Der folgende Artikel erscheint in der zweiten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung des Autors, Hanns Holger Rutz. Künstler, nicht Tattooist --------------------- von Hanns Holger Rutz --------------------- Warum nicht einmal das Tattooland besuchen, wo wir doch schon solch ein Studio in Zeven haben und man sowieso mehr über Tattoos - auch Tätowierungen genannt - wissen will? Dachte´s und schwang sich auf´s Fahrrad (naja, so spontan dann doch nicht...). An jenem Samstag betrat ich also den Raum, in dem Michael und sein "Azubi" Holger die Bilder auf die Haut bringen. Zunächst wählt der Kunde ein Motiv aus. Dazu stehen zahlreiche Aktenordner mit Vorlagen zur Verfügung, die meisten von Michael erstellt. Aber auch eigene Motive kann man sich tätowieren lassen. Eine Umrißzeichnung des gewünschten Bildes wird mit einem Kopierer auf die richtige Größe skaliert und anschließend durch einen Thermokopierer geschickt, der das Motiv auf ein spezielles Papier bringt. Nachdem der Kunde auf einem drehbaren und in Höhe und Neigung verstellbarem Sitz Platz genommen hat - die Handschellen an den Lehnen werden im Normalfall nicht benötigt ;-> -, wird dieses Papier auf die Haut gelegt und feucht über- wischt, so daß sich die Umrißzeichnung auf die Haut überträgt. Am häufigsten ist das der Oberarm, aber im Prinzip ist jede andere Körperstelle ebenso täto- wierbar. Die Kundin aus Oldenburg - die meisten kommen aus den Städten, wo Tattoos wei- ter verbreitet sind und somit die Akzeptanz höher ist - hat sich einen Skorpion ausgesucht. Sie sitzt mit dem aufgedrückten Sternzeichen leicht beunruhigt auf dem Stuhl, während Michael die haardünne Nadel in das Tätowiergerät einsetzt und mit schwarzer Tinte versorgt, ohne zu vergessen, der Kundin mehrmals zu zeigen, wie zitterig seine Hand doch heute sei ;-). Wenn was schief geht? Die Kunden trügen das Risiko, aber Fehler dürften nicht passieren, dann sei der Ruf dahin. Allerdings mache er das ja schon seit dem Alter von 10 Jahren. Bevor es losgeht, zieht sich Michael Latex-Handschuhe an und besprüht die zu tätowierende Stelle mit einem Desinfektionsmittel. Mit dem Summen eines Rasier- apparates fahren die Nadeln - in diesem Fall drei - über die blauen Umrisse; etwa 130 mal in der Sekunde stechen sie in die Tiefe der zweiten bis dritten Hautschicht, um dort ihre Tinte zu lassen. Tut es weh? Ich nehme den Vorwurf hin, ich müßte mich doch selbst stechen lassen, wenn ich darüber etwas schrei- ben wolle. Es sei nicht sehr schmerzhaft, eher warm wie beim Blutabnehmen. Es blutet in der Tat, aber nur sehr schwach, und Michael wischt das Blut und die Farbe auf der Haut in regelmäßigen Abständen ab. Ein Gleitmittel sorgt dafür, daß die Haut geschmeidig wird. Nach und nach entstehen die Umrisse des Motivs. Mit einer speziellen Nadel und besonderer Technik werden später Schat- tierungen hinzugefügt. Farben werden durch Mischung von Tinte in den drei Grundfarben erzielt. Ein relativ einfaches Motiv wie der Skorpion wird an einem Nachmittag gemacht, bei komplexeren Bildern benötigt man unter Umständen mehrere Sitzungen. Ent- sprechend verhält es sich mit den Kosten. "Ab hundert Mark aufwärts", schließ- lich müssen Geräte und Studio finanziert, Leerlaufzeiten kompensiert werden. Gezahlt wird hinterher, nicht "wie in Hamburg auf dem Kiez", sagt Michael. Schließlich betrachte er sich eher als Künstler und nicht als Tattooist, der in ein bis zwei Stunden ein simples Motiv auf die Haut klatsche. Der Skorpion der Kundin ist im fortgeschrittenen Stadium, auch ihr Mann hat sich stechen lassen: Sein Sternzeichen, ebenfalls ein Skorpion, hat Holger vollendet. Der Kunde gibt zu, daß es jetzt doch ein bißchen brennt. Seine Haut ist geschwollen, während man bei seiner Frau nichts sieht. Das liege daran, daß jede Haut anders reagiere, selbst bei derselben Person könne es Unterschiede, zum Beispiel zwischen Oberarm und Brust, geben. In jedem Fall bilde sich eine Art Schorf, der nach etwa einer Woche verschwinde. Zunächst solle man Solarien und viel Sonne meiden, bestimmte Wollsorten wie Schafwolle und Kaschmir nicht an die Haut lassen. Da hat man nun sein Tattoo, und zwar ein Leben lang. Wenn nicht gepfuscht wird, braucht das Bild auch nicht mehr nachbearbeitet werden. Es wird durch Wachstum nicht verzerrt, die Farbe kann höchstens etwas blasser werden. Entfernen kann man die Bilder nur durch chirurgischen Eingriff - herausschneiden der Haut - oder Laser. Narben wird man jedoch immer sehen. In den USA gibt es bereits spe- zielle Kurzwellenlaser, bei denen keine Hautverbrennungen mehr auftreten. Pro- fessionelle Tattoos, die sehr flach unter der Haut sind, können auch mit Ultra- schall zerstört werden. Wer kommt nun hierher, und warum? Früher hätten eigentlich nur Seefahrer und Knastis die Hautbilder gehabt, deren Ursprung im asiatischen und afrikanischen Raum sowie bei den Eskimos liege. Heute gäbe es keine homogene Schicht mehr, selbst "mercedesfahrende Krawattenträger" seien hier Kunden. Fragt man nach der Motivation, sich stechen zu lassen, bekommt man häufig nur ein Achselzucken. Vielleicht weil die Mädchen drauf fliegen, meint einer, kommt dann aber doch zu dem Schluß, daß er es sich wegen des schönen Aussehens hat machen lassen. Ob er weitere Bilder haben will? Nein, nie. Ein anderer lacht: "Das glaube ich nicht." Bei den meisten entstehe eine Art Sucht - nicht körperlich -, sich immer wieder neue Tattoos machen zu lassen. Das demonstriert er, indem er seine eigene Sammlung präsentiert. Wer das notwendige Alter von 18 Jahren erreicht hat (mit Genehmigung geht´s auch schon ab 16) und ein Tattoo haben will, sollte sich vorher beim Hautarzt beraten lassen. Denn Allergien gäbe es schon, gibt Michael zu. Im Sommer seien seine tätowierten Arme leicht angeschwollen. Auch ist es ratsam, sich zunächst Arbeiten des Tattooisten anzusehen, um sein Können zu beurteilen.