#Titel Lifestyle / Music / Dream Theater: Metropolis Pt.2
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  Dream Theater: Metropolis Pt. 2 - Scenes
              From A Memory
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Plattenlabel :  Elektra Entertainment           Genre :  Progressive Metal
Spieldauer   :  77:12 min                       Preis :  ca. 30 DM

#C21
Selten wurde eine Fortsetzung offensichtlicher angekündigt. Als die Musiker
der damals weithin unbekannte Progressive Metal-Band "Dream Theater" 1992 ihr
zweites Album namens "Images and Words" veröffentlichten, mit dem sie zu den
bis heute unangefochtenen Stars der Szene wurden, nannten sie das zentrale
Stück dieser CD selbstbewusst "Metropolis Pt. 1", also "Metropolis 1. Teil".
Und so wurden seitdem immer wieder Gerüchte um eine Fortsetzung laut,
insbesondere nachdem die Folgealben "Awake" und "Falling Into Infinity" bei den
Fans auf zwiespältige Reaktionen stießen. Dass die "Dream Theater"-Musiker, die
allesamt über ein klassische Musikausbildung verfügen und auch in diversen
Soloprojekten nach musikalischer Bestätigung streben, Gefahr liefen, ihren
Status als Heroen des Genres zu verlieren, haben sie nach ihrer letzten
Welttournee dann wohl auch selbst erkannt und entsprechende Konsequenzen
gezogen. Als erstes wurde der Keyboarder Derek Sherinian recht
unfreundlich "freigesetzt". Dann wurde mit der Realisierung der
"Metropolis"-Fortsetzung begonnen. Geschickt gelang es der Band dabei, mit
einem Wechselspiel aus bedeutungsschwangeren Ankündigungen und strikter
Geheimhaltung die Erwartungen der Anhängerschaft zu schüren - und so schoss
"Metropolis Pt. 2", das den Untertitel "Scenes From A Memory" trägt, nach
Erscheinen sogar sofort in die oberen Regionen der ansonsten von progressiver
Rockmusik reichlich unbelasteten Verkaufscharts. Doch schon rein äußerlich
kommen Zweifel auf, ob hier nicht nur konzeptionell an die Vergangenheit
angeknüpft wurde, sondern ob die "Traumtheater"-Musiker nicht vielleicht auch
ganz dreist auf bekannte Ideen diverser Musikerkollegen zurückgegriffen haben.
Denn die "Scenes From A Memory" ähneln als zweiaktiges Konzeptalbum von der
Struktur her verblüffend dem Album "Tyranny", auf dem "Dream Theater"-Sänger
James LaBrie sogar einen Gastauftritt hatte (vgl. Rezension in
"AmigaGadget"#40). Und auch das Thema und das (ohne Zweifel sehr gelungene)
Cover wecken Erinnerungen an einen Meilenstein der progressiven Rockmusik.
Die Reise in die Erinnerungen einer Person, welche dann auch prompt den
Käufer der CD von deren Cover aus anblickt, war schon das zentrale Thema
des bislang besten "Marillion"-Albums "Brave" (vgl. Rezension in
"AmigaGadget"#15). Ist also alles, wie es die "Prinzen" fern jeder progressiven
Musik frech verkünden, nur geklaut ?

