#Titel Politik / Die eigene Nase #Logo gadget36:Pinsel/AG.Politik #Font Losse 16 #C31 Die eigene Nase #Font topaz 8 #C10 - eine Polemik zum Wahlerfolg der Deutschen Volks-Union in Sachsen-Anhalt #C21 Das hätten sich SPD und CDU nicht träumen lassen - am Abend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stand nicht die Frage der künftigen Regierungsbildung im Mittelpunkt. Vielmehr erregte das Wahlergebnis einer Partei für allgemeines Aufsehen, mit der eigentlich kein Wahlforschungsinstitut in seinen veröffentlichten Prognosen gerechnet hatte. (Für interne Studien mag das ganz anders ausgesehen haben.) Mit 12,9 % der abgegebenen Zweitstimmen erzielte die Deutsche Volks-Union (DVU) einen sensationellen Wahlerfolg. 192.352 Bürger Sachsen-Anhalts hatten der Partei des bayerischen Verlegers Frey ihre Stimme gegeben - das entspricht mehr als dreimal so vielen Wählern, wie sich für die F.D.P. entschieden, fast viermal soviel Stimmen, wie auf die GRÜNEN entfielen, und über 50% des Stimmenanteils der CDU. Dementsprechend groß waren Bestürzung und Verwirrung auf Seiten der etablierten Parteien, der Medien und der Öffentlichkeit. Noch am Wahlabend kam es zu mehr oder weniger spontanen Protestdemonstrationen; Sondersendungen und rätselnde Zeitungskommentare folgten. Nicht wie erwartet von links, von der PDS, die sogar einen Verlust von 0,3% hinnehmen mußte, wurde die Bildung einer stabilen Koalition unmöglich gemacht. Plötzlich sahen sich CDU und SPD alleine in einem Landtag mit der PDS und der DVU. Fast schon symbolisch wirkte da die Nachricht, dass auch der Alterspräsident des Magdeburger Landtages in Zukunft von der DVU gestellt würde. Düstere Szenarien wurden entworfen - wird Frey zum Le Pen Deutschlands ? Der Wahlerfolg der DVU, da sind sich die Demoskopen wohl weitgehend einig gewesen, basierte vor allem auf zwei Ursachen. Zum einen einer massiven Wahlkampagne, mit der der millionenschwere Frey, Verleger der "Volkszeitung", Sachsen-Anhalt überzog und für den er in etwa soviel Geld aufwendete, wie alle anderen Parteien zusammen für ihren Wahlkampf verbrauchten. Und zum anderen auf der Unzufriedenheit vieler Menschen in Sachsen-Anhalt, die sich nach der deutschen Wiedervereinigung mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze und ihrer sozialen Stellung, sowie einer offensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte ihres früheren Heimatsstaates konfrontiert sahen. Dieser Befund mag zunächst beruhigen. Finanzkräftige Wahlwerbung und das Ansprechen unzufriedener Protestwähler ist nichts ungewöhnliches oder gesellschaftlich von vornherein bedenkliches. Zu einem Problem wird das erst, wenn die politische Meinungsbildung nachhaltig von sachfremden Einflüssen manipuliert wird und sich eine dauerhafte demokratiefeindliche Gesinnung innerhalb der Gesellschaft ausbilden kann. Eins steht dabei fest: politisch ist die DVU ein Leichtgewicht. In ihrem Parteiprogramm, dessen inzwischen wohl leicht verbesserte WWW-Veröffentlichung ursprünglich so viele Rechtschreibfehler enthielt, dass es wohl kaum zur Anerkennung im Rahmen eines Aussiedlungsverfahrens gereicht hätte (sehr gelungen insbesondere: "das deitsche Volk"), wechseln sich belanglose Gemeinplätze mit gänzlich naiven Zielvorstellungen und Beweisen fachlicher Inkompetenz ab. So fordert die DVU allen Ernstes die "Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit gefährdeter deutscher Unternehmen, beispielsweise der Werft- und Stahlindustrie [..] auf dem Wege wirkungsvoller staatlicher Unterstützung und Vorsorge". Wer um die Subventionen in Milliardenhöhe weiß, die derzeit bereits in diese, in großen Teilen in Deutschland schlichtweg nicht mehr volkswirtschaftlich sinnvoll realisierbaren Industriezweige gepumpt werden, kann ob solcher absurden Wünsche wohl nur noch den Kopf schütteln. Aber auch personell und strukturell ist die DVU alles andere als eine moderne Partei. Die von ihr in den Magdeburger Landtag entsandten Abgeordneten sind allesamt politisch unerfahren und wurden zum Teil bereits - etwa vom "SPIEGEL" - ob ihrer angeblichen Unfähigkeit, auch nur einen zusammenhängenden Satz zu formulieren, verspottet. Die Partei selbst wird von ihrem Vorsitzenden Frey dominiert, der es im Gegensatz zum gestürzten Republikaner-Vormann Schönhuber geschickt verstanden hat, sie sich durch die Darleihung von Geld langfristig gefügig zu machen. Was dieses Fehlen echter demokratischer Rückkopplung zwischen Parteibasis und -führung zur Folge haben kann, wurde vor einigen Jahren in Schleswig-Holstein deutlich, als die DVU ebenfalls überraschend ins Parlament einziehen konnte, ihre Abgeordneten jedoch im Laufe der Legislaturperiode der Partei abtrünnig wurden. Und auch in Sachsen-Anhalt konnten sich die DVU-Parlamentarier bisher nicht sonderlich geschickt als Mitglieder einer eigenständigen Partei in Szene setzen. Bis auf einen provozierten Auszug von SPD- und PDS-Abgeordneten während einer Rede des DVU-Vertreters bei der eröffnenden Sitzung des neu gewählten Landtages, haben die Newcomer bisher wenig von sich reden machen können. Inhaltlich beschränkten sie sich weitgehend auf die Fortführung der peinlichen "Rote Socken"-Kampagne von Pfarrer Hintze mit anderen (noch ungeschickteren) Mitteln. Dass die DVU mehr sein kann, als nur ein kurzfristiges Sammelbecken für Protestwähler und -wählerinnen, muss sie also erst noch unter Beweis stellen. Und bisher deutet wenig darauf hin, dass ihr das glücken kann. Dennoch gibt die Sachsen-Anhalt-Wahl Anlass zur Sorge. Denn das Wahlverhalten macht einmal mehr deutlich, wie wenig der Staatsbürger sich hierzulande in den Neunzigern von rationalen Beweggründen leiten läßt und wie leicht er platten Stammtischparolen, unreflektierten "BILD"-Schlagzeilen und dem inhaltlich verkürzten Journalismus der Boulevard-Medien auf den Leim geht, ohne sich dabei selbst kritisch betrachten zu können. Oder zu wollen. Dabei muß klar unterschieden werden. Jeder kann wählen, wen oder was er will. Auch die Protestwahl ist ein legitimes Mittel politischer Beteiligung. Und Grund für eine solche gibt es für die Bürger Sachsen-Anhalts in der Tat genug. Die großen Volksparteien mögen sich dort aus der Sicht der Betroffenen zur Genüge selbst disqualifiziert haben - während Kohl die Bürger im ehemaligen Gebiet der DDD systematisch getäuscht hat, ist Sachsen-Anhalt unter der Führung von Höppners Landes-SPD in vielen Punkten zum Schlußlicht der fünf neuen Länder geworden. Die Wahlentscheidung derjenigen, die sich aus einer solchen oder ähnlichen Motivation heraus für die DVU entschieden haben, verdient Beachtung - insbesondere als Anlaß, mit aller Kraft an der Verbesserung der Lebensumstände im deutschen Osten zu arbeiten. Gegen solche (Protest)Wähler ist nicht das geringste einzuwenden, mag man ihre Entscheidung nachvollziehen können oder nicht. Doch die DVU zielte ganz bewußt auch auf eine andere Entscheidungsfindung ab und spielte die, in der Geschichte der deutschen Politik von jeher leider nur allzu bewährte Sündenbock-Karte. Nicht die Krise der Weltwirtschaft, nicht das - von der DVU in ihrem Parteiprogramm selbst unterstützte - Festhalten der deutschen Volkswirtschaft an unrentablen und veralteten Industrien, nicht die - ebenfalls vom der Volksunion programmatisch geforderte - Errichtung von Handelshemmnissen und auch nicht die gewaltigen Lasten, die dieses Land im Zuge der deutschen Einheit schultern mußte und noch muß, sind der Propaganda der Frey-Partei zufolge an der Arbeitslosigkeit schuld. Nein, die Lösung ist viel simpler - es sind die Ausländer, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Trotz der genannten ökonomischen Ursachen für die konjunkturelle und strukturelle Wirtschaftskrise scheint die DVU-These in Sachsen-Anhalt auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Von TV-Reportern nach den Gründen für ihre Wahlentscheidung zu Gunsten der DVU gefragt, antworteten zahlreiche Bürger, es ginge ihrer Ansicht nach nicht an, dass ihnen die Ausländer die Arbeitsplätze wegnehmen. Nun gibt es zahlreiche ernstzunehmende Untersuchungen, die genau das