GOSSENRUNNER - In 2011, Reality Will Shift - But Magic And Cyberware Won't Be Everything - "KEINE BEWEGUNG!!! LASST EURE WAFFEN FALLEN UND HÄNDE HOCH, ABER 'N BISSCHEN DALLI!" Data, der Decker, zuckte unwillkürlich zusammen, als er die scharfe Stimme hinter sich hörte. Vor einer knappen Minute hatte er sich ausgestöpselt, sein Deck abgeschaltet, und er hatte dabei gegrinst. Sein Beitrag zum Run war von ihm ausgezeichnet vollendet worden, das Team hatte nicht zuletzt dank seiner Hilfe triumphiert. Mal wieder. Doch jetzt verschwand seine Zufriedenheit schlagartig - und machte einem unangenehmen Angstgefühl Platz. Denn ganz offensichtlich hatte es irgendein Lohndecker fertiggebracht, ihn zu tracen, seine Spur zurückzuverfolgen. Verdammter Feigling - hätte er ihn in der Matrix gestellt, dann wäre der Consklave wohl kaum noch dazu gekommen, sich auszustöpseln, weil er ihn dann nämlich fertiggemacht hätte. 'Elfendecker sind immer Problemfälle - zumindest für Konzerne.' Beste Beispiele für die Richtigkeit dieses weisen Rates waren ja wohl der berühmt-berüchtigte Dodger und nicht zuletzt auch er, Data, der Alptraum sämtlicher Matrix-Sicherheitssysteme. Der unbekannte RENRAKU-Netrunner kannte diesen Spruch wohl auch und hatte ihn brav befolgt. Stattdessen hatte er diese (für sich sicherere) Methode gewählt. Drekhead. Und daß sie noch nicht von hinten durchlöchert waren, lag wahrscheinlich nur daran, daß der Konzern scharf auf drek-heiße Decker war, die sie anwerben konnten. Pah - niemals! Aber das brauchte er ja jetzt nicht unbedingt laut herausposaunen. Dog fluchte. Diesesmal war er nicht dabei gewesen, hatte nicht an der "Front" gekämpft. Er hatte den schwarzen Peter gezogen - durfte auf sein Brüderchen aufpassen, während der die Matrix unsicher machte und mit RENRAKU's Sicherheitsnetz "Räuber und Gendarm" spielte. Die ganze Zeit war es ruhig gewesen, keine besonderen und unvorhergesehenen Ereignisse hatten für Aufruhr in dem großen, unordentlichen, staubigen Raum gesorgt, von dem der Elf aus in's Netz geklettert war. Keine Probleme. Bis jetzt. Seine Browning glitt zu Boden; er wußte instinktiv, daß eine wahrscheinlich recht große Kanone auf seine Rückseite gerichtet war und nur darauf wartete, daß er irgendeine dumme Bewegung machte. Also, nur die Ruhe. Neben ihm gab sich sein Bruder alle Mühe, nicht ganz so ängstlich auszusehen. "Umdrehen - aber langsam, ihr Arschlöcher...", zerschnitt die kratzige Stimme in seinem Rücken. "Und keine Dummheiten, oder ihr beiden dreckigen Gossenrunner seid gleich Geschichte." Na klasse. Widerwillig, aber ausgesprochen vorsichtig gehorchten die Beiden dem Befehl des Unbekannten. Als sie sich umdrehten, wurden ihre Befürchtungen bestätigt. RS - RENRAKU Security. Toll, ganz toll. Zweieinhalb Minuten später. "Tja, Ihr seht, alles gar kein Problem.", beendete der grinsende Officer seine hämisch vorgetragene Selbstbeweihräucherung. In den letzten 120 Sekunden hatte er erst kurz seinen Chef über Funk verständigt (der auch mit der Aussage, die Heldentruppen würden in fünf Minuten eintreffen, begeistert bestätigt hatte) und ihnen gleich darauf seine kleine Geschichte erzählt hatte. Er war das erste Mal in diesem Monat außerhalb des Arcoplexes auf Urlaub, da hatte er den Einsatzbefehl erhalten und sich sofort auf den Weg gemacht. Glücklicherweise hatte er die beiden Runner allein gefangen und machte sich aufgrund dieser Tatsache jetzt schon insgeheim Gedanken über eine Party zur vermutlich bevorstehenden Beförderung. Data wollte was sagen, doch der Gesichtsausdruck des Bewaffneten verdüsterte sich. "Schnauze, Chiphead!", bellte er herrisch. "Ihr zwei Pfeifen