Mit dem Ticken eines Metronoms beginnt "Scene One" - "Regression". Doch bevor
es richtig losgeht, hört man zunächst die Stimme des "Hypnotiseurs", wie er den
Protagonisten "Nicholas" in den Wachschlaf versetzt. Nur zaghaft setzt dann
die akustische Gitarre von John Petrucci ein, während James LaBrie sich selbst
sanft in Hypnose singt. Aber dieses zurückhaltende Vorspiel auf der Liege des
Hypnotiseurs ist schon bald vorbei, "Scene Two" und die "Overture 1928"
erreicht. Und hier dürfen "Dream Theater" so loslegen, wie man es von den
Vorzeige-Progressiv-Schwermetallern gewohnt ist - getrieben von dem
unbarmherzigen Schlagzeug des wild draufloshämmernden Mike Portnoy und der sich
in endlosen Soli ergehenden E-Gitarre Petruccis bietet das knapp vierminütige
Instrumental einen wohlfeinen Einblick in die Kunst und Kraft der Band, bevor
dann mit dem "Strange Deja Vu" das erste richtige Vokalstück der CD folgt und
musikalisch unmittelbar an die "Overture 1928" anknüpft. Das ganze ist sehr
kraftvoll, sehr rhythmisch und aufgrund eines fast schon monoton hämmernden
Schlagzeugs sogar ein wenig "hypnotisch". Etwa zur Hälfte hin nimmt das
Stück jedoch eine Wende, legt erheblich an Tempo zu, wirkt gehetzter und
unruhiger. Petruccis heulende E-Gitarre wird jetzt immer mehr zum
dominierenden Instrument. Währenddessen werden die Leitmotive der Geschichte
präsentiert - eine Szenerie in der Vergangenheit (1928), ein rätselhaftes Haus
und eine rätselhafte Frau namens Victoria, die in irgendeiner Verbindung zu
Nicholas zu stehen scheint. Dieser wiederum ist getrieben von dem Wunsch,
eben diesen Zusammenhang herzustellen und all die Rätsel der Vergangenheit zu
lösen, um so Klarheit für seine gegenwärtige Existenz gewinnen zu können.
Damit ist aber auch bereit die dritte Szene erreicht, die sich erneut aus zwei
Songs zusammensetzt, welche ohne Pause direkt ineinander übergehen und auch
mit Szene 2 unmittelbar verbunden sind. Nach dem sehr kurzen, wunderbar
sanften "Through My Words" beginnt auch "Fatal Tragedy" ausnehmend sanft, zart
und zurückhaltend. Der neue Keyboarder Jordan Rudess darf dabei perfekte
Fingerfertigkeit beweisen. Doch der allgemeine Wohlklang währt nur eine
Minute - dann gewinnt das Stück an Geschwindigkeit, Dramatik und einmal mehr
das teuflische Duo aus Petruccis E-Gitarre und Portnoys Schlagzeug die
Oberhand. Ab und an darf Rudess einen synthetisch generierten Chor aufheulen
lassen und gelegentlich stimmen Portnoy und Petrucci auch selbst in den
Gesang mit ein. Überhaupt entwickelt sich "Fatal Tragedy" zu einem typischen
"Dream Theater"-Mikrokosmos, in dem sich geschickt gesetzte Dissonanzen mit
schmelzenden Akkorden abwechseln, gewagte Rhythmen mit straighten
Gitarrenriffs kontrastieren und der Progressiv-Rock-Fan selig lächelt.

Ein von monotonen Keyboard-Klängen unterlegter Satz des Hypnotiseurs beendet
dann diese Szene und nach einer kurzen Pause geht es mit "Beyond This Life",
Szene Nummer 4, weiter. Dabei wird nach einem pompösen Auftakt eine fiktive
Zeitungsmeldung deklamiert, die das Rätsel, das Nicholas zu ergründen sucht,
näher schildert. Man erfährt von einem Mord an einer Frau auf "Echo Hill",
einem Mann, der von einem Zeugen neben der Leiche gesehen wurde, und sich
selbst erschoss, als der Zeuge zur Hilfe eilen wollte. Der Beginn des Stückes
wirkt beim ersten Hören reichlich fremdartig, der Quasi-Sprechgesang, der
überdies noch verzerrt zu sein scheint, ist allemal gewöhnungsbedürftig, kann
dann aber aufgrund zahlreicher Tempowechsel und beeindruckender
Hochgeschwindigkeitspassagen durchaus begeistern. Doch "Beyond This Life"
hat weit mehr zu bieten als eine simple Zeitungsmeldung. In einer Spieldauer
von über 11 Minuten zeigen "Dream Theater" wieder einmal, dass sie es wie
kaum eine zweite Band verstehen, viele verschiedene musikalische Ideen in
einem Song zu vereinen und ihn auch tatsächlich als eine Einheit erscheinen
zu lassen. Wieder kompakter - auch musikalisch und hinsichtlich der
Spieldauer - präsentiert sich dann die fünfte Szene, "Through Her Eyes". Dabei
handelt es sich um eine Ballade klassischen Zuschnitts, in der Petrucci mal
wieder den Saiten seiner E-Gitarre klagende Töne entlocken und ansonsten
den schmelzenden Gesang LaBries auf der akustischen Klampfe begleiten darf.
Mit dem etwas weinerlichen, aber durchaus herzergreifenden Abgesang auf die
vor siebzig Jahren (fiktiverweise) verblichene Viktoria endet denn auch
"Act I".

