Autor: [Marvin] 27.12.92 Sinn des Lebens [0m Lieber Thomas, wie mir scheint, bist Du ein unverbesserlicher Optimist. Du gehst wie selbstverständlich davon aus, daß die Menschheit in 5000 und mehr Jahren noch existiert und in der Zwischenzeit ständig dem technischen Fortschritt unterworfen sein wird. Wenn die Lebensumstände global denen in Deutschland gleichen würden, wäre es vielleicht gar nicht mal so unwahrscheinlich, daß Wohlstand und Fortschritt die Menschheit in Raum und Zeit einer kosmischen Bestimmung entgegenführen würden. Die Realität sieht leider anders aus: katastrophale Umweltzerstörungen, die niemanden so recht kümmern; Kriege, Bevölkerungsexplosion, dritte Welt... Wir sind mittlerweile auf einer zivilisatorischen Stufe angelangt, unseren Planeten und alle auf der Oberfläche herumkriechenden Lebewesen mühelos vernichten zu können, sei es nun aus Absicht oder durch pure Unachtsamkeit. Vielleicht wird es die Menschheit schaffen, diese Krise eines Tages zu überwinden, aber vielleicht wird es schon in 200 Jahren auch gar keine Menschen mehr geben. Der Sinn unserer Existenz liegt meiner Ansicht nach im Selbstzweck. Nicht umsonst definiert Douglas Adams die Zahl 42 als die endgültige Antwort auf die "Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest". Zu Deutsch: ES GIBT KEINEN SINN. Die Monty-Python-Truppe sieht das sehr ähnlich - in "Meaning of Life" werden absolut sinnlos Putzfrauen vollgekotzt, meiner Meinung nach eine deutliche Demonstration was vom "Sinn des Lebens" zu halten ist. Der Mensch ist eine Laune physikalisch-biologischer Gesetzmäßigkeiten. Genauso kann man also fragen: Was hat es für einen Sinn, wenn sich zwei Elektronenwolken überlappen? Ist es die universale Bestimung der Elekronen, einander zu überlappen? Doch was ist das Endziel dieser Überlappung? Hat es irgendeinen Nutzen? Wenn ja, für wen? Was sollte es also bewirken, wenn eine Ansammlung von Kohlenwasserstoffverbindungen (der Mensch) auf ein Ziel hinarbeitet, das er selbst nicht kennt? Was hat es für einen Zweck, wenn der Mensch beständig sein Wissen erweitert und vermehrt, vielleicht sogar Einsicht in die elementaren Vorgänge des Kosmos erhält? Gewiß, der Mensch kann nach seinem Schöpfer fragen und stellt somit zugleich die Frage nach dem SINN seiner Existenz: Wenn die Wissenschaft eines Tages herausfände, woraus unser Universum letztendlich hervorgegangen ist, woher die Ur-Energie stammt, aus der sich schließlich die Materie manifestierte, dann könnte das darüber Aufschluß geben, warum das Universum besteht und somit auch warum wir Menschen existieren. Doch wie groß wäre die Enttäuschung, wenn der Mensch realisieren müßte, daß er quasi nur ein Abfallprodukt eines anderen Prozesses ist und an sich gar nicht eingeplant war. Die Chancen, daß die Entwicklung des Menschen ein reiner Zufall ist, sind relativ groß. Wenn ich, als Mensch, trotz aller meiner Vorbehalte dagegen dennoch Teil irgendeines sinnschaffenden Prozesses sein sollte, sprich: daß meine Taten (wie die aller anderen) dazu beitragen, ein Endziel zu erreichen, so frage ich mich doch: was habe ich davon? Was bringt es mir KONKRET? Offenbar REIN GAR NICHTS. An diesem Punkt setzen die verschiedenen Religionen ein, die versuchen, dem Leben des Menschen einen Sinn zu geben, in dem sie proklamieren, daß der Mensch nach seinem Tod in irgend ein ETWAS eingeht, oder aufgeht, oder was auch immer - und daß das Erdenleben darauf vorbereitend wirkt. Inwieweit die Religionen damit recht haben könnten, ist nicht nachprüfbar, aber doch zumindest sehr fraglich. Schlußbetrachtend möchte ich sagen, daß ich den Sinn des Lebens für mich darin sehe, meine Existenzbedingungen zu optimieren und nach Möglichkeit den Hauptteil meiner Lebensspanne damit zuzubringen, persönlichen Neigungen zu folgen. Ganz recht, ich bin Egoist - mein persönliches Selbst steht unangefochten im Mittelpunkt meines Handlungsraums. Ich schäme mich deswegen nicht; weshalb auch? Mitmenschen interessieren mich folglich nur in sehr bedingtem Rahmen; wenn ich jemandem Aufmerksamkeit schenke dann tue ich dies nur, weil ich mir eine entsprechende Gegenleistung erwarte (sei es, daß ich mich einfach gut fühle, wenn ich weiß, jemandem geholfen zu haben oder materielle [Geld, Geschenke] bzw. ideelle [Liebe, Popularität] Vergütung in Aussicht gestellt bekomme). Diesen Text hier schreibe ich vermutlich aus purem Geltungsdrang: Mich treibt die Rechthaberei (-> Kritik an anderen Artikeln!). Ich würde mir niemals eine Blöße geben, wenn ich nicht sicher sein könnte, daß sich die meisten Leser meiner unbedingten Offenheit kaum verschließen werden, weil es in ihrer Seele grundsätzlich nicht viel anders aussieht. Sie sind Menschen wie ich einer bin und können sich deshalb schwerlich ihrem angeborenen Egoismus entziehen. Lediglich ART und AUSGEPRÄGTHEIT des jedem Menschen innewohnenden Egoismus unterscheidet ihn von anderen Exemplaren seiner Gattung. Der eine mag seine Erfüllung darin sehen, anderen Menschen Freude zu bereiten (wodurch sein Gehirn Befriedigung empfindet), der andere sieht keinen Grund, andere Menschen um des eigenen Luxus' willen nicht zu betrügen und nach Strich und Faden zu hintergehen, vielleicht sogar zu ermorden. Ich persönlich zähle mich zu denen, die nicht unbedingt den barmherzigen Samariter spielen müssen, um glücklich werden zu können. Sprich: 99,9% der Erdbevölkerung kümmern mich grob gesagt einen feuchten Kehricht. Das Leben ist dermaßen sinnlos, daß ich es schlichtweg für unnötig halte, mich für die Lebensbedingungen anderer Leute oder kommender Generationen einzusetzen. Dennoch gebieten es mir meine Moralvorstellungen, folgenden Satz gut in Erinnerung zu behalten: "Die Freiheit des einzelnen hört dort auf, wo die eines anderen beginnt." Marvin *** diesmal LIVE aus 3572 AMOENEBURG