Der folgende Artikel erschien in der dritten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung der Autorin. Die Deutschen entdecken ihr Umweltbewußtsein  von Nina Röwer  Europa- und bundesweite Protestaktionen, Boykotts, Appelle und auch Anschläge haben die Geschäftsleitung des Shellkonzerns davon überzeugt, ihre Ölplattform `Brent Spar' samt diversem sich darauf befindendem Dreck lieber doch nicht im Atlantik zu versenken. Durch die Medien kräftig angestachelt, machten viele AutofahrerInnen (sehr zum Leidwesen vieler Shell-TankstellenpächterInnen) einen großen Bogen um Shells Zapfsäulen. Aral, BP, ... werden sich sicherlich über den gestiegenen Umsatz gefreut haben. Die Deutschen können also nicht nur Flaschen und Papier sammeln, sondern im Notfall auch die Tankstelle wechseln. Fragwürdig ist, inwieweit die Leute wirklich bereit sind, Opfer zu bringen. Wie hätte sich die Situation ent- wickelt, wenn Shell alle Benzinpreise um z. B. 5 Pfennig gesenkt hätte? Wären die AutofahrerInnen weiter zu Aral & Co. gefahren, oder hätten diese prompt ebenfalls die Preise senken müssen, um zu verhindern, daß ihnen ihre neuen Kun- den sofort wieder untreu werden, weil sie ein paar Mark sparen wollen. Wären womöglich etliche nachts heimlich, still und leise zu Shell gefahren, um nicht von den Nachbarn gesehen zu werden? Verwunderlich ist außerdem, daß die geplante `Brent Spar'-Versenkung für so viel Wirbel gesorgt hat. Bis jetzt haben sich lediglich einige Umweltorganisa- tionen mit der Verschmutzung der Meere auseinandergesetzt. Von der Öffentlich- keit wurde dieses Problem weitgehend nicht beachtet. Woher kommt also dieses plötzliche Interesse? Wird uns langsam aber sicher doch bewußt, daß es mit die- sem Planeten anscheinend unvermeidbar bergab geht und wir geradezu auf die große und endgültige Naturkatastrophe zuzusteuern scheinen? Kriegen wir im letzten Moment doch noch Panik und versuchen zu retten, was noch zu retten sein scheint? Unseren ganz besonderen Dank hat sicherlich BILD verdient, die wie immer durch grooooße Fotos, fette Überschriften und kurze Artikel umfassend informierte. Durch ihre Berichterstattung machte sie viele, solcherlei Themen gegenüber bis- her eher gleichgültige, LeserInnen zu aktiven Umweltschützern. Wäre allerdings gerade Fußball WM gewesen, BILD hätte sich um keine Ölplattform auf dieser Erde einen Deut gekümmert. Etwas erstaunlich ist allerdings, daß BILD nicht sofort mit einer Aufkleber-Aktion reagiert hat (wer erinnert sich nicht an die sagen- hafte BILD-Aktion "Autobahngebühr? - Ich hup' euch was!"). Letztendlich haben aber alle Proteste, ... ihr Ziel erreicht. Die `Brent Spar' wird recycled, und das wahrscheinlich sogar in Deutschland (unsere Wirtschaft profitiert also von der ganzen Sache, und es werden ein paar neue Arbeitsplätze geschaffen). Nach diesem Kollektiv-Erfolgserlebnis können wir wieder hemmungs- los bei Shell tanken und dürfen uns danach entspannt und mit beruhigtem Gewis- sen zurücklehnen. Gemeinsam ist man eben doch stark. Das alles hört sich jetzt sicherlich sehr negativ an und läßt vermuten, daß ich am liebsten allen Dreck im Meer versenken würde, weil man ihn da ja nicht sehen kann. Aber auch ich war entschieden gegen die Versenkung der `Brent Spar' und habe mir sogar vorgenommen, nie bei Shell zu tanken, wenn diese ihren Plan tat- sächlich in die Tat umsetzen (allerdings wäre die Gewinneinbuße für Shell eher gering gewesen, da ich bis jetzt gar kein Auto habe). Gestört hat mich an der ganzen Sache nur, daß plötzlich alle zu Umweltschützern/schützerinnen wurden, deren Umweltschutz darin bestand, die Tankstelle zu wechseln. Wäre es nicht aber an allerumweltbewußtesten, wenn man nicht die Tankstelle, sondern das Transportmittel gewechselt hätte? Damit wäre der Umwelt sicherlich noch mehr gedient gewesen, oder?