#C10
"I had to suffer one last time
 To grieve for her and say goodbye
 Relieve the anguish of my past
 To find ou who I was at last"
#C21

Der zweite Akt beginnt anschließend mit dem über zwölf Minuten langen
"Home" - und das herrlich schräg. Doch nach dem leicht orientalisch
angehauchten Auftakt geht es dann wieder ins gewohnte (und geschätzte)
"Dream Theater"-Fahrwasser. Petruccis Gitarre röhrt wie ein brünftiger Elch
(oder so, wie sich ein Stadtmensch einen solchen vorstellt), Portnoy feuert
ein Trommelwirbel-Feuerwerk nach dem anderen ab und LaBrie schlüpft in die
Rolle zweier neuer Personen: in die des Julian Baynes und seines Bruders, des
Senators Edward Baynes. Beide lieben offenbar Victoria - und beide leiden
darunter, dass sie ihre Liebe weitgehend geheim halten müssen. Für diejenigen
der Hörer, die sich von dem Telefonsex-Werbespot angesprochen fühlen, der des
Nachts in diversen Privatsendern ausgestrahlt wird und den TV-Konsumenten und
potenziellen 0190-Kunden - logisch völlig missglückt - "Bist Du ein Voyeur
und stehst total auf Lauschen ?" fragt, hält "Home" noch ein ganz besonderes
Extra parat. Um die heimlichen Liebschaften der Victoria besonders glaubhaft
zu machen, hört man im letzten Drittel des Stückes eine Frau gut eine halbe
Minute lang hingebungsvoll (aber im Vergleich zur Begleitmusik doch sehr
dezent) stöhnen. "Home" geht dann nach diesem schlüpfrigen Intermezzo in ein
sechsminütiges Instrumental über, das die erste Hälfte der siebten Szene
bildet. "The Dance Of Eternity" ist ein exzellenter Stil-Mischmasch, in dem
"Dream Theater" unter anderem zeitgenössische Klänge des Jahres 1928, eine
Art Kaffeehausmusik, mit kompromisslosen Metal-Passagen vermischen - und
dennoch keine peinliche Bruchlandung erleben. Tanzbar ist das zwar wohl
nicht (ohne weiteres), es reißt einen aber dennoch mit, ohne platt und
abgedroschen zu klingen. Das Stück mündet dann in "One Last Time", einen
reichlich dramatikgetränkten Vierminüter, in dem sich Nicholas der Wahrheit
nähert und erkennt, dass er mehr mit der Vergangenheit gemein hat, als er
ursprünglich zu träumen wagte. Umrahmt wird das - sehr geschickt - von
kleinen Keyboard-Soli, bei denen Rudess in bester Pianistenmanier die
Tasten rauf- und runterwandern darf.

Dann ist aber auch bereits die vorletzte Szene erreicht. Bei "The Spirit
Carries On" stellen "Dream Theater" wieder einmal ihre Fähigkeit unter
Beweis, herrliche, sentimenttriefende und dennoch nicht peinlich-banale
Balladen zu schreiben. Aber der Klagegesang wurde zu früh angestimmt - das
tragische Ende steht erst noch bevor. In der neunten und letzten Szene lockt
die Freiheit. Und dass diese mitunter das Leben kosten kann, zeigt sich auch
in "Finally Free" einmal mehr. Dabei gehören die ersten Minuten des Stückes
wohl zum Besten, was diese CD zu bieten hat. Nachdem ein scheinbar harmloser
Anfang den Hörer in Sicherheit wiegt, kreiert eine dramatisch inszenierte
Handlung schon bald eine Spannungskurve, die einem Krimi gut zu Gesichte
stünde - und im Hintergrund hört mal sogar eine Glocke drohend schlagen und
das Grollen eines sich näherenden Unwetters kündet von nahendem Unheil. Das
Geschehen kulminiert schließlich in den tödlichen Schüssen der "fatalen
Tragödie" des Jahres 1928, und danach geben "Dream Theater" noch einmal
richtig Gas, bevor ihr Protagonist Nicholas aus der Hypnose erwacht. Doch wer
glaubt, damit sei die Geschichte endgültig vorbei und der Held aus den Klauen
der Vergangenheit befreit, der sieht sich getäuscht - mehr soll an dieser
Stelle allerdings nicht verraten werden.

