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»Eigentlich wollte ich aus der ohnehin sinnlos gewordenen Diskussion um den zukünftigen Amiga aussteigen. Aber abschließend wollte ich doch noch mal ausführlich eine symptomatische Reaktion auf meinen Leserbrief (von Jörg Handwerg) kommentieren...
> Die Customchips sind ein Vorteil, ob du das als deprimierend empfindest > oder nicht. > Eine Leistung wie die des AMIGAs wäre damals ohne die Customchips > überhaupt nicht möglich gewesen, und der PC hat immerhin diese Leistung > nur mit brachialer Power nach 5 Jahren eingeholt!
Niemand hat je behauptet, dass die Customchips seinerzeit kein enormer
Vorteil des Amigas gewesen wären. Aber die PC-Hardware hat sich seit damals
ziemlich weiterentwickelt, die Amiga-Hardware kaum (schon AGA hinkte der
Zeit hinterher). Du sagst es selbst: Der PC hat schon lange weit überholt
(n.b.: wir reden hier von *Hardware*). Also ist es etwas vermessen, wenn du
die Customchips heutzutage noch als Vorteil betrachtest. Die Realität ist,
dass der PC-Benutzer (und nicht nur der - auch der Apple-, HP-UX-, Sun-
usw. Benutzer) heute einfach seine alte Grafikkarte ausbaut und ein neues
Modell aus dem umfangreichen Angebot des freien Marktes reinsteckt, wenn er
die Leistung neuer Technologien braucht, selbst das Motherboard kann man
auswechseln (Modularität!). Und dann kriegt er, wie du ganz richtig sagst,
"brachiale Power":
Grafikkarten mit 3D-Beschleunigung, DVD, flimmerfrei hochauflösend im
Breitbildformat... - keine 400.- ; Soundkarten 16 Bit, MIDI, Surround,
Sampler eingebaut - gibt's in akzeptabler Qualität schon für unter 50.- ;
Ethernet- und Schnittstellenkarten werden einem eh schon fast
nachgeschmissen. Was hast du gegen derart "brachiale Power", warum sollte
man diese preisgünstige und, besonders wichtig, sofort verfügbare "Power"
nicht in das technologische Konzept eines künftigen Amigas integrieren? Ich
weiß, ich wiederhole mich - keiner (außer vielleicht Amiga, Inc. selbst)
verlangt, dass der neue Amiga unbedingt komplett ein PC ist - nur sollte
man sich nicht scheuen, interessante Konzepte von dort wohlwollend zu
prüfen.
> Es muss nicht alles in Customchips ausgeführt werden, dennoch hat das > eben einige klare Vorteile: Es gibt einen Standard, wie bei den heutigen > AMIGAs. Sprich: Durch die Grafikmodi, die auf jedem Rechner laufen, und > die Customchips, die gewisse Funktionen auf JEDEM AMIGA ermöglichen, ist > es für die Programmierer einfach, ein Programm zu erstellen, welches > garantiert auf jedem AMIGA läuft. Ganz im Gegensatz dazu der PC, der, von > Treibern nur so überschüttet, nur Probleme bereitet.
Es sollte Dir klar sein: Der Standard bei einem Computersystem wird
heutzutage nicht mehr durch seine Hardware definiert! Jedes moderne
Betriebssystem "verdeckt" die integrierte Hardware möglichst transparent
durch ein standardisiertes API. Dank dieser Treiber kann der Software die
Hardware (Grafik, Sound, Netz...) ziemlich egal sein, die nötigen Aufrufe
sind eh genormt. Deswegen sollte man eigentlich als Amiga-Standard im Jahre
1998 nicht AGA-Chips, sondern Konzepte wie CyberGFX oder AHI anführen. Wenn
du als Argument für Customchips Kompatibilität anführst, frage ich mich,
wie dann je die für einen neuen Amiga notwendigen (und von Dir auch ganz
richtig geforderten) Innovationen - jetzt und in Zukunft - zustande kommen
sollen.
IMHO beziehst du die ganze Diskussion ohnehin zu sehr auf die Hardware, was
der falsche Ansatz ist: Betriebssysteme wie Linux oder BSD laufen heute auf
der Hardware von Amigas, Ataris, PowerMacs, ... , Alphas und halt auch
x86ern - so was nennt man Hardware-Abstraktion, und das ist angesagt! Ein
portables, modular erweiterbares Betriebssystem mit Unterstützung offener
Standards im Hard- und Softwarebereich ist heute, meine ich, wichtiger als
neueste Custom-Hardware. Und da läge die Stärke des AmigaOS. Seien wir doch
ehrlich: Wahrscheinlich braucht eh nur ein Bruchteil der PC-Anwender
wesentlich mehr Hardware-Power, als ein Aldi-PC zu bieten hat...
> dass die Customchips heutzutage überholt sind, steht wohl außer Frage, > sind aber kein Argument gegen neue.
Habe ich auch nicht gesagt, meine Argumente waren andere. Und ich bin auch nicht prinzipiell gegen Customchips, sondern nur gegen die Reduktion der gesamten "Amiga der Zukunft"-Diskussion auf die Notwendigkeit von proprietärer Hardware.
