Der folgende Artikel erschien in der dritten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung der Autorin. Modernes Raubrittertum oder eine Reise nach Serbien '95  von Iris Vladimirovic  Eigentlich wollten wir (meine Eltern und ich) am letzten Schultag, also am Mittwoch, losfahren. Einige Tage vorher hatte meine Mutter telefonisch Aus- landskrankenscheine und die "grüne Karte" angefordert. Sie hätten am Mittwoch längst da sein sollen, doch die Post hatte uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Am Mittwoch waren zwar die Krankenscheine, nicht aber die grüne Karte da. Mein Vater fuhr dann extra zur Versicherung und holte sie dort ab. Dann wollten wir am Donnerstag abend losfahren. Mein Vater fuhr zum jugoslawi- schen Konsulat in Hamburg, um für mich und meine Mutter Visa ausstellen zu las- sen, Deutsche brauchen neuerdings nämlich ein Visum, um nach (Rest-)Jugoslawien zu fahren. Leider kam mein Vater zwei Minuten zu spät, und da konnten sie ihm die Visa nicht mehr ausstellen, da es eine halbe Stunde dauert, so 'n dämlichen Stempel in den Paß zu machen. So konnten wir also immer noch nicht losfahren. Am Freitag morgen fuhren wir los. Wir waren rechtzeitig beim Konsulat, und um zehn fuhren wir von Hamburg aus los. Am Abend waren wir kurz vor der österrei- chischen Grenze. Da es schon zehn war und wir nicht sicher waren, ob wir so spät in Österreich noch ein Zimmer kriegen würden, übernachteten wir irgendwo in Bayern. Am nächsten Morgen fuhren wir um sieben weiter. Wir kamen ziemlich schnell über die Grenze und waren mittags an der ungarischen Grenze. Da staute sich der Verkehr von der Grenze durch ein ganzes Dorf durch, aber nach einer halben Stunde waren wir dann durch. Bei einer Pinkelpause machte ich eine interessante Entdeckung. Am Straßenrand wuchsen einige Pflanzen, deren Blätter mir irgendwie bekannt vorkamen. Ich saß hinten im Auto, und da ich zu faul war auszusteigen, rief ich aus dem Fenster: "Mama, pflück mir bitte mal die Pflanze da!" - "Oh, sieht aus wie Hanf!". Sie pflückte ein Blatt, und wir rochen daran; es war eindeutig Hanf. Als wir wei- terfuhren, bemerkte ich, daß er überall an den Straßenrändern wuchs. Abends um sieben erreichten wir die serbische Grenze am Übergang Tompa. Durch die ungarische Kontrolle kamen wir relativ schnell durch, dafür war vor der serbischen Grenze eine lange Schlange. Wir warteten. dann rollte der Verkehr doch noch ein paar Autos weiter, und vorne in der Schlange bildete sich eine Lücke, die Besitzer eines Autos waren ausgestiegen. Mein Vater versuchte, meine Mutter zu überreden, schnell hinzufahren und sich dazwischen zu drängeln. Sie wollte erst nicht, aber dann gab sie nach und fuhr in die Lücke. Kaum standen wir da, kam ein junger Soldat anstolziert: "Zurück! Sofort wieder ans Ende der Schlange!" Die vermeintlich unabsichtliche Lücke war nämlich das vordere Ende der Schlange, da immer nur drei, vier Wagen zur Abfertigung vorfahren durften. Also kehrten wir um, und dank der Überredungskünste meines Vaters konnten wir uns an unserem alten Platz wieder einreihen. Merkwürdigerweise wurde ein Ford, der uns gefolgt war, nicht zurückgeschickt. Wir standen also wieder in der Schlange, und nichts tat sich. Meine Mutter stellte die Theorie auf, daß der Strom alle sei und die Soldaten erst mal in ihr Laufrad steigen müßten, um die Computer anzutreiben. Während meine Mutter unsere neuen Boxen testete und das Niemandsland mit "Crosby, Stills, Nash and Young" berieselte, unterhielt sich mein Vater mit einigen anderen Fahrern. Nach einer Weile brachte er uns die erfreuliche Meldung, das wir nur noch eine halbe Stunde warten müßten, da die Grenze um acht Uhr wieder aufgemacht würde. Das veranlaßte meine Mutter, die Lautstärke noch etwas aufzudrehen, und mich, mir eine weitere Frust-Zigarette reinzuziehen. Um halb neun waren wir endlich durch. Unser Auto wurde Gott sei Dank nicht durchsucht - wir hatten vorsorglich mehrere Kanister Benzin mitgenommen, da man uns erzählt hatte, es gebe keins bzw. wenn, müsse