AMIGA-aktuell-Forum

9. Leserbrief zu den Plänen von AMIGA, Inc. (von Alexx Riedel)

»Auf diesen Seiten fanden in letzter Zeit schon einige kontroverse Diskussionen statt, wie denn der neue Traum-Amiga auszusehen hätte. Die Würfel diesbezüglich sind nun gefallen, wir Amiga-Fans haben wenig andere Möglichkeiten, als zuzuschauen und abzuwarten. Amiga, Inc. hat sich hier ehrgeizige Ziele gesetzt, neben der technischen Realisierbarkeit stellt sich allerdings noch die Frage, ob dieses geplante komplett neue Computersystem (was anderes ist das nicht) mit der gegenwärtigen Marketingstrategie gut eingeführt wird werden können. Die bisherige Vorgehensweise der beiden Amiga-Firmen (Inc. und Int.) ist in dieser Hinsicht bislang etwas fragwürdig: Schauen wir uns die Zeit seit der (letzten) Übernahme der Amiga-Technologie einmal an:

Daß in den ersten Monaten außer Durchhalteparolen nichts zu hören war, muß einfach akzeptiert werden: So schnell läuft das nach einer Übernahme nicht, das war vorherzusehen. Kritischer ist dann schon das Verhalten von Amiga International bezüglich der Prozessorfrage zu sehen: Erst nach einer seinerzeit unverständlich langen Verzögerung und Heimlichtuerei wurde eröffnet, daß der neue Amiga mit PowerPC und m68k ausgestattet sein sollte. Zwar wieder mal ein halber Schritt, aber immerhin gab er den innovativen Hard- und Softwareentwicklern rund um den Amiga eine klare Marschrichtung für die Zukunft: PowerPC! Damals nahmen alle an, daß das, was die Offiziellen von Amiga International sagen, auch das ist, was für die Zukunft des Amiga allgemein gültig ist. Da war es dann auch zu verschmerzen, daß die Homepage als News meistens nur irgendwelche äußerst periphere Ereignisse rund um den Amiga (Verkauf von Amiga-Merchandising- Shirts usw.) zu vermelden hatte.

Niemand hatte mit Amiga, Inc. gerechnet, die auf der WoA wie mit einem Paukenschlag auftraten, und wirklich alle bisherigen Planungen über den Haufen warfen. Klar, das Versprechen, einen völlig neuen Amiga, ebenso innovativ wie seinerzeit der A1000, zu entwickeln, läßt einen aufhorchen und endlich mal wieder Hoffnung fassen - keine überflüssigen Kompatibilitätskompromisse, sondern richtungsweisende Technik. Doch schon die dilettantische, mißverständliche Presseerklärung läßt nicht auf die nötige Professionalität schließen - wie kann man eine Konkurrenz zu Wintel- Computern einführen, wenn man sich nicht mal verständlich über seine eigenen Pläne ausdrücken kann? Alles, was man über den neuen Amiga hört, hört sich toll an, doch wenn man mal genau aufpaßt, muß man feststellen, daß man eigentlich rein gar nichts Genaues weiß. Außer, daß dieser Computer leistungsfähig und innovativ sein wird, ziemlich preiswert, und erst in knapp zwei Jahren rauskommen wird. Etwas mager, irgendwie, wenn ein Hersteller gegen die geballte Macht des Wintel-Kartells und der zahlreichen ebenfalls milliardenschweren Entwickler in dessen Dunstkreis antreten will, oder? Da hilft es auch nix, wenn Amiga, Inc. auf seiner Homepage ein nettes, nichtssagendes Bild eines Computergehäuses für den Entwickler-Amiga veröffentlicht, das hätte ich auch noch gekonnt.

Damit mich keiner falsch versteht: Es ist schon möglich in der schnellebigen Computerbranche, daß mal ein kleinerer Hersteller die großen Ideen hat, und ich wäre wohl unter den ersten, die einen solchen tollen neuen Amiga kaufen. Nur: Selbst phase5 konnten für ihre sagenumwobene A\Box eine Roadmap, einen Upgrade-Pfad und eine ausführliche Erläuterung von Design-Spezifikationen bieten. Dadurch konnten sie gleich Vertrauen in die neue Technologie wecken (den Rest kennen wir ja). Nicht einmal das haben wir bislang von Amiga, Inc.! Und die Amiga-Technologie kann sich Heimlichtuerei über neue Innovationen kaum erlauben, gerade jetzt sollte man den Amiga-Fans eine klare Strategie vorweisen können, um sie bei der Stange halten zu können.

Ich kann ja nur für mich persönlich sprechen: Ich habe einen 4000er mit 68040, reichlich RAM, Grafikkarte, SCSI usw., für Amiga-Verhältnisse durchaus keine kleine Maschine. Aber trotzdem ist diese Hardware für heutige Verhältnisse einfach zu schwach, da hilft kein schlankes Betriebssystem: Kompiliervorgänge dauern ewig, schon bei einfachen JPEG- Bildern geht die Rechenleistung in die Knie, die interne serielle Schnittstelle ist untauglich für einen halbwegs schnellen Internetzugang usw. Gut, es gibt Hardwarerweiterungen (PowerUP, Schnittstellenkarte ...), mit denen man diesen Problemen abhelfen kann - aber warum soll ich tausende von Mark in eine Technologie investieren, die laut der offiziellen Linie eh praktisch tot ist? Und wie soll ich die Zeit bis zum Erscheinen des neuen Amiga - selbst wenn die in der Computerbranche üblichen Verzögerungen nicht auftreten - überbrücken?

Ich hoffe nun, daß Amiga, Inc. möglichst bald die nötigen Details über die geplante neue Technologie veröffentlicht, um dem arg geschüttelten Amiga- Markt wieder etwas Halt zu geben. Und nicht zuletzt sollten die Verantwortlichen mit den führenden Entwicklern rund um den Amiga zusammenarbeiten, anstatt diese mit ihrer Informationspolitik vor den Kopf zu stoßen.«