Der folgende Artikel erscheint in der zweiten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung des Autors, Hanns Holger Rutz. ------------------------ The Orb "ORBVS TERRARVM" ------------------------ The Orb, eine britische Kultband mit Superstar-Status, haben sich dieses Jahr mit dem neuen Album "ORVBS TERRARVM" zurückgemeldet¹. Dr Alex Paterson, neben vielleicht Kris Weston und (mittlerweile) Thomas Fehlmann das einzige perma- nente Mitglied von The Orb, erklärte dazu, The Orb wären nach ihren spacigen "U. F. Orb" und "Pomme Fritz" Ausflügen endlich wieder auf der Erde gelandet. Und in der Tat wirkt alles etwas gelassener, ruhiger und nicht ganz so abge- dreht. Eine Verbindung zu "U. F. Orb" schaffen da zunächst in den ersten zwan- zig Minuten die Opener ;o) "Valley" und "Plateau", welche ja auch schon auf der "Live '93" zu hören waren - allerdings, wie man das von The Orb gewöhnt ist, soundmäßig stark verändert; "Plateau" ist kaum wiederzuerkennen. Diese beiden Stücke bieten einen dichten Soundteppich aus Dutzenden von Einzel- klängen und Samples. Man könnte sagen, einen bewegten als auch statisch im Sinne von Zustand beschreibenden Mix, der komplett entspannt und glücklich macht. Typisch für The Orb sind langsame Percussion, mit Ausnahme von "Occidental" unter der 100 BPM Marke; dabei keine harten Drums sondern meist nur auf Hihat und Cymbal beschränkt, ab und zu Toms oder Bongos, mal leise, mal laut hallend. Das, was die Dynamik ausmacht, ist vor allem der Baß. Im Gegensatz zu Techno oder manchen Ambient - für dieses Genre sind The Orb geradezu das Paradebei- spiel - kein kickender Bummbumm-Baß, sondern schöner, brummiger, tiefer Baß, der seine Läufe endlos wiederholt und durch geschickte Lautenstärkenvariation für Bewegung sorgt. Ebenfalls typisch die filigrane Struktur: Jedes Stück ist aus unzählbaren Schichten aufgebaut, die mal nach vorne treten, dann wieder in den Hintergrund. Die Sound- und Sampleauswahl bedient sich eines sehr weiten Feldes, wodurch eine geniale Surrealität erzeugt wird. Die modischen NASA-Samples sind dabei kaum noch vorhanden, der Sampleeinsatz hat sich allgemein verringert und beschränkt sich hauptsächlich auf lustige Sprachsamples. Mit "Oxbow Lakes", dem dritten Stück, zeigt sich der Wandel von The Orb: Weg von reinen, abstrakten Chillout-Orgien hin zu mehr... ja, erdigeren Stücken. Ohne dabei zur klassischen Songstruktur der "Adventures..." zurückzukehren. Als Beispiel sei der klare Piano-Einsatz oder die Flute in "Oxbow Lakes" genannt. Auch die Crescendos und Decrescendos werden stärker verwendet. "Montagne d'Or (der gute Berg)" beginnt mit ein bißchen countrymäßigen angedeu- teten Klängen und Stimmen, die als kleine Aufmerksamkeit an The K.L.F. gewertet werden könnten ;) Nach einer Ruhephase baut sich der Höhepunkt auf - in dieser Weise auch eine Neuerung -, ein Percussion- und Baß-Schwall von 3/4 Takten ungewöhnlicher Betonung. Das sumpfige und etwas unruhige "White River Junction" wird dann durch das vierzehnminütige "Occidental" abgelöst, das meiner Meinung nach beste Stück der CD: Ein anregender Beat mit schön schrägen Sounds, verzogen in Frequenz und Klang. Nach einem in ein Echo ausartenden Voice-Break, kehrt die Melodie zurück, schwankt zwischen verspielt und leicht fies, märchenhaft - wie eine Traumversion von "Star 6 & 7 8 9". Nachdem "Occidental" in einer Art Unschärfezustand verklungen ist, bekommt der Hörer als Abschluß noch etwas Hörspielähnliches. In "Slug Dub" wird das Märchen einer Familie erzählt, deren saftiger Salat von gemeinen Schnecken gefuttert wird. Versuche, die Plagegeister durch Fallenstellen oder Erschießen zu besei- tigen, scheitern, und die fiesen Schnecken lachen nur ihr schleimiges Lachen... Auf fünfzehn Minuten gestreckt wurde dies mit dubbiger, ein wenig reggaebehaf- teter Musik. Ich verschweige nicht, daß The Orb mein Lieblingsact sind und ich ihre Musik vergöttere. Das gilt auch für das letzte Album. Buy or die... h.h.rutz   ---------- ¹ CIDX 8037 (Island Records Ltd.)