man lange anstehen. Mein Vater mußte noch Geld tauschen und für unser Auto und den Hänger Versiche- rung bezahlen, und das, obwohl wir ja schon die grüne Karte hatten, aber irgendwie muß ja Geld in die Kassen kommen. Insgesamt bezahlten wir 160,- DM; 80,- DM Versicherung für's Auto, 30,- DM für den Anhänger und dann nochmal 50,- DM allgemeine Straßengebühren. Mein Vater mußte noch Einreise- und später Ausreisegebühr bezahlen, was insgesamt etwa 70,- DM waren. Es wurde schon dunkel, als wir endlich losfuhren. Meine Eltern beschlossen, nicht über die Autobahn zu fahren, um die Maut zu sparen. Irgendwo hinter Subotica wollten sie dann eine Abkürzung nehmen. Wir verließen die Hauptstraße und fuhren auf Straßen, die mehr oder weniger Feldwege waren, durch die Finsternis. Irgendwann hatten wir uns dann heillos verirrt, da kaum ein Ort ein Ortsschild besaß. Auch die Auskünfte der Anwohner halfen uns nicht weiter. Zu allem Übel brach dann noch ein Gewitter los. Schließlich begegneten wir einem Linienbus, der einen Ort anfuhr, zu dem wir auch wollten. Wir hofften, daß sein Schild auch stimmte, und nahmen die Verfolgung auf. Das Unwetter wurde immer Schlim- mer, die Blitze schlugen jetzt schon bedenklich nah ein. Dann begann es zu reg- nen, wir konnten kaum noch etwas sehen, und der Bus raste vor uns her. Die Ver- folgung war schwierig, da wir auch noch auf Schlaglöcher achten mußten. Schließlich verwandelte sich der Regen in Hagel. Nach einer Ewigkeit gelangten wir dann, dank dem Bus, wieder in der Zivilisa- tion an. In einem Ort fanden wir sogar ein Restaurant, wo wir trotz fortge- schrittener Stunde, es war etwa halb elf, noch warmes Essen bekamen. Ich beschloß, meine erste (und letzte) Bekanntschaft mit dem jugoslawischen Bier zu machen. Es schmeckte fürchterlich, womit ich niemanden beleidigen möchte, aber ich bleib doch lieber beim deutschen Bier. Dafür schmeckte das Essen aber um so besser. Nach dem Essen fuhren wir weiter. Ich schlief ein und wachte erst wie- der auf, als wir irgendwo bei Belgrad waren. Wir passierten gerade die Mautsta- tion, da sich meine Erzeuger doch dazu durchgerungen hatten, die Autobahn nach Nis zu benutzen. In Paracin, zwischen Belgrad und Nis, verließen wir die Auto- bahn. Wir mußten 110,- DM Maut bezahlen. Auf der E761 fuhren wir nach Zajecar. Während der Fahrt kamen wir an mehreren erleuchteten Tankstellen vorbei und hielten schließlich bei einer an. Und siehe da, sie hatten Diesel. Die Erklä- rung bekamen wir später. Es waren private Tankstellen, und die haben oft Ben- zin, durch Schmuggel. Nur die staatlichen Tankstellen haben keins. Das ist so, weil vor drei Jahren, als Generalmobilmachung war, sich die Kreise Zajecar und Bor geweigert haben mitzumachen, und jetzt werden sie dafür bestraft. Diesel kostete 1,70 DM, dazu muß ich aber sagen, daß man dort auch keine KFZ-Steuern bezahlen muß. Es wird viel Benzin geschmuggelt, überall an den Straßen stehen Leute mit Benzinkanistern und verkaufen es, man sollte aber besser die Finger davon lassen, da es häufig gepanscht ist. Wir tankten also und fuhren weiter. In einem Dorf befand sich eine feste Poli- zeikontrolle, wo wir auch prompt angehalten wurden. Der Polizist verlangte unsere Pässe, Führerscheine, Fahrzeugscheine etc. Es war alles in Ordnung, und so durften wir weiterfahren. Inzwischen war es schon morgens um vier oder fünf. Von Zajecar aus fuhren wir Richtung Knjazevac und bogen kurz vorher ab, Richtung Sarbanovac, unser Dorf. Die Straße ist schmal und kurvig, tief unten fließt der Fluß, auf der anderen Seite sind Felswände. Die Straße ist geteert, aber allzuschnell kann man nicht fahren, und so brauchten wir noch fast eine Stunde, bis wir um die letzte Kurve bogen und unter uns das Dorf lag. Um sieben waren wir endlich zu Hause. Wir fuhren auf den Hof und stiegen aus. Nichts hatte sich verändert. Mein Opa begrüßte uns freudestrahlend, und wir gingen erstmal in die Küche. Meine Tante machte Kaffee, den wir auch dringend brauchten, und während sich die anderen unterhielten, saß