Der folgende Artikel erschien in der dritten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung der Autorin. Eine andere Geschichte von Sarajevo  von Aida Velagic  Jemand fragte mich gestern, ob ich mich hier wohl fühle, ob ich froh wäre, hier zu sein. Ich wollte mit "ja" antworten, aber in dem Moment merkte ich, daß ich es nicht aussprechen konnte. Ich sagte nur: "Nirgendwo ist es wie zu Hause.". Alles, was man über Sarajevo hört, ist über den Krieg: Die Politiker führen unzählige, stundenlange Diskussionen, dulden alles und jeden, und nichts ändert sich. Die ganze Welt betrachtet "den Konflikt", es sei denn, sie hat im Moment keine "Lust" auf die Realität, wohl aber auf einen Action-Film mit so viel Gewalt, daß er erst "ab 18" ist. Ist es denn wirklich möglich, daß alle diese intelligenten Wesen, die so stolz sind, Menschen zu sein, ein einziges Problem nicht lösen können? Mich erinnert das alles an ein Zitat aus der Apostelgeschichte: "Die einen schrien nun dies, die anderen das; und die Versammlung ward irre; denn sie wußten nicht mehr, warum sie zusammengekommen waren.". Eigentlich hatte ich nicht vor, die Welt zu kritisieren; die hat auch ihre schöne Seiten. Es ist nur so, daß ich zu den vier Millionen Einwohnern des winzigen Balkanlandes Bosnien und Herzegowina gehöre. Zwei Millionen Flüchtlinge müssen jeden Morgen aufwachen und immer wie- der neu feststellen, daß es nicht nur ein Alptraum war, sondern ihr Leben zum Alptraum geworden ist, und niemand kann etwas dagegen tun. Ich wurde oft gefragt, ob die Menschen in Sarajevo anders wären, und ob ich nicht finde, daß man im Westen schöner lebe. Sarajevo ist in mancher Hinsicht eine andere Welt, aber es ist doch die gleiche. Die Menschen wachen dort jeden Morgen auf, um zur Arbeit oder zur Schule zu gehen, genauso wie hier. Zum Früh- stück gibt es auch Brötchen und Nutella, wenn sie auch etwas anders heißt. Die jungen Leute haben dieselben Probleme und Erfahrungen und ihre eigenen "Was heißt hier Liebe"-Theaterstücke. Irgendein weiser Mann sagte: "Man fängt erst an, etwas zu schätzen, wenn man es verloren hat.". Sehr viele wiederholen den klugen Satz, aber nur wenige können ihn wirklich verstehen. Viele bilden sich ein, ihn zu verstehen, sollen aber vor Glück schreien, daß es so ist, statt beleidigt zu sein, daß ihnen jemand gesagt hat, sie hätten keine Ahnung. Ich will hier keine Ratschläge geben, doch es ist schwer, das zu vergessen, was man durchgemacht hat. Ich kann manchmal nicht glauben, was ich gefragt werde. Leute denken, Frauen würden in Sarajevo wie in den streng islamischen, arabischen Ländern behandelt und man dürfte kein Alkohol trinken. Sie denken, die ex-jugoslavische Regierung hätte keinem was gutes gebracht und wir lebten nach den unglaublichsten Regeln, die gegen die Menschheit verstößen. Solange ich dort lebte, hatte ich keine Ahnung, daß man so denken könnte. Es war ein wunderschönes Leben, das ich dort hatte. Ich hätte es für keine Demokratie aufgegeben, denn die Regeln, die mir mein Leben schwer machen sollten, kannte ich gar nicht. Ich habe vieles erfahren, als ich hierher kam. Es gab vieles, was die Regierung getan hat und wovon die Öffentlichkeit niemals erfahren sollte. Ich fragte mich, ob alles nur eine einzige große Lüge gewesen ist und ich nur in einer Traumwelt gelebt hätte. Aber allen meinen Freunden geht es doch auch so. Sie sind nicht auf nur eine Nationalität beschränkt oder haben die gleichen politi- schen Ansichten wie ich. Uns geht es doch wie allen anderen Menschen, die jemals auf dieser Erde etwas Schönes und etwas Schlechtes erlebt hatten, nur um das Leben. Wir wollen einfach schöner leben, Spaß haben, lieben und geliebt werden... Das ist doch das einzige, was zählt, und alles andere verliert an Bedeutung. Vielleicht hat sich jemand aus Langeweile alle möglichen Probleme ausgedacht, und wir sind nur Versuchskaninchen, die verzweifelt versuchen, dem Tyrannen zu entfliehen, es aber nicht können, weil wir vergessen haben, selber zu denken. Und der Erfinder hinter den Kulissen zieht die Drähte, die uns in eine immer schlimmer werdende "Realität" hineinziehen. Vielleicht ist die Geschichte von Sarajevo die Geschichte der Welt im kleinen. Menschen tun sich dort gegenseitig weh, und keiner hat was davon. Überall tun sich die Menschen gegenseitig weh. Überall sind sie traurig, keiner aber macht den Versuch, irgendetwas daran zu ändern. "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmün- digkeit. (...) Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." - Mögli- cherweise brauchen wir eine neue Aufklärung. Wollen wir uns unseres eigenen Verstandes nicht bedienen, oder können wir es nicht? Die Antwort werden wir in Sarajevo finden...