S I E G Sein Schädel fühlte sich leer an; seine Arme waren kraftlos, seine zerfetzte Rüstung blutgetränkt. Wieviele Männer hatte er getötet? 10, 100, 1000? Er wußte es nicht, und es war auch bedeutungslos. Alles war bedeutungslos geworden in den letzten Stunden. Er war ausgebrannt; alles menschliche Leben war während dieser Schlacht aus ihm herausgesaugt worden. Müde und apathisch kauerte er neben seinem Freund Machad, in dessen Brustkorb ein blutiges Loch klaffte und der mit gebrochenem Blick in die zwei Sonnen am Firmament starrte. Tot. Er war tot. Alle waren sie tot. Nur er war noch übrig, der letzte Überlebende zweier riesiger Armeen, die hier aufeinander getroffen waren in einem Kampf, bei dem es nicht um Gut oder Böse ging, sondern nur um Macht. Mühsam zwang er sich aufzusehen. Er saß in einem Meer von Leichen, auf einem Feld, das mit den Überresten tausender Krieger übersäht war. Warum nur? Wozu das alles? In der Ferne sah er die Hitze über den Toten flimmern, und fast schien es ihm, als würden die Geister aus den sterblichen Hüllen entweichen und in die Wolken steigen, um ewige Ruhe zu finden. Wenn es doch nur so wäre, wenn sie nur Ruhe finden würden. Er wünschte es ihnen, und er wünschte es auch sich - und doch wußte er, daß er keine Ruhe finden würde. Nicht in diesem Leben, auf keinen Fall. Sein Blick streifte sein schartiges Schwert, das neben ihm im Boden stak und bis hinauf zum Heft hinauf blutgetränkt war. Es war das Blut vieler tapferer Männer, das es gekostet hatte, in einem Kampf ums nackte Überleben. Und trotzdem war es ein Kampf gewesen, der wirklich unnötig gefochten worden war. Es hätte nicht sein müssen. Nein, wirklich nicht. Eine Bewegung und ein leises Geräusch hinter sich riß ihn aus seinen Gedanken. Er drehte langsam den Kopf, um über die Schulter zu sehen. "Mein König..." murmelte er leise, als er erkannte, wer da hinter ihm stand. "Ihr lebt..." Sein Herrscher und Heerführer nickte. "Ja, Soldat. Ich sehe, Du bist der Letzte, der übriggeblieben ist. Viele tapfere Männer sind gestorben." stellte er mit einem heroischem Ton in der Stimme fest. "Doch wir haben gesiegt, nur das zählt." Der Soldat schüttelte müde den Kopf, und Resignation und Trauer lag in seiner Antwort. "Nein, mein König." Der Monarch sah ihn erstaunt an, und er legte gnädig die Hand auf die Schulter seines Untertans. "Nur wir zwei sind noch übrig, Soldat! Unsere Feinde sind besiegt, wir haben den Krieg gewonnen!" "Niemand hat den Krieg gewonnen. In diesem Krieg gibt es keine Gewinner." entgegnete ihm sein Gegenüber, doch aus dem zaghaften Flüstern wurde schnell ein Brüllen, als die ganze aufgestaute Bitterkeit in ihm hochstieg. "Tausende Männer sind gestorben, weil Ihr diese sinnlose Schlacht begonnen habt, mein König. Grenzstreitigkeiten, das war ja wohl der Auslöser. Und dafür sterben zweimal viertausend Soldaten? Wißt Ihr eigentlich, was Ihr getan habt, mein Lord?" Ein finsterer Zug tauchte auf dem Gesicht des Tyrannen auf, und seine Hand wanderte langsam in Richtung Schwertgriff, als er gefährlich leise und erzürnt zu einer Antwort ansetzte. "Ich habe meinem Volk den Sieg gebracht, Soldat." Doch der Krieger schloß nur die Augen und schüttelte seinen blutverschmierten Kopf. "Euer Volk will diesen Sieg aber gar nicht, Majestät." Für einen kurzen Augenblick verschmolzen seine aufgesprungenen Lippen zu einem Strich, bevor er weitersprach. "Euer Volk will leben. Geht zur Hölle, mein König." Des Monarchen Hand klammerte sich um seinen Schwertgriff und er zog den Stahl aus der Scheide, doch sein verbitterter Untertan war schneller. Unter Auferbietung der letzten eigentlich nicht mehr vorhandenen Reserven riß er seine Klinge aus dem Erdreich und zertrennte seinem Herrscher die Kehle. Dann sank er wieder in seine sitzende Position und sah weiter mit leerem Blick über das weite Feld, über dem der Gestank des Todes hing und auf dem sich die Aasfresser gütlich taten. Er fühlte sich nicht besser als vorher, doch er hatte es tun müssen, das hatte ihm sein Instinkt befohlen. Er wußte nicht genau, warum. Vielleicht als Rache für all die weinenden Mütter, Frauen und Töchter, die auf beiden Seiten der Grenze ihre Opfer beklagten. Vielleicht als Rache für Machad. Vielleicht... Er wußte es nicht. Hinter ihm beendete der Monarch inmitten seiner toten Soldaten und Feinde nach Luft ringend sein Leben, und sein Blut vermischte sich mit dem ihren, als es auf den längst schon gesättigten Boden tropfte. ©23/04-95 Carlo Zottmann