ich daneben und ver- stand kein Wort. Mein Onkel, seine Frau und meine Cousine Sonja waren zu der Zeit gerade im Dorf, da sie Pilze sammelten. Die Pilze werden in Scheiben geschnitten, getrocknet und dann verkauft. Von diesem Geld müssen sie das ganze Jahr leben. Sonja hat eine Ausbildung als Erzieherin, aber da niemand Geld für Kindergärten hat, ist sie arbeitslos. Seit wir das letzte Mal vor fünf Jahren da waren, hat sich fast nichts verän- dert. Der Hof besteht aus einem Stallgebäude, dem Wohnhaus und einem Waschhaus. Das Wohnhaus ist aus Lehm, hat zwei Zimmer, die Küche und einen Keller. Es gibt fließend Wasser, Strom und ein Telefon, allerdings gibt es nur ein Plumpsklo und auch kein Badezimmer. Wir haben einfach im Fluß gebadet. Der Herd in der Küche wird mit Holz betrieben, die Wäsche mit der Hand im Fluß gewaschen. Seine Felder bestellt mein Opa noch mit Pferd und Wagen. Er hat ein Pferd und zwei Kühe, die das ganze Jahr über im Stall stehen und mit Heu gefüttert werden. Außerdem hat er noch einige Schafe. Im Sommer werden die Schafe über den Berg getrieben, eingezäunte Wiesen gibt es nicht. Als wir da waren, war mein Opa gerade dran mit hüten. Er ging vormittags und nachmittags einmal los. Bevor er nachmittags losging, wurden sie gemolken. Schweine und Hühner hat er auch, die laufen tagsüber frei im Hof herum. Die einzige Neuerung, die er hatte, war ein Schwarzweißfernseher. Die Neuerungen werden immer von den Jungen eingeführt, die Alten brauchen sie eigentlich gar nicht. Über das Embargo lachen die Menschen nur. Da die meisten einen Hof haben, kön- nen sie sich selbstversorgen. Es gibt alles zu kaufen, allerdings zu unseren Preisen, was sich kaum jemand leisten kann. Am Mittwoch war Markt in Knjazevac, man konnte dort so ziemlich alles kaufen, es war so ähnlich wie bei uns ein Flohmarkt. Es gab zum Beispiel nachgemachte Markenjeans für dreißig Mark und auch sonst sehr billige Klamotten. An einem Tag haben wir eine Fahrt in einen Kurort gemacht, um Wasser von einer Heilquelle für meinen Onkel zu holen. Auf der Hinfahrt wurden wir dann wieder- mal um einige D-Mark erleichtert. Wir kamen um eine Kurve und wurden von einem Polizisten gestoppt. Nachdem er unsere Papiere kontrolliert hatte, mußten wir zwanzig Mark zahlen, weil wir zu schnell gefahren seien. Das stimmte zwar nicht, aber wir konnten es ja nicht beweisen. Dann wollte er auch noch dreißig Mark haben, weil wir kein "D" auf dem Auto hatten, aber da meinte mein Vater, an der Grenze hätte das niemand bemängelt, also würde er hier auch nicht zah- len. Der Polizist ließ uns gehen, und so fuhren wir weiter. Ab jetzt achteten wir genau auf die Verkehrsschilder und wurden an diesem Tag auch nicht mehr behelligt. Erst später auf der Rückfahrt gab es nochmal Ärger. Am Samstag abend nach dem Abschiedsessen fuhren wir los. Diesmal fuhren wir Autobahn, um nochmalige Irrfahrten zu vermeiden. Als wir die erste Mautstelle passierten, wurde unser kleiner Anhänger, dank der Fahrkünste meiner Mutter, nicht bemerkt, wodurch wir einiges an Gebühren sparten. Insgesamt haben wir auf der Rückfahrt 110,- DM Maut bezahlt. Als wir bei Belgrad eine Mautstelle passierten, wurden wir dahinter gleich von der Polizei angehalten, die hier alle Fahrzeuge kontrollierte. Wiedermal mußten wir unsere Papiere vorweisen. Und dann kam der Hammer: Mein Vater hatte an der Grenze genau angegeben, wann wir zurückkommen würden, da die Versicherung nur eine bestimmte Gültigkeitsdauer hat. Leider war diese um acht Uhr abgelaufen, und jetzt war es neun! Dafür durften wir 100,- DM Strafe zahlen, und die Ver- sicherung wurde nochmal verlängert. Bis zur Grenze passierte dann Gott sei Dank nichts mehr. An dieser Grenze, wie an allen folgenden, mußten wir jedesmal warten, weil mindestens eine Seite gerade Pause bzw. Ablösung hatte. Schließlich kamen wir Montag nachmittag wohl- behalten wieder zuhause an. Abschließend bleibt noch zu sagen, daß ich auf die Frage, ob ich irgendetwas vom Krieg mitbekommen habe, mit einem klaren NEIN antworten kann.