User besteht.

Dies waren alles Gründe für mich Fusion zu kaufen. Dies tat
ich nicht beim offiziellen deutschen Vertrieb, Haage und
Partner, sondern über meinen lokalen Amiga-Händler, der
wiederum die Diskette (richtig gelesen: eine einzige
Diskette, nicht einmal ein Handbuch bekommt man für die
knapp 170,-- DM!) von Vesalia bezogen hat. Die Installation
erfolgt über den Amiga Installer und war völlig problemlos.
Da ich auch schon diverse Uralt-Macs hatte, waren zwei
verschiedene Rom-Images auch kein Problem. Beide hatten
vorher mit dem Shapeshifter (nichtregistrierte Version)
tadellos funktioniert, sie sollten also auch mit Fusion
klappen. Die Konfiguration von Fusion ist nahezu identisch
der von PCx, (einem PC- Emulator aus gleichem Hause) also
keineswegs einfacher oder benutzerfreundlicher als beim
Shapeshifter. Dann der erste Test: Systemabsturz. Nach
weiteren Probieren in den Einstellungen für Ram (auf Extras
wie CD-ROM habe ich dann erst einmal verzichtet) bekam ich
immerhin das Logo mit dem lächelnden Mac zu sehen (Wer den
Mac nicht kennt: dieses Bild zeigt sich immer nach dem
Einschalten eines Macs.) Danach stürzte der Amiga wieder ab.
Nach einem genauen Blick auf das Programm habe ich
festgestellt, daß ich die Version 1.0 von Fusion erhalten
habe, während offiziell bereits die Version 2.0 in
Deutschland verkauft wird. Ich habe das Programm zu meinem
Händler zurückgebracht. Dort haben wir testweise Fusion auf
einem A 3000 installiert, mit dem gleichen negativen
Resultat. Ein zum Verkauf bestimmter A 1200 mit Blizzard
1220 ließ sich nach der Installation nicht einmal mehr
booten! Da eine kostenlose Option auf ein Update auf V 2.0
besteht, wollte ich dieses erst einmal probieren bevor ich
das Programm wieder umtausche. Zum Update gab es zwei
Möglichkeiten: Die Originaldiskette nach England zu
Blittersoft schicken, dies kam bei 170,-- DM natürlich nicht
in Frage. Die zweite Möglichkeit ist es, das Keyfile mit
LHA zu packen und an Microcode-Solution zu senden. Mit
letzterer Möglichkeit hatte ich nach etwas mehr als einer
Woche per E-Mail das neue Keyfile erhalten. Einige andere
erforderliche Zusatzprogramme konnte ich direkt von der
Homepage des Herstellers laden. Nach ebenfalls problemloser
Installation lies sich Fusion diesmal auf Anhieb starten.
Jetzt wurde es spannend: Klappt die Installation von System
7.5? Einen Diskettensatz hatte ich aus dem Wühltisch von
Gravis. Mein Diskettensatz von meinem Powerbook 145b war
leider nicht benutzbar, da bei der Installation immer der
Hineis kam, daß es sich bei dem verwendeten Rechner nicht um
ein Powerbook handelt. Außerdem handelte es sich sowieso
nur um das betagte System 7.1.2. Jedenfalls klappte unter
System 7.5 die Installation auf einer eigenen Partition ohne
Probleme. Auch mein CD-ROM läuft ohne Probleme. Wichtig
vielleicht für andere der Hinweis, daß es von Apple im
Handel eine Version des OS für alle Macs (im Handel
erhältlich) und für den jeweiligen Mac (wird mit einem Mac
mitgeliefert) gibt. Diese Versionen unterscheiden sich
lediglich dadurch, daß die Hardware abgefragt wird, bzw.
nicht abgefragt wird. Dies ist unpraktisch und doof, aber
ein Fehler von Apple, nicht von Fusion. Glücklicherweise
kann man sich bei Fusion den Gerätetyp, der emuliert werden
soll, aussuchen. Eine breite Palette von Macs wird
unterstützt, möglicherweise kann so auch gerätabhängige
Betriebssystemsoftware installiert werden.
