RAVAGYR`S TALES: MARAD "Hallo, Marad." Der Halbling zuckte sichtlich zusammen, als er meine Stimme vernahm. Er machte aber trotzdem nicht den Fehler, sich erst zu mir herumzudrehen, sondern warf warf sich flink zur Seite, um aus meinem Wirkungsbereich zu gelangen. Zu seinem Pech war ich schneller. Meine Rechte erwischte ihn am Schädel. Meine Krallen gruben sich etwas in die Haut um seine Schädelplatte; anscheinend war er aber nicht nur flink in seinen Bewegungen, auch sein Verstand schien recht rasch zu funktionieren. Er bremste seinen im Ansatz begriffenen Sprung ab und verharrte auf der Stelle. Wahrscheinlich hatte er erkannt, daß der Widerstand meines Armes größer als der Zusammenhalt seiner Halswirbel war. Kurz gesagt: er hätte sich schlicht und ergreifend das Genick gebrochen, wäre er nicht stehengeblieben. Langsam, ganz langsam ließ er die Sachen aus seinen Fingern zurück auf den Boden gleiten und hob dann die Arme. Immer noch mit dem Rücken zu mir zeigte er mir seine Hände; sie waren leer - keine Waffen. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht; ich hatte ihn richtig eingeschätzt. Er war ein Händler. Er zog es vor zu reden, anstatt sich gleich durch überstürzte Handlungen einen schnellen Platz in der Hölle zu sichern. Ich bin immer noch der Meinung, daß er in diesem Moment - oder in diesen Momenten (vielleicht hatte er schön öfters ähnliche Situationen erlebt) - bereit gewesen wäre, die Jungfräulichkeit seiner Großmutter zu bezeugen, nur um mit heiler Haut davonzukommen. Er würde das Blaue vom Himmel herablügen, nur um sein erbärmliches Leben zu schützen. "Äh... Hey, Ravagyr... Ähm... Ich suche eigentlich bloß etwas zu essen... Ich habe Hunger, weißt Du? Es ist nicht so wie Du denkst, ich habe bloß versucht..." "...unsere Ausrüstung zu stehlen.", beendete ich den Satz. "Umdrehen!" Ich öffnete meinen Griff etwas und sah zu, wie er meinem Befehl Folge leistete. Er kratzte sich fieberhaft nachdenkend an der Wange und begann dann entschuldigend zu lächeln. "Neinnein, das stimmt doch gar nicht, ich habe bloß versucht..." "...unsere Ausrüstung zu stehlen. Vergiß es, Marad!" Ich schnaufte und packte wieder fester zu, was er mir mit einem schmerzverzogenem Gesicht quittierte. "Wir wußten, daß Du ein Dieb bist, Halbling. Aber warum hast Du es uns nicht erzählt, als wir Dich angeworben haben?" Er riß sich zusammen. "Ich dachte, es wäre nicht so wichtig... AU!!! Das tut weh!", quiekte er. Ich nickte. "Das soll es auch. Du hast Pech, mein Schlaf ist nicht so tief wie der der Anderen. Meine Ohren sind auch besser. Außerdem kam es mir merkwürdig vor, daß Du Dich so eifrig bemüht hast, die erste Wache zu bekommen. Was nun, Dieb? Soll ich die Anderen wecken?" Seine schwarze Händlerseele kam wieder zum Vorschein; er stritt es jetzt nicht mehr direkt ab, sondern begann plötzlich auf mich einzureden. "Ach komm schon, Ravagyr. Ist doch nichts passiert. Ich bin noch da, die Ausrüstung auch, Geld fehlt auch keins..." "...dank mir...." Er überging geflissentlich meinen Einwurf. "...wir sind alle gesund und keiner ist zu Schaden gekommen." "Noch nicht.", pflichtete ich ihm bei. Er wurde eine Spur blasser, redete aber weiter. "Ich meine, alles ist okay, oder nicht? Warum behalten wir die Sache nicht einfach für uns, Du läßt mich los und wir legen uns wieder auf`s Ohr? Morgen wird ein harter Tag, hast Du vorhin selbst gesagt. Ich schätze, es wäre besser, wenn wir dann ausgeruht sind, oder? Also komm schon, laß mich los." Er schlabberte im Plauderton auf mich ein; versuchte seine Haut zu retten. Ich konnte irgendwie den Eindruck nicht verdrängen, daß es ihm ganz entscheidend an Ehre fehlte. Aber was will man schon von einem Halbling erwarten, der nachts seine Gefährten ausraubt, sie dadurch zwangsläufig den übelsten Wesen der Dungeons zum Fraß vorwirft und klammheimlich zur Oberfläche zurückkehren will, um die Sachen zu verkaufen?! Ich ließ ihn noch ein paar Augenblicke zappeln, bevor ich mich zu einer Antwort hinreißen ließ. "Ich glaube, Du hast Recht, wir sollten es wirklich niemandem erzählen." Er nickte begeistert. "Du weißt ja, Chaka ist etwas cholerisch... Cholerische Zauberer können ganz schön ungemütlich werden..." "Ja!", gab er zerknirscht zu. Ich fuhr fort. "Mit Zoran und Lessd ist es nicht besser. Die würden Dich erst häuten, dann noch qualvoller töten und dann die Fragen stellen, habe ich recht?" Seine aufgerissenen Augen waren Antwort genug. "Und Dun ist ein