Der folgende Artikel erschien in der dritten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung des Autors. Im Mittelpunkt: Kunst  von Hanns Holger Rutz  Diesen Anspruch erhebt Thomas Deecke als Direktor des Neuen Museums Weserburg. Im Auftrag des Senators für Bildung, Wissenschaft und Kunst erarbeitete er 1987 das Konzept des Bremer Museums für zeitgenössische Kunst. Im Gegensatz zu kon- ventionellen Museen handelt es sich beim NMW um ein sogenanntes Sammlermuseum: Es werden nicht Werke aus einer Sammlung oder eines Künstler ausgestellt, son- dern Querschnitte durch verschiedene europäische Sammlungen. Die Auswahl der Exponate trifft das Museum zusammen mit dem Sammler, die Präsentation soll das Konzept des Sammlers erkennen lassen. Die Stücke sind also nicht klassisch chronologisch ausgestellt, sondern im Sinne der einzelnen Sammlungsideen, so daß "sowohl aus der Konfrontation als auch an den Berührungspunkten der ver- schieden strukturierten Sammlungen" ein "spannungsvolles Bild der Kunst unserer Zeit" entsteht. Damit die Kunst auch wirklich im Mittelpunkt steht, wurde von 1989 bis zur Eröffnung 1991 das Innere des Gebäudes einer ehemaligen Kaffeerösterei unter der Anleitung des Architekten Wolfram Dahms zu einem "unprätenziösen Museum" umgebaut. Große, luftige und helle Räume, grauer Fußboden, weiße Wände - auch wenn zu recht von "Loftatmosphäre" gesprochen wird, ist es keineswegs ungemüt- lich. Den Ausstellungsstücken wird viel Raum gegeben, und der Besucher kann sie von verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Insgesamt stehen 6.000 m² als Ausstellungsfläche zur Verfügung, verteilt über 5 Stockwerke. Hier sollen sich jährlich 50.000 Besucher tummeln, davon etwa ein Drittel Schüler, Studenten und Künstler sowie Leute mit höheren Bildungsab- schlüssen (für ein Museum allerdings normal), wie Kuratorin Hanne Zech zufrie- den feststellt. Bei meiner zweimaligen Besichtigung unter der Woche bin ich angenehmer Weise mehr Museumspersonal als Besuchern begegnet. Am Wochenende sieht es sicherlich anders aus. Was findet man nun in dem Gebäude auf der Weserhalbinsel? Kunst der letzten 40 Jahre, allgemein gesagt. Sie hört auf Namen wie Concept Art, Land Art, Pop Art, Minimal Art oder Surrealismus, was auch immer man im einzelnen darunter verstehen möchte. Je nach Geschmack der Sammler eben. Man begegnet Farbflächen und Farbfeldern, Bildern von Gerhard Richter, Andy Warhols "Friedrich II." und "Hammer and Sickle", einer riesigen Pistole "Ideal- Modell PK/90", einem pink-weiß gestreiften Haus im Haus, einer Spirale mit gel- ben Schwefelhaufen und Fibonacci-Zahlen aus Neonröhren, Richard Longs "Ring aus Schieferplatten", Christos "Wrapped Magazines", magnetischem Abfall und mit Butter angestrichenen Platten von Joseph Beuys und dem Stein, der zurück zur Schleuder will. Aber auch den Zehn Richtern von Daniel Spoerri, einer Reihe von Fleischwölfen mit seltsamer Kopfbedeckung. Ebenfalls sehr bizarr ist Edward Kienholz' 40er- Jahre- Soldatenpuff "Roxys", ein gruseliges, surreales Environment. Daneben die "Conceptual Plates", eine Reihe von recht amüsanten Kurzgeschichten - ein bes- seres Wort fällt mir leider nicht ein. Sehr interessant wird es auch im Dachge- schoß. Die schrägen Giebelwände sind ideal für Rebecca Horns "Dialog der Sil- berschaukeln", eine Installation von mechanisch bewegten Schaukeln, die die Künstlerin selbst dort aufgebaut hat. Oder Christian Boltanskis Erinnerungskunst: Ausgeschnittene Schwarzweißphotos aus Todesanzeigen, fein säuberlich an einer Wand geordnet; weitere Photos, auf- geklebt auf Pappkartons und in Regale sortiert. Dazu die Enge