Der folgende Artikel erschien in der dritten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung der Autorin. Shell: auch mitverantwortlich für schwere Menschenrechtsverletzungen  von Rebecca Radde  Nachdem nun um den Shell-Konzern etliche Aufregung wegen der geplanten Versen- kung der Brent Spar (siehe Artikel Seite 4) herrschte, wurde in den Medien ein noch viel gravierenderes Unrecht regelrecht übersehen. Es geht um ein kleines Gebiet in Nigeria am Nigerdelta, in etwa in der Größe Niedersachsens. Hier leben die Ogoni, ein Stamm von 500.000 Menschen, der sich seit Jahrhunderten vorwiegend von der Landwirtschaft, aber auch von der Jagd und dem Fischfang ernährt. In diesem Gebiet fördert der Shell-Konzern seit 1958 Erdöl, ohne jedoch irgend- welche Rücksicht auf die Ureinwohner, die Ogoni, oder die Umwelt zu nehmen. An den sanierungsbedürftigen Pipelines wurden zwischen 1976 und 1991 nach offi- ziellen Angaben 2976 Lecks gezählt, durch welche mindestens 2,1 Millionen Bar- rel Rohöl in den Boden versickerten. Da schon ein Milligramm Öl ausreicht, um einen Liter Grundwasser zu verseuchen, ist der Boden bis in eine Tiefe von fünf Metern vergiftet. Shell versicherte daraufhin den Einwohnern, für den Schaden aufzukommen sowie die beschädigten Pipelines zu reparieren. Kaum etwas davon geschah. Nach wie vor gibt es Unfälle, es kamen neue Ölförde- rungsanlagen und neue Leckagen. Eine weitere Maßnahme ergriff die nigerianische Regierung, um den Ogoni zu "helfen". 1982 wurde beschlossen, 1,5 % der jährli- chen Umsätze den Ogoni zukommen zu lassen, 1992 verdoppelte sich der Prozent- satz sogar auf 3 %. Tatsächlich aber erhielten die Ogoni nur wenig oder gar nichts. Tag und Nacht brennen Gasfackeln, die Kohlenmonoxid ausstoßen, das wie- derum zu Krebs und Atemwegserkrankungen führen kann. Die Ogoni haben außerdem nicht die Möglichkeit, an sauberes Trinkwasser zu gelangen, und sind auch nicht an das Stromnetz angeschlossen. Kurzum: Sie leben im Gegensatz zu der Zeit vor den Bohrungen unter den menschenunwürdigsten Ver- hältnissen. Zur Änderung dieser Zustände wurde die "Bewegung für das Überleben der Ogoni" (MOSOP = Movement for the survival of the Ogoni people) gegründet, mit dem Auftrag, die Notlage den Menschenrechtsorganisationen, der Europäischen Union und besonders der US-Regierung, dem mit 40 % größten Abnehmer des "schwarzen Goldes", darzulegen. Doch diese Proteste erreichten wenig. Auch der Shell-Konzern zeigte sich unbeeindruckt, beharrte weiterhin auf seiner arrogan- ten Position.  -------------------------------------- "Niemand hörte uns zu, als wir für die Umwelt kämpften, aber als wir daraus einen politischen Fall machten - da zogen wir die Aufmerksamkeit auf uns." (Artikel in Newsweek, 20.9.93)  -------------------------------------- 1990 demonstrierten die Ogoni unter der Leitung von Ken Saro-Wiwa dann im eige- nen Land, jedesmal ohne Anwendung von Gewalt. Die Ogoni wurden unbequem, was den Shell-Konzern dazu veranlaßte, ein Sonderkommando zu berufen, damit die alte Unterwürfigkeit der Ogoni wiederhergestellt werde. Als Ziel wählte Shell den Ort Umnechem, der zum Zentrum der Proteste wurde. Das Ergebnis dieser Aktion waren 41 Tote und die Zerstörung oder Beschädigung aller Häuser durch Granaten. Die sich daraus ergebende Demonstration forderte ein weiteres Men- schenopfer. Daraufhin fanden sich 100.000 Demonstranten zu Protesten zusammen. Sofort erklärt die nigerianische Regierung das Land zum Militärgebiet. Der Shell-Kon- zern indessen bewahrte seine "neutrale" Position. Anstatt diesen Zug der nige- rianischen Regierung mit seiner Macht zu verhindern, schaute er seelenruhig zu, wie im Sommer 1993 und April 1994, die Gewalt ihren Höhepunkt erreichte, der sich in weit über 1.000 Mordopfern unter den Ogoni, 30.000 Obdachlosen, Verge- waltigungen der Frauen, Folter in "Spezialgefängnissen" und Internierungslagern äußerte. Die Ogoni hatten keine Chance gegen die übermächtigen, mit Maschinen- gewehren