widerlegen. So konkurriert ein Großteil der ausländischen Arbeitnehmer ohnehin nicht mit deutschen Arbeitnehmern um Arbeitsplätze - sei es, weil die Beschäftigung eng mit der Nationalität verbunden ist (z.B. auch in entsprechenden Gastronomiebetrieben), sei es, weil ausländische Arbeitnehmer nach wie vor eher als deutsche solche Jobs annehmen, die, was die Vergütung und das soziale Prestige angeht, sehr schlecht gestellt sind. Und wenn deutsche und ausländische Arbeitnehmer direkt konkurrieren, so entscheidet hier in der Regel die bessere Qualifikation (nur Multikulti-Idealisten mögen annehmen, dass bei zwei gleich guten Bewerbern der Arbeitgeber den auslaendischen Bewerber wegen dessen Nationalitaet vorzieht), so dass im Zweifelsfalle nicht "der Auslaender" als solcher, sondern der Bessere die Stelle bekommt. Zudem ist in Ostdeutschland der Anteil von Ausländern an der Bevölkerung niedriger als im Westen, die Beeinträchtigung des ostdeutschen Arbeitsmarktes durch ausländische Arbeitnehmer mithin im Bundesvergleich unterdurchschnittlich. Die Wähler, die dennoch davon ausgehen, Ausländer würden ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, haben ihre Entscheidung folglich aus objektiv nicht nachvollziehbaren Gründen gefällt. Zugleich haben sie eine Personengruppe auf Grund ihrer nichtdeutschen Herkunft als für diese Lage Verantwortliche benannt, undifferzierend danach, ob es sich um EG-Ausländer, Asylbewerber, Flüchtlinge oder sonstige Ausländer, ob es sich um Hilfsarbeiter, Facharbeiter, Universitätsdozenten, Gastronomen oder hochbezahlte Fussballspieler handelt. Diese pauschale Schuldzuweisung ist aber typisch für die Kanalisierung eigener Versagensängste in Abneigung gegen einen gesellschaftlichen Sündenbock. Doch was dieses Land braucht, sind nicht noch weitere Spannungen und gegenseitige Aversionen. Es braucht vielmehr ein Konzept, wie man sich gemeinsam auf die Herausforderungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts vorbereiten kann. Darüber muss diskutiert werden. Ohne inhaltliche Berechtigung laut schreiend in der gesellschaftlichen Debatte über ausländische Arbeitnehmer herzufallen, lenkt nur von dieser wichtigen gemeinsamen Aufgabe ab. Ein solches Verhalten ist für uns alle schädlich und inakzeptabel. Wer aus dieser Motivation heraus die DVU gewählt hat, hat damit dem deutschen Volk einen Bärendienst geleistet. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass man, wie es der neue Regierungssprecher, "Eigentor Hauser", andeutete, die innerdeutsche Solidarität von wohlgefälligem Wahlverhalten abhängig machen soll. Eine demokratischer Staat darf sich nicht auf jedes noch so tiefe Niveau begeben. Aber auch wenn es politisch unkorrekt sein mag und angesichts des geschichtlichen Zufalls arrogant klingen sollte (mitnichten aber so gemeint ist): jeder Ostdeutsche, der glaubt, Ausländer würden ihm den Arbeitsplatz wegnehmen und seien daher an der derzeitigen wirtschaftlichen Situation schuld, sollte sich über eins im klaren sein: Nicht die ausländischen Mitbürger, sondern die Integration der fünf neuen Länder hat der Bundesrepublik seit 1990 nicht nur Finanzmittel jenseits der Billionen DM-Marke entzogen und damit auch ihre Fähigkeit, steuernd in den Wirtschaftsprozeß in den alten Ländern einzugreifen und somit Arbeitsplätze zu bewahren, die jetzt verloren sind, erheblich verringert, sondern darüber hinaus auf Grund der höheren Erwerbsneigung in den neuen Ländern bei dort gleichzeitig geringerer Nachfrage nach Arbeitskräften den Wert des Produktionsfaktors Arbeit in ganz Deutschland erheblich gemindert. Überspitzt könnte man es so formulieren, dass die Ostdeutschen den Westdeutschen die Arbeitsplätze genommen haben (freilich ohne sie selbst zu bekommen). Also, DVU-Wähler aus Sachsen-Anhalt: fasst Euch an die eigene Nase ! Sonst könnte es passieren, dass das eines Tages ob der wirtschaftlichen Entwicklung desillusionierte und frustrierte Alt-Bundesbürger für Euch tun werden. Und damit wäre auch keinem gedient. #Y-20 #Pinsel gadget36:Pinsel/an rechts