An den musikalischen Fähigkeiten der "Dream Theater"-Musiker bestehen keine
Zweifel. Während John Myung sich (leider) am Bass etwas zurückhalten muss,
dürfen die anderen drei zeigen, was sie aus ihren Instrumenten herausholen
können. Jordan Rudess gelingt es dabei praktisch mühelos, seinen Vorgänger
Sherinian vergessen zu machen. Doch der Schwachpunkt der Band liegt
möglicherweise woanders, glaubt man den kritischen Stimmen, die den Sänger
der Band als deren, das Bild schmerzt selbst den Verfasser, musikalische
Achillesferse ausgemacht zu haben glauben. Aber LaBries Vokalarbeit ist weitaus
erfreulicher, als man es ihm gemeinhin (und gemeinerweise ?) unterstellt.
Insbesondere bei den Balladen macht er eine exzellente Figur, aber auch in den
schnelleren Stücken weiß er durchaus zu gefallen. Wenig geglückt ist allerdings
der Versuch, ihn sowohl die männlichen als auch den weiblichen Charakter singen
zu lassen. Hat er ohnehin bei den hohen Tönen seine Schwierigkeiten, wirkt
seine Interpretation der Veronica völlig unglaubwürdig und fällt deutlich
gegenüber den anderen Parts ab. "Shadow Gallery" haben auf "Tyranny" das
opernähnliche Konzept weitaus konsequenter verwirklicht und die weibliche Rolle
mit einer Frau besetzt - was dem Werk sehr zu Gute kam. Theresa Thomason, die
auf "Scenes From A Memory" an zwei Stellen für "Additional Vocals" sorgen darf,
hätte hier wohl durchaus eine Chance verdient gehabt. Aber nicht nur dabei
reicht "Metropolis Pt. 2" nicht an die musikalische Konkurrenz heran. Das Motiv
der Gedächtniserforschung wird weitaus banaler umgesetzt als in "Marillion"s
"Brave", die zweiaktige Struktur wirkt wie ein plumper "Tyranny"-Abklatsch
und die Geschichte selbst ist so profan, dass sie gegenüber dem
High-Tech-Krimi "Tyranny" so harmlos wirkt wie Jonathan Rikes' TV-Waterloo
"X-Faktor" neben dem "Bladerunner". Den Gipfel der Peinlichkeit erreicht
das ganze aber mit der Aussage, die "Dream Theater" dem bedauernswerten
Hörer in unnachgiebiger Offenkundigkeit einhämmern wollen. Seelenwanderung,
Reinkarnation und ähnlicher Schnickschnack mögen vielleicht in den Sechzigern
die Leute noch aus den Gamschen, respektive Birkenstocksandalen gekippt
haben. Heutzutage wirkt so etwas, wenn es als sensationelle Erkenntnis
vorgetragen wird, bestenfalls infantil. Mit den wunderbaren Texten, mit
denen "Dream Theater" etwa noch bei dem Mini-Konzeptalbum "A Change Of
Seasons" poetische Qualitäten bewiesen, hat "Metropolis Pt. 2" nichts mehr
zu tun.

#C10
"If I die tomorrow
 I'd be all right
 Because I believe
 That after we're gone
 The spirit carries on."
#C21

Erstaunlicherweise hat der zweite Teil aber überdies mit "Metropolis Pt. 1"
nicht mehr allzu viel gemein. Natürlich tauchen zahlreiche musikalische
Motive immer wieder auf. Und auch im Text finden sich Verzahnungen. So werden
im Booklet die beiden Brüder im Jahre 1928 als "The Miracle" und "The Sleeper"
bezeichnet - ganz wie die beiden "Sprecher" im ersten Teil des
"Metropolis"-Doppelpacks. Und auch die Schlusszeile von "Metropolis Pt. 2"
findet sich in den "Scenes From A Memory" wieder. Allerdings ist "Love Is The
Dance Of Eternity" im Jahre 1999 zum Titel des Songs "The Dance Of Eternity"
mutiert. Mit solchen Kleinigkeiten hat es dann aber auch sein Bewenden,
"Metropolis Pt. 2" steht weitgehend neben "Metropolis Pt. 1", ohne
dieses zu ergänzen, fortzuentwickeln oder (richtig) aufzugreifen. Leider hat
"Metropolis Pt. 2" mit dem ersten Teil aber in anderer Hinsicht dann doch sehr
viel gemein. Denn musikalisch gibt es im Hause "Dream Theater" nichts Neues zu
vermelden. Man ist den bewährten Rezepten treu geblieben, hat sogar die
experimentellen Pfade, die man etwa auf "Falling Into Infinity" und "Awake"
noch gelegentlich beschritten hatte, gänzlich verlassen. "Scenes From A Memory"
klingt wirklich so, als wäre es das Folgealbum zu "Images And Words".
Traditionalisten werden das zwar nicht unbedingt als Nachteil ansehen - und
natürlich macht "Metropolis Pt. 2" sehr viel Spaß. Andererseits darf man
von einer Band, die sich selbst als Avantgarde des Progressive Metal sieht
(und wohl durchaus auch sehen darf), von einer Band, die das Genre mit "Images
And Words" revolutioniert hatte, mehr erwarten als nur eine einfache
Selbstkopie. Doch von einer Entwicklung ist nichts zu hören, auf neue Ideen
wartet man vergeblich. Und so gilt für die "Scenes From A Memory" der aus
dem Filmgewerbe bekannte und allzu oft zutreffende Vorwurf:
der zweite Teil bietet zweifelsohne exzellente Unterhaltung und
ist sein Geld allemal wert - aber letzten Endes ist er doch nur
ein Abklatsch des ersten Teiles und künstlerisch weitgehend
überflüssig. Schade.
#Y-45
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