Folgender Text erscheint in der zweiten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Zustimmung des Autors, Hanns Holger Rutz. Keine Geschichte über Atlantis ---------------------------------- von Illobrans Holger von Lutzwiger ---------------------------------- Ich gehörte immer zu denjenigen, die alles, was mit UFOs zu tun hat, als alber- nen Quatsch abgelehnt haben. Bis mir vorige Woche etwas Seltsames passierte. In jener Nacht träumte ich schlecht und war froh, als ich durch einen Telephonan- ruf geweckt wurde. Verwundert, wer denn um 3 Uhr nachts anruft, nahm ich den Hörer ab. Es war ein Freund von mir, der fest und steif behauptete, es wäre 10 Uhr am morgen. Meine Uhr mußte falsch gehen. Wir unterhielten uns über dies und jenes, als plötzlich eine weitere Stimme zu hören war, in einer fremdartigen Sprache, die wir nicht verstanden. Nach diesem leicht verwirrenden Telephonat begab ich mich in die Küche um zu frühstücken. Aber irgendetwas stimmte nicht. Ich sah aus dem Fenster und fuhr zusammen. Der Himmel war blutrot, es regnete Uferschnecken, und Heu flog in seltsamen Forma- tionen vorbei. Ich hatte schon von unnatürlichem Regen gelesen und kam zu dem Schluß, daß an dem englischen Sprichwort "it rains cats and dogs" etwas Wahres sein könnte. Nachdem ich mich etwas von dem Schreck erholt hatte, machte ich mir erst einmal einen starken Kaffee und ging hinters Haus in den Garten. Es hatte aufgeklart, aber der Sturm hatte das hohe Gras in wilden Formen auf den Boden gedrückt. Ich beschloß, mir das ganze von oben anzusehen und stieg deshalb über den Holunderbusch auf die Garage. Es war unglaublich: Das Muster im Gras sah tat- sächlich wie eines dieser Apfelmännchen aus. Es war ganz klar - das konnten weder der Wind noch diese verrückten Studenten gemacht haben! Ich stieg wieder hinab, um den Boden genauer zu untersuchen. Ich hatte mich gerade gebückt, als mich plötzlich ein komisches Gefühl überkam und ich ohnmächtig wurde. Als ich zu mir kam und mich aufrichtete, fand ich mich in einem kreisförmigen Raum wieder. In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür, und ich meinte, "dark side of the moon" aus dem Nebenraum zu hören. Ein kleines, etwa 1,20 m großes graues Wesen mit großer Nase trat herein und erkun- digte sich nach meinem Befinden. Ich wußte nicht, welche Sprache es sprach, aber seltsamerweise konnte ich die Worte verstehen, und ich versicherte dem Wesen in derselben Sprache, es ginge mir gut (ich hatte aufgehört, mich zu wundern), aber es würde mich schon inter- essieren, wer er oder sie denn sei. Das Wesen antwortete, es käme vom Stern Zeta Reticuli. Davon hatte ich schon gehört, und ich erschrak, da diese Wesen dafür bekannt waren, Menschen zu entführen, um sich nach fürchterlicher Folterung an ihren Gehirnen zu schaffen zu machen, weil sie eine bestimmte chemische Substanz dar- aus benötigten. Das Wesen schien meine Gedanken gelesen zu haben und erklärte, man habe lediglich einigen afrikanischen Medizinmännern die Gehirnchirurgie beigebracht und sei nur an meinem Sperma interessiert. Ich gab ihm zu verstehen, daß ich so etwas ablehnte, und murmelte noch etwas von der Bioethik-Konvention. Als ihn das nicht zu beeindrucken schien und er mir immer näher kam, sprang ich von der Liege hoch, auf der ich gelegen hatte, und schlug mit einem Gegenstand auf das Wesen ein. Es sank in einer grünen Lache zusammen, die wohl hauptsächlich aus Chlorophyll bestand. Somit brauchte ich mir auch keine Vorwürfe zu machen, ich hatte ja praktisch eine Pflanze umgebracht... Ich sah mir den Gegenstand an, mit dem ich den Alien in die ewigen Jagdgründe geschickt hatte: Es sah wie ein gefrorenes Brötchen aus. Jemand hatte mit krakeligen Buchstaben "Space Pig Burger" darauf geschrie- ben. Da ich hungrig war, nahm ich das Objekt mit auf die Suche nach einer Mikrowelle oder etwas ähnlichem. Ich ging durch die offene Tür einen Korridor entlang, am Ende befand sich eine weitere Tür, die sich automatisch öffnete. Ich betrat einen Raum, der wohl die Brücke