des Raumes und Schummerlicht. Schummerlicht auch für eine Klanginstallation: Ein Raum wurde mit diversen kleinen und großen Tönern versehen, die verschiedene Geräusche von sich geben. Je nachdem, wie man durch den Raum wandert und wo man sich aufhält, ergibt sich ein anderes Gesamtbild, eine andere Atmosphäre. Mit den wenigen Geldern, die die Museumsstiftung von der Stadt Bremen bekommt, wurde und wird auch eine eigene kleine Sammlung aufgebaut, und darüber hinaus wird eine Sammlung von Künstlerbüchern angelegt, die in einer eigenen Abteilung ausgestellt werden. Es geht dabei um Arbeiten, die das Medium Buch nutzen oder in diesen Kontext eingeordnet werden können. In diesem Rahmen fanden auch zwei temporäre Ausstellungen statt: Copie-Grafien widmete sich experimenteller Kunst, die mit Hilfe von Kopiergeräten entstanden ist. Die vierte "Freiheit zum Klange" Ausstellung beinhaltet eine Klanginstal- lation im Treppenhaus sowie verschiedene graphisch sehr interessante Partitu- ren. Bis zum Erscheinen dieses Spunks ging auch die Ausstellung "Realität, Anspruch, Medium" zu Ende, welche sich den neuen Medien widmete. Hier gab es zum Beispiel Video- und Diainstallationen zu sehen. Am 25. August wird die Ausstellung "Perfect is my Death Word" mit Bücherarbeiten und anderen Skulpturen von James Lee Byars eröffnet, sie läuft im Rahmen der Künstlerbücher. "Kunst ist unverständlich" - Wer nicht wie ich einfach nur das Museum ziellos durchwandern will um zu sehen, wohin ihn oder sie die Füße tragen, kann natür- lich auch an Führungen teilnehmen. Diese finden etwa zwei bis dreimal die Woche statt, beziehen sich auf gegenwärtige Ausstellungen oder befassen sich mit all- gemeinen Themen. Für Schulklassen bietet sich dazu die museumspädagogische Abteilung des NMW an. Neben temporären Ausstellungen gibt es aber auch einen Austausch in den ständig vertretenen Sammlungen: Akzentverschiebungen heißt das Stichwort. In regelmäßi- gen Abständen werden Werke innerhalb einer Sammlung ausgetauscht, so daß die Entwicklung der Sammleraktivität deutlich wird. Auf diese Weise geraten auch neue Künstler und neue Aspekte bereits vertretener Künstler in die Weserburg. Wer genug vom Neuen Museum hat, sollte auch einmal die Gesellschaft für Aktu- elle Kunst besuchen, die sich die Räumlichkeiten mit dem Neuen Museum teilt. Dort stellen nämlich vor allem junge Künstler aus, die sich bisher noch nicht so etabliert haben, daß sie beispielsweise im Neuen Museum zu sehen wären. Gezeigt wurden unter anderem die Photoarbeit "Spurensicherung", die verbliebene SED-Propaganda auf Plakaten und Häuserwänden in der ehemaligen DDR dokumen- tiert, und eine bewegende Videoaufnahme von einem Brandanschlag auf ein Asylbe- werberheim, akustisch unterlegt mit Äußerungen über Ausländer (die geistige Brandstiftung sozusagen). Neben dem Neuen Museum und der GAK ist eine dritte Institution in der Weserburg beheimatet: Die Graphothek. Im September wird sie 20 Jahre alt, die Bibliothek, in der man statt Büchern Bilder ausleihen kann. Mit etwa 3.500 Originalen zeit- genössischer Kunst nach Berlin die zweitgrößte deutsche Einrichtung dieser Art. Für sich selber oder als Geschenk sicherlich ein nette Idee - für ca. 26 Mark wandert ein Bild für 12 Monate in die eigene Wohnung. Ich hoffe, der Leserin oder dem Leser die Weserburg ein wenig schmackhaft gemacht zu haben. Wenn man mal in Bremen ist, lohnt sich der Weg auf die Insel auf jeden Fall. Sei es, um einfach nur die Gedanken schweifen zu lassen und in diese andere Welt einzutauchen, oder als Kunstbewanderter. Personen letzterer Art mögen mir meine laienhaften Ausführungen verzeihen...