ziemlich ausgekochtes Luder. Diese Frau ist verrückt. Sie ist nicht bloß eine Heilerin... Ich habe gehört, daß sie - wenn sie Zeit dafür hat - ihren Opfer Wunden beibringt und ihnen dann irgendwelche Kräuter draufmacht, die dann langsam aber sicher von innen her Deinen Körper zerfressen... Widerlich." Marad schluckte. Mein Hand ruhte immer noch auf ihm. "Ist `ne ziemlich ungemütliche Truppe, zu der Du Dich da gesellt hast... Natürlich nur, wenn man sie gegen sich hat. Du willst doch bestimmt nicht ihrem kollektiven Zorn ausgesetzt werden, oder?" Er brach sich beim Kopfschütteln fast den Hals. Ich nickte bedächtig. "Kann ich verstehen; würde mir auch nicht gefallen. Ich schätze, sie würden sich darum prügeln, wer Dich töten darf. Im Gegensatz dazu ist ein Haufen Halbling-hassende Drow-Elfen doch eine umgängliche Gesellschaft, oder?" Im ersten Moment nickte er zustimmend, doch dann blitzte Verstehen in seinen Augen auf. Verstehen. Und nacktes Entsetzen. "Nein...", keuchte er fassungslos. "Das kannst Du nicht..." Ich biß die Zähne aufeinander und nickte. "Doch, ich kann. Und ich werde." Meine Schwingen breiteten sich hinter meinem Rücken aus und klappten sofort zusammen. Ich wollte sie nicht benutzen; dazu waren die Gänge des Dungeons viel zu eng. Aber ich brauchte meine wirkliche Größe und die mir von der Natur gegebene Kraft, um den Dieb hochzuheben, ihn an mich zu pressen und ihm den Mund zuzuhalten. Er wehrte sich, aber das war zwecklos. Er war bloß ein Dieb. Ich war ein Krieger. Und ein Gestaltwandler. Eine halbe Stunde später kam ich zum Lager zurück. Sicher, es war riskant gewesen, die Anderen schutzlos schlafen zu lassen, aber ich hatte Glück gehabt. Sie würden es nicht merken, daß sie eine Zeitlang allein gewesen waren. Marad, der Dieb, hatte seine gerechte Strafe erhalten. Ich hatte ihn außerhalb unserer Hörweite in einer kleinen Höhle, die wir vor ein paar Stunden auf unserem Weg nach unten passiert hatten, zwischen zwei Stalagmiten gekettet. Mir war egal, ob ihn die Drow fanden oder er bloß verhungerte (wobei Verhungern wahrscheinlich die humanere Strafe für ihn war). Ich bin kein Gott, der über derartige Sachen entscheidet; ich hatte nur der Gerechtigkeit etwas auf die Sprünge geholfen. Er hatte noch seine Dolche und seine anderen Spielzeuge (obwohl ich bezweifelte, daß er sich befreien würde - ich hatte seine Waffen in drei Metern Entfernung vor ihm deponiert), sein Geld und all seine Habe bei sich; schließlich bin ich kein Dieb wie er. Wir waren als Gruppe hier hinuntergegangen, um unseren Job zu erledigen. Wir waren alle auf einander angewiesen, einer auf den anderen. Wir hatten uns auf ihn verlassen und er hatte uns enttäuscht. Eigentlich... eigentlich hatte er nur mich enttäuscht, denn jemand anders wußte nichts von seinem Versuch, uns zu bestehlen, und seinem daraus resultierenden Schicksal. Meine Gedanken wurden unterbrochen, als sich Dun sich auf ihrer Decke herumwälzte, blinzelte und wie immer meine verstohlene Freude an ihrem Anblick zutage förderte. Ihr schulterlanges schwarzes Haar glänzte wie ihr Schmuck im tanzenden Feuerschein. Die Narben in ihrem etwas kantigen, aber trotzdem hübschen Gesicht mit den unglaublich hinreißenden Wangenknochen fielen gar nicht auf; schade eigentlich - ich mag Narben. Einen Moment später saß sie hellwach aufrecht da und sah mich fragend an. "Wieso hältst Du Wache? Marad war doch eingeteilt!" Ich schüttelte bloß kurz den Kopf. "Marad zog es anscheinend vor, uns zu verlassen. Als ich aufwachte, war er schon weg. Keine Panik", sagte ich, als sie begann, hektisch ihre Habseligkeiten zu untersuchen, "es fehlt nichts. Unser Dieb hat nichts mitgenommen. Ich schätze, er hatte Angst, daß Du ihn dann finden und bestrafen könntest." Sie hob eine Braue. "Wenn das so ist... dann ist der Halbling wohl intelligenter als ich dachte. Wer mich bestiehlt, hat auch allen Grund, Angst zu haben." Ich hatte nicht den Eindruck, daß das nur große Worte waren, denn ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, aber als sie mich ansah, war sie wieder sie selbst. ICH hatte ihr ja nichts getan... Meine Lippen verzogen sich zu einem leichten Grinsen, das sie ruhig erwiderte. Ich wußte es doch. Die Frau gefiel mir nicht nur, sie war auch wirklich gefährlich. (Oder gefiel sie mir deshalb so gut?!) Wenn man es so sah, hatte ich Marad wohl einen Gefallen getan. Ich schätze, wir Gestaltwandler sind zu gutmütig. © 19/07-94 Carlo Zottmann