bewaffneten Angreifer. Shell und die nigerianische Regierung redeten sich raus, die Konflikte ergäben sich aus den jahrelangen Streitigkeiten der Ogoni mit ihrem Nachbarstamm, den Andoni. Tatsächlich können sich Ogoni und Andoni nicht ausstehen, jedoch ist es merkwürdig, daß die Belagerer nigerianische Marine- und Polizeiuniformen trugen und die bisherigen Konflikte zwischen beiden Stämmen immer friedlich blieben. Einen weiteren strategischen Zug tat die nigerianische Regierung, als sie im Mai 1994 den Vorsitzenden der MOSOP und wichtigstes Mitglied der Widerstandsbe- wegung, Ken Saro-Wiwa, festnahm. Der in Nigeria populäre Buchautor und Journa- list wurde im selben Jahr mit dem Alternativ-Nobelpreis (Right Livehood Award) für seinen Einsatz und den gewaltlosen Widerstand gegen die Regierung ausge- zeichnet. Derzeit befindet sich Saro-Wiwa im Militärhospital, da er in der Iso- lationshaft wegen der schlechten hygienischen Bedingungen schwer erkrankte. Vor einem Jahr zog sich dann der Shell-Konzern aus Nigeria zurück, allerdings ohne den Versuch, das Land zu reinigen oder den Ogoni beim Wiederaufbau zu hel- fen. Shell besitzt außerdem noch 30 % Konzessionen, was bedeutet, daß die Boh- rungen jederzeit wiederaufgenommen werden können. Zwei weitere Konzerne halten Konzessionen, nämlich Elf Aquitaine mit 10 % und AGIP mit 5 %.  -------------------------------------- "Wir haben es mit gewissenlosen Leuten zu tun, mit Steinzeit-Diktatoren, die blutrünstig sind. Sie sind für den afrikanischen Alptraum verantwortlich, fürchten sie sich doch vor Ideen und vor Leuten, die neue Konzepte haben." (Ken Saro-Wiwa)  -------------------------------------- Angesichts dieser eben geschilderten Tatsachen bin ich der Meinung, daß auch die Medien falsch handelten. Schlimm genug die geplante Versenkung der Brent Spar im Atlantik. Auch hier hätten sich verheerende ökologische Folgen ergeben, doch sind bei den Protesten Menschen zu Schaden gekommen. Ich denke, das Ver- halten der Medien läßt auch Rückschlüsse auf die Einstellung vieler Menschen hier in Mitteleuropa zu. Anscheinend interessiert es hier weniger, wenn sich ein Konzern auf Kosten einer halben Million Afrikaner bereichert. Womöglich ist man aufgrund der Bilderflut von Grausamkeiten im Fernsehen, sei es der Krieg in Ex-Jugoslawien oder die zahlreichen Wiederaufarbeitungsversuche zum achten Mai, zu abgestumpft. Tausende regen sich über die Zerstörung des tropischen Regenwaldes auf, es kommt eine Art Ökowahn auf, ohne daß jemand auf sein Auto verzichten wollte. "Tanken kann man ja auch noch bei ARAL oder Esso, und die haben ja schließlich keinem Meer oder Menschen etwas zuleide getan". Doch gebe es nur die Shell-Tankstellen, wer hätte sich dann am Protest betei- ligt? Man spült Plastikbecher ab und steckt sie dann in den "gelben Beutel". Dient das alles nicht eher der Gewissensberuhigung? Hat der gewöhnliche Mittel- europäer es verlernt, sich feste Ideale zu setzen? Wirtschaftliche Interessen scheinen stärker zu sein. Das beste Beispiel hierfür dürfte wohl die bundesdeutsche Regierung sein. Schließlich hält Herr Dr. Kohl weiterhin an den guten Wirtschaftsbeziehungen zu China und auch Frankreich fest, obwohl China schon seit Jahren die Tibeter unterdrückt und Frankreich die Atomtests im Mururoa-Atoll plant. Menschenrechtsverletzungen sind kein Hinder- nis, Geld zu machen. Oder warum sonst wurden den Ogoni nur eine Filmreportage und einige Zeitungsartikel, wie dieser, gewidmet? Falls noch irgendjemand seinen Protest anmelden möchte, sollte er sich an die folgenden Herren wenden (in korrektem Englisch): 1. Chairman General Sani Abacha Provisional Ruling Council State House, Abuja Federal Capital Territory NIGERIA (Anrede: Dear General Abacha) 2. Prof. Dr. Akinjide O. I. Osuntokun Botschaft der Bundesrepublik Nigeria Goldbergweg 13 53177 Bonn Auch möglich ist es, an nigerianische Zeitungen zu schreiben, z. B. The Editor "THE NEWS" PBM 21531 Ikeja Lagos NIGERIA