Der folgende Artikel erscheint in der zweiten Ausgabe des Jugendmagazins "Spunk". Weitergehende Verwendung oder Verbreitung nur mit Genehmigung des Autors, Sebastian Jung. Die letzte Zigarette, oder: Kein rot-weiß ------------------ von Sebastian Jung ------------------ Edward fuhr wie jeden Morgen in seinem klapprigen Japaner zur Berufsschule. Edward haßte seine Eltern für diesen Namen. Edward, Edward was? Nervös fummelte er in seiner Parkerinnentasche und haßte sich dafür, daß er wieder mal verges- sen hatte, die Zigaretten einzustecken. Unbeliebt war er nicht. Es ist leicht, eine Zigarette im Getto zu schnorren. Getto nannten die ewig totgeglaubten Raucher ihre Raucherzone, die hermetisch vom Rest des Pausenhofes zwischen drei Schulgebäuden isoliert war. Erreichen konnte man das Getto nur wenn man das Hauptgebäude nach hinten verließ, einmal um den ganzen Block, Nichtraucherzone!, lief, um wieder durch ein Gebäude zu gehen, um endlich eine Zigarette zu rauchen. Die meisten, die hier stehen, rauchen seit der elften Klasse, wenn der Abitur- streß langsam anfängt, oder die 15- bis 30-jährigen vom BGJ-Bau. Friseurinnen sieht man hier seltener. Auch die Mädchen aus der Puddingschule sind hier sehr rar vertreten. Wie jeden Morgen fuhr Edward durch das Industriegebiet der grauen Kleinstadt, wo seine Schule stand. Seine Schule? Die einzige Verbundenheit, die er mit die- sem farblich zur Stadt passenden Gebäudekomplex verspürte war das Abitur und einige Bekannte. Bekannte? Gibt es ein Leben nach dem Abitur? hatte er sich auf seinen rostigen Wagen mit Edding geschrieben. Mühlenweg. Die Straße seiner Schule. Immer wenn er in diese Straße einbog, fragte er sich, wo hier mal eine Mühle stand. Dabei stellte sich Edward eine holländische Windmühle mit vier Flügeln und schwarz-weiß gefleckte Kühe davor stehend vor. Vielleicht ist den Herrn Städtebauern nichts besseres eingefallen. Vielleicht hätten sie, anstatt das Stadtbild so zu verfälschen, die Straße, wo die Mühle der Stadt war, in Mühlenstraße umbenennen und dieser hier den Namen der Straße geben, wo die Mühlen stand. "Kompliziert, kompliziert", dachte sich Edward und strich den Beruf des Stadtplaners von der Endlos-Liste der abgehak- ten Berufe. Eine Liste anzufertigen, in der stehen würde, welche Jobs er für sich akzeptabel halten würde, wäre zwar energiesparender, jedoch nicht so span- nend. Am Parkplatz der Berufsschule angekommen, mußte er wieder feststellen, daß mal wieder ein akuter Parkplatzmangel herrschte. Was also tun? In einer Seiten- straße parken und dafür auf die Zigarette verzichten oder die verbotenen Leh- rerparkplätze besetzen, um sich im Zweifelsfalle mit einem der aufgebrachten Lehrern herumzuärgern. Edward schob den Wagen langsam durch die Volkswagenmas- sen zu den BMW und Mercedessen, deren Besitzer im Beamtenmief immer noch an ihre radikal demokratischen Ideologien der 68er dachten. Zehn vor acht, genug Zeit für die Zigarette. Er ging durch das Hauptgebäude, lief einmal um den ganzen Block, Nichtraucherzone!, um endlich nachdem er das zweite Gebäude durchquert hatte, das Getto zu erreichen. Benno stand wie gewohnt unter einem der Pfeiler, die das letztdurchgegangene Gebäude stützten, und grüßte mit einem kurzen "Tach". Dabei streckte er Edward seine Zigaretten- schachtel entgegen. Lights. Light-Zigaretten sind wie Bier ohne Alkohol, aber in der Not frißt der Teufel bekanntlich Fliegen. Edward steckte sich mit Bennos rotem Feuerzeug die Zigarette an und bedankte sich. Benno war ein bulliger Typ, der immer mit Jeansjacke und ausgeblichener Jeanshose rumlief. Er verhielt sich etwas plump gegenüber dem anderen Geschlecht, trank gerne am Wochenende einen über den Durst und rauchte wie ein Schlot. Aber eben Lights. Als Benno und Edward sich am Anfang der elften zum ersten Mal hier trafen, und er Edward seine erste Zigarette anbot, erzählte er ihm, er wolle Theologie stu- dieren, um Pastor zu werden. Damals hatte Edward sich gewundert, hatte von Lenin, Revolution geredet. Er wußte zwar schon damals, daß er mit alten Voka- beln hantierte, schmückte diese jedoch mit modernen Wörtern aus und nannte es Neokommunismus. Das einzige, an was er heute noch glaubte, war Euro-Disney und Popcorn, obwohl er beides nicht besonders mochte. Benno dagegen wollte immer noch Pastor werden. Jetzt fühlte sich Edward auf einmal belächelt. Belächelt als jemand, der keinen Plan von nichts hat. Und ohne Plan geht es eben nicht so glatt wie mit Plan. Edward lächelte nun über sich selber und nahm den ersten kräftigen Zug. Bei Lights muß man den Rauch mit einem starken Einatmen inhalieren, so daß man wenigstens ein bißchen von diesem angenehmen Schwindelgefühl zu erhaschen ver- mag. Er beobachtete die Glut. Sie glimmte rot auf, wenn man an ihr zog. Vor seinen Augen haltend betrachtete Edward die Hitze, diese unerträgliche Hitze, die das weiße Papier um den Tabak auffraß. Ein roter Faden lief zwischen Asche und weißem Papier. Unter dem laufenden Rot das verrußte Weiß. Rot-schwarz-weiß. Ein nochmaliger Zug. Rot-weiß. Rot- schwarz-weiß. Rot-weiß. Rot-schwarz-weiß. Grauer Rauch glitt aus seinen Mund und unterstrich die Farbe der Schule, der Stadt. Benno hatte sich schon verabschiedet, um seinen Leistungskurs nicht zu verpas- sen. Edward schmiß sich den Zigarettenstummel vor die Füße, zertrat ihn und öffnete ruckartig die Tür zum Gebäude. Links der Hausmeisterladen mit den Pla- stiktörtchen und Plastiksäften, rechts die Klos. Auf dem Klo weiße Kacheln. Links zehn weiße Türen mit grauen Plastikklinken, rechts weiß-gelbliche Wand. Zweite Tür öffnen, schließen. Edward wühlte in seinen Parkertaschen. Fühlt die 1,5 Liter Farbflasche, nimmt sie in die Hand, schraubt auf. Blau, schönes kal- tes Blau. Das Blau fließt in Edwards Hände, auf die Jeans, auf den weißen Boden. Er berührt mit den Händen die weißen Fliesen und verwischt das Weiß. Er verwischt die weiße Keramikschüssel, die weiße Tür, den gefließten weißen Boden und die gefließte weiße Wand. Den weißen Spülkasten und das weiße Toilettenpa- pier. Wieder griff Edward in seinen Parker und holte eine große amerikanische Handwaffe zum Vorschein. Hastig lehnte er sich an die verschmierte Wand. Waffe in der linken Hand. Lauf in den Mund. Augen zu. Blau, rot, blau, rot, weiß.