Leistungseinbußen gibt es hierdurch nicht. Auf einem Amiga
mit 68040/40 bleibt immer die gleiche Rechenleistung
bestehen, egal ob ein Mac LC II (original mit 68030/25) oder
ein Quadra 950 emuliert wird. Einzige Einschränkung ist das
neue MacOS 8.0 auf einem 68060. Hier wird nur die Leistung
eines 68040 erreicht, da Apple ganz bewußt den 68060
ausklammert. Welcher Teufel die Programmierer bei Apple da
geritten hat, weiß keiner. Womöglich will man vermeiden,
daß jemand feststellt das MacOS 8.0 auf einem 68060/50
genauso schnell läuft wie auf PowerMacs der ersten Stunde.
Wohlgemerkt: dies ist ein Fehler von Apple, nicht von
Fusion! Im Gegenteil, auf einem echten Mac mit 68060 (sowas
gibt es in den USA!) würde MacOS 8.0 gar nicht laufen!
Ganz nebenbei wurde so der erste Vorteil von Fusion
gegenüber Shapeshifter deutlich: MacOS 8.0 läuft. Ob ich
es mir kaufen werde, steht freilich noch in den Sternen.
Ich habe allerdings bereits mit Usern gesprochen die ganz
begeistert sind.
Der nächste Vorteil stellte sich beim Abspielen von
Quictime-Videos dar: mal eben in den Kontrollfelder die
Monitorauflösung von 800 x 600 Bildpunkten gewechselt auf
640 x 480. Alles gar kein Problem mit Fusion. Dann wollte
ich das neue Photoshop 4.0 try out von der MacMagazin CD
testen. Die Installation war kein Problem. Allerdings
meckerte der Mac beim ersten Startversuch zu wenig Speicher
an. Kein Problem, wozu hat man denn virtuellen Speicher.
Also in die Kontrollfelder gegangen und virtuellen Speicher,
gleich 32 Mb ausgewählt. Man will ja schließlich klotzen,
nicht kleckern. nach einem Neustart standen jedoch
weiterhin nur ca. 11,5 Mb zur Verfügung. (Meine Amiga hat
16 MB Fastram) Nach einigem Probieren in den Fusion-
Einstellungen ist es mir tatsächlich gelungen, den
virtuellen Speicher zu bekommen. Photoshop ließ sich auch
starten, ist jedoch nach einigen Minuten abgestürzt. Gut,
dies konnte ja auch am Programm liegen. Also habe ich mal
versucht, den neuen Netscape Communicator zu installieren.
Auch dieses Programm ist direkt beim Start abgeschmiert.
(Und hat den Amiga gleich mitgenommen!) Offenbar
funktioniert der virtuelle Speicher noch nicht ganz so wie
er sollte.
Ein ganz wesentlicher Vorteil von Fusion ist die
Schnittstelle zwischen dem MacOS und dem Amiga OS. Wie beim
Shapeshifter kann mit der Tastenkombination linke Amiga + M
von dem einen Betriebssystem in das andere gesprungen
werden. Der große Unterschied liegt in dem Fenster "ICP"
auf der Amiga-Seite. Hiermit kann nicht nur auf die
Fusion-Partition zugriffen werden, es können sogar Mac-
Programme von der Workbench aus gestartet werden! (Dies
macht natürlich nur Sinn, wenn Fusion in einem Fenster auf
der Workbench läuft.) Die sich hieraus ergebenden
Möglichkeiten sind noch gar nicht abzusehen:
Quicktime-Videos können aus einem Amiga-Programm mit dem
original Apple Movieplayer betrachtet werden, selbst
erstellte Internetseiten können mit dem Netscape
Communicator betrachtet werden, ohne erst die Seiten
umzukopieren und den Emulator zu starten.
Nicht jeder hat einen Amiga mit mehr als 16 Mb,
68040-Prozessor und Grafikkarte, es stellt sich daher die
Frage nach dem Minimum: Auf meinem A 600 kann ich derzeit
Fusion nicht ausprobieren, da ich dort nur 2 Mb RAM habe.