seid still! Reden dürft Ihr nachher noch genug.", fügte er gemein grinsend hinzu. Der Straßensamurai wußte, was er meinte. Der Typ spielte auf das kommende Verhör an - vorausgesetzt, es würde eins geben. Und wenn ihm nicht bald was einfiel, dann war das nicht mal so unwahrscheinlich. Glücklicherweise fiel ihm was ein - der Plan war zwar idiotisch, aber immerhin ...war es ein Plan. Eine Minute später breitete sich auf seiner rechten Gesichtshälfte schon so etwas wie ein leichter Muskelkater aus. Noch eineinhalb Minuten. "Was ist los?", wollte der Sicherheitsmann unwirsch wissen und nahm seine H&K ein wenig höher. Dogboy schniefte leise, hörte aber nicht auf, seine rechte Gesichtshälfte tanzen zu lassen. "Meine Augenbraue juckt, Mann." Er machte aber gar nicht erst den Versuch, seine Hände eigenmächtig herunterzunehmen. Sein Gegenüber lachte dreckig. "Schön für Dich, Arschloch. Laß die Flossen oben." Dreißig Sekunden später. "Das Gezucke macht mich nervös, Mann. Hör damit auf!", krächzte der Mensch. Dog zuckte mit den Achseln. "Wie denn??? Es JUCKT, Mann, es JUCKT!!!" Einen Augenaufschlag dachte sein Gegner nach, dann meinte er: "Dann kratz' Dich - aber schön langsam und keine Dummheiten, oder Ihr seid totes Fleisch!" "Danke.", sagte der vercyberte Krieger lächelnd und senkte die Hand zur Schläfe, um sich mit einem erleichterten Seufzen über die Haut zu streichen. Drei Sekunden später. Einen Moment lang massierte er tatsächlich seine Augenbraue, doch dann, ohne Vorwarnung, glitten seine Finger wie eine Blitz in den Nacken, und förderten im Bruchteil eines Sekundenbruchteils ein schlankes Messer zutage, rissen es über den Kopf hinweg nach vorn, beschleunigten es für einen Moment um ein paar G und schleuderten es dem Sicherheitsmann entgegen. Als das geschah, krümmte sich dessen Finger, und eine Kugelsalve machte sich auf den Weg zu Dogboy. Doch als der sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit zur Seite warf, hatte der Dolch schon sein Zeil erreicht und funktionierte die Stirn des Zielsubjektes zum Ablauf für Hirnflüssigkeit um. Trotzdem schafften es noch drei Projektile, sich durch den Oberarm des Straßensamurais zu bohren; und sofort wurde der zerfetzte rechte Ärmel von Hydraulikflüssigkeit durchnäßt. Doch das bekam der Mann im schmucken RENRAKU-Dress nicht mehr mit: mit großen, starren Augen fiel er nach hinten um, da er ganz offensichtlich mausetot war. Aber das war auch keine Kunst: mit einem Dolch im Schädel schafft das wohl so ziemlich jeder. "Ein Messer im Nackenhalfter macht mich glücklicher als 'ne hübsche RENRAKU-Jacke, Idiot.", knurrte Dog erleichtert und sprang wieder auf die Füße, die Löcher in seinem Oberarm ignorierend. "Drek, das war knapp!", fluchte Data tonlos. "Fast hätte..." Weiter kam er nicht, denn sein Bruder zerrte ihn auf die Füße und stieß ihn zum Aufgang zum Dach, bevor er seine Browning aufklaubte und dann rasch seinen Dolch aus dem Kopf des Mannes zog und ihn an dessen Jacke abwischte. "Beweg' Dich, Kleiner, oder die Aktion eben war SINNLOS!", bellte er hektisch. Der drahtige Elf verstand, nickte und gehorchte - allerdings nicht ohne vorher sein geliebtes schwarzes Fairlight Excalibur in seinem Mantel zu verstauen. Als sie die Tür aufschossen und ihre Füße auf das flache Dach der Lagerhalle setzten, erschütterte nicht weit unter ihnen eine Explosion das Gebäude. Die Heldentruppen waren eingetroffen. Die beiden Brüder flüchteten unbehelligt zurück in ihre Heimat, die Schatten - und Seattle wurden wieder einmal um eine Straßenweisheit reicher: "Lieber dreckig und Gossenrunner ...als sauber und tot." ©03/12-94 Carlo Zottmann 23:21 ... 23:51