RELATIVITÄT "Ich muß jetzt gehen, Meister." "Ja, es ist mal wieder Zeit." Thian, mein alter Lehrer, nickte ausdruckslos. "Aber Du wirst wiederkommen. Dein Training ist noch nicht beendet, wie Du weißt." "Ja." Ich verneigte mich leicht. "Ich weiß." Leise hörte ich einen Vogel zwitschern. Nichts Ungewöhnliches in dieser paradiesartigen Umgebung, auch in der Nacht nicht. Der Chinese machte eine winkende Bewegung mit seiner Hand; ich war entlassen. Meine Muay-Thai-Übungsstunden waren für heute beendet. Ich mußte zurück auf die Brücke - mein Dienst begann in 42 Minuten, und ich wollte noch duschen und kurz zu meiner Mutter auf der Krankenstation sehen. Als ich ihm den Rücken zukehrte und zurück auf dem schmalen Pfad, der anscheinend der einzige Weg durch den Urwald zu Thian`s Domizil war, zum Ausgang ging, sah ich mich noch einmal um. Wasser tropfte von den riesigen Pflanzen, die hier vorherrschten, und hin und wieder flatterte irgendein bunter Vogel über mich hinweg; aus der Ferne hörte man das Gebrüll von mir unbekannten Tieren; wahrscheinlich irgendwelche nächtlichen Jäger, die einen Sieg oder einen guten Fang bekundeten. "Wahnsinn", murmelte ich etwas geistesabwesend. Ich war jedes Mal wieder von der Intensität der Simulation überwältigt. Alles stimmte - Luft, Temperatur, die Geräusche... Es war nicht einfach nur der Wald. ALLES wirkte echt. "Was erstaunt Dich?", vernahm ich plötzlich die Stimme meines Lehrers hinter mir. Ich mußte wohl etwas laut gewesen sein. Als ich mich umdrehte, saß er im Lotussitz auf der kleinen Holztreppe, die seine Hütte mit dem Erdboden verband, und seine Augen ruhten auf mir. Ich blieb stehen und hob lächelnd die Schultern. "Alles, Meister Thian. Es wirkt alles so lebendig." Der Chinese sah mich an, als ob ich der letzte Romulaner wäre. "Es wirkt so lebendig, weil es lebendig ist, Wesley." Mit leichten Zweifeln im Kopf entschied ich also, doch nocheinmal zurück zur Hütte zu gehen. Ich dachte mir, daß es endlich an der Zeit war, es ihm zu sagen, obwohl ansich schon der Gedanke unsinnig war, einer Simulation zu erklären, daß sie eine Simulation ist. Irgendwo in sich müßte er es sowieso wissen - wie kann ES nicht wissen, was ES ist? Trotzdem begann ich zu sprechen. "Wissen Sie, das hier ist ...nicht wirklich. Es ist eine Simulation, eine computergenerierte Situation. Alles, was hier existiert, ist eigentlich unwirklich, obwohl es nicht so scheint. Es muß blöd für Sie klingen, Meister, aber wenn ich gegangen bin, wird das Programm eingefroren, damit das Holodeck - wir befinden uns nämlich auf einem Holodeck - frei für andere Simulation für andere Menschen ist. Ich kann es aber jederzeit wieder aufrufen, und dann würde die gleiche Situation wie vor dem Abspeichern auf mich warten. Verstehen Sie, das hier ist nicht die Wirklichkeit, denn die ist außerhalb des Holodecks." Nun, der alte Chinese sah mich etwas eigenartig an. Er sah nicht so aus, als würde er mich für geistesgestört halten, auch nicht, als ob er mir nicht glauben würde, nein. Er schaute mich einfach bloß etwas ausdruckslos an und stellte mir nur eine Frage. "Bist Du Dir da sicher?" Ich muß zugeben, daß er mich damit doch ein wenig aus dem Konzept brachte. Die Frage war eigentlich keine Frage, ob ich wirklich an das glaubte, was ich sagte, sondern mehr wie ...ein milder Denkanstoß. Da mich das wie gesagt doch etwas aus der Fassung brachte, hatte ich darauf auch keine ausschweifende Antwort parat, deshalb sagte ich nur wenig überzeugend: "Ja!" Thian lächelte nur ein kleines Bißchen. "Du mußt anscheinend noch viel lernen, Wesley Crusher. Wirklichkeit ist relativ." Ich wußte in dem Moment nicht genau, was er mir sagen wollte. Außerdem hatte ich auch gerade keine Passion für ein philosophisches Gespräch mit einem Holodeck-Charakter - und nicht zu vergessen begann mein Dienst auch in nicht allzulanger Zeit. Ich wollte nicht zu unhöflich erscheinen und verbeugte mich noch einmal kurz. "Meister Thian, ich muß jetzt gehen. Ich habe nichtmehr viel Zeit, mein Dienst fängt bald an." Ich konnte Nichts, aber auch gar nichts in seinen Augen erkennen. "Auf Wiedersehen." Ich drehte mich um und ging zügig die knappen hundert Meter bis zu der Stelle, an den ich immer den Ausgang aktivierte - der zusätzliche kurze Weg verschaffte mir immer noch etwas Ruhe, bevor ich nach draußen ging. Auf dem Weg ließ ich mir noch einmal seine Worte durch den Kopf gehen. "Wirklichkeit ist relativ" hatte er gesagt. Was hatte er damit gemeint? Die Wirklichkeit ist doch stabil, wenn man so will. Sie ließ sich nur in bestimmten Grenzen ändern, aber von Relativität war keine Spur... Ich wußte, daß ich jetzt zu keinem vernünftigen Schluß kommen würde. Hinter den Worten meines Lehrers steckte mehr als nur eine Phrase, das war mir irgendwie klar. "Ausgang!" Das Tor zu Wirklichkeit materalisierte eine Sekunde nach meinem Befehl. Ach, verdammt. Jetzt würde ich mir wieder draußen in der Realität in meiner Dienstzeit den Kopf zerbrechen, während er hier drin im Speicher des Holodeckcomputers auf seiner Treppe sitzend auf mich wartete. Oder war es umkehrt? Seine Worte ergaben urplötzlich einen Sinn. Die Tür sieht von beiden Seiten gleich aus. ©26/05-93 Carlo Zottmann