Die Programmierer von Fusion empfehlen als Minimum einen
68020 mit 4 MB Ram und ein HD-Diskettenlaufwerk, 20 MB Platz
auf der Festplatte. Die OCS-Grafik soll ausreichend sein,
natürlich ist die Darstellung dann nur in Schwarz-Weiß. Wer
jedoch das MacOS kennt, weiß, daß man mit einem Mac mit
weniger als einem 68030/25, 8 MB Ram und 40 MB Festplatte
nicht arbeiten kann. Mit schwarz-weiß Grafik kann man
jedoch sehr gut leben: die Darstellung ist sauber.
Testweise habe ich Fuison auch mit AGA-Grafik laufen lassen.
In schwarz-weiß war, wie zu erwarten, kein
Geschwindigkeitsunterschied zum GraKa festzustellen. Aber
wie wird es in Farbe sein? Für den Shapeshifter gibt es
diverse Sharewaretools, die z.T. brauchbare Ergebnisse
erzeugen, an einer Grafikkarte kommt man aber, wenn man mehr
als bunte Standbilder haben will, nicht vorbei. Ich bin
somit ohne große Erwartungen an den Test herangegangen.
Doch dann die Überraschung: Mit 16 Farben war kein
Geschwindigkeitsunterschied festzustellen, auch mit 256 ist
eine nennenswerte Geschwindigkeitseinbuße feststellbar!
Allerdings hinterläßt der Mauspfeil merkwürdige Spuren auf
dem Bildschirm. Laut Anleitung ist dies normal. Bei
tausenden von Farben waren doch deutliche Einbrüche in der
Geschwindigkeit feststellbar, bei Millionen von Farben
(können Mac-User eigentlich nicht zählen, oder warum diese
merkwürdigen Bezeichnungen) war aber doch nicht mehr viel zu
machen, zumal die Darstellung irgendwie fremdartig wirkte.
Da sich die meisten Spiele und auch ein Großteil der
Anwendungen (Photoshop mal ausgenommen) mit 256 Farbe
zufrieden geben, kann jetzt auch auf nur AGA Amigas
vernünftig unter MacOS gearbeitet werden. (Wer weder AGA,
noch GraKa hat, ist es ohnehin selbst schuld.) Nicht
verzichten sollte man auf das HD-Diskettenlaufwerk, da die
alten 800 Kb Mac-Disketten fast nicht mehr zu bekommen sind,
ich glaube auch nicht, daß die Amiga-Hardware in der Lage
ist, diese zu erkennen.
Von anderer Seite habe ich jedoch erfahren, daß Fusion noch
echte Probleme mit zusätzlichen SCSI-Geräten (CD-Brenner,
Streamer, Scanner etc.) hat. Das einzige nahezu fehlerfrei
laufende SCSI Gerät ist das CD-ROM (und natürlich die
Festplatte)! Auch soll es mit Fusion nicht möglich sein,
ganze Platten zu nutzen! Es muß immer eine Amiga-OS
Partition vorhanden sein. Da ich hier kein Lager an
Festplatten unterhalte, konnte ich dies leider nicht
überprüfen. Sollte dies stimmen, muß man als Einschränkung
hinnehmen, daß auch keine beim Amiga und beim Mac weit
verbreiteten Zip-Medien ausgetauscht werden können, man
ferner die mit Scannern oftmals mitgelieferte Software nicht
nutzen kann.
Fazit: Fusion ist erst wenige Monate auf dem Markt, dafür
ist es ein Produkt, welches in vielerlei Hinsicht die
Shareware-Konkurrenz in den Schatten stellt. Insbesonders
für Amiga-User ohne Grafikkarte ist Fusion sicher der
bessere Weg. Nach kurzer Unterbrechung aufgrund des
Konflikts Haage & Partner und Phase 5 wurde die Entwicklung
einer PowerPC Version von Fusion wieder aufgenommen. Sollte
die PPC-Version von Fusion fertiggestellt werden, gibt es
den Grund, sich eine CyberstormPPC zuzulegen. Trotz der
derzeit noch erkennbaren Mängel ist Fusion sein Geld wert.
Für Nutzer von zusätzlicher SCSI-Hardware ist Fusion derzeit
nur bedingt verwendbar.
!! Nachtrag zum Fusion-Artikel: !!
In letzter Sekunde habe ich noch einige wichtige Nachträge
zu meinem Fusion-Artikel zu machen. Ich habe mich vor
einigen Tagen in der Mailing-Liste von Fusion eingetragen,
und bekomme somit einiges über Fusion von anderen Usern und
vor allem den Programmieren mit.
Als erstes muß ich alles zurücknehemn, was ich über die
mangelhafte SCSI-Unterstützung gesagt habe: Das Gegenteil
ist der Fall! Bedingung ist allerdings, daß die
entsprechenden Treiber auf der MacOS Seite vorhanden sind.
Im Gegensatz zum Shapeshifter, wo das CD-ROM über den
"SCSI-direkt" Port angesprochen werden kann, ist bei Fusion
der entsprechende Treiber auf der Mac-OS Seite erforderlich!
Auch Festplatten, Zips etc. können nicht über eine
Apple-Festplattenemulation angesprochen werden, die echten
Treiber sind erforderlich, da nur Festplatten, die von Apple
verkauft wurden, direkt vom MacOS erkannt werden. Dies hört
sich zunächst etwas unpraktisch an, sorgt aber für eine höhe
Kompatibiltät. Über Fusion können somit sehr wohl ganze
Festplatten, SCSI CD-Roms direkt (dann klappt auch wieder
der automatische Auswurf von CDs, sowie das abspielen von
Audio-CDs), Scanner oder sogar CD-Brenner angesprochen
werden, alles nur eine Frage der Treiber!
Die nächste interessante Sache ist, was die Autoren von
Fusion über den Autor von Shapeshifter verbreiten: nämlich
daß Shapeshifter zum größten Teil aus gestohlenem Code aus
dem Fusion-Vorgänger Emplant besteht. Dies wollen die
Autoren anhand des Quellcodes auch beweisen können.
Lediglich die Schwierigkeit von Amerika aus die Piraterie zu
verfolgen soll bisher einer Klage im Wege gestanden haben.
Ferner wurde mitgeteilt, daß, sollte auch der Code von
Fusion PPC (kommt jetzt ganz sicher :-) ) geklaut werden,
die Weiterentwicklung von Fusion eingestellt werden. Ich
kann natürlich nicht prüfen, in wie weit diese Aussagen der
Wahrheit entsprechen, sie erscheinen allerdings plausibel.
Ich habe es nur der Vollständigkeit halber hier angeführt.
Zu loben ist der ganz hervorragende Support, der durch die
Autoren von Fusion geliefert wird. So hat sich
herausgestellt, daß viele Probleme, z.B. bzgl der Abstürze
bei Netscape Communicator 4.0.4. oder beim virtuellen
Speicher einwandfrei auf Fehler des MacOS, der verwendeten
Programme, bzw. unverträglicher Amiga Software
zurückzuführen waren. Ich konnte bislang nicht einen
ernsthaften Bug erkennen, der an Fusion lag! Nur Schade,
daß die Anleitung zu Fusion so mager ausgefallen ist. Viel
Ärger hätte man sich im Vorfeld sparen können.
| Die Box |
| Preis: 70% | Disks:---- |
| Bedienung: 85% | Prozessor: min. 020/MMU |
| Funktion: 91% | Ram: min. 8 MB in einem Block |
| Dokumentation: 60% | HD: min. 80 Mbyte |
| Hersteller: Microcode Solution |
| Preis: ca.169 DM |
Deutscher Distributor ist Haage&Partner
HAAGE & PARTNER Computer GmbH
Mainzer Straße 10A
61191 Rosbach v.d.H
Tel.: (0 60 07) 93 00 50
Fax.: (0 60 07) 75 43
E-Mail: info@haage-partner.com
WWW: www.haage-partner.com
Anmerkungen: Als Ram ist 32-bit-Ram erforderlich, kein altes 24-bit DMA!
Somit scheiden viele uralt A 2000-Ramkarten aus!
!! INFO !! - Der Autor des Artikel hat gerade eine unoffizielle aber
sehr gute Fusion Homepage erstellt. An dieser wird
noch gearbeitet, aber schon jetzt kann man dort viel
interessantes über Fusion erfahren!
Adresse: http://www.amigaworld.com/yggdrasil/mrfusion/mrfusion.html
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