Der folgende Artikel erscheint in der zweiten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung des Autors, Stefan Keinitz. HARDCORE ! ------------------ von Stefan Keinitz ------------------ Am 20.5.95 war es soweit: Abenteuerurlaub im TaTöff, der Disco, wo die Frauen in Käfigen tanzen und Musikgrößen wie die Comix oder Sixpack sich die Klinke in die Hand geben. Nun aber hatte sich die wohl erfolgreichste Tekkno-Combo der letzten Zeit, Scooter, angesagt. Eigentlich wollten sie ja schon früher spie- len, aber dank einer tragischen Erkrankung von Hans Peter Geerdes, äh... H.P. Baxxter, dem Sänger, mußte der Termin leider :-[ mehrere Male verschoben wer- den. Aber trotz aller Hoffnungen kam er denn jetzt doch. Und wie! Von bombastischem Gedröhne untermalt und in gleißendes Licht getaucht erschienen Scooter auf der Bühne. Scooter, das sind die beiden unauffälligen Keyboarder Ferris und Rick und der schon erwähnte, eher überflüssige Sänger. Sänger ist eigentlich auch übertrieben, denn seine Aktivität beim Auftritt beschränkte sich auf das gele- gentliche Ausstoßen zusammenhangsloser Phrasen wie "Hardcore!", "Move to the basedrum!" oder als Krönung "Dadadada". Aber das ist man ja von musikalischen Glanzpunkten wie "Hyper Hyper" und "Move your ass" schon zur Genüge gewohnt. Nicht vergessen werden sollen natürlich auch die beiden Tänzerinnen Sam, H.P.´s Freundin und Francis, die höchst leichtbekleidet, allerdings mit Knieschützern, etwas unkoordiniert, aber dennoch ästhetisch, merkwürdige Verrenkungen zu der Musik machten und angedeuteterweise Schüsse ins Publikum abgaben. Der Name "Scooter" kommt übrigens von "Autoscooter", und ist entstanden, weil die Band einen Namen suchte und ihr Song "Vallée des Larmes" so jahrmarktmäßig klang. Nach den ersten, mir unbekannten Songs ging dann auch das Publikum gut mit, befolgte brav die Aufrufe, mitzuklatschen, und spätestens bei "Move your ass" bewegte dann auch die gesamte Raverschaft ihren Arsch. Erstaunlicherweise dauerte der Auftritt fast eine Stunde, und war nicht wie Gerüchten zufolge nach "Hyper Hyper" und "Move your ass" zu Ende. Nein, Scoo- ters Kreativität kennt fast keine Grenzen und hat schon mindestens 8 Songs her- vorgebracht. Sogar eine Zugabe gab´s: "Hyper Hyper", diesmal im Hardcore-Mix. Alles in allem hätte es also ein wirklich guter Rave werden können - eigentlich mag ich zwar keinen Tekkno, aber der vom instrumentalen her angenehm heftige Hardcore-Tekkno hätte mich sogar noch ansprechen können - wenn da nicht dieser H.P. gewesen wäre. Selten zuvor hat der "Gesang" bei einem Konzert so dermaßen genervt wie hier. Selten zuvor fiel der Sänger auch noch durch so affig wir- kende Gestik und Bewegungen auf. Selten zuvor habe ich so sinnlose Texte gehört... Aber das hatten wir ja schon. Dabei haben Hans Peter und Rick mal bei "Celebrate the nun" gespielt. Was bewegt Menschen dazu, sich so zu verändern? Komischerweise scheint das allerdings dem Rest des Publikums nicht aufgefallen zu sein. Oder bewegt sich die Tekkno-Anhängerschaft auf geistig so niedrigem Niveau? Nein, das kann einfach nicht sein. Man konnte es ja auch ignorieren, schließlich war ja Stimmung angesagt - "Party, people!" wie H.P. sich auszudrücken pflegte. Immerhin hat er ja auch Abitur ;-) . Eigentlich sollte hier jetzt noch ein Interview mit dem großen Tekkno-Helden folgen, allerdings wurden wir als arme Spunk-Redakteure von einer Mischung aus Roadie und Rausschmeisser abgefangen, bevor wir in die Nähe unseres neuen Idols gelangen konnten. Mit dem Kommentar, daß der Star leider beschäftigt sei, wur- den wir von dannen geschickt. Natürlich war er beschäftigt, konnten sich doch kurz vorher zwei leichtbekleidete, eindeutig weibliche Fans durch die Reihen von muskelbepackten Rausschmeißern kämpfen, um einige Fotos von sich und ihrem Hans Peter zu machen. Ganz abgesehen davon sahen wir auch nicht "glaubwürdig" genug aus. Naja, schließlich haben wir ja auch lange Haare und waren vielleicht nicht ganz pas- send gekleidet. Diesen Vorwurf kann man allerdings nicht Scooter machen, son- dern eher dem Roadie, aber es läßt doch einige Rückschlüsse auf die vielzi- tierte Toleranz der Tekkno-Szene zu. Die Jungs von Scooter sollen übrigens doch ganz nett sein, meinte nach dem Kon- zert noch ein Reporter von BRAVO-TV. Er hätte sich länger mit ihnen unterhal- ten, und einen guten Eindruck gehabt. Warum nur hatte Scooter Zeit für ihn, aber nicht für uns?