dieses UFOs darstellte, um das es sich zweifelsohne handelte, wenn man durch die Bullaugen in den Weltraum blickte. Die Wände waren mit 3D-Tapeten versehen - komisch, daß die Grauen (so nannte ich sie ab jetzt) noch nicht erfahren hatten, daß diese Tapeten absolut nicht mehr zeitgemäß waren; aber was war schon Zeit... Über den Tapeten hingen diverse Photos. Eines zeigte John F. Kennedy bei einem Händedruck mit einem Grauen. Auf einem anderen waren grüne Männchen damit beschäftigt, eine Art Gesicht in das rote Gestein eines Planeten zu meißeln. Ich hatte mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie Aliens aussehen, wenn sie sich vor Lachen kaum noch halten können, und ich hatte das Gefühl, daß diese grünen Typen genau in diesem Zustand waren. Ich sah mir die Kontrollanzeigen genauer an und fand schließlich einen Knopf, der eine Art Fernseher aktivierte. Die Programme kamen mir sehr bekannt vor. Auf "Alpha Centauri 2" war ein Fernsehprediger Namens Jesus damit beschäftigt, wild gestikulierend aus der "Bibel" zu zitieren. Am unteren Bildschirmrand wurde eine (furchtbar lange) Kontonummer des Vatikans eingeblendet. Ich zappte... Auf "Beteigeuze 1" gab es ein Michael Jackson Konzert, live von den Osterin- seln. Also, irgendwie hatte ich mir doch etwas anderes unter intergalaktivem Fernsehen vorgestellt... Ich beschloß, etwas gegen meinen Hunger zu unternehmen und muß dabei laut gedacht haben, denn eine freundliche Stimme forderte mich auf, den Burger in ein Fach zu legen, welches durch das Öffnen einer Klappe freigegeben wurde. Ich erkundigte mich, wer denn da zu mir gesprochen hatte, und nach wenigen Minuten waren ich und der Bordcomputer gute Freunde geworden. Nessy (so hieß sie - ja, ein weiblicher Computer!) erklärte mir die Funktionsweise des Vehi- kels, während ich mich fragte, warum ich so etwas Sinnloses wie Physik Lei- stungskurs gewählt hatte. Raumfahrt mit nahezu Lichtgeschwindigkeit werfe zu viele Probleme auf: Man brauche allein zum Beschleunigen und Abbremsen jeweils ein Jahr und die zu fliegenden Distanzen wären einfach zu groß. Mit einem neuartigen Photonenan- trieb auf Antimaterie-Basis sei so etwas wie Zeitreisen möglich geworden. Ich tat so, als wenn ich verstünde und sagte, ich hätte mich noch nicht ausführlich mit Quantentheorie und Nanotechnologie auseinandergesetzt. Ich bekam irgendwann Heimweh und ordnete den Flug auf die Erde an. Um mich nicht zu langweilen, spielte ich während der Reise ein wenig Minigolf mit einem kleinen, grünen Kugelblitz, mit dem ich mich auch sehr gut verstand. Die Aliens schienen allgemein sehr umgängliche Kreaturen zu sein. Das letzte Stück wollte ich auf konventionelle Weise zurücklegen, so daß wir durch ein Wurmloch in die nähere Umgebung unserer bekannten Sonne sprangen. Was für ein Spaß, an den Jupiter-Monden Europa, Ganymed und Kallisto vorbeizukur- ven. Um ein Haar hätten wir die Marssonde Surveyor gerammt, und Nessy grunzte, bei einer Fahrprüfung wäre ich jetzt durchgefallen. Sie war dennoch in guter Stimmung, und so durfte ich vergnügt einige SDI-Satel- liten zerschießen (und mir wurde klar, was für arme Würstchen denn die ganzen DOOM-Fans in Wirklichkeit waren)! Nessy steuerte uns nun auf das Bermudadreieck zu, einem Riß im Raum-Zeit-Kontinuum, wie sie es ausdrückte. Ich müsse ja schließlich auch wieder in meine richtige Welt kommen. Um nicht zu auffällig zu sein, landeten wir in Area 51 von Groom Lake, Nevada. Bevor ich auf Wiedersehen sagen konnte, wurde mir ein weiteres mal schwarz vor den Augen. Ich fand schließlich zu mir und stellte fest, daß ich wieder bei uns im Garten auf dem Boden lag. Ich richtete mich auf; das Gras schien unberührt - kein bißchen der Muster von vorhin (wie lange war ich weg?) war mehr zu sehen. Alles nur ein Traum? Noch ein wenig wankend, begab ich mich zur Terrasse und ins Haus. Freudig wurde ich in der Küche überrascht: Es war doch kein Traum gewesen. Ein Delphin ragte zur Hälfte durch die Decke und groovte zu Biosphere's "Cloudwalker", das von irgendwoher ertönte...