> UMA (Unified Memory Architecture) ist eines der größten Vorteile des > AMIGA, welches ihm seine Vielseitigkeit, Problemlosigkeit und > Geschwindigkeit garantiert, im Gegensatz dazu die Bus-Architektur, die > jede Menge Prozessorkapazität frisst, da die einzelnen Karten mit Daten > durch die CPU versorgt werden müssen.
Nun gut, klar könnte man das Chip-RAM mit dem Modewort UMA bezeichnen ;-) - aber ich denke bei UMA eher an die Leistung von SGI-Workstations im "oberen" Preissegment. Hast du schon mal gemessen, wie langsam dieser "UMA"-Speicher namens "Chip-RAM" ist? Den schlägt ein "langsamer" PCI-Slot (ohne "UMA") um Längen... und dann erst AGP... Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, ein funktionsfähiges, bezahlbares echtes UMA-Rechnerdesign zu erstellen (was eine tolle Sache wäre, siehe A\Box :-( ). Übrigens hat so ziemlich jeder Rechner eine Bus-Architektur, auch der Amiga, ich weiß nicht genau, worauf du hier hinauswillst - und auch der PCI-Bus muss nicht immer die CPU bemühen, die Karten können auch direkt auf den Speicher zugreifen (Busmaster - schon gehört? So groß ist der prinzipielle Unterschied zwischen PCI und Zorro nicht!). Sicher sind PCI, AGP & Co. alles andere als der Weisheit letzter Schluss, aber sie sind halt moderne, durchaus durchdachte, von der Industrie akzeptierte Konzepte, die nicht einfach deswegen, weil sie aus der Wintel-Welt stammen, als der in die Jahre gekommenen, hoffnungslos veralteten Amiga-Hardware-Technologie unterlegen angesehen werden dürfen.
> Welches Argument hat man, einen Quasi-PC mit AOS zu kaufen, auf dem man > zwar schon Performance-mäßig nicht mehr schafft als auf einem normalen > PC, dafür aber dann auch nur einen Bruchteil der Software als auf einem > Intel-PC zur Verfügung hat?
Hast du dich eigentlich schon mal mit anderen Computern als dem Amiga
befasst?
"Nicht mehr schaffen als ein normaler PC" ist schon ganz schön viel, wie
ich oben schon gesagt habe, und mir würde ein AmigaOS auf einer Hardware,
die der Performance eines 2000.- PCs entspricht, durchaus vorerst
ausreichen (das wäre ein Vielfaches der Leistung meines 040ers mit
CV64/3D). Und ich bin wahrscheinlich anspruchsvoller als der
durchschnittliche Computerkäufer. Egal, wie leistungsfähig die Hardware
eines neuen Amiga auch sein wird: Der Wintel-PC bietet genug Performance
für die meisten Anwender, Windows ist eh überall dabei, für Windows gibt es
die meiste Software, und - ohne größere Ansprüche - geht vorerst ja eh
alles irgendwie mit Windows - mit diesem Problem wirst du immer zu kämpfen
haben (schau dir nur den Mac an). Viel mehr als Freak-Status wird dem
AmigaOS vorerst nicht verbleiben, und hoffentlich zumindest das!
> ........ Davon mal abgesehen: Welche Firma von den grösseren PC- > Zubehörherstellern würde denn schon für den AMIGA Treiber für ihre > Karten schreiben? Das kann man vollends vergessen!
Kann ich dir gleich sagen: Keine! Und? So what? Who cares? Schreibt eine
Firma Treiber für ihre Grafikchips unter irgendwelchen frei verfügbaren
Unix-Derivaten (FreeBSD, NetBSD, OpenBSD, Linux...)? Auf die Schnelle fällt
mir keine ein! Und doch gibt es vom XFree86-Consortium leistungsfähige X-
Server, geeignet für Hunderte von Grafikkarten, geschrieben als Freeware
von Hobbyprogrammierern. Traust du das der Amiga-Programmiergemeinde, die
seit Jahren das Aminet füllt, nicht zu?
Ich persönlich traue nämlich den per Internet vernetzten Free- und
Sharewareprogrammierern mehr Produktivität zu als den paar von einer Firma
angestellten Hanseln...
Wie bereits einleitend gesagt, halte ich allerdings diese ganze Diskussion für überholt, in der Strategie von Amiga, Inc. schaut eh alles anders aus - wie auch immer - und deswegen ist dieser ganze Schrieb eher brotlose Kunst (?). Ich wollte damit nur wieder einmal betonen, dass man durchaus über den Amiga-Tellerrand blicken sollte, um zu sehen, was "anderswo" hard- und softwaretechnisch möglich ist, und man z.B. nicht dauernd seine - im Großen und Ganzen begründete ;-) - Aversion gegen in der Wintel-Welt verbreitete Konzepte pflegen sollte. Ich persönlich sehe zur Zeit allerdings sowieso keinerlei Zukunft mit der Geschäftspolitik von Amiga, Inc. ...
Noch zum Brief von Tobias Weihmann: Ich glaube, er sieht das völlig richtig und realistisch mit der Notwendigkeit von Alternativen zu Windows, allerdings gibt's da z.B. schon Linux, das, ich muss es immer wieder betonen, nicht ganz ohne ist. Und wenn ich schrieb, AmigaOS müsse sich da erst mal "durchsetzen", dann meine ich damit "etablieren" und nicht "den Markt dominieren", zuviel Realitätsnähe habe ich doch noch ;-).
Alexx Riedel
E-Mail: 101.128890@germany.net«