"Kundun"

von
André Wyrwa

Irgendwo weit ab von der westlichen Zivilisation, ihren Maßstäben und Werten, liegt fern im Osten, eingebettet in riesige Gebirgsketten, ein Land, das gerade in letzter Zeit in das Licht unserer Aufmerksamkeit gerückt wird: Tibet.

In der allgemeinen Glaubenskrise der großen wirtschaftlichen Systeme scheint der nach Alternativen suchend um sich schweifende Blick fasziniert an diesem kleinen, bescheidenen Land und seiner Religion, seinen Werten zu verweilen, um anhand dieses Kontrastes über das eigene Dasein zu reflektieren.

Martin Scorsese, bekannt für die eigenwillig trockene Nüchternheit seiner Werke ("Taxi Driver", "Die Farbe des Geldes" ...), widmete seine Zeit ebenfalls diesem Volk und schuf eine porträtierende Studie seines gegenwärtigen geistigen Führers, des 14. Dalai Lama. Grundlage hierfür bildet die Autobiographie desselbigen.

"Kundun" ist sehr dokumentarisch gehalten, Scorsese legt es nicht darauf an, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen, ihm irgendeine Stimmung aufzudrängeln. Er erzählt in sachlichem Ton, was er zu sagen hat, läßt sich dafür hier und da sehr viel Zeit, zeigt Szenen, die er nie erklärt, baut geradezu beiläufig symbolische Momente ein, die den Geschehnissen Bedeutung geben.

Hier und da bietet der Anblick sich von Geisterhand aufbauender Sandbilder den Gedanken des Betrachters Zeit, bei den jüngst vergangenen Szenen zu verweilen, als würde Onkel Scorsese eine eine Seite in seinem dicken, alten Märchenbuch umblättern. Die Symbolik dieser offenbart sich nur denen, die ihre Bedeutung kennen.

All diese Bilder erscheinen nicht einfach aneinander geschnitten auf der Leinwand, oft werden sie durch weiches Überblenden miteinander verbunden, vereinzelt durch etappenweises Zoomen oder raffinierte Bildausschnitte und Lichtverhältnisse unauffällig betont.

Das Werk bleibt trotz all dieser Raffinessen schwer verdaulich, es ist lang, etliche unkommentierte Bilder muß der Zuschauer aufnehmen, die erst später eine Bedeutung erhalten, wenn überhaupt.

"Kundun" will nicht verführen, wie es "Sieben Jahre in Tibet" tat, es ist eine Studie, wenn auch eine liebevolle. So verzichtet Scorsese denn auch auf einen großartigen Soundtrack und läßt stattdessen die Geräusche jenes Landes sprechen, die nur von zurückhaltenden Kompositionen begleitet werden.


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