World of Amiga 98 - Kommentar

von
Gregor Franz

Die WOA`98 in London, um kurz auf das Umfeld einzugehen, ist gegenüber dem Vorjahr geschrumpft; es gab weniger Neuvorstellungen, viele versprochene "Releases" wurden nicht eingehalten.

Amiga Incorporated, die amerikanische Tochterfirma von Gateway, die jetzt im Grunde für die wesentlichen Entscheidungen zuständig ist, machte im Vorfeld der Messe mit einer geheimnisvollen Ankündigung neugierig. Auf einer Pressekonferenz würde bekanntgegeben, wohin der Weg des Amiga`s führen würde und das wären nahezu sensationelle Neuigkeiten.

Wer nun glaubte, daß nun das Bekenntnis zur PowerPC-Technologie erfolgen würde, der irrte! Sicherlich wäre dies zu einfach und nicht sensationell genug gewesen. Außerdem hätte es dem entsprochen, was Petro Tyschtschenko, Geschäftsführer von Amiga International Inc., mehrfach als angeblich endgültige Entscheidung verkündet hatte. Wer tatsächlich noch ein Indiz dafür brauchte, wer das Sagen in Sachen Amiga hat - da ist es.

Das markante, vielleicht bezeichnende, der dann tatsächlich stattfindenden Pressekonferenz, waren aber eigentlich nicht die verkündeten Ziele, sondern ihre erstaunliche Unprofessionalität. Der Chef der Amiga Inc., Jeff Schindler, verbreitete unter den Anwesenden mehr Verwirrung und Unsicherheit, als Zuversicht oder gar Euphorie, wie es eigentlich geplant war.

Als Folge davon kursierten schon bald wilde Gerüchte, die aber diesmal tatsächlich auf dem Bekanntgegebenen fußten und meist aus nachvollziehbaren Interpretationen bestanden. Die PPC-CPU`s wären nicht die zukünftigen Prozessoren des Amiga, dieser würde perspektivisch auf Intel-CPU`s basieren. OS 3.5, das Update für die, jetzt als Classic- Amiga`s heruntergestuften, aktuell existierenden Amiga`s wäre out, jetzt ginge es gleich mit OS 4.0 weiter, welches aber nicht mehr zu den alten Betriebssystem-Versionen kompatibel wäre. Danach käme OS 5.0 auf einem wirklich neuen Amiga zum Einsatz.

Unmut war die natürliche Folge dieses plötzlichen Kurswechsels und der recht ungenauen Angaben. Phase 5-Geschäftsführer Wolf Dietrich soll eingeworfen haben, ob Amiga die verbliebenen Hardwarehersteller in den Ruin treiben wolle (sinngemäß). Eine aus seiner Sicht verständliche Schlußfolgerung.

Andere Amiga-Mitarbeiter sahen sich im Nachhinein genötigt einiges zu korrigieren und zu ergänzen, manches wesentliche aber auch nicht. Jeff Schindler hätte sich nur zu ungenau ausgedrückt, etwas anderes gemeint - eine schwache Kür bei einem so wichtigen Auftritt, soviel bleibt in jedem Fall festzuhalten.

Was aber bleibt unterm Strich? Wohin soll die Entwicklung nun tatsächlich gehen?

Ende 1999 soll ein komplett neuer Amiga erscheinen, der mit einem jetzt noch ungenannten Superchip als Hauptprozessor laufen soll. Dieser Amiga würde mit OS 5.0 ausgeliefert, das ebenso wie 4.0 (außer maximal einem integrierten Emulator) nicht rückwärtskompatibel sein wird und faktisch eine Neuentwicklung ist.

OS 4.0 ist die Vorstufe, mit deren Hilfe auf IBM-kompatiblen PC`s Software für OS 5.0 entwickelt werden soll. Die Classic-Amiga`s (sprich: die "echten") werden zukünftig nicht mehr unterstützt werden.

Bei dem ungenannten Superchip soll es sich gerüchteweise um eine softwaremodifizierbare CPU der Firma Transmeta handeln, deren Entwicklungen bisher geheim sind und auf die Gateway die Hand halten soll. Das ist aber reine Spekulation.

Alles in allem immer noch ziemlich nebulös, auch wenn schon erste Fotos des Entwickler-PC`s kursieren, die natürlich der Aussagekraft einer Scheibe Knäckebrot entsprechen. Das OS 3.5 scheint übrigens doch noch zu erscheinen. Wie Mit-Entwickler Olaf Barthel uns zu verstehen gab, ist das Projekt nicht eingestelt und Jeff Schindler äußerte sich kürzlich auf der Gateway-Amigamesse in den USA ähnlich.

Doch was bedeutet das Konzept der Classic Amiga`s, die quasi zum alten Eisen gestempelt und von den "neuen" lediglich emuliert werden? Es bedeutet erst einmal den Neubeginn bei Null. Der sanfte Übergang zum PowerPC, einer leistungsfähigen CPU-Linie mit mindestens mittelfristig gesicherter Weiterentwicklung, ist dahin. Egal wie toll der unbekannte Chip wird: seine Zukunft und sein Erscheinungstermin sind unsicher.

Das Betriebssystem soll ebenfalls bei Null anfangen. Selbst wenn bedeutende Teile eines anderen, wie z.B. BeOS integriert werden sollten, wie angedeutet wurde, so fehlt doch ein wesentlicher Punkt für den Erfolg: eine Basis guter Standardsoftware. Sicherlich ist dies das größte Problem für die wenigen neuen, meist mit einigen Jahren Aufwand entwickelten Betriebssysteme, die teilweise mit modernen Konzepten glänzen, aber sich aus diesem Grund wahrscheinlich nicht durchsetzen können. Wo wird sich dann ein weiteres neues OS positionieren können, das jetzt wahrscheinlich gerade erst begonnen wird?

Noch ein Wort zur Hardware, die auf der WOA mit phantastisch beschrieben wurde. Wird sie in zwei Jahren der sich ebenfalls weiterentwickelnden PC- Konkurrenz noch voraus sein? Denn seien wir ehrlich: das Problem der aktuellen PC`s ist sicher nicht die Leistungsfähigkeit der Hardware. Eine Integration derselben, unter effizienter Ausnutzung mit einem verbesserten Amiga-OS, das übergangsweise komplett portiert wird, das wäre eine schnellere und vor allen Dingen greifbarere Lösung gewesen.

Denn was bleibt nach den derzeitigen Vorstellungen eigentlich noch vom Amiga, außer dem Namen?

Nichts! Total neue Hardware und ein total neues, nicht rückwärtskompatibles OS ohne irgendwelche "Amiga"-Software lassen vom Amiga nichts mehr bestehen. Vielleicht wird es, wenn er denn erscheint, einen Markt für einen solchen Computer geben; vielleicht wird es eine gelungene Entwickung sein, aber mit Sicherheit ist es kein Amiga, egal welche Bezeichnung raufgepappt wird.

Ein Gutes hat die Sache: Phase 5 und Haage&Partner haben sich am Rande der Messe darauf geeinigt, ihren Zwist zu beenden und die Anstrengungen zu bündeln. Zusammen will man einen auf dem PPC basierenden Amiga- kompatiblen Rechner herausbringen, angeblich